piwik no script img

Merz, Trump und der IrankriegEin Nein ist immer teuer

Ulrike Winkelmann

Kommentar von

Ulrike Winkelmann

Mutig war der Kanzler im Weißen Haus nicht. Aber Verweigerung in der Verteidigungspolitik kann an ungeahnten Stellen hohe Kosten verursachen.

Eine Bromance, deren Preis wir nicht kennen: Friedrich Merz am 3. März zu Besuch in Washington Foto: Mark Schiefelbein/ap

F riedrich Merz’ Kopfschütteln setzte ein, noch bevor er zu reden begann. Als Jessy Wellmer den Bundeskanzler am Dienstagabend in den Tagesthemen fragte: „Waren Sie zu wenig solidarisch?“, sagte Merz: „Nein“. Denn er habe dem US-Präsidenten im Anschluss an die Pressekonferenz im Weißen Haus erklärt, dass Großbritannien in der Ukraine sehr wichtig und Spanien übrigens EU-Mitglied sei. Donald Trump könne Spanien nicht einzeln dafür mit Zöllen bestrafen, dass es den Nato-Aufrüstungsvereinbarungen nicht nachkomme. „Und das habe ich beim Mittagessen ihm sehr deutlich auch gesagt“, sagte Merz.

Doch diesen Eindruck, dieses Bild bekommt er nicht mehr aus der Welt: Trump zieht in der ihm eigenen bösartigen Unverschämtheit über Pedro Sánchez und Keir Starmer her – und das Einzige, was Merz von seinem Goldsesselchen nebendran zu sagen hat, ist, dass Trump mit Spaniens Verteidigungsausgaben schon recht habe. Obendrein lässt Merz sich von Trump am Knie tätscheln und dafür loben, dass die Amerikaner ihre Stützpunkte in Deutschland nutzen können, wenn die Spanier dies bei sich nicht wünschen.

Das klang vor 23 Jahren anders, als Kanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer ihre rot-grüne Ablehnung eines sich ankündigenden Irakkriegs vor aller Welt vortrugen. Berühmt wurde der Ausbruch Fischers auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2003. „Excuse me, I am not convinced“, rief er dem US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ins Gesicht: Er sei nicht überzeugt von den Behauptungen zur Notwendigkeit eines Irakkriegs, und er sei auch nicht überzeugt von der Notwendigkeit „präventiver“ Angriffe.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

„Für Abenteuer“ stehe Deutschland „nicht zur Verfügung“, hatte Schröder schon Monate zuvor im Bundestagswahlkampf der US-Regierung unter George W. Bush ausgerichtet: erkennbar ein Vorbild jetzt für Sánchez. Doch so wie Spanien sich nun darauf einrichten darf, dass Trump sich schon noch eine Form der Strafe ausdenken wird, blieb auch das rot-grüne Nein vor 23 Jahren nicht ungesühnt. Die Frostphase in den transatlantischen Beziehungen war dabei noch verkraftbar – zumal die USA ihre Stützpunkte in Deutschland voll nutzen konnten und BND-Agenten in Bagdad halfen, Bombenziele auszumachen.

Ein Spiel mit dem Unbekannten

Die Rechnung aber kam mit Afghanistan: „Weil wir im Irak nicht mitgemacht haben, müssen wir in Afghanistan mitziehen“, lautete die Antwort, wen auch immer man nach 2003 zu Sinn und Zweck des deutschen Engagements in Afghanistan befragt hat. Der Druck, „in Afghanistan mehr zu machen“, wurde als enorm empfunden. Es war ein Einsatz, der für die Deutschen 2021 besonders schmählich zu Ende ging, denn nach 20 Jahren Krieg begriffen sie als Letzte, dass die Taliban gewonnen hatten.

Außen- und Verteidigungspolitik ist ein Spiel mit besonders vielen Unbekannten auf mehreren Bühnen. Möglicherweise hat Schröder die Wahl 2002 vor allem wegen seines Neins zum Irakkrieg gewonnen. Es mag weniger völkerrechtlich als innenpolitisch motiviert gewesen sein – der katastrophale Verlauf des Irakkriegs gab Schröder recht. Der Afghanistankrieg allerdings hat alle folgenden Regierungen viel gekostet (wenn auch keine Wahl).

Schröders Vorgänger Helmut Kohl erkaufte sich das deutsche Draußenbleiben – damals noch historisch begründet – stets mit viel Geld. Den Übergang zum Ein-bisschen-Mitmachen managte von 1992 bis 1998 unter anderem Kohls Außenminister von der FDP, Klaus Kinkel. Er berichtete 2017, wenige Monate vor seinem Tod, wie die Bundesrepublik 1993 in den ersten bewaffneten UNO-Einsatz in Somalia gedrängt wurde: Man habe es vom frisch vereinten Deutschland erwartet, es habe der Bündnisverpflichtung entsprochen. Darauf befragt, wie diese Forderung denn genau gelautet habe, sagte Kinkel verblüffenderweise: Es sei eben klar gewesen, „ohne dass das so absolut expressis verbis gesagt wurde“. Die wichtigsten Dinge in der Diplomatie scheinen aus Ungesagtem zu bestehen – wenn denn die Gemeinten tun, was sie sollen.

