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Weimer und der autoritäre KulturkampfStörende Zwischentöne

Robert Misik

Kommentar von

Robert Misik

Die Erregungsroutinen aktueller Debatten sind mit einem tief autoritären Charakter imprägniert. Am Ende der Straße wartet auf uns die Welt der Trumps.

Wird schon nicht so schlimm werden: Wolfram Weimer grübelt über Verbote und Kulturkampf Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

V or zwei Jahren wurde in Wien – wie in vielen anderen Städten – eines dieser propalästinensischen Gaza-Protestcamps von der Polizei gewaltsam geräumt, mit der Begründung, dass die Protestler gegen Gesetze verstoßen hätten. Ich habe diese Auflösung kritisiert, da die Versammlungsfreiheit auch für nicht ordnungsgemäß angemeldete Kundgebungen gilt, sogar für solche, die tagelang dauern, und weil man den Vorwurf des Gesetzesverstoßes – etwa „Gutheißung terroristischer Straftaten“ – wasserdicht belegen müsse, um in ein zentrales Freiheitsrecht einzugreifen. Freiheitsrechte gelten bekanntlich nicht nur für Leute, deren Anliegen jedem von uns gefallen.

Ich wurde danach natürlich als Antisemit und Hamas-Fan beschimpft. Rechte, Linke, Liberale und Netanjahu-Trolls bejubelten die Räumung. Einige Monate später sprach das Wiener Verwaltungsgericht „im Namen der Republik“ und erklärte die Auflösung der Versammlung für rechtswidrig.

Der Grundrechtsverstoß wurde von den Herren und Damen in Roben ziemlich genau mit den gleichen Argumenten verurteilt, die ich und andere auch schon vorgebracht hatten. Da ich auch nicht alle Verrücktheiten der Protestierer toll finde, wurde ich übrigens nicht nur als Antisemit, sondern auch als Komplize eines Genozids angeprangert, was mich natürlich nicht wirklich stört, denn ich kann mit der Feindschaft von Idioten aller Seiten gut leben.

Grundrechte nur für mich

Der heute so populäre Typus des politischen Influencers ist ein Brandbeschleuniger

Es hat sich eingebürgert: Grundrechte wie Versammlungs-, Meinungs- oder die Kunstfreiheit sollen nur für die gelten, auf deren Seite man steht – und für andere im Zweifel verboten werden. Heute sieht längst jeder und jede, welches Tor zur Hölle wir damit aufgestoßen haben.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer will die Berlinale-Chefin für Aussagen von Künstlern haftbar machen, die ihm nicht passen, und Buchhandelspreise von einem Gütesiegel des Verfassungsschutzes abhängig machen. Weimers repressive Politik ist aber nur die extremste Eskalation des neuen antiliberalen Autoritarismus.

Die AfD greift flächendeckend Theater und andere Kunstinstitutionen an, indem sie von einem „Neutralitätsgebot“ öffentlicher Institutionen schwadroniert, das natürlich weder für Wissenschaftler gelten kann (die haben ein Recht auf krasse Thesen, weshalb Professoren sogar vom „Mäßigungsgebot“ ausgenommen sind, das für alle anderen Beamten gilt), noch für Künstler oder Intendanten.

Inszeniere einmal Brechts „Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“ so neutral, dass sich Björn Höcke nicht wiedererkennt – viel Spaß bei dem Versuch. Gern wird dann gebrüllt: „Das ist keine Kunst.“ Ein Spruch, den man lustigerweise wortgleich von autoritären Linken hören kann, wenn mal Texte gesprochen werden, die wiederum die andere Seite verwirren und irritieren. Motto: Es gibt kein Recht auf eine Meinung, die ich nicht teile.

Da das Autoritäre mal von rechts, mal von links und mal aus der liberalen Mitte kommen kann, gewissermaßen im Modus eines liberalen Autoritarismus („alles untersagen, was ein bisschen krasser ist als die liberale Mitte“), drängt sich die Frage auf: Ist hier gar das Autoritäre primär, die weltanschauliche Position sogar eher sekundär?

Wenn wir den Komplex dieses Zeitphänomens ganz durchschreiten wollen, ist zu berücksichtigen, dass nicht nur mit der harten Faust repressiver Gesetze operiert wird, sondern auch mit den nur vordergründig milderen Formen von Diffamierung, Einschüchterung, De-Platforming und Wutbürgergeschrei.

