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Volle Knäste und überlastete JustizHubig will Fahren ohne Fahrschein entkriminalisieren

Die Bundesjustizministerin will Gerichte und Gefängnisse entlasten. Ein „modernes Strafrecht“ soll dabei helfen.

Fahren ohne Ticket ist eine Straftat aus der NS-Zeit: S-Bahn in Köln Foto: Christoph Hardt/imago

Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) will das Fahren ohne Fahrschein entkriminalisieren. „Aus meiner Sicht sprechen gute Gründe für eine Entkriminalisierung“, sagte sie in der Neuen Osnabrücker Zeitung vom Dienstag. Man müsse sich angesichts überlasteter Gerichte und Gefängnisse fragen, ob Menschen, die sich keinen Fahrschein leisten könnten und schließlich im Gefängnis landeten, wirklich dorthin gehörten.

Fahren ohne Fahrschein ist – anders als beispielsweise das Falschparken des Autos – eine Straftat. In Paragraf 265a des Strafgesetzbuches heißt das „Erschleichen von Leistungen“. Möglich sind Geld-, aber auch Freiheitsstrafen. Rund 95 Prozent der Gerichtsentscheide führen zu einer Geldstrafe, nur 5 Prozent zu einer Freiheitsstrafe.

Diejenigen, die die Geldstrafe nicht zahlen können, müssen Sozialstunden oder eine Ersatzfreiheitsstrafe ableisten. Einer neuen Studie zufolge gehen zumindest in Berlin wesentlich mehr Menschen ins Gefängnis als bisher gedacht: nämlich etwa 50 Prozent derer, die eigentlich eine Geldstrafe zahlen müssen.

Im Koalitionsvertrag haben sich SPD und Union auf eine Reform des Strafrechts geeinigt. Hubig sagte: „Wir haben in der Koalition ein modernes Strafrecht vereinbart – das heißt für mich auch, dass wir die Strafwürdigkeit des Schwarzfahrens neu bewerten müssen.“

Hubig hatte sich auch schon früher entsprechend geäußert, bisher aber weniger konkret. Im November hatte sie in einem Interview mit dem Anwaltsblatt gesagt: „Ich halte das für eine berechtigte Frage und könnte mir hier eine Entkriminalisierung durchaus vorstellen.“

Auf taz-Anfrage wollte sich das Bundesjustizministerium nicht näher äußern. Ein Sprecher sagte lediglich: „Die Parteien der Regierungskoalition haben im Koalitionsvertrag unter anderem vereinbart, das Strafrecht zu modernisieren und zu prüfen, welche Vorschriften gestrichen werden können.“

Grüne und Linke legten Gesetzentwürfe vor

Sowohl die Linke als auch die Grünen haben kürzlich Gesetzentwürfe zur Entkriminalisierung des Fahrens ohne Fahrschein in den Bundestag eingebracht. Beide Entwürfe liegen derzeit im Rechtsausschuss.

Auf Anfrage sagte die Grünen-Abgeordnete Lena Gumnior, die den Gesetzentwurf federführend erarbeitet hat, der taz: „Paragraf 265a StGB ist ungerecht und diskriminierend.“ Durch die Regelung landeten viel zu oft Menschen im Gefängnis, „weil sie arm sind“. Den ÖPNV sollten sich alle Menschen leisten können, fordert Gumnior. Deshalb müsse das Deutschlandticket langfristig gesichert werden und preislich stabil bleiben. Darüber hinaus brauche es erschwingliche Sozialtickets.

Im Hinblick auf ihren Gesetzentwurf sagte sie: „Ich freue mich, wenn Frau Hubig unseren Vorstoß unterstützt. Um hier schnell voranzukommen, sollte die Koalition endlich eine Anhörung zu unserem Gesetzentwurf im Ausschuss ermöglichen.“

Der Linken-Abgeordnete Luke Hoß begrüßte auf taz-Anfrage hin, dass „Ministerin Hubig eingesehen hat, dass Armut kein Grund für Strafe ist“. Er ergänzte: „Seit Jahren steckt der Staat arme Menschen in Gefängnisse, weil sie nicht genug Geld für ihr Busticket haben, zum Beispiel um zum Arzt zu fahren. Gleichzeitig brechen milliardenschwere Konzerne absichtlich das Gesetz. Die Justiz sehe dabei zu, „wie sie Geldstrafen einfach als Spesen abrechnen“.

