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Digitalisierte NSDAP-AktenDie Suche nach dem Nazi-Opa führt über Washington

Die National Archives der USA haben die Mitgliedsdatei der NSDAP online gestellt. Die Nutzung stößt an Grenzen und beweiskräftig ist sie auch nicht immer.

Einer der Höhepunkte auf den Reichsparteitagen der NSDAP in Nürnberg war der Vorbeimarsch der SS-Leibstandarte Adolf Hitler. Von den Personenakten gibt es immerhin noch etwa 60 Prozent Foto: Scherl/SZ/picture alliance

War Uropa ein Nazi? Hat der Onkel schon vor 1933 Hitler unterstützt? Ist gar die immer so freundliche Großmutter Mitglied der NSDAP gewesen? Diese Fragen gehen in Millionen deutschen (und österreichischen) Familien um. Sie zumindest annähernd zu beantworten, bedurfte es bisher eines gewissen Aufwands. Jetzt lässt sich die wahrscheinliche Mitgliedschaft in der NSDAP per Mausklick klären: Das US-Nationalarchiv hat die Daten der NSDAP-Mitgliedschaft kürzlich komplett online gestellt.

Die Angelegenheit klingt kinderleicht: Auf die entsprechende Website der National Archives gehen, den Namen der betreffenden Person eingeben – und schon werden lang gehütete Familiengeheimnisse enthüllt. Allerdings war die Seite des US-Nationalarchivs zumindest am Dienstag deutlich überlastet und erst am Mittwochvormittag wieder abrufbar. Die Navigation ist etwas umständlich.

Die Datenmenge ist allerdings gewaltig: Die NSDAP hatte zu Kriegsende knapp neun Millionen Mitglieder, bis 1944 waren zehn Millionen Mitgliedsnummern vergeben. Alle bis heute verbliebenen Informationen aus diesen Beständen stehen jetzt offen. Es handelt sich in der Regel um Karteikarten, auf denen Namen, Adressen, das Geburtsdatum, der Tag des Parteieintritts und die Mitgliedsnummer verzeichnet sind. Manchmal gibt es auch ein Foto, in wenigen Fällen existieren die Aufnahmeanträge.

Die Nazi-Partei verwaltete ihre Mitglieder in einer Zentral- und einer Gaukartei, Erstere befand sich am Parteisitz in München. Als die US-Truppen zu Kriegsende immer weiter vorrückten, entschieden die Verantwortlichen, dass die Mitgliederkartei vernichtet werden müsse. 20 Lkw-Ladungen gingen am 15. April 1945 an die Papierfabrik Josef Wirth in Freimann, das Ganze wog angeblich 65 Tonnen.

Der Schatz von Freimann

Dass dieser Berg an historischen Fakten nicht zu Brei verarbeitet worden ist, verdankt die Nachwelt dem Papiermüller Hanns Huber und seinen Mitarbeitern. Die verschleppten die Verarbeitung der Kartothek so lange, bis die Amerikaner München eingenommen hatten. Im Nachkriegschaos dauerte es indes Monate, bis die Besatzer begriffen, welcher Schatz da in Freimann auf sie wartete, zumal Huber nicht des Englischen mächtig war.

Beide Karteien gelangten schließlich nach Westberlin in das Berlin Document Center (BDC), wo sie bei der Suche nach NS-Verantwortlichen und bei Kriegsverbrecherprozessen nützliche Dienste leisteten. Bis in die 1990er Jahre blieben sie fest in alliierter Hand – und verschlossen. Deutsche Historiker benötigten eine Sondergenehmigung, die nur bei Vorliegen einer Empfehlung durch die Bundesregierung beziehungsweise des Berliner Senats ausgestellt wurde – sozusagen ein Sechser im Lotto. Menschen aus dem Ostblock blieben ganz ausgesperrt.

Erst nach der Wiedervereinigung öffneten die Amerikaner ihren BDC-Giftschrank in Berlin. Die Akten gingen an das Bundesarchiv, das sie ordnete und digitalisierte. Seitdem können nicht nur Historiker Akteneinsicht erhalten, wenn sie eine bestimmte Person suchen. Mitarbeiter des Bundesarchivs suchen nach einem schriftlichen Antrag die entsprechenden Karteikarten heraus und schicken Scans an Enkel oder Urenkel. Eine Durchsicht von auf Mikrofilm vorliegenden Karteikarten ist nur Wissenschaftlern möglich.

Den Antrag zu stellen, ist eigentlich kein großer Aufwand, dennoch scheuen offenbar viele Menschen diesen Weg. Das Bundesarchiv begründet das Verfahren mit dem Datenschutz: Erst nach dem 100. Geburtstag oder mindestens zehn Jahre nach dem Tod einer Person endet die Schutzfrist – noch leben ehemalige NSDAP-Mitglieder unter uns. Im US-Nationalarchiv, das eine Kopie der Dateien besitzt, gelten keine deutschen Datenschutzrichtlinien. Deshalb konnte diese Behörde jetzt alle Restriktionen aufheben.

80 Prozent der Karteikarten existieren noch

Damit sind jetzt Historikern wie Laien leichter beispielsweise wohnortbezogene Recherchen möglich, weil die Karten digital verschlagwortet sind. In kleineren Ortschaften könnte das auch heute noch für Ärger sorgen, wenn sich etwa herausstellen sollte, dass eine führende Familie zu NS-Zeiten mit Parteibuch unterwegs war.

Für die Familienforschung sind NSDAP-Bestände allerdings nur von begrenzter Beweiskraft. Von den ursprünglich 14 Millionen Karten existieren nur noch etwa 12,7 Millionen, also rund 80 Prozent. Wenn die Suche nach dem Opa in der NSDAP-Datei also negativ ausfällt, ist das keine Garantie dafür, dass er kein Nazi war. Zumal eine Mitgliedschaft in SA und SS nicht unbedingt mit einer Zugehörigkeit zur NSDAP verbunden war, von weiteren Unterorganisationen ganz abgesehen. Von den SS-Personenakten gibt es immerhin noch etwa 60 Prozent, diejenigen der SA sind dagegen größtenteils vernichtet worden.

So mancher Opa hat so seine Geheimnisse mit ins Grab genommen.

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