Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig: Weimer rasiert Leipziger Bibliothekspläne
Der Kulturstaatsminister stoppt einen Erweiterungsbau der Nationalbibliothek in Leipzig. Begründung: Das Sammeln von Druckwerken sei nicht mehr zeitgemäß.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und die Bücher – das ist offenkundig eine schwierige Verbindung. Als wäre das anhaltende Gezerre um den Buchhandelspreis nicht genug, bringt Weimer nun die Bibliotheksszene gegen sich auf – ausgerechnet in Leipzig, eine Woche vor Start der Buchmesse.
Am Donnerstag hatte die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig mitgeteilt, dass sich der Kulturstaatsminister gegen den seit Jahren geplanten Erweiterungsbau entschieden hat. Als „hochfunktionales und klimastabiles Magazin“ sei es darauf ausgelegt gewesen, „die sichere Aufbewahrung von derzeit rund 35,5 Millionen Medienwerken für etwa 30 Jahre zu gewährleisten“.
Die Deutsche Nationalbibliothek archiviert seit 1913 nahezu sämtliche Publikationen in deutscher Sprache. Täglich gehen nach ihren Angaben rund 13.100 neue Werke ein, davon 3.300 in analoger Form.
Der Magazinbau sei trotzdem ein vorgestriges und angesichts der Baukosten umso überflüssigeres Vorhaben, befand jetzt sinngemäß Weimer. „Zur Begründung seiner Entscheidung erklärte der Staatsminister, die Sammlung körperlicher Medienwerke bis weit in die Zukunft hinein sei nicht mehr zeitgemäß; die Deutsche Nationalbibliothek solle sich stärker auf die digitale Sammlung konzentrieren“, teilte die Bibliothek mit. Ein Sprecher Weimers bestätigte die Angaben.
Dabei schreibt Weimer doch selbst so gern Bücher. „Warum die Rückkehr der Religion gut ist“ etwa. Oder das „Konservative Manifest“. Nicht zu vergessen sein lyrisches Frühwerk, der längst nicht mehr erhältliche Gedichtband „Kopfpilz“ von 1986, in dem der heutige Staatsminister Berichten zufolge reichlich herumschweinerte. „Kopfpilz“ befindet sich laut dem Bibliothekskatalog übrigens nicht unter den über 50 Millionen Medieneinheiten im Bestand. Schwer bedauerlich eigentlich.
„Handstreichartiger Stopp“
Doch zurück zu den von Weimer rasierten Leipziger Bibliotheksplänen. Denn die dazugehörige Empörung folgte am Freitag von allen Seiten. „Früher war gerade den Konservativen die physische Bewahrung von Kulturgut wichtig, wofür steht konservative Kulturpolitik heute?“, zeigte sich der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, fassungslos.
Auch der Bundesverband Druck und Medien (BVDM) kritisiert die irritierende Begründung des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien mit deutlichen Worten. „Gerade gedruckte Bücher – ebenso wie andere physische Medienformen – sind fundamentale Träger von Kultur, Wissen und Geschichte“, sagte BVDM-Hauptgeschäftsführerin Kirsten Hommelhoff. Ihre dauerhafte Sicherung sei „für Forschung, Kulturwissenschaft und gesellschaftliche Erinnerung essenziell“.
Ähnlich Peter Kraus vom Cleff, der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der zudem von einem „handstreichartigen Stopp“ und einer „völlig falschen Entscheidung“ sprach. Der Bau werde nicht nur dringend benötigt, er sei auch „lange, sorgfältig und kostenbewusst“ geplant.
Bereits am Donnerstag hatte die Deutsche Nationalbibliothek Weimer daran erinnert, dass in die Planungen für die Erweiterung schon rund 7 Millionen Euro geflossen sind. Die Gesamtkosten waren ursprünglich mal mit 130 Millionen Euro angesetzt. Inzwischen sei es jedoch gelungen, „30 Millionen Euro unter den ursprünglich bewilligten Kosten zu kalkulieren“, so die Bibliotheksleitung.
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