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BKM lässt Jury-Listen erstellenWeimer macht genau das, wofür er ins Amt berufen wurde

Pauline Jäckels

Kommentar von

Pauline Jäckels

Das Vorgehen des Kulturstaatsministers wirkt stümperhaft. Aber es erzielt den gewünschten Effekt: Selbstzensur in der Kulturbranche.

Der parteilose Wolfram Weimer kommt zum Ausschuss für Kultur und Medien im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestags Foto: Christoph Soeder/dpa

W olfram Weimer produziert eine Schlagzeile nach der anderen. Das Vorgehen des Kulturstaatsministers wirkt nicht nur autoritär, sondern auch so stümperhaft, dass inzwischen die Frage im Raum steht, wie lange der Bundeskanzler ihn noch halten kann. Aber was, wenn Weimer genau das macht, wofür er von Friedrich Merz ins Amt berufen wurde? Und die Schlagzeilen sogar das richtige Mittel zum Zweck sind?

Zuerst brachte der Kulturstaatsminister die gesamte Filmbranche gegen sich auf: Er plante, die Festivalleitung der Berlinale abzusägen, weil diese es wagte, Palästina-Solidarität auf dem Festival zu tolerieren. Am Folgetag behauptete er plötzlich, die Medien hätten falsch berichtet und vertagte die Personalentscheidung. Dann vergrämte Weimer die gesamte Buchbranche, weil er drei Buchhandlungen nach einer Prüfung durch den Verfassungsschutz vom Buchhandlungspreis ausschloss. Als Antwort auf die Empörung sagte Weimer gleich die ganze Preisverleihung ab.

Nun kommt raus, dass Weimers Ministerium Listen von allen Jury-Mitgliedern staatlich-geförderter Kulturpreise erstellen ließ. Dem Minister wird klar gewesen sein, dass das öffentlich wird. Denn entsprechende Anfragen sendete das Bundeskulturministerium an etliche Organisationen. Nun wird spekuliert, ob die Namen für weitere Überprüfungen beim Verfassungsschutz genutzt werden. Statt das zu verneinen, teilt sein Haus nur vage mit: Man wolle sich einen Überblick verschaffen und diesen bei Bedarf „im parlamentarischen Raum“ erläutern.

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Weimer mag an der ein oder anderen Stelle wie ein Stümper gehandelt haben – aber er erreicht, was ganz im Sinne der Merz-Regierung ist: Trotz Widerstand der Kulturschaffenden werden all jene Institutionen, die von staatlichen Geldern abhängig sind, künftig genau abwägen, wie sie sich äußern. Etwa, ob sie sich bei kritischen Themen offen gegen die Politik der Bundesregierung stellen. Jede neue Weimer-Schlagzeile befördert Selbstzensur. Man nennt das „Chilling Effect“. Dafür reicht schon das ständige Androhen von Sanktionen.

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Pauline Jäckels
Meinungsredakteurin
Redakteurin im Meinungsressort seit April 2025. Zuvor zuständig für die parlamentarische Berichterstattung und die Linkspartei beim nd. Legt sich in der Bundespressekonferenz gerne mit Regierungssprecher:innen an – und stellt manchmal auch nette Fragen. Studierte Politikwissenschaft im Bachelor und Internationale Beziehungen im Master in Berlin und London.
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15 Kommentare

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  • An Herrn Weimer zeigt sich, daß die Merz-Regierung nicht nur aus Industrie-Lobbyisten besteht. Auch Ideologen haben darin ihre Funktion. Alles zum Wohle des Geldadels und seiner politischen Hofschranzen.



    Die Unions-"Brandmauer" galt immer nur dem Konkurrenten um die Macht, (fast) niemals dessen politischen Positionen.



    So sieht's für mich aus.

  • Zitat: "vergrämte Weimer die gesamte Buchbranche, weil er 3 Buchhandlungen vom Buchhandlungspreis ausschloss."

    3 linke Buchläden, die aber NICHT linksextremistisch sind.



    Z.B. der Buchladen „Zur schwankenden Weltkugel“ verurteilte das Massaker der Hamas an Israelis & setzte sich für die Befreiung der Geiseln der Hamas ein. In dieser Zeit bekam der Buchladen Drohungen von Hamas-Sympathisanten & einem Teil der linksextremen Szene.

    Die Läden für den Buchhandlungspreis werden von einer unabhängigen Jury ausgewählt.



    Weimer hat gelogen, weil er den Buchläden schrieb, dass angeblich die Jury entschieden hätte, den 3 Läden nicht den Preis zu geben.



    Das genaue Gegenteil ist wahr: Die Jury wollte ihnen den Preis geben! Mehrere Jurymitglieder sagten öffentlich, dass sie die 3 Läden ausgezeichnet haben & sie auch wieder auszeichnen würden.



    Die Buchläden erfahren nicht mal, was Weimer ihnen konkret vorwirft.

