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Banksy durch Journalisten enthülltIst das Recherche oder kann das weg?

Lilly Schröder

Kommentar von

Lilly Schröder

Nach 20 Jahren Anonymität haben Reuters-Journalisten Banksy enttarnt. Das ist aber kein Erkenntnisgewinn, nur ein zerstörtes Geheimnis eines Künstlers.

Ist die Identität gelüftet? Ein Kunstwerk von Banksy am Londoner Zoo Foto: Hollie Adams/reuters

E r heißt _____________, ist ___ Jahre alt und kommt aus _______. Geschlecht: _______. Endlich ist das Geheimnis gelüftet, wer hinter dem Pseudonym Banksy steckt. Und jetzt? Macht das seine Kunst besser? Schlechter? Spannender? Nö. Aber sein Leben als Künstler ist zerstört. Mission accomplished.

Es ist nicht die angeblich endgültige Enthüllung von Banksys Identität, die Schlagzeilen machen sollte, sondern die drei Männer, die monatelang ihre Zeit mit einer derart sinnlosen und unmoralischen Jagd vergeudet haben: Simon Gardner, James Pearson und Blake Morrison. Nachdem es Banksy über zwei Jahrzehnte lang gelang, seine Identität geheim zu halten, rühmen sich nun die drei Reuters-Journalisten, womöglich das geschafft zu haben, woran die Presse seit Jahren gescheitert ist: den Graffiti-Künstler gegen seinen Willen zu enttarnen.

Die Streetart-Kunst von Banksy erlangte Anfang der 2000er Jahre erstmals größere Bekanntheit, als seine Schablonen-Graffiti in London von Medien und Kunstszene entdeckt wurden. Die Werke sind eine scharfsinnige Gesellschafts- und Systemkritik: der Krieg in der Ukraine, Guantánamo, Nahostkonflikt, Brexit, moderne Sklavenarbeit, Umgang mit Flüchtlingen, Umweltverschmutzung.

Am Markt prallt Banksys Kapitalismuskritik ab: Seine Kunst wird gestohlen, privatisiert oder verkauft. Sein „Balloon Girl“ wurde aus der Hauswand eines Geschäftslokals herausgetrennt und für 560.000 Euro versteigert. „The Devolved Parliament“ – das britische Unterhaus besetzt von Schimpansen – brachte 2019 bei Sotheby’s, einem der bekanntesten Auktionshäuser der Welt, rund 11 Millionen Euro ein.

Gegen die Vermarktung

Der Künstler selbst wollte immer anonym bleiben und hat sich stets gegen die Vereinnahmung seiner Kunst gewehrt. 2005 schmuggelte er etwa eine scheinbar prähistorische Höhlenmalerei – allerdings mit einem Menschen, der einen Einkaufswagen schiebt – in eine Ausstellung im British Museum. 2018 ließ er das „Girl with Balloon“ bei einer Auktion von Sotheby’s direkt nach der Versteigerung im Rahmen schreddern.

Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, das sich Banksy, Medien und Kunstmarkt lieferten. Die obsessive Suche nach seiner Identität offenbart eine gesellschaftliche Unfähigkeit, Unwissen auszuhalten. In Zeiten, in denen jeder Star auf Instagram minutiös verfolgt werden kann und alles kontrollierbar scheint, wird das Unerreichbare als störend empfunden. Dabei liegt genau darin der Wert: Unverfügbarkeit ermöglicht Fantasie, Respekt und Distanz – alles Dinge, die die allgegenwärtige Transparenz der digitalen Welt zerstört.

Die Reuters-Journalisten inszenieren sich als Aufklärer im Dienst der Öffentlichkeit. Trotz einer Warnung von Banksys Anwalt, der betonte, dass seine Anonymität die Meinungsfreiheit des Künstlers schütze, veröffentlichten sie die Identität unter Verweis auf ein angeblich großes öffentliches Interesse. Nur: Welches soll das sein?

Große öffentliches Interesse gibt es an der Veröffentlichung von Namen von Tätern, etwa aus den Epstein-Files – nicht aber von Künstler*innen, die ihre Kunst für sich sprechen lassen wollen. Banksys Streetart bleibt gleich, auch nach Offenlegung seiner Identität. Vorteile gibt es keine; die Enthüllung könnte im Gegenteil das Ende seiner Karriere bedeuten. Rechtlich betrachtet gelten seine Arbeiten als Sachbeschädigung und Vandalismus – nun droht ihm möglicherweise strafrechtliche Verfolgung.

