Der Fall Fernandes/Ulmen: Seid leise, Männer!
Die Debatte über die Vorwürfe virtueller Vergewaltigung kreist auch darum, ob und wie sich Männer verhalten sollen: Klappe halten oder solidarisieren?
U ff. Zum Glück waren am Sonntag Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz. Da konnte man sich als nachrichtenorientierter Journalist mit – ja, wie so oft – Männern in der Politik beschäftigen und vor der Beantwortung der anderen Frage drücken: Geht man, gehe ich, oder, präziser gesagt, geht Mann zur Demo ans Brandenburger Tor? Da wo dann Tausende protestierten. Gegen sexualisierte Gewalt im Netz.
Denn ehrlich gesagt, die Beantwortung der Frage ist nicht einfach. Geht man da hin als Mann, bestünde die Gefahr, dass ein Teil der dort Demonstrierenden das als zwar solidarische Unterstützung sehen würde, vielleicht sogar vorher eingefordert hatte. Ein anderer Teil aber würde einen solchen Akt des solidarischen Beistehens als Übergriff sehen.
Wobei ich als Erstes mal das Wort „Gefahr“ wieder streichen sollte. Es ist in diesem Zusammenhang völlig unangemessen. Die Eventualität, von einer Frau die Meinung gegeigt zu bekommen, als Gefahr zu bezeichnen, kann tatsächlich nur von einem Mann kommen.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.
Noch wichtiger aber ist, damit hier erst gar kein falscher Eindruck entsteht: Es ist absolut kein Fehler „der Frauen“, dass die sich mal wieder uneinig sind. Im Gegenteil. Denn es ist völlig nachvollziehbar, dass jede einzelne ihre eigenen Konsequenzen aus diesen männlichen Übergriffen zieht. Und dass Männer, also wir, also ich, eine eigene Antwort suchen. Müssen. Müssen?
Die Scham ist auf unserer Seite. Auch wenn wir, wenn ich, weit davon entfernt bin, meine Partnerin – ob nun real oder virtuell – vor allem aber gegen ihren Willen für die sexuellen Triebe anderer Menschen zur Verfügung zu stellen.
Männer versuchen sich an einer Haltung
Aber wir sind, ich bin, Teil einer männlich dominierten Gesellschaft, die Pornoindustrie zum lukrativen Geschäft macht. Die Frauen immer wieder zum Objekt sexueller Begierden degradiert, sodass sie Angst haben müssen, wenn sie in einsamen Ecken einem Mann begegnen. Oder auch nur: Die den Gesprächston ändert, wenn keine Frauen im Raum sind. Zuletzt etwa auch in der taz-Redaktion beim Frauenstreik. Nicht der verunsicherte Mann ist das Problem, sondern der verunsichernde.
Und was heißt das jetzt?
Seit der Spiegel seine Recherchen über Christian Ulmen und seine Ex-Frau Collien Fernandes veröffentlicht hat, haben zahlreiche Männer sich an einer Haltung dazu versucht.
Exemplarisch genannt sei hier Benjamin von Stuckrad-Barre. Der hat sich am Wochenende in einem Statement lang und breit von seinem Freund Christian Ulmen distanziert. Richtig so? Auch, wenn sich der Text des Meisters der Popliteratur liest, als sei er mit KI zusammengestöpselt? Geschenkt.
Was auffällt, ist, wie oft er das Wort „müssen“ verwendet. Wir müssen anerkennen, wir müssen als bekannt voraussetzen, wir müssen uns abgewöhnen. Aber wenn ein Mann nur tun muss, was ein Mann tun muss, dann kommt selten Gutes dabei raus. Selbst wenn es noch so gut gemeint ist.
Wir Männer müssen gar nichts. Wir könnten aber einiges, wenn es denn wirklich einer Einsicht entspringt. Vielleicht sollte Mann als Erstes lernen, gelegentlich mal ganz dezent die Klappe zu halten.
Für die feministaz, die zum Frauenkampftag am 8. März erschienen ist, wurden Männer aus der taz-Redaktion zum Gespräch gebeten. Auch zur Frage, wann ein Mann ein guter Feminist ist. Daneben lieferte ein Text von Jacinta Nandi die Antwort: Seid Feministen, aber bitte leise!
Ich finde, sie hat Recht und Mann sollte sich das zu eigen machen – und in einem taz-talk in gewohnt breitbeiniger Manier in die Welt hinausposaunen? Leise sein, fällt Männern schwer. Uff.
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