Die Angst reicht völlig aus

Also: Wer schreit? Und wer schweigt? Meine Lebenserfahrung lehrt mich, dass es keinen Shitstorm braucht, um Menschen zum Schweigen zu bringen – es reicht schon die Angst vor der Diffamierung, vor der Meute des vorsätzlichen Missverstehens.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Als Kurator und Journalist weiß ich, wie oft Kollegen mittlerweile vermeiden, diesen oder jenen Kommentar zu schreiben, weil sie sich die erwartbare Welle der böswilligen Angriffe ersparen wollen; dass bei Veranstaltern und bei Theaterleuten die Angst regiert und dass Expertinnen und Experten die Einladung zu öffentlichen Diskursen nicht nur aus Terminproblemen ablehnen. „Ich könnte ja einen missverständlichen Satz sagen, und dann habe ich bei der nächsten universitären Berufungskommission ein Problem“ – alles schon gehört. Im Einzelfall ist so etwas egal – als Massenphänomen ist die Epidemie der Vermeidungsstrategie aber überhaupt nicht mehr egal.

Vermeidungsstraße ins Verderben

Dieser neue Autoritarismus geht einher mit dem Hang zur scheinbaren Vereindeutigung der Welt und der Unfähigkeit, den Gedanken an sich heranzulassen, dass die meisten Geschehnisse mehrere Aspekte haben, uneindeutig sind, und sich außerdem andauernd verändern, sodass wir zugleich zu viel und zu wenig wissen für ein simples Urteil.

Der heute so populäre Typus des politischen Influencers ist ein Brandbeschleuniger, da er von einer eingeschworenen Anhängerschaft lebt, die man mit Zwischentönen oder gar Uneindeutigkeit natürlich niemals verwirren darf. Die Vereindeutigung der Welt lebt vom Schwarz-Weiß, vom Freund-Feind-Schema, von der vorsätzlichen Versimpelung aller Kompliziertheiten, von der Erregung und Empörung.

Die Vereindeutigung der Welt ist laut und auftrumpfend, die Vervieldeutigung ist ruhig, nachdenklich und zweifelnd. Das ist grundsätzlich schon der Nachteil der Nachdenklichkeit. In einer Welt der Erregungsbewirtschaftung wird der Irrwitz aber triumphieren, weil die Vernunft in Schweigen verfällt, wegen der deprimierten Ahnung, dass sie sowieso untergehen würde: Weil das Florett gegen den Holzhammer unterliegt und die Schlauheit glaubt, gegen den schnellen, dummen Take chancenlos zu sein.

Aber diese Strategien der Vermeidung führen uns geradewegs ins Verderben, wie nun nicht mehr zu übersehen ist, und am Ende wachen wir in einer Welt der Trumps auf oder in einer von autoritären antiliberalen Kunstfeinden wie Wolfram Weimer, die sogar das Minimum bürgerlicher Freiheitsrechte abfackeln. Es ist Zeit für Klarheit: bis hierhin und nicht weiter.

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Robert Misik
Geboren 1966, lebt und arbeitet in Wien. Journalist, Sachbuchautor, Ausstellungskurator, Theatermacher, Universaldilettant. taz-Kolumnist am Wochenende ("Der rote Faden"), als loser Autor der taz schon irgendwie ein Urgestein. Schreibt seit 1992 immer wieder für das Blatt. Buchveröffentlichungen wie "Genial dagegen", "Marx für Eilige" usw. Jüngste Veröffentlichungen: "Liebe in Zeiten des Kapitalismus" (2018) und zuletzt "Herrschaft der Niedertracht" (2019). Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik 2009, Preis der John Maynard Keynes Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik 2019.
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16 Kommentare

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  • Bundespräsidenten-Format. Wir brauchen wieder mehr differenzierendes Grau, so viel energiefressender ist das eigentlich gar nicht.

  • Der beste Kommentar in der taz seit langem, vielen Dank hierfür!

