Experte über Atom-Gefahr im Iran-Krieg: „Es besteht ein erhebliches Risiko“
Im Iran-Krieg sind bereits Atomanlagen beschädigt worden. Der Analyst Mycle Schneider sagt: Das Risiko für einen GAU im Nahen Osten ist da.
taz: Herr Schneider, am 4. März meldete die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) Schäden an der iranischen Atomanlage Isfahan durch Kriegshandlungen. In den betroffenen Gebäuden würde kein nukleares Material lagern, deswegen bestehe in dem Fall kein Strahlungsrisiko. Gibt es durch den Krieg von USA und Israel gegen Iran atomare Gefahren?
Mycle Schneider: Im Iran geht es vor allen Dingen um Urananreicherung. IAEA-Generalsekretär Rafael Grossi sagte der Presse, dass wohl etwa die Hälfte des bis zu 60 Prozent angereicherten Urans immer noch in den Tunneln von Isfahan lagert. Es gibt zahlreiche ober- und unterirdische Atomanlagen in Isfahan. Die radiologische Gefährdung, die von diesen Anlagen ausgeht, bleibt soweit bekannt lokal beschränkt. Das ist nicht zu vergleichen mit einer Kernschmelze, Wasserstoffexplosion oder sonstigen schweren Unfällen in einem großen Atomkraftwerk.
wurde 1959 geboren und berät als unabhängiger Analyst internationale Politiker*innen und Institutionen zur Atomsicherheit. 1997 wurde er mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Schneider gibt jährlich das Standardwerk „World Nuclear Industry Status Report“ heraus.
taz: Davon gibt es in Iran eines, in Buschehr.
Schneider: Genau, das Entscheidende ist nicht, was in Isfahan oder in anderen Atomanlagen passiert, sondern in Buschehr. Wie die Betriebssituation dort ist, weiß ich nicht. Aber die verletzbarsten Stellen sind die Strom- und Wasserversorgung. Ohne Strom kann man keinen Reaktor kühlen – und ohne Wasser auch nicht. Wenn die Stromversorgung unterbrochen wird und die Notstromaggregate auch nicht zur Verfügung stehen, ist eine Kernschmelze in einem laufenden Reaktor innerhalb von einer Stunde zu erwarten. Da braucht keine Bombe auf die Betonhülle zu fallen.
taz: Wie sehen die Sicherungsmaßnahmen aus, um diese Atomanlagen zum Beispiel gegen Flugzeugabstürze oder Drohnen zu schützen?
Schneider: Wie die Sicherungsmaßnahmen in Buschehr tatsächlich aussehen, kann ich nicht sagen. Ich würde davon ausgehen, dass es Möglichkeiten zur Flugabwehr gibt. Doch die Flugabwehrsysteme Irans scheinen bereits durch die bisherigen Angriffe sehr reduziert. Ob es überhaupt eine Motivation Israels oder der USA gibt, in Iran eine radiologische Katastrophe herbeizuführen, kann ich nicht beurteilen.
taz: Wie steht es um Anlagen etwa in Jordanien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten? Dort finden schließlich auch Angriffe statt.
Schneider: In Jordanien gibt es keine Leistungsreaktoren – in den Vereinigten Arabischen Emiraten sind vier von Südkorea gebaute Reaktoren zwischen 2020 und 2024 in Betrieb gegangen. Werden sie im Moment betrieben oder nicht? Wenn man Atomkraftwerke in so einer Situation abstellt, gewinnt man Zeit. Damit ist die Gefahr aber nicht weg.
taz: Was könnte dann passieren?
Schneider: Das größte Gefahrenpotenzial ist in der Regel in den Abklingbecken. Dort werden die abgebrannten Brennelemente gelagert. Damit ist dort die Konzentration an Radioaktivität am höchsten. Das heißt, die Zerstörung eines Abklingbeckens ist die größte anzunehmende Katastrophe, die wir bisher noch nie gesehen haben. Deshalb ist auch der Begriff GAU oder Super-GAU für Tschernobyl oder Fukushima völliger Unsinn. Wir haben bisher weder einen GAU noch einen Super-GAU gesehen. Der „größte anzunehmende Unfall“ würde die historischen Atomkatastrophen in allen Kategorien um Größenordnungen überschreiten.
taz: Das heißt, im Nahen Osten ist durchaus ein atomares Risiko vorhanden.
Schneider: Absolut. Jede Form der Infragestellung von Wasser- oder Stromversorgung eines Atomkraftwerks stellt ein erhebliches Risiko dar. Man darf auch nicht vergessen, dass Israel heftigst beschossen wird. Israel hat natürlich auch Atomanlagen, Atomwaffen und ein großes Atomzentrum – zwar keine Leistungsreaktoren, aber Reaktoren und Anlagen, in denen Plutonium abgetrennt wird.
Mit Sicherheit sind diese Anlagen mit Flugabwehrraketen ausgestattet. Aber es ist auch zu sehen, dass es für Israel sehr schwierig wird, etwa alle Drohnen abzuwehren. Diese Gefahr besteht bei den militärischen Atomanlagen in Israel sowie bei den Leistungsreaktoren in Iran und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
taz: IAEA-Chef Grossi hat gesagt, ein möglicher Strahlungsaustritt mit schwerwiegenden Folgen könne nicht ausgeschlossen werden. Ist die Warnung vor der Eskalation im Nahen Osten und vor einem möglichen Atomunfall gerechtfertigt?
Schneider: In allen Situationen, in denen Atomkraftwerke oder etwa plutoniumhaltige Anlagen betrieben werden, vor allem, wenn sie in Betrieb sind, besteht ein erhebliches Risiko. Auch die militärischen Anlagen in Israel bergen ein erhebliches Risikopotenzial. Da gibt es überhaupt keine Frage. Kommerzielle Atomkraftwerke sind nicht ausgelegt für den Betrieb im Krieg.
taz: Laut US-Präsident Donald Trump liegt ein vorrangiges Kriegsziel der USA darin, Iran an dem Bau einer Atombombe zu hindern. Hat Iran überhaupt die Mittel dazu?
Schneider: Das ist natürlich alles Spekulation. Kein Mensch weiß genau, was der Stand ist. Allerdings gehen die meisten Experten und Expertinnen in diesem Bereich davon aus, dass Iran Jahre davon entfernt wäre, solche Waffen zu besitzen – wenn es wirklich mit Hochdruck an einer Atombewaffnung arbeiten würde. Die Behauptung, es bestehe eine immanente Gefahr, dass Iran in Wochen oder Monaten eine Atomwaffe besitzen könnte, ist schlichtweg Unsinn.
taz: Also eine unrealistische Kriegsbegründung?
Schneider: Ja, das ist das irakische Modell: der Vorwand von angeblichen Massenvernichtungswaffen für einen großen militärischen Angriff.
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