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Merz über Gewalt von MännernBleiben oder gehen?

Derya Türkmen

Kommentar von

Derya Türkmen

Kanzler Merz macht fragwürdige Aussagen über Gewalt und Migration. Daraufhin fragt sich die Oma unserer Autorin, was das für ihr Leben hier bedeutet.

„Alle sagen immer, die AfD, das seien die Nazis, die seien das Problem. Aber der Kanzler redet doch genau so“, sagt meine Großmutter Foto: Annegret Hilse/reuters

D as Telefon klingelt. Meine Großmutter ist dran. „Warum sagt er so was? Warum sind denn wieder die Migranten schuld?“, fragt sie. Gemeint ist Bundeskanzler Friedrich Merz und seine Worte über „explodierende“ Gewalt von Männern in Deutschland, über einen „beachtlichen Teil“ von Zuwanderern, die diese Gewalt ausübten.

Er hat es im Bundestag auf die Frage gesagt, wie er sich zu der Debatte über Gewalt an Frauen im Internet äußern möchte. Aufgekommen ist die Debatte wegen der Vorwürfe von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen. Bei den Vorwürfen geht es um digitale Gewalt, um das Erstellen von Fake-Profilen und pornografischen Deepfakes, aber auch um körperliche Übergriffe.

Es geht dabei um Macht, Grenzüberschreitungen und Verantwortungsübernahme. Migration spielt in diesem konkreten Fall keine erkennbare Rolle. Merz nimmt diesen gesellschaftlichen Moment, in dem man eigentlich überlegen sollte, wie Gewalt entsteht und sie verhindert werden kann, zum Anlass, um über Migration und Zugehörigkeit zu sprechen. Was bei meiner Großmutter ankommt: das Gefühl, wieder gemeint zu sein.

Sie kamen in den 1970er-Jahren nach Deutschland, wie viele andere. Haben gearbeitet, Familien gegründet, sich ein Leben aufgebaut. Leise und unspektakulär. Für Jahrzehnte leben sie in einer Kleinstadt in Niedersachsen, Fachwerkhäuser, ein ruhiger Alltag.

Auch in den Kleinstädten hat sich was verändert

Heute ist dort politische Realität, dass 27 Prozent die AfD wählen und 28 Prozent die CDU. Auch dort, sagen meine Großeltern, hat sich etwas verändert. Im Ton, im Blick, im Umgang. Deutschland war für sie nie eine offene Frage. Jetzt ist es eine. Verbunden mit Unsicherheit, die sich in dem Anruf meiner Großmutter zeigt: Warum sagt er so was? Was bedeutet das jetzt? Was kommt als Nächstes?

Denn bei solchen Aussagen kommen Erinnerungen auf. Erfahrungen, die sich eingeprägt haben. An die 90er-Jahre, an Brandanschläge von Mölln und Rostock-Lichtenhagen. Die Angst ist nicht neu, sagt meine Großmutter. Aber sie fühlt sich heute anders an.

Diffuse Angst

Die Angst hatte früher ein klareres Gegenüber. Täter, die benannt werden konnten, Ereignisse, die – so erschütternd sie waren – als Ausnahme galten. Was sich jetzt verändert, ist subtiler. Nicht mehr nur die Tat zählt, sondern der Ton. Die Verschiebung vom Einzelfall zur Verallgemeinerung. Wenn Gewalt pauschal mit Migration verknüpft wird, entsteht kein differenziertes Bild, sondern ein Klima – eines, in dem sich auch diejenigen angesprochen und mitgemeint fühlen, die mit dem konkreten Anlass nichts zu tun haben.

Mein Großvater spricht inzwischen vorsichtiger. Leiser. Überlegt, wann er Deutsch spricht.

Und mehr noch: Es entsteht ein Deutungsrahmen. Die Einteilung in gute und schlechte Migranten. Ein Muster, das politisch immer wieder genutzt wird – Menschen werden nach „nützlich“ und „problematisch“ sortiert. Auch innerhalb migrantischer Communitys wirkt das. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Zugehörigkeit, sondern darum, sich von anderen Mi­gran­t:in­nen abzugrenzen – die von der weißen Mehrheitsgesellschaft als „die anderen“ markiert werden. Meine Großeltern können sich dieser Logik nicht entziehen. Sie wissen, dass sie gemeint sein könnten – oder irgendwann vielleicht sogar gemeint sind.

Keine abstrakte Debatte

Mein Großvater spricht inzwischen vorsichtiger. Leiser. Überlegt, wann er Deutsch spricht und wann nicht, erzählt meine Großmutter am Telefon. Es sind kleine Verschiebungen im Alltag, kaum sichtbar – und doch entscheidend. Sie selbst sagt es einfacher: Man will ja nicht negativ auffallen. Und plötzlich steht eine Frage im Raum, die jahrzehntelang keine war: bleiben oder gehen?

Es ist keine abstrakte Debatte mehr. Es ist ihr Alltag. Denn genau das zeigt politische Sprache: Sie verschiebt nicht nur Debatten, sondern auch Lebensrealitäten.

Am Ende bleibt ein Satz meiner Großmutter, ruhig, aber bestimmt: „Alle sagen immer, die AfD, das seien die Nazis, die seien das Problem. Aber der Kanzler redet doch genau so, damit die Leute ihn weiterhin wählen. Dann ist die CDU doch auch ein Teil dieses Problems, oder etwa nicht?“

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Derya Türkmen
Ist seit Oktober 2023 bei der taz, schreibt am liebsten über Gesellschaftthemen, Filmpolitik, Migration und die türkische Diaspora in Deutschland. Hat TV- und Filmproduktion in Hamburg, Angewandte Medien in Mittweida studiert, sowie Asian Cinema und TV-Broadcast in Ayr/Schottland.
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