  • Herr Misik, mit Ihrer Argumentation können Sie allen politischen Coleur zur Seite stehen. Neben den von Ihnen protegierten sogenannten "Propalästinensern" genießen selbstverständlich auch Neonazis und Steinzeitislamisten das Recht der Versammlungsfreiheit. Aber was bedeutet dies nun, wenn man Ihrer Argumentation folgt? Heißt das, dass Sie stets auf der guten Seite stehen, wenn Sie als Anwalt von Demokratiefeinden und Verfassungsfeinden auftreten? Warum stört es Sie, wenn Demokraten aufstehen und ihren Unmut über die Ausübung von Grundrechten durch Leute, die die Demokratie abschaffen wollen, äußern? Dass die Behörden bemüht sind Hass und Hetze zu unterbinden ist ebenso richtig und geboten. Dass Gerichte mitunter eine Behördenentscheidung kassieren ist weder Novum noch besorgniserregend, sondern gesunder Bestandteil rechtsstaatlicher Vitalität.

  • Ausgezeichnet!



    Bitte schickt ein Gratisexemplar dieses Kommentars an Weimer und Dobrindt - und er könnte auch unserer Berliner Kultur- und Innenverwaltung durchaus helfen, ihren Job mit unserer Verfassung in Einklang zu bringen.

  • Danke, Herr Misik. Sie haben mir aus der Seele gesprochen. Und vor allem ist Ihrem Kommentar nichts mehr hinzuzufügen.

  • Geschichte verläuft in Zyklen und jede Epoche erreicht irgendwann ihren Zenit. Der kulturelle Wertewandel verlief im Schneckentempo. Einhergehend mit den positiven sozioökonomischen Faktoren nach 1945 war die Entwicklung des Individuums zum Hyperindividuum absehbar und wurde von Psychologie und Sozialwissenschaften bereits seit den 50er Jahren prognostiziert.

    Wenn einzig das Ich im Mittelpunkt steht und Selbstoptimierung zum Lebenszweck erkoren wird, dann wird auch Freiheit als persönlicher Besitz verstanden. Sie wird verdinglicht und das führt dann in letzter Konsequenz dazu, das sie sich im Namen der Freiheit gegen die Freiheit richtet. Die soziale Freiheit wohlgemerkt.

    Der daraus hervorgehende liberale Autoritarismus ist dann die Aufkündigung des Realitätsprinzips.

    Vereindeutigung ersetzt die Multiperspektivität und schwarz-weiß Denken und Freund-Feind Schema dominieren die Handlungsweise.

    Nur die vom Autor geforderte Klarheit wird es wohl nicht mehr geben. Mini-Trumps findet man mittlerweile an jeder Ecke, halt jeder nach seinen Möglichkeiten, das erschwert ein Gegensteuern.

    Wie in anderen Epochen zuvor, wird daher der Mensch wohl erst aus der Erfahrung lernen.

  • Guter Kommentar! Der bestenfalls auch einige taz-AutorInnen inspirieren sollte.

    • @jan ü.:

      Da sarense was - wa! 🙀😂🥳



      &Däh



      “Aufrecht stehen, nicht auf Knien, das muss der zeitgenössische Journalismus erst üben“

      Robert Misik

      misik.at/

  • Gut gesagt, Herr Misik! Ich stimme zu.Allerdings wäre es gut,wenn wir wieder mehr Ambivalenzen aushalten täten, die Autoritären aller Seiten zum Schweigen zu bringen setzt aber vorraus, dass die Demokratie auch endlich in die Ökonomie reingebracht wird: denn Krieg und Ökonomie scheinen sich gerade auf grosser Ebene ineinander zu vezahnen. Wenn früher Feministinnen die Automatismen von Krieg und Patriarchat vor Ort deklinierten. Arme Junge Männer in verarmten Ländern finden urmehr Existenzen in Millizen, Frauen in den Dörfern wurden von Vergewaltigern heimgesucht, so lautet die Frage Heutzutage: Wenn 60 % der Investitionen zerstörerische sind, drohen dann Automatismen der Selbstzerstörung? Kapitalismus schafft Demokratie ab und immer mehr Volkswirtschaften sind nur deshalb nicht pleite, weil sie Kriegskunst und Kriegsprodukte an andere Krieg führende Staaten verkaufen inkl. fossilen Herrschenden, die ihr Geschäftsmodelll verteidigen.Wo ist da die Demokratie, das Recht der Mehrheit des Planeten zu leben UN Frauenrechtsdeklarationen werden von USA abgelehnt und Mullahs & ihre Gegner ähneln sich in ihrer autoritären patriarchalen Theokratie auf Basis fossiler Herrschaft! Stop it!