Karriere beenden

Die Reuters-Recherche lässt an einen anderen Fall denken: Die Schriftstellerin Elena Ferrante beendete ihre Karriere, nachdem ein internationales Journalisten-Team mithilfe von Methoden der Steuerfahndung und der Kriminalpolizei nach monatelanger Recherche ihre Identität enthüllte. Ferrante hatte zuvor gewarnt, ihre Arbeit einzustellen, sollte ihre Identität offengelegt werden. Später veröffentlichte sie dennoch weitere Arbeiten.

So traurig es ist: Banksy wäre gut damit beraten, seine Karriere zu beenden. Es wäre nur konsequent.

Richtigstellung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es fälschlicherweise, Ferrante habe nach der Enthüllung ihrer Identität keine weiteren Werke veröffentlicht.

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Lilly Schröder
Redakteurin für Feminismus & Gesellschaft im Berlin-Ressort Schreibt über intersektionalen Feminismus, Popkultur und gesellschaftliche Themen in Berlin. Studium der Soziologie und Politik.
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18 Kommentare

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  • Sie hätten immer noch die Option gehabt, zu sagen: Wir wissen's, wir sagen es nicht.

    Der Name Banksys wäre, wenn das denn stimmt, dabei durch eine Namensänderung einer der gewöhnlichsten des UK. So gewöhnlich, dass ein britischer Wissenschaftler und Soldat sein deutsches Gegenüber im Verhör lange überzeugen musste, dass dieser Nachname bei ihm kein Deckname war, als er sich vorstellte.

  • Respektlosigkeit seitens der Rechercheure!



    Jedem gebührt, nach Wunsch, sein kleines Geheimnis.

  • Die reale Identität von Banksy war seit mindestens 10 Jahren ungefähr so geheim wie die israelischen Nuklearwaffen. Es fehlte lediglich eine offizielle Bestätigung.

    Insofern großer Sturm im Wasserglas.

  • Tja und wer ist nun Bansky? Seine Werke zu Millionen verkauft ohne das er eine Gewinnbeteiligung hat. (?!) Das ist der Nachteil von Psydonymen. Wahrscheinlich weiß nur ein kleiner Kreis von Leuten wie er wirklich heisst. Da frage ich mich was sind dann Urheberechte wert? - oder wer soll die verteidigen können?

    • @HAHABerlin:

      Ich denke nicht, dass maximaler Gewinn Banksys Motiv ist. Der Vorteil von Ruhe und Nichtausspionierbarkeit ist nicht zu unterschätzen.



      "Ich bin Brian und meine Frau ist auch Brian"

    • @HAHABerlin:

      Das gilt nur für die Graffitis in der Öffentlichkeit, die dann abgelöst und verscherbelt wurden. Bei Werken wie dem zerschredderten Bild im Rahmen hat er über zwischengeschaltete Mittelsmänner selber Millionen eingenommen.

  • Mit der vermutlichen Enttarnung ist die Welt ärmer geworden. Es ist ein bisschen so, wie wenn man Kindern sagt, wer den Weihnachtsmann spielt. Irgenwie ahnten sie es, aber sie wollten es nicht wirklich wissen.



    Seine Kunst bleibt für mich ein starker Fingerzeig für mehr Menschlichkeit. Ich hoffe, das Projekt Banksy geht weiter.

  • Banksys ziemlich kitschiges Werk dürfte in der Kunstwelt kaum fehlen. Seine Fans haben schon immer nur das „Gute“, den „Robin Hood“ sehen wollen. Dass da einer im Schutz der Anonymität ein, vermutlich millionenschweres, Kunstgeschäft an den Finanzämtern vorbei führt, wurde nicht als unsolidarisch gebrandmarkt, sondern als Chuzpe eines liberalen Freigeists gefeiert.

    • @DemokratischeZelleEins:

      Na sicher. Und einen Künstler sowie dessen Werk über die Korrektheit seiner Steuerklärung "brandmarken" zu wollen, liegt in bester Tradition der Chuzpe zutiefst autotitären Krämerseelen, wie sie speißbürgerlich-deutscher nicht sein könnte.

    • @DemokratischeZelleEins:

      wie kommen sie darauf dass er Steuern hinterzieht?- wenn Sothebys Geld einnimmt müssen Steuern bezahlt werden und wenn Sothebys an wen auch immer Geld überweist weis das das Finanzamt auch! Neid?

  • Der Mythos Bansky lebte aber auch davon, dass viele versucht haben, die Identität zu enthüllen. Hätte es keinen interessiert, wäre er nicht bekannt geworden. Dass diese Suche irgendwann zum Erfolg führt, war zu erwarten. Schade ist es. Aber auch nicht mehr.

