Gen Z und Männlichkeit: Viele Männer sind Schweine. Ich auch?
Unser Autor fragt sich, inwiefern er sich von den Epsteins dieser Welt unterscheidet. Anlass ist eine Umfrage mit erschreckendem Ergebnis.
D ass viele Männer nicht nur Arschlöcher, sondern auch ziemlich gefährlich sind, ist keine Neuigkeit. Dass das auf besonders viele Gen-Z-Männer zutrifft, schon.
In einer Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos, die in 29 Ländern durchgeführt wurde, sagte fast jeder dritte Mann aus dieser Alterskohorte, er sei der Ansicht, dass eine Ehefrau ihrem Mann immer gehorchen sollte.
Fast genauso viele halten es für ein Problem, wenn ihre Frau mehr verdient als sie selbst. Und 57 Prozent glauben, dass die Gleichstellung von Frauen so weit gefördert wurde, dass Männer diskriminiert würden. Im Vergleich zu Boomern haben die zwischen 1997 und 2012 geborenen Männer deutlich rückschrittlichere Rollenvorstellungen.
Auch ich bin ein Gen-Z-Mann. Einer, dessen Freundin die Spülmaschine ausräumt, während ich diese Zeilen tippe. Bei dem Gedanken, dass jeder dritte in meinem Alter sich wünscht, seine Ehefrauen würde ihm gehorchen, wird mir schlecht. Und trotzdem frage ich mich: Wie progressiv ist meine eigene Beziehung? Wie gerecht sind Aufgaben verteilt? Und was für ein Machtverhältnis erzeugt das?
Ich will das so nicht
Meine Freundin übernimmt mehr Aufgaben im Haushalt, obwohl wir beide studieren und arbeiten. Sie saugt auch unterm Sofa, denkt daran, die Gelbe Tonne vor die Haustür zu stellen, kauft kleine Papiertüten für den Biomüll.
Dinge, die ich vergesse, die ich nicht sehe, die mir egal sind? Sie trägt die mentale Last – den mental load – für ziemlich vieles. Ich will keine Beziehung, in der patriarchale Rollen reproduziert werden, und trotzdem muss ich zugeben: Dadurch, dass ich manchmal zum Sport gehe, statt das Klo zu putzen, trage ich nicht dazu bei, das Patriarchat im Privaten zu stürzen.
Frauen leisten im Schnitt 8 Stunden und 52 Minuten mehr Care-Arbeit pro Woche als Männer. Jede Minute, die Männer nicht damit verbringen, den Boden zu schrubben oder das Kind zu wickeln, können sie nutzen, um sich einen Karrierevorteil zu verschaffen und ihre gesellschaftliche Machtposition zu schützen.
Es braucht nicht einmal die explizit frauenfeindliche Einstellungen, die viele Gen-Z-Männer teilen, um Frauen in Beziehungen kleinzuhalten. Es reicht schon, von einer Vater-Mutter-Kind-Familie zu träumen, hetero und monogam, wie es viele junge Männer in meinem Umfeld tun. Nicht wenige denken schon mit Anfang 20 darüber nach, Kinder zu bekommen und sesshaft zu werden. Daran, die eigene Karriere deshalb hintenanzustellen, denkt kaum einer.
Dass ausgerechnet Gen-Z-Männer vom Revival der Neandertaler-Männlichkeit träumen, hängt auch mit den krisenhaften Zeiten, in denen wir leben, zusammen. Krieg, Klimakrise, Wohnungsnot: Vieles sicher Geglaubte gerät ins Wanken – und gerade die Gen-Z hat wenig Hoffnung auf eine friedliche Zukunft.
In Zeiten großer Unsicherheit, suchen Menschen Halt und Kontrolle in Altbewährtem. Für junge Männer sind das vor allem Hetero-Beziehungen, in denen sie Macht ausüben und von der ungleichen Verteilung von Care-Arbeit profitieren können.
Für Gen-Z-Frauen gibt es den sicheren Hafen, den die Hetero-Beziehung für Männer darstellt, nicht. Auch sie leiden unter den multiplen Krisen unserer Zeit, häufig in einem ungleich stärkeren Maße. Doch durch veraltete Rollenerwartungen werden junge Frauen in die häusliche Sphäre zurückgedrängt, schuften stundenlang unbezahlt und werden im schlimmsten Fall Opfer von häuslicher Gewalt oder Femiziden.
Der Zeitgeist macht es jungen Männern besonders leicht, rückschrittige Familienmodelle wiederzubeleben. In den sozialen Medien ästhetisieren junge Paare patriarchale Rollenmuster, Regierungen stampfen Diversitätsprogramme ein5, die Epstein Files und der Pelicot-Prozess bringen die Abscheulichkeit patriarchaler Gewalt ans Tageslicht.
Auch in meinem Umfeld macht sich eine Art Anti-Woke-Mind-Virus breit. Da ist der kleine Bruder eines Freundes, der zu lange auf Tiktok scrollt und plötzlich redet wie ein Mini-Andrew-Tate. Der Kumpel, der frauenfeindliche Songtexte mit runtergekurbeltem Autofenster mitrappt. Der Bekannte, der mir verklickern will, übermäßiger Tofu-Konsum würde die Testosteronproduktion senken: „Schlecht für die Gains Bro.“
Oder der, der im Scherz sagt, er würde seiner Freundin dieses oder jenes „nicht erlauben“. Auch junge Männer, gebildet, urban, mit linkem Selbstverständnis, sind anschlussfähig für krude Männlichkeitsbilder. Keiner meiner Freunde würde ernsthaft behaupten, er wolle, dass Ehefrauen ihren Männern gehorchen. Und doch haben viele zu wenig dagegen, dass Familienmodelle aus den 50er Jahren Aufwind haben. In einem Essay schrieb die Journalistin Viktoria Morasch kürzlich treffend über Männer: „Ich weiß, dass es die sogenannten Guten gibt. Ich kenne sie. Aber ich höre sie nicht.“
Ich weiß, dass auch ich damit gemeint bin. Zu selten schreite ich ein, wenn Männer im Fitnessstudio geschmacklose Kommentare über Frauen machen. Zu wenig vehement widerspreche ich dem Freund, der während einer Zugfahrt schwafelt, er wolle ein „richtiger Mann“ sein (was auch immer das bedeuten mag).
Letztendlich steckt der patriarchale Wunsch, Frauen zu kontrollieren, nicht nur in den Köpfen der Männer, die diesen explizit äußern. Er wird von allen anderen mitgetragen, toleriert und reproduziert. Dieser Wunsch brachte 80 Männer dazu, Gisèle Pelicot zu vergewaltigen, nach dem ihr Ex-Mann sie mit Medikamenten betäubt hatte. Männer sind die größte Gefahr für das Leben von Frauen. Das zu ändern, liegt in der Verantwortung jedes einzelnen Manns.
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