Grüne-Jugend-Chef zum grünen Wahlsieg: „Uns hat niemand gezwungen, die Klappe zu halten“
Der Sprecher der Grünen Jugend, Luis Bobga, stellt trotz Kritik weiterhin öffentlich Forderungen an Cem Özdemir. Der dürfe sich gern mal bei ihm melden.
taz: Herr Bobga, seit Sonntag um 18 Uhr können Sie wieder frei sprechen. Wie fühlt es sich an?
Luis Bobga: Gut. Aber uns hat auch vorher niemand gezwungen, die Klappe zu halten. Cem wollte seinen Wahlkampf alleine führen und das haben wir ihn machen lassen. Wir haben die Grüne Jugend Baden-Württemberg unterstützt. Ihre Kampagne hat dazu beigetragen, dass die Grünen bei jungen Menschen wieder stärkste Kraft geworden sind. Das freut uns.
taz: Dass dem Spitzenkandidaten im Wahlkampf niemand dazwischenfunkt, war also eher ein stilles Übereinkommen als eine formelle Vereinbarung?
23, ist seit Oktober 2025 gemeinsam mit Henriette Held Bundessprecher der Grünen Jugend. Als Beisitzer saß er schon seit 2024 im Vorstand. Zuvor war er kommunalpolitisch aktiv: Mit 17 Jahren wurde er für Bündnis 90/Die Grünen in den Stadtrat von Emsdetten (Nordrhein-Westfalen) gewählt.
Bobga: Wir mussten nichts unterschreiben. Hätten wir auch nicht gemacht.
taz: Leicht kann es Ihnen aber nicht gefallen sein, wochenlang zu schweigen?
Bobga: Mir ist so einiges durch den Kopf gegangen, als Boris Palmer im Wahlkampf auftauchte oder als Cem mir in einem Interview vorgeworfen hat, ich würde Menschen mit dem Hintern ins Gesicht springen. Am Ende sind wir aber immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass er seinen Wahlkampf führen soll und wir alles Weitere danach klären.
taz: Noch am Wahlabend haben Sie ihn dann öffentlich kritisiert und ihm einen Forderungskatalog für die Koalitionsverhandlungen geschickt. Das kam in der Partei nicht gut an.
Bobga: Wir haben bewiesen, dass wir mit der Partei zusammenarbeiten können. Sie darf für sich eigene Strategien entwickeln. Am Ende muss man aber kritisch prüfen, ob die Strategie richtig war. Einige Punkte konnten wir nicht unwidersprochen stehen lassen, weil uns junge Menschen innerhalb und außerhalb des Verbands immer wieder gefragt haben: „Leute, was geht eigentlich ab?! Ich erkenne hier die Grünen nicht wieder.“
taz: Den Ärger über Ihre Kritik können Sie nicht verstehen?
Bobga: Wir waren verwundert darüber, wie viele sich über uns beschweren und sagen, der Wahlabend sei für den Jubel reserviert. Damit kann ich nicht viel anfangen. Ein gutes Wahlergebnis ist kein Wert für sich. Natürlich freut uns ein starkes grünes Ergebnis, aber es muss auch in eine Politik übertragen werden, die den Menschen nützt. Schauen wir uns an, warum Cem Özdemir Ministerpräsident wird: Im Kopf-an-Kopf-Rennen mit Manuel Hagel haben sich in den letzten Tagen vor allem progressive Wählerinnen und Wähler von Linken und SPD hinter ihm versammelt. Daraus ergibt sich ein Auftrag.
taz: Welcher?
Bobga: Cem sagt selbst, dass er eine Regierung im Interesse der Bürgerinnen und Bürger Baden-Württembergs führen möchte. Das ist gut. Was ist deren Interesse? Beispielsweise eine Vermögenssteuer. Dafür gibt es in Umfragen eine Zustimmung von 70 Prozent und das könnte man im Bundesrat vorantreiben. Das führt uns auch zur Frage von 2029.
taz: Die wäre?
Bobga: Reicht es uns mit Blick auf die nächste Bundestagswahl, dass sich das progressive Lager hinter den Grünen versammelt, oder müssen wir nicht das progressive Lager an sich vergrößern? Ich bin bei Letzterem. Sonst streiten sich weiter nur CDU und AfD um den ersten Platz.
taz: Wie wollen Sie neue Gruppen ansprechen?