  • Wieso sollte er jetzt aufhören? Und was ist schlimm an der Aufklärung seiner Identität, wenn dies seine Kunst weder schlechter noch spannender macht? Ich glaube, dass vieles an Banksy und an den Interesse an ihm alleine den Reiz des Unbekannten geschuldet ist. Das allein sagt ja aber nichts über die Qualität seiner Kunst aus. Wenn es seinen Fans und der Kunstwelt wirklich um die Kunst und die Botschaft dahinter geht, dürfte es ja komplett egal sein, ob seine Identität nun bekannt ist oder nicht. Wenn das Interesse an ihm nun schlagartig verpufft, stünde das Phänomen Banksy allein dafür, dass Faktoren, die abseits der Kunst selbst stehen, den Wert der Werke bestimmen. Es wäre demaskierend für die Kunstwelt. Was ist eine Kunst wert, deren Wert maßgeblich (oder gar allein) von der Anonymität ihres Urhebers abhängt? Umgekehrt wäre es doch ein positives Signal, wenn die Enthüllung seiner Identität der Nachfrage und dem Interesse an Banksys Kunst keinen Abbruch tut. Es würde von wahrer Wertschätzung seines Schaffens zeugen und beweisen, dass ein "Banksy-Hype" nicht nur der Neugierde an seiner Identität geschuldet ist.

  • Volle Zustimmung.

  • Sehr geehrte Frau Schröder,

    mein Herz schlägt für Banksy. Aber der Vergleich mit Elena Ferrante hinkt. Zum Wesen der Street Art gehört, dass Dritte ungefragt in Mitleidenschaft gezogen werden (weil sie sich und ihr Eigentum beschädigt sehen, ungewollte Aufmerksamkeit erfahren oder nur noch ein Loch in ihrer Hauswand vorfinden... ) Der zivil- und strafrechtlichen Verantwortung dafür entzieht Banksy sich mit seiner Anonymität. Street Art eben. Aber vor diesem Hintergrund besteht zweifelsohne ein öffentliches Interesse an seiner Enttarnung. Sich dagegen auf Meinungsfreiheit zu berufen, erscheint mir wohlfeil.

    Lassen Sie uns eine andere Sichtweise einnehmen: Banksy hat lange Zeit erfolgreich Katze und Maus gespielt und nunmehr verloren. Eine spannende Frage, wie er damit umgehen wird. Das Interesse am angeblichen Scoop der "Investigativjournalisten" ist jedenfalls erstaunlich gering.

    Vielleicht handelt es sich bei der Niederlage doch um einen Sieg. Die Aufmerksamkeit ist Banksy gewiss. Sollte es ihm in Zukunft beispielsweise gelingen, tatsächlich die Verantwortung für seine Kunst zu übernehmen. Einen Grund, sich zu entziehen, wie Elena Ferrante, hat er jedenfalls nicht.

  • Reuters - Arschgeigen -

  • Was soll der Mist. Haben die nichts besseres zu tun. Wem hilft denn die Info wer Banksy ist?



    Niemandem!

  • Würden die drei Journalisten von Reuters mit der gleichen Energie einem ehrenwerten journalistischen Auftrag (vierte Gewalt im Staat) nachgehen, könnte Reuters international glänzen mit tatsächlichen Veröffentlichungen zu den Epstein Files. Doch leider wie so oft, nicht excelente Arbeit, sondern billige

  • Und jetzt? Macht das seine Kunst besser? Schlechter? Spannender? Nö. Aber sein Leben als Künstler ist zerstört. Mission accomplished.



    (...)



    Es ist nicht die angeblich endgültige Enthüllung von Banksys Identität, die Schlagzeilen machen sollte, sondern die drei Männer, die monatelang ihre Zeit mit einer derart sinnlosen und unmoralischen Jagd vergeudet haben: Simon Gardner, James Pearson und Blake Morrison.



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    Und jetzt?



    Ausstopfen, als Trophäe an die Wand hängen,...



    Wäre 'ne Möglichkeit, doch nicht Bansky, sondern die Kollegen, die Ihren Job, ... 'ne nicht missverstanden, sondern mMn. MISSBRAUCHT haben !!!!!



    Btw. Wer wird mit DENEN noch "unter drei" reden? Wer in der Innung noch mit denen Zusammenarbeiten! Ich hoffe, gehe mal davon aus, das solche Kollegen nur noch in "Revolverblättern" Texte loswerden.



    In der noch seriösen Innung sind DIE mMn. "verbrannt & selbst "Fox-News" wird sich mMn. hüten solche "Egos" ins Team aufzunehmen. :-(