Doch das war die alte Weltordnung. Trump hat keine Probleme, Forderungen vor laufender Kamera zu stellen. Merz ist offenkundig so froh, dass Trump von Deutschland bloß die Nutzung von Ramstein erwartet, dass ihm keine Einwände gegen den Irankrieg einfallen wollen. Auch für diesen Verrat am Völkerrecht aber wird die Geschichte eine Rechnung aufstellen. Wir kennen sie nur noch nicht.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Ulrike Winkelmann
Chefredakteurin
Chefredakteurin der taz seit Sommer 2020 - zusammen mit Barbara Junge und inzwischen auch Katrin Gottschalk. Vorher: Von 2014 bis 2020 beim Deutschlandfunk in Köln als Politikredakteurin in der Abteilung "Hintergrund". Davor von 1999 bis 2014 in der taz als Chefin vom Dienst, Sozialredakteurin, Parlamentskorrespondentin, Inlandsressortleiterin. Zwischendurch (2010/2011) auch ein Jahr Politikchefin bei der Wochenzeitung „der Freitag“.
Mehr zum Thema

7 Kommentare

 / 
  • Mir wird zu viel in den Kanzlerbesuch hineininterpretiert. Wenn laut Kinkel vieles in der Diplomatie ungesagt bleibt, so gilt dies auch beim Kanzler. Was ist so unterschiedlich zwischen Irakkrieg damals und dem Irankrieg heute? Damals durfte Ramstein genutzt werden. Wo sich Trump aus Europa zurückziehen möchte, ist das heute viel akuter. Später lieferten Tornados Aufklärungsbilder. Heute kann sich Merz zurücklehnen niemand fordert von der Bundeswehr Einheiten.



    Zudem war Teilnahme in Afghanistan richtig. Aus Solidarität und für den internationalen Frieden mussten sich die Deutschen hier beteiligen. Doch es gibt nicht „den Afghanistaneinsatz“. Vielmehr änderte sich der Einsatzzweck mehrfach. Daher zogen sich die Niederländer 2010 und die Kanadier ein Jahr später zurück. Dieser Schritt kam spät, wären die Deutschen schon 2005 gegangen, wäre es nie zu der Kundus-Affäre mit dem Tanklaster gekommen.



    Von einem Merz wird jetzt das gefordert, wo Politiker früher versagten. Wie war das mit dem Atomdeal des Iran mit der EU? Was geheime Zentrifugen lieferten, würde für 11 Gefechtsköpfe reichen. Wenn sich eine Seite nicht an Verträge hält, kann man nicht weitermachen, als sei nichts geschehen

  • Der Krieg gegen den Iran verstößt gegen das Völkerrecht. Aber ohne glaubwürdige amerikanische Unterstützung könnte Putin eher geneigt sein, unsere Verteidigung in der EU praktisch zu testen. Daher ist es bis ca. 2040 schon im Eigeninteresse, den Amerikanern nicht negativ aufzufallen. Erst recht nicht für das Regime im Iran. Die Rechnung der Geschichte wird auch nicht hoch ausfallen - die Mullahs sind nicht so beliebt und anders als in Gaza wird nicht großflächig alles platt gemacht.

  • Freundlich zu jeder Unverschämtheit über unsere Miteuropäer schweigen und ohne Rückgrat im Goldsesselchen lächeln und sich ans Knie tätscheln lassen. Ich finde, das Merz die deutsche Mehrheitsgesellschaft sehr gut und ehrlich repräsentiert.

  • Das sollte man schon noch trennen, Verteidigungspolitik (gegen Rußland?) ist das eine, irrwitzige, planlose militärische Abenteuer, von denen offenbar weder Israel noch die USA wirklich wissen, was ihr Ergebnis sein soll das andere.

  • "„Excuse me, I am not convinced“, rief er dem US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ins Gesicht"



    Das konnte er damals tun, weil niemand der Beteiligten auch nur im Traum daran dachte, die NATO als solche zu beenden.



    Das ist heute anders.



    Sehr wichtiger Unterschied.

    "Auch für diesen Verrat am Völkerrecht aber wird die Geschichte eine Rechnung aufstellen. Wir kennen sie nur noch nicht."



    Wer ein Programm für die Zukunft verfasst, ist ein Reaktionär. Karl Marx

  • Herr Merz sollte sich einen Zettel an den Spiegel kleben. Drauf steht: "Ich bin der Vertreter der zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt!



    Vielleicht würde er dann Trump im aufrechten Gang begegnen.

    • @Il_Leopardo:

      „Ich bin der Vertreter der zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt!" - Damit würde er beweisen, dass er von gestern ist. Was ja nicht überraschen täte.



      de.wikipedia.org/w...uttoinlandsprodukt