Bobga: Man traut den Grünen nachweislich nicht zu, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Uns wählen vor allem Menschen, denen es wirtschaftlich gut geht. Das gilt es zu ändern.
taz: Gewonnen hat Özdemir doch auch, weil er mehr konservative Wähler*innen gebunden hat als die Grünen im Bund. Lässt sich daraus gar nichts lernen?
Bobga: Man kann seinen Kurs nicht auf die Bundesebene ummünzen. Franziska Brantner spricht davon, dass man aus der Wahl den Pragmatismus mitnehmen müsse. Dafür bin ich grundsätzlich offen, aber ich verstehe darunter etwas Anderes als sie: Wenn sich Menschen in diesem Land den Einkauf nicht mehr leisten können, müssen wir dafür sorgen, dass ihr Leben wieder bezahlbar wird. Das geht nicht, indem man einfach nur den Mindestlohn um 30 Cent erhöht oder die Mietpreisbremse verlängert. Es braucht gravierende Lösungen. Was ist eigentlich mit einem Mietendeckel und warum stehen wir Grüne dafür noch nicht bundesweit ein?
taz: Cem Özdemir hat mit der Mietpreisbremse Wahlkampf gemacht, dem moderateren Instrument also. Das hat mittige Wähler*innen offenbar nicht verschreckt und linke Wähler*innen trotzdem angesprochen.
Bobga: Befragungen zufolge haben 50 Prozent wegen des Kandidaten Özdemir die Grünen gewählt. Daraus können wir vor allem mitnehmen, dass Personalisierung in Wahlkämpfen nützt. Das hat am Sonntag genauso in München funktioniert, wo der grüne Kandidat Dominik Krause bei der Oberbürgermeisterwahl mit 30 Prozent sehr erfolgreich in die Stichwahl gekommen ist – gerade im Bereich Mieten mit deutlich klareren Forderungen. Wenn die Inhalte zur Person passen, funktioniert Personalisierung also auch mit linkeren Kandidaten.
taz: Der Mietendeckel steht auch in Ihrem Forderungskatalog an Cem Özdemir vom Sonntag. Ist das für Sie der wichtigste Punkt?
Bobga: Es gibt da keine Rangfolge. Mich hat am Sonntag aber stark beschäftigt, dass sich die AfD in Baden-Württemberg im Vergleich zur letzten Wahl fast verdoppelt hat. In all den Wahlbewertungen aus unserer Partei kommt das nicht vor und das finde ich fahrlässig.
taz: Im Papier fordern Sie konkret, Baden-Württemberg müsse „zum Motor für die Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens im Bundesrat werden“.
Bobga: Da haben die Grünen in Rheinland-Pfalz in ihrem Landtagswahlkampf, der gerade noch läuft, einen wahnsinnig guten Job gemacht. Sie sagen: Für uns ist das eine Koalitionsbedingung. Cem Özdemir wäre gut beraten, das auch mit in seine Koalitionsverhandlungen zu nehmen. Die andere Ebene sind für mich die Wählerinnen und Wähler der AfD. Es gibt Gründe, warum sie anderen Parteien nicht mehr vertrauen. Und das führt wieder zu den materiellen Fragen: Sie haben oft das Gefühl, dass sie sich ihr Leben nicht mehr leisten können und der Staat für sie nicht funktioniert.
taz: Eine Gegenthese: Dass die Grünen gewinnen konnten und die AfD unter den eigenen Erwartungen blieb, hatte auch damit zu tun, dass Migration nicht im Zentrum des Wahlkampfs stand. Cem Özdemir hat seinen Kontrahenten keine Angriffsfläche geboten, weil er sich bei dem Thema rechts der eigenen Partei positioniert hat.
Bobga: Ich glaube nicht, dass es mit der fehlenden Angriffsfläche zu tun hat. Es liegt eher daran, dass sich Cem bewusst auf Themen fokussiert hat, die er einbringen wollte, und selbstbewusst bei diesen Themen geblieben ist, auch wenn Markus Frohnmaier und Manuel Hagel in Diskussionsrunden die Migrationspolitik aufgemacht haben. Das war ein Unterschied zum Bundestagswahlkampf, wo Robert Habeck dem Druck rechter Narrative nicht standhielt.
taz: Sie spielen auf den Zehn-Punkte-Plan zur Sicherheitspolitik an, in dem Robert Habeck 2025 kurz vor der Wahl mehr Abschiebungen forderte. Was war für Sie schwerer zu ertragen: dieser Plan damals oder Cem Özdemirs Auftritte mit Boris Palmer?