Freiheitsfonds begrüßt Vorstoß

Der Freiheitsfonds reagierte umgehend auf die Aussagen der Bundesjustizministerin in der NOZ. Auf Instagram schrieb der Verein, der sich bereits seit mehreren Jahren für die Entkriminalisierung des von den Nazis 1935 eingeführten Paragrafen einsetzt: „Unsere Arbeit zahlt sich aus.“ Und: „Dafür, dass es auch wirklich passiert, werden wir sorgen.“

In einer Mitteilung ergänzte Leonard Ihßen, Sprecher des Freiheitsfonds: „Ein Versprechen ist noch keine Reform. Aus der Ankündigung der Ministerin muss jetzt ein handfestes Gesetz werden.“ Der Freiheitsfonds kauft deutschlandweit Menschen frei, die wegen Fahrens ohne Ticket inhaftiert wurden. Seit Arne Semsrott die Initiative 2021 gründete, wurden nach Angaben auf der Webseite 1.679 Menschen freigekauft. Da ein Hafttag etwa 200 Euro kostet, habe die Initiative insgesamt 22,5 Millionen Euro Steuergeld gespart.

Die CDU wehrt sich gegen eine entsprechende Reform. Der stellvertretende Vorsitzende Günter Krings sagte der dpa: „Als Union werden wir das nicht mitmachen, weil es am Ende nur dazu führt, dass die Fahrpreise für die ehrlichen Kunden teurer werden.“

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47 Kommentare

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  • Die Kündigung meines Abos liegt schon seit einer ganzen Weile ausgedruckt in der Schublade. Sie wird am Tag der Gesetzesänderung datiert und verschickt - nicht weil ich nicht fürs Fahren zahlen wollen würde, sondern weil ich nicht für die unbestraften Schwarzzahler mitbezahlen werde. Der Zahlende ist dann der Dumme.

    • @DiMa:

      @DiMa



      Dann senden Sie sicherlich auch wöchentlich eine Aufforderung an unsere Bundesregierung bzw. an unser Finanzministerium, Abteilung Steuerfahndung, mit der Bitte mehr Mitarbeiter für die Steuerfahndung einzusetzen.

      • @Alex_der_Wunderer:

        Nein, diese Mühe mache ich mir nicht. Das wäre auch irgendwie merkwürdig, den ich verdiene mein Geld unter anderem mit der Vertretung von Steuersündern.

  • Wenn also genügend Personen die selbe Straftat begehen das es für den Staat zu "Aufwendig" wird es zu verfolgen dann kapituliert der Staat einfach ? Mit dieser Argumentation kann man für unendlich viele Verbrechen Tür und Tor Öffnen.

    • @Günter Witte:

      Ich denke, man muss die Argumentation von anderer Seite aus betrachten:



      Verfassungsrechtlich muss ein (Straf-)Gesetz (1) geeignet, (2) erforderlich und (3) angemessen sein, um einen legitimen Zweck zu erreichen. Ist es noch angemessen und erforderlich, ein in der strafrechtlichen Hierarchie weit unten angesetztes Vergehen überproportional mit Gefängnis zu bestrafen? Der "Aufwand" wird ja auch finanziell bewertet, jeder Hafttag kostet den Steuerzahler viel Geld.



      Auch nicht vergessen werden sollte, dass die Zahl der Privatinsolvenzen hoch sind und weiter steigen. Sie ergeben sich daraus, dass Menschen ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können. Niemand kommt auf die Idee, den Zahlungsunfähigen auch noch ein Strafverfahren anzuhängen (außer es liegen die engen Vorraussetzungen eines Betruges vor), § 265a bildet hier eine absolute Ausnahme. Ist diese im direkten Vergleich noch als "legitim" zu betrachten? Zumal ein solcher Paragraf weltweit nahezu einzigartig ist, der Rest der Welt verzichtet auf eine Pönalisierung des Schwarzfahrens und betrachtet dies als zivilrechtliche Angelegenheit und kommt damit scheinbar gut über die Runden...