  • Es tut gut, zu sehen, dass es noch solche Schreiber gibt, die sich solche Gedanken machen und noch etwas Reflexionsfähigkeit übrig haben in dem ganzen Wettbewerb um moralische Überlegenheit

  • Viele Dank für diesen Beitrag. 👍

  • Wenn ich nun gegenwärtig die Politik hin zur Mitte bewegt, dann wohl, weil die Parteien und deren Spitzenkandidaten gewählt werden wollen. Dies konnte man gerade im Ländle beobachten. Wer zuviel Ökologie will, wird bestraft. Verbrenner dürfen länger laufen, in Heizanlagen dürfen wieder Öl und Gas verheizt werden. Die Migranten werden nun auch von der SPD "verheizt".

    Ich dachte aber, dass "in der Kunst alles erlaubt sei". Kunst steht hier für mich zumindest für alles Intellektuelle.



    Nun lese ich, "dass bei Veranstaltern und bei Theaterleuten die Angst regiert und dass Expertinnen und Experten die Einladung zu öffentlichen Diskursen nicht nur aus Terminproblemen ablehnen".

    Ich muss mich also nicht darüber wundern, dass in allen Talkshows immer dasselbe Dutzend Hanseln erscheinen, von denen man schon im Vorhinein weis, was sie gleich sagen werden (gähn).



    Wo sind die Intellektuellen, die beispielsweise den USA-Irak Krieg gegen den Iran nicht bejubeln, sondern eine kritische Meinung haben. Selbst das Völkerrecht wird mal eben beiseite geschoben. Es soll für diesen Krieg "beurlaubt" werden.



    Wissen diese Herrschaften nicht, "dass es keine guten Kriege gibt?

  • Danke …anschließe mich



    Zur Meinungs&Versammlungsfreiheit



    Als Unterpfand der Demokratie



    BVerfG Karlsruhe in seinem Brokdorfbeschluß.



    “………Zudem könne auch sonst das Verbot oder die Auflösung einer Versammlung nicht allein auf die Verletzung der Anmeldepflicht gestützt werden. Für beides spreche der Wortlaut des Art. 8 Abs. 1 GG, der die Versammlungsfreiheit „ohne Anmeldung oder Erlaubnis“ gewähre. Keine Ausnahme von der Anmeldepflicht sei bei von zahlreichen Trägerorganisationen veranstalteten Großdemonstrationen geboten. Allerdings sei es den Anmeldern hier nicht immer zuzumuten, eine Gesamtverantwortlichkeit für die Demonstration zu übernehmen.“ usw usf



    de.wikipedia.org/w...Brokdorf-Beschluss



    “.…Es sei Pflicht der Behörden, ihrerseits versammlungsfreundlich zu verfahren und zum Zustandekommen einer Kooperation beizutragen. Für Großdemonstrationen seien bei der Anwendung des Versammlungsrechts die Erfahrungen mit der friedlichen Durchführung solcher Versammlungen zu nutzen.…ff



    Als Karl Korn Herausgaber FAZ wutschnaubend den Beschluß kritisierte!



    Gab ihm Roman Herzog(!) als Senatsvorsitzender & Präsi - derb Bescheid!



    zB W. Korrhun Hautnah. Indiskrete Gespräche.

  • Danke.



    Aus meiner Seele.

  • Man sollte es langsam mal aussprechen und nicht immer drum herum reden, Rechtsradikale machen eben rechtsradikale Sachen.

  • Wenn Rechtskonservative an die Macht kommen beginnt immer zu aller erst der Kulturkampf. Das gilt im übrigen auch für russlandgläubige Linke. Das anderweitige Denken muss überlagert, überdeckt, ja - abgeschafft werden. So geht Demokratie eben nicht. Demokratie sucht den Ausgleich bei gegenseitigem Respekt füreinander. Leider wird das noch immer als Spinnerei gesehen. Aber eben so geht Demokratie.