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PR-Stunt der FDPHeißt Liberalsein heute Glatze tragen?

FDP-Generalsekretärin Nicole Büttner löst ihre Wettschulden ein. Sie rasiert ihre Haare ab – und tut damit zugleich etwas noch Ungewöhnlicheres.

FDP-Generalsekretärin Nicole Büttner trägt nach verlorener Wette nun Glatze Foto: Nicole Buettner/instagram

Wenngleich ein System namens Neoliberalismus einen Anteil daran hat, dass der Planet mitsamt seinen Insassen in absehbarer Zukunft vor die Hunde geht – ein Kompliment muss man der FDP trotzdem machen: PR, das kann sie. Besser gesagt: konnte sie. Und nicht nur das, sie hat PR sogar für wichtige Dinge genutzt: Einst war da zum Beispiel Junggeneralsekretär Guido Westerwelle, der im Jahr 2000 ins Big-Brother-Haus ging, um mit den Be­woh­ne­r*in­nen zu sprechen. Wer sich einschließen ließ, war tatsächlich von der Außenwelt abgeschnitten.

Deshalb durfte Westerwelle im videoüberwachten Container eigentlich nicht von der Außenwelt berichten. Trotzdem ließ er es sich nicht nehmen, seinen Auftritt zur besten Sendezeit zu nutzen, um über rechtsextreme Gewalt zu sprechen, etwa über den Anschlag auf zwei Synagogen in Düsseldorf und Berlin, die den sogenannten Aufstand der Anständigen zur Folge hatten.

Lang, lang ist’s her, dass sich die FDP so reichweitenstark und überdies positiv ins Gespräch zu bringen wusste – wobei die Partei auch zu Westerwelles PR-Stunt-Zeiten allenfalls knapp über der 5-Prozent-Hürde rangierte.

Bei der diesjährigen Landtagswahl in Baden-Württemberg würde das anders werden, da war sich die aktuelle Generalsekretärin Nicole Büttner sicher. Die 41-Jährige hat das Parteihochamt seit Mai vergangenen Jahres inne. Die studierte deutsch-jamaikanisch-schweizerische Ökonomin und Unternehmerin wurde nach dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag 2025 vom Bundesvorsitzenden Christian Dürr vorgeschlagen und schließlich mit 80 Prozent der Delegiertenstimmen gewählt.

Nebenher hat Büttner ihre eigene KI-Firma gegründet und sitzt im Vorstand des Berliner KI-Beratungsunternehmens Merantix Momentum, das unter anderem für die Bundesregierung arbeitet.

Hier ein Parteiamt, da ein Vorstandsposten, dort ein staatlicher Auftrag – es könnte so schön kreislaufwirtschaftlich vorangehen in der Bundesrepublik, wäre da nicht die lästige Wählerschaft. Die scheint zumindest im Ländle die liberale Botschaft nicht verstehen zu wollen und strafte die FDP mit 4,4 Prozent ab. Damit fliegt die FDP aus dem Landtag.

Tschüss Landtag, tschüss Haare!

Ungünstig genug für die Liberalen, könnte man meinen. Besonders ungünstig für Büttner ist das Ergebnis aber, weil sie sich Tage vor der Landtagswahl dazu hinreißen ließ, in einem Interview mit der Schwäbischen Zeitung auf eine Wette einzugehen. „Ich liebe meine Haare“, erzählte sie da, und dann kündigte sie an: „Ich rasiere mir eine Glatze, wenn wir den Einzug in den Landtag verpassen. Alles weg. Radikal.“ Die Schwäbische fragte zur Sicherheit noch einmal nach: „Wette gilt?“ Büttner ließ sich nicht davon abbringen: „Ja. Aber Sie werden mich niemals mit Glatze erleben. Weil wir sicher in den Landtag einziehen.“

Dem „Niemals“ war dann doch nicht so, aber die Ankündigung längst in der Welt. Nach der Wahlschlappe erreichten Nicole Büttner laut eigener Aussage zahlreiche Nachrichten, die ihr nahelegten, ihre Wettschulden nicht einzulösen. Schließlich sei es doch ganz normal, „im Politikbetrieb Sachen anzukündigen und dann nicht wirklich zu machen“, hieß es ihr zufolge in einer der Nachrichten. Angeblich soll ihr sogar ein „Mitglied der Chefredaktion“ des Spiegel geschrieben haben, sie verstünde den Politikbetrieb nicht, wenn sie die Wettschulden einlöse.

Damit könnte Nicole Büttner wenigstens in die FDP-Geschichte eingehen: als erste Politikerin, die ein Versprechen hält. Am Sonntag präsentierte sie sich auf Instagram zunächst mit Kopftuch, dann zeigte sie stolz ihren kahlrasierten Schädel. Ob das, was da zu sehen ist – immerhin ist die Frau KI-Unternehmerin –, der Realität entspricht, ließ sich bis Redaktionsschluss nicht abschließend klären. Ein Glück: Politisch relevant ist es sowieso nicht.

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1 Kommentar

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  • Liberal sein heißt vor allem, nichts dagegen zu haben, wenn andere sich eine Glatze scheren wollen.



    Doch gerade die Frisur ist und schon seit geraumer Zeit politisch: Lange Haare waren links, kurze rechts, Punkfrisuren irgendetwas zwischen Anarchismus und Linksradikalität, Seitenscheitel indiskutabel, Mittelscheitel Jugendstil. Jetzt ist Glatze FDP. Nun ja ...