  • Die Schüler*nnen Sit-ins im Frühling, Sommer, Herbst und Winter auf regennassen Straßenbahngleisen als Teil von Blockadestreiks in Hannover, die sich gegen Fahrpreiserhöhungen, U-Bahnbau für ticketfreien ÖPNV Nahverkehr (Nulltarif) richteten, fanden bereits in 1970er Jahren statt.



    Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) geht es bei ihrer Meinung Osnabrücker Zeitung auch um heillos traumatisierende Überbelegung der JVAs in Deutschland, für die sie Aufsicht ausübt und Verantwortung trägt, ohne dies deutlich als ihre politische Agenda zu adressieren, Deckung von notwendigem Finanzbedarf einzufordern, damit nicht noch mehr JVAs Inhaftierte traumatisiert in JVAs zusätzlich straffällig geworden, schlussendlich in ebenfalls heillos überbelegt unterfinanziertem Maßregelvollzug getrieben werden.



    www.ardmediathek.d...1OaWVkZXJzYWNoc2Vu



    Panorama 3, 7.3.2026



    taz.de/Entkriminal...zfahrens/!6168870/

    Christian Rath taz 7.4.2026

  • Straffreiheit finde ich falsch, aber man könnte ja mit vereinfachten Verfahren arbeiten und für Ticketsünder pauschal Sozialstunden anordnen.



    Generell ist es für mich nicht nachvollziehbar, wieso große Finanzkriminelle bei cumex/cumcum aufgrund von mangelnden Justizressourcen nicht verurteilt werden, aber die Justiz genug Zeit für so kleine Verstöße hat.



    Und wenn die Polizei neue Arbeit sucht: da ließe sich doch bei der Gewaltkriminalität im WWW sicherlich viel finden...

  • Die Gerichte sind zeitlich überfordert und als Konsequenz werden Strafraten zu Ordnungswidrigkeiten. Das kann man gut finden, aber auch als schlechten Scherz auffassen. Alternativ sollte man darüber Nachdenken die Verfahrensabläufe zu vereinfachen und zu standardisieren. 1 oder 2 Mal erwischt - Verwarnung. 3. Mal erwischt unmittelbar 24h Freiheitsentzug, 4. Mal erwischt unmittelbar 48h Freiheitsentzug usw. Die Verantwortlichkeiten für solche Bagatellen kann dann vor Gericht am Fließband abgearbeitet werden.

    • @Nachtsonne:

      @Nachtsonne



      ...und nach dem 5. Mal auf'm Dorfplatz an den Galgen oder was ?



      Bleiben Sie bitte auf dem Teppich, dann müssten eher die Autofahrer bei Geschwindigkeitsübertretung auch jedesmal ab in die Zelle.

    • @Nachtsonne:

      Unmittelbar Freiheitsentzug widerspricht jeder Rechtsstaatlichkeit.

      • @Francesco:

        Und Straftaeter aufgrund von Ûberlastung davonkommen zu lassen ist rechtsstaatlich? Abgesehen davon reden wir hier über einen zeitlich sehr überschaubaren Arrest mit Vorwarnung. Darüber hinaus würde der Arrest durch einen Richter ausgesprochen - nur eben zügig.

  • Ich gebe zu, ich bin da gespalten... Vor allem, weil ich glaube, dass keineswegs nur Menschen schwarzfahren, die sich kein Ticket leisten können. Bei Kosten von 3,80 Euro für eine Einzelfahrt wie in Leipzig ergibt sich da ein bemerkenswertes Sparpotential, auch, weil die Kosten für alles andere gerade irgendwie aus dem Ruder laufen. Ganz abgesehen davon, dass das der Entwicklung eines Unrechtsbewusstseins keinen guten Dienst erweisen würde.

