Kürzungen für Homöopathie: Ungedeckter Redebedarf
Die Kassen sind pleite. Statt das System zu reformieren, wird an Details gespart. Wie zum Beispiel an der Homöopathie. Das bringt niemandem was.
I m Grunde ist es müßig, sich einzelne Punkte herauszugreifen, weil die ganze Perspektive schief ist. Der Kommissionsvorsitzende Wolfgang Greiner hat das schön auf den Punkt gebracht, als er sagte, es gehe darum, eine „Rückkehr zur einnahmeorientierten Politik“ einzuleiten. Die Leitidee ist also die Bilanz, nicht der Bedarf. Unklar ist nur, was Wolfgang Greiner mit Rückkehr meint: Die Idee, dass sich die Gesundheit der Bevölkerung rechnen muss, bestimmt seit den 90ern die politischen Entscheidungen.
Eine der Empfehlungen der Kürzungskommission ist die ersatzlose Streichung für homöopathische Leistungen. Das klingt auf den ersten Blick sinnvoll, weil was nachweisbar nichts bringt, sollte auch nicht solidarisch bezahlt werden. Abseits der Häme und der nicht immer von Wohlwollen bestimmten Debatte um Homöopathie stellt sich aber tatsächlich die Frage: Warum existiert diese Quacksalberei überhaupt?
Fragt man die Krankenkassen, warum sie bisher homöopathische Behandlungen bezahlt haben, dann nennen sie in der Regel einen Grund: weil sie beliebt sind. Und aus bilanzieller Sicht spricht auch nicht viel dagegen: Die Ausgaben bewegen sich im Promillebereich.
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Der Anteil homöopathischer Mittel liegt, gemessen am gesamten Arzneimittelmarkt, ungefähr bei 1,3 bis 1,5 Prozent. Im Jahr 2023 sind laut dem Forschungsunternehmen IQVIA in den Apotheken landesweit 45 Millionen homöopathische Arzneimittel abgegeben worden. Der Kostenfaktor ist also eher vernachlässigbar.
Patient*innen als Menschen wahrnehmen
Es stellt sich nichtsdestotrotz die Frage, warum diese Art der Behandlung so beliebt ist. 2019 wählte die Vorsitzende der homöopathischen Ärzt*innen Cornelia Bajic die schöne Formulierung, Homöopathie sei im Gegensatz zur Schulmedizin „narrativ basiert“. Das bedeutet: studienirrelevante Faktoren wie Empathie, Zeit und Zuwendung spielen eine viel größere Rolle im homöopathischen Kontext. Anders gesagt: Es ist zwar Quatsch, aber man kann quatschen.
Man geht zum Arzt halt anders als zur Automechanikerin. Patient*innen als Mensch wahrzunehmen und ihnen Verständnis angedeihen zu lassen, ist in Zeiten von Kostendruck und Zeitnot keine Kernkompetenz der herkömmlichen, faktenbasierten Medizin. Deren Ziel scheint allzu oft eher die Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit von Personen.
Welcher Arzt, welche Ärztin hat schon Zeit, sich bis zu 90 Minuten mit einem Patienten, einer Patientin zu unterhalten? (Diese Zeit nehmen sich ein*e homöopathische*r Ärztin*in für ein Erstanamnesegespräch.)
Es gibt hier einen Bedarf, der über konkrete Wirksamkeiten hinausgeht. Die Homöopathie füllt diese Lücke; sie ist selbst nur Symptom einer Störung im medizinischen Apparat. Hier jetzt einfach die Kosten zu streichen, ohne diesen Bedarf anzuerkennen, ist im Grunde auch nur ein Herumdoktern an den Bilanzen der Maschine Mensch.
Dazu passt dann auch, dass ab dem ersten April bei niedergelassenen Psychotherapeut*innen gespart wird: Die Kürzungen bei den Honoraren belaufen sich auf 4,5 Prozent. Da wächst dann der Anreiz, lieber mehr Privatpatient*innen aufzunehmen, sonst lohnt sich das finanziell nicht. Man könnte also sagen, dass die Expertenkommissionen schon Löcher stopft, das ja, und eines davon ist das offene Ohr in der Medizin.
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