    Das eine Regierung Einfluss auf die Kultur nehmen & die Kunstfreiheit einschränken will, gab's in Deutschland zuletzt unter den Nazis; und im Osten im Stalinismus & in der SED-Dikatur bis zur Wende.



    Möchte die CDU wirklich auf den Spuren der Nazis, Stalins, Ulbrichts & Honeckers wandeln?

  • Offensichtlich soll unsere Demokratie 🥀 von Autokraten zu Grabe getragen werden.



    🌿 ⚰️. 🌿

  • Der Kulturbetrieb ist der Ort, wo den mächtigen und den Politikern den Spiegel vorgehalten wird, und genau jener Kulturbetrieb wird jetzt von Weimer nach und nach mundtot gemacht, das ist das selbe Verhalten wie bei Trump nur bei uns eben das ganze in light!

  • Allerdings haben die Kulturschaffenden mit GG Art. 5 einen mächtigen Verbündeten. Sie müssen die dort verbrieften Rechte allerdings konsequent nutzen, die da wären: die Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit, die Freiheit von Kunst, Wissenschaft, Forschung und Lehre.

    • @Aurego:

      Grundsätzlich stimmt das.



      Aber dann werden ihnen die Fördergelder gestrichen, ohne die viele Einrichtungen nicht existieren können.



      Damit wird Meinungsfreiheit effektiv abgeschafft.

  • Die CDU/CSU ist immer noch ein rechtslastiger Verein, der weiter das Märchen von den bösen Linken verbreitet.



    Deshalb unwählbar!

  • Danke für die Klarstellung. Je nach Sichtweise könnte man noch hinzufügen, dass Weimers Vorgehen bei ca. der Hälfte der Bevölkerung Zustimmung findet (bzw. es ihnen egal ist), siehe Landtagswahlen

    • @derzwerg:

      D.h., dass min. die andere Hälfte der Bevölkerung gegen Weimers Vorgehen ist! In Wirklichkeit >50%, weil von der Bevölkerung viele nicht wählen dürfen (z.B. Jugendliche; Ausländer*innen auch wenn sie schon lange hier leben); & weil's >30% Nichtwähler*innen gab (Wahlbeteiligung Ba.-Wü. & RLP:

  • "Kulturschaffende" ist eine Nazivokabel - siehe Deutschlandfunk, Interview mit der Historikerin Isolde Vogel.

    • @Kelkin:

      „Kulturschaffende“ ist kein von den Nazis erfundener o. geförderter Begriff!



      Sondern schon in den 1920er Jahren haben sowohl Kulturwissenschaft als auch demokratische Politik den Begriff Kulturschaffende verwendet.



      Im Gesetz der Nazis zur Reichskulturkammer kommt der Begriff „Kulturschaffende“ nicht vor. Die Nazis sprachen viel öfter von "Deutschen Künstlern" & "Deutscher Leitkultur".

      In der Sowjetischen Besatzungszone & der DDR, welche ja von Grund auf antifaschistisch waren, wurde der Begriff "Kulturschaffende" oft verwendet.



      Das hätte man nicht getan, wenn's ein Propagandabegriff der Nazis gewesen wäre.



      Beispiele SBZ / DDR: Zur "Erhaltung & Entwicklung der Wissenschaft & Kultur sollen Institute & Erholungsheime für Wissenschaftler, Künstler & Kulturschaffende“ eingerichtet werden.



      Die DDR förderte "Kulturschaffenden, Schriftsteller & Künstler", z.B. auch Museen, Theater & Ballett. Außer "Kulturschaffende" sagte man in der DDR auch "kulturell Schaffende“.



      Diese Personen erhielten in der DDR eine Sonderrente (z.B. Ballettrente).



      Bis zur Wende hat die Regierung



      "politische Aufgaben der Kulturschaffenden" festgelegt.



      Kritische Kunst & Kultur war unerwünscht.

    • @Kelkin:

      Laut Wikipedia soll der Begriff bereits in den 1920er Jahren aufgetaucht sein. Ich allerdings kann mit solchen Begriffen absolut nichts anfangen, und verwende diese selbst auch nicht. Ich bleibe bei Begriffen wie Künstler, Musiker, Schriftsteller, Maler etc.

  • Ja, der Skandal ist schon länger her, als Merz Hrn Weimer in die Regierung geholt hat.



    Dieser macht bei der gewünschten Zerstörung der deutschen Kulturlandschaft einen aus Sicht rechtsnationaler Politiker sehr guten Job. Er liefert was von der Union bestellt wurde



    Der weitere Skandal ist, das die SPD ALLES mitträgt und nicht einmal ansatzweise kritisiert.



    Gut das sie dafür gerade die Quittung bekommen hat.

  • Der gescheiteste TAZ-Artikel seit Erfindung des Rades. In der Kürze liegt die Würze. Chapeau!

  • Annette Hauschild , Autor*in ,

    Guter Beitrag, Pauline! Aber wir wissen ja, Zensur wird nicht ausgeübt ( Sarkasmus Off)