    Aus meiner Sicht gibt es aber Alternativen:



    Ein Deutschlandticket zu einem Preis, das sich wirklich jeder leisten kann,



    Kostenloser Nahverkehr, vielleicht auch auf bestimmte Gruppen beschränkt,



    Umorganisation des Nahverkehrs, so dass eine Nutzung ohne Ticket gar nicht möglich ist ( London ). Ok, in der Straßenbahn wird das schwierig, aber vielleicht gibts ja da Ideen ...

    • @B. Trübt:

      Diejenigen, die schwarzfahren, obwohl sie sich ein Ticket leisten können, können auch eine Geldstrafe bezahlen. Die sind lediglich egoistisch und landen ja nicht im Knast.



      Es ist einfach nicht nachvollziehbar, dass ein Falschparker, von dem tatsächlich eine Gefahr ausgehen kann, lediglich eine Ordnungswidrigkeit begeht, während ein Schwarzfahrer ein Straftäter ist.

      • @Life is Life:

        Es ist schon nachvollziehbar, daß bei einem Falschparker (bei dem wenigstens ein Kfz-Kennzeichen als Identifikationshilfe vorliegt) auch bei der Handhabung als Ordnungswidrigkeit eine Sanktionierung möglich ist...

        • @FriedrichHecker:

          Es ist allerdings auch vollkommen folgenlos. Niemand parkt irgendwo nicht, weil man per Kennzeichen nachverfolgt und sanktioniert werden könnte.



          Umgehend abschleppen lassen auf eigene Kosten - das schreckt ab.

          • @nihilist:

            Es gibt keine Strafandrohung, ä, die wirklich ALLE potenziellen Täter abschreckt. Sonst wären die Gefängnisse nicht so voll.

            Es kann nur darum gehen, das Quantil der Abgeschreckten stabil in einem gesamtgesellschaftlich akzeptierten Rahmen zu halten..

  • Der kaum getarnte Versuch, einen "kostenlosen" (weil ausschließlich Steuerfinanzierten) ÖPNV durch die Hintertür einzuführen, mit allen bekannten negativen Konsequenzen. Denn wenn Schwarzfahren keine Straftat mehr ist, dürfen Schwarzfahrer auch nicht mehr zur Personalienfeststellung festgehalten werden. Damit kann man weder ein erhöhtes Fahrtentgeld noch ggf. ein Bußgeld durchsetzen. Ergo bezahlen nur noch Idioten fürs Ticket.

    • @Samvim:

      Warum richtet sich der Blick so oft auf den „Schwarzfahrer“ nebenan – und nicht auf die Strukturen darüber?



      Es geht hier nicht um Missgunst zwischen den Zahlenden und denen, die es sich nicht leisten können, sondern um die Frage, warum diese Unterschiede überhaupt bestehen.

      Die Strafbarkeit aufzuweichen oder zu verschärfen greift zu kurz, solange das Grundproblem bleibt: Ein öffentlicher Nahverkehr, der für viele eben nicht wirklich erschwinglich ist.

      Statt nach unten zu vergleichen, wäre es sinnvoller, nach oben zu schauen – dorthin, wo die Rahmenbedingungen gesetzt werden. Ein bezahlbarer oder solidarisch finanzierter ÖPNV würde viele Konflikte entschärfen, die Umwelt entlasten und ganz nebenbei auch die Justiz.



      Dufür muss man kein Idiot sein....denn es braucht weniger Empörung untereinander – und mehr Fokus auf die Ursachen von Ungleichheit.

      • @Stefan Schmitt:

        Ich kann ihre übergeordnete Struktur nicht erkennen - die Realität ist: Jemand will den ÖPNV nutzen, also muss er die Kosten dafür aufbringen. Wenn er ihn rechtswidrigerweise nutzt ohne zu zahlen, wird er(oder sie) zu recht bestraft. Die Ursache von Ungleichheit ist btw. üblicherweise die unterschiedliche Herangehensweise an Arbeit, Finanzen und Verantwortung

    • @Samvim:

      Ein kostenloser ÖPNV wäre machbar wenn alle Steuern der KFZ, Kraftstoff, C0`2 dadurch finanziert würden. Warum der Bürger*in teure Tickets kaufen muß liegt daran das Verkehrsunternehmen hoch verschuldet sind. Dafür sollte niemand in den Knast!