Bobga: Robert Habeck hat bewährte und gut begründete inhaltliche Positionen der Partei verschoben. Das ist noch mal ein Unterschied zu Boris Palmer, der als einzelne Person auftritt. Intern erlebe ich in der Partei eine sehr große Einigkeit darüber, dass für ihn kein Platz ist – schon gar nicht in einem Regierungsamt. Fragwürdig finde ich, dass sich die Parteispitze dazu öffentlich nicht klar positioniert.
taz: Finden Sie es richtig, dass Mitglieder der Grünen Jugend Boris Palmer angeblich von der Wahlparty in Stuttgart werfen wollten?
Bobga: Ich wüsste nicht, warum Boris Palmer auf einer Grünen-Party herumlaufen sollte. Daher finde ich es legitim, falls das vor Ort auch so ausgesprochen wurde.
taz: Zu Ihrer Forderung, Palmer keinen Posten zu geben, hat Cem Özdemir im SWR gesagt: „Das entscheiden die nicht. Punkt. Ende der Durchsage.“ Vielleicht war Ihr Forderungskatalog ein Eigentor und in Stuttgart heißt es: jetzt erst recht.
Bobga: Von einem Ministerpräsidenten erwarte ich so viel Charakterstärke, dass er sich nicht davon leiten lässt, ob die Grüne Jugend recht bekommt – sondern dass er tatsächlich tut, was im Interesse der Bürgerinnen und Bürger ist. Ein Ministerposten für Boris Palmer, der wiederholt mit rassistischen Aussagen aufgefallen ist, gehört meines Erachtens nicht dazu.
taz: Freut es Sie zumindest, dass mit Cem Özdemir erstmals ein Politiker aus einer türkischen Einwandererfamilie Ministerpräsident wird?
Bobga: Ich erkenne an, dass das für viele Menschen mit Migrationsgeschichte ein wichtiges Zeichen ist und sie berührt. Doch Repräsentation allein reicht nicht, wenn Häuser wie die Staatskanzlei nach wie vor vor allem von unterbezahlten migrantischen Frauen gereinigt werden.
taz: Im SWR hat Özdemir auch beklagt, dass es viele junge Wähler*innen gebe, die die Grünen gut finden, aber nicht selbst eintreten, da sie den linken Kurs der Grünen Jugend ablehnen.
Bobga: Damit stößt er den Hunderten Mitgliedern der Grünen Jugend Baden-Württemberg vor den Kopf, die Tag und Nacht für ihn auf der Straße waren. Ohne ihre Unterstützung hätte er die Wahl nicht gewonnen, dafür war sein Vorsprung zu knapp.
taz: Es gibt junge Grüne, die sich in der Grünen Jugend nicht wiederfinden und stattdessen eigene Treffen abhalten. Warum integrieren Sie die nicht?
Bobga: Wir sind offen für alle jungen Menschen, die zu den Grünen kommen. Wir sind basisdemokratisch organisiert. Auf unserem Bundeskongress kann jedes Mitglied Anträge einbringen und kandidieren. Die Mehrheiten im Verband sind aber, wie sie sind.
taz: Franziska Brantner sagt, sie wünsche sich, dass Cem Özdemir als Ministerpräsident auch bundespolitisch mitmischt. Teilen Sie das?
Bobga: Weil sich Cem richtigerweise um die Interessen der Bürgerinnen und Bürger in Baden-Württemberg kümmern möchte, halten sich meine Sorgen in Grenzen, dass wir ihn oft in Berlin sehen werden.
taz: Wie oft tauschen Sie sich denn mit ihm aus?
Bobga: Noch nie.
taz: Wie bitte?
Bobga: Cem Özdemir ist bisher nicht auf uns zugetreten. Unsere Grüne Jugend vor Ort ist regelmäßig mit ihm im Austausch. Das ist so auch normale Praxis. Wenn ich zu allen grünen Landesvorsitzenden, Ministerpräsidenten und Stellvertretern Kontakt halte, käme ich nicht zu meiner Hauptaufgabe, mich um meinen Verband zu kümmern. Mit unseren Bundesvorsitzenden sowie der Bundestagsfraktion sind wir im ständigen Austausch.
taz: Der designierte Ministerpräsident von Baden-Württemberg dürfte sich aber bei Ihnen melden?
Bobga: Immer.
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