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Hohe SpritpreiseVergesst die Übergewinnsteuer!

Kommentar von

Björn Hartmann

Damit die Mineralölkonzerne durch den Tankrabatt nicht Reibach machen, soll es eine Übergewinnsteuer geben. Doch die ist nicht die Lösung.

Ob Übergewinn oder nicht, die Pumpen drehen sich Foto: Nic Coury/AP/dpa

S teigen die Spritpreise, steigt in Deutschland auch der Puls vieler Politiker. Angesichts der leidenschaftlichen Debatte könnte der Eindruck entstehen, die Republik stünde still, weil Benzin 2,30 Euro je Liter kostet und nicht mehr 1,85 Euro. Dabei bremsen immer noch zu viele Autos den Verkehr und stauen sich auf deutschen Straßen. Weil alle Menschen gern weniger für Benzin zahlen, hat die Bundesregierung den Tankrabatt beschlossen, der die Steuer auf einen Liter Sprit um 17 Cent senken soll – wenn alle mitmachen und der Weltmarktpreis wegen des Nahostkrieges nicht weiter steigt. SPD und Linke wiederum vermuten einen Krisenprofit der Mineralölkonzerne, den sie per Übergewinnsteuer abschöpfen wollen.

Als Verbraucher wünscht man sich das enorme Gewese um teuer gefüllte Tanks auch einmal bei den Gütern des täglichen Bedarfs. Die Lebensmittelpreise steigen seit Jahren und belasten alle Menschen. Aber Sprit ist im Autofahrerdeutschland offenbar wichtiger. Nur: Eine Übergewinnsteuer ist keine gute Lösung – und hat viele Tücken. Zum einen taugt sie nicht, um die Verbraucher schnell zu entlasten. Mit ihr ließe sich höchstens nachträglich etwas finanzieren. Zum zweiten ist es schwer, genau nachzuweisen, in welchem Umfang ein Konzern von einer Krise profitiert. Es ist willkürlich, den durchschnittlichen Gewinn der vergangenen fünf Jahre als Grundlage zu nehmen und alles, was darüber liegt, zu besteuern. Warum nicht acht Jahre? Oder nur drei?

Ein Unternehmen könnte auch mehr verdient haben, weil es die internen Kosten gedrückt hat. Außerdem ist unklar, ob am Ende des laufenden Geschäftsjahres tatsächlich Übergewinne bei den Mineralölkonzernen angefallen sind. Schließlich ist nicht genau vorhersehbar, wie sich 2026 weiter entwickelt – und damit unklar, wie viel die Steuer einspielt. Zudem ist nicht einmal klar, ob die Steuer überhaupt rechtens ist. Entsprechende Klagen gegen die Übergewinnsteuer von 2022/23 liegen derzeit beim Europäischen Gerichtshof. Ausgang offen.

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Es ist erstaunlich, dass gerade dieselbe Debatte geführt wird wie schon 2022, teilweise sogar wortgleich. In einer zunehmend unübersichtlichen Wirtschaftswelt, in der sich die USA als ordnende Macht verabschiedet haben, muss sich Deutschland auf Situationen wie die eines steigenden Ölpreises einstellen. Nötig sind langfristig gültige Regeln, die im Notfall greifen. Hilfreich wäre, die Abhängigkeit vom Öl zu verringern. Sonst bleibt es beim kurzfristigen Hickhack mit schlechten Lösungen wie dem Tankrabatt oder der Übergewinnsteuer. Die gaukeln politisch klares Handeln vor, bringen den Menschen aber wenig.

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10 Kommentare

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  • Jetzt ist der Preis ja so hoch,weil Öl aufgrund des Iran-Kriegs knapp ist. Das idiotische ist ja, dass die Politik den Eindruck vermittelt, dass der Preis aber nicht die Knappheit das Problem sei. Der Öl-/Benzinverbrauch muss aber dringend sinken. Das geht eben über höhere Preise. Seltsam ist, dass die Politik Bevölkerung und Unternehmen nicht zum Benzinsparen anhält, um die akute Krise einigermaßen zu überstehen und Anreize setzt, auf ÖPNV, wo immer es möglich ist, umzusteigen und Unternehmen anhält, Home-Office zu ermöglichen,wo es geht. Von mir aus wäre eventuell auch eine Übergewinnsteuer eine Möglichkeit. Es gäbe genug Sinnvolles, was man darüber finanzieren könnte. Z. B. kostenlosen/ermäßigten ÖPNV. Langfristig muss das Ziel so viel Unabhängigkeit vom Öl wie möglich sein. Die Hartnäckigkeit der Politik, selbst in ausgewachsenen Krisen an Business as usual festzuhalten und den tatsächlichen Kern des Problems maximal zu ignorieren, ist schon Realitätsverweigerung next Level.

  • Der Tankrabatt ist Blödsinn. Wer weiß, wie viel davon beim Autofahrer wirklich ankommt. Und die, die weniger Auto fahren oder Elektroautos oder gar nicht, bekommen dadurch weniger oder gar nichts. Dafür bekommen die, die mit Riesenkarossen durch die Gegend fahren und mit 200 über die Autobahn jagen, besonders viel. Das ist alles so ungerecht wie es nur sein kann.

    Stattdessen hätte man an jeden, der es haben will, 100€ oder 200€ oder 500€ auszahlen können. Da hätten dann auch die, die kein Auto fahren oder weniger oder die unter den Lebensmittelpreisen leiden, auch etwas davon habt. Außerdem wollte man doch schon seit Ewigkeiten, den Menschen ein Klimageld zahlen. Da hätte man jetzt mal die Chance gehabt, den Menschen zu zeigen, dass man wirklich etwas für sie tut. Und hätte damit auch den ein oder anderen davon abhalten können, wegen all dem eine extreme Partei zu wählen.



    So wie in demokratieingefahr...rechtsextremismus/



    beschrieben.

    Stattdessen wieder den Konzernen eine Menge Geld geben und hoffen, dass die das dann nach unten weiter reichen. Das isst reichlich naiv.

    Dabei

  • „Angesichts der leidenschaftlichen Debatte könnte der Eindruck entstehen, die Republik stünde still, weil Benzin 2,30 Euro je Liter kostet und nicht mehr 1,85 Euro“

    Stimmt ja nicht ganz, Diesel war vor der Krise bei 165/170 und jetzt bei deutlich über 240. Leider wird auch in diesem Kommentar wieder nicht verstanden, dass Benzin/Diesel nur ein kleiner Anteil der Abhängigkeit unserer Gesellschaft von Rohöl ist. Fast alle Produkte unseres modernen Lebens sind mehr oder weniger ölbasiert, daher fällt ja der Abschied vom Öl so schwer. Spritpreise sind das erste Symptom. Viele andere Mangellagen können folgen z.B. Medikamente, Medizinprodukte. Kunststoffe, Kleidung, Dünger etc. , das ist die wirkliche Dimension dahinter und die gilt es in den Griff zu bekommen.

    • @Flocke:

      Absolut. Danke für diesen Kommentar.

  • Für mich ist die Übergewinnsteuer schlicht und ergreifend Aktionismus. Auch die Steuersenkung bei Kraftstoffen wird nichts bringen. Letztere kostet ca. 3 Milliarden Euro, also mal schnell viel Geld für nichts verpulvert. Das Geld brauchen wird dringend für die Sicherung des Deutschlandtickets. Auch lässt sich damit der ÖPNV ausbauen, auch auf dem Lande.

    • @Minion68:

      ÖPNV ist halt nur für einen Teil der Bevölkerung eine realistische Option. Laut BMLEH leben 57% der Deutschen im ländlichen Raum (das beinhaltet auch Kleinstädte), wo ÖPNV einmal die Stunde und nur Mo.-Fr., tagsüber ein Bus zur nächsten Stadt fährt.

      • @JSch:

        Immer wieder die gleichen Gegenargumente... Es gibt inzwischen genug Alternativen für ländliche Gegenden, wie Bedarfs- oder Anrufverkehre, die durchaus schon gelebte Praxis sind, aber kaum Unterstützung bekommen.



        Wenn man will, findet man einen Weg.

  • Macht der (Bio-) Bauer auch Übergewinn, wenn der Konkurrenz im Rest Europas das Wetter die Ernte verhagelt - und er seine Produkte daher teurer verkaufen kann? Muss dann nicht auch bei jeder besonders gut verlaufenen Auktion auch ein steuerlicher Aufpreis eingefordert werden? Schließlich lag das ursprüngliche Angebot in der Regel ja auch weit unter dem erzielten Ergebnis.

  • Die Definition von Übergewinn ist allgemein schwammig, weil erst auch die Berechnung des Gewinns unterschiedlich erfolgen kann. Wenn dann noch bestimmt werden soll, welche Komponente eigentlich anders hätte sein sollen, wird es juristisch angreifbar.



    Das dürfte tatsächlich schwierig werden, wenn es denn juristisch wasserfest sein soll. Was nicht heißen soll, das es nicht dennoch sinnig wäre zu probieren.



    Am Grundproblem der Abhängigkeit von externen Rohstofflieferanten, denen die hiesige Gesellschaft ausgeliefert ist, und der Ablehnung den einzigen verfügbaren eigenen Energiequellen, die nicht extern abhängig sind, ändert das alles aber nichts.



    Solange Öl und Gas verbraucht werden, kann Politik nur durch solche Maßnahmen reagieren und letztlich Löcher mit Geld zu schmeißen. Ändern oder verbessern wird das alles nichts, die nächste Krise kommt bestimmt.

    • @nutzer:

      Ja, die nächste Krise kommt bestimmt. Das ist vielen klar, viele andere wollen davon aber nichts hören. Politik ist leider, zumindest hierzulande, kurzsichtig und hört lieber auf die, die von der nächsten Krise nichts wissen wollen, und vor allem hören die meisten Politiker lieber auf die fossile Lobby. Flankiert von manchen gut bekannten Medien wird die fossile Wirtschaft zementiert, Beifall klatschend von vielen Mitmenschen. Gern wird dann auch wieder von nationalen Alleingängen schwadroniert, als ob unserem resourcenarmen Land nichts in der Welt umhauen kann. Und wenn die nächste Krise über uns hereinbricht und unser Wirtschaftssystem immer mehr ächzt, sind ja eh immer die anderen Schuld.



      Was will ich eigentlich damit sagen? Dass wir uns endlich bewusst werden, was gesellschaftlicher Zusammenhalt bedeutet, wen wir wirklich für diesen brauchen und unterstützen müssen, und dass ein weiteres ignorantes und arrogantes Agieren vieler Entscheidungsträger die Karre unweigerlich an die Wand fährt.



      Wollte ich nur mal loswerden.