      • @HAHABerlin:

        Die Verkehrunternehmen sind kaum hoch verschuldet, und wenn, dann weil die Ticketpreise die Kosten nicht decken

      • @HAHABerlin:

        ja, vielleicht in den Ballungsräumen. Das flache Land müsste dann den ÖPNV über das notwendige eigene KFZ finanzieren.



        Im übrigen : Schwarzfahrer gibt es auch im Fernverkehr.

    • @Samvim:

      Was ist an einem kostenlosen ÖPNV, finanziert durch den Staat, so schrecklich?

      • @Perkele:

        Naja, wo soll ich anfangen?Vielleicht mit dem Grundsatz, was nix kostet ist auch nix wert: Schon heute ist der ÖPNV in Berlin in einem katastrophalen Zustand - und das nicht weil die Mitarbeiterinnen der BVG die Bahnhöfe und Züge vollko**en, vollschei**en oder vollpi**ssen... würden. Machen sie den Zugang kostenfrei und es folgt die völlige Entgrenzung. Und dann fragen sie mal die Brandenburger Dorfbewohner, warum sie mit ihren Steuergeldern den Berlinern den ÖPNV finanzieren sollen... Viel Erfolg mit dieser sozialen Maßnahme

      • @Perkele:

        Die vollständige Umwandlung einer Großstadt in eine autofreie Stadt hätte ein massives CO2-Einsparpotenzial, da der Straßenverkehr in Deutschland knapp 20 Prozent der Treibhausgasemissionen verursacht. Ein Umstieg vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel kann 'pro Person und Jahr' bis zu 1,6 Tonnen CO2 einsparen. Solange aber die mächtige Öl- und Autoindustrie überall das Sagen hat, wird sich nichts ändern.

        Eine sofortige und absolut autofreie Welt ist natürlich utopisch. Autofreie Großstädte würden aber viel zur Einsparung von CO2 beitragen; aber darüber wollen Politiker (weltweit) natürlich nicht so gerne reden. Und bei uns in Deutschland kommt das Thema Klimaschutz mit Friedrich Merz ohnehin nicht auf den Tisch.

        Ende Februar 2020 führte Luxemburg als erstes Land der Welt einen kostenlosen Nahverkehr ein. Seit Oktober 2022 ist auch in Malta der ÖPNV kostenlos. Seit 2025 ist der Nahverkehr in Belgrad kostenlos. Selbst in den USA gibt es schon Großstädte mit kostenlosem ÖPNV, etwa Albuquerque und Tucson. In Deutschland bieten einige Städte, darunter Augsburg, Erlangen, Pfaffenhofen und Monheim am Rhein, kostenlose Innenstadt-Zonen oder Linien an. Das ist ja wenigstens schon etwas.

      • @Perkele:

        Dadurch, dass "der Staat" den ÖPNV bezahlt, wird er nicht billiger. Es zahlen dann nur andere.

        • @sollndas:

          Für die Verbraucher*innen wird das sogar kostenlos und das Problem des Schwarzfahrens ist obsolet. Und ja, andere sollten sehr wohl solch ein Projekt mitfinanzieren - es dient der Gesellschaft und dem Klima. In anderen Ländern geht's ja auch und die fahren sehr gut damit.

          • @Perkele:

            Also jetzt mal langsam.



            Ich wohne in einem Dorf, ca. 20 km vom Zentrum einer Großstadt entfernt. Der ÖPNV ist hier so gut wie nicht existent. Die nächste Einkaufsmöglichkeit ist 8 km entfernt, ebenso der nächste Hausarzt, von Fachärzten ganz zu schweigen.



            Ohne Auto wäre ich aufgeschmissen. Nun ist ein Auto verdammt teuer. Und ich soll noch zusätzlich für diejenigen bezahlen, die sowieso schon durch das Vorhandensein eines ÖPNV privilegiert sind???



            Irgendwo hat die Solidarität ihre Grenzen.



            BTW: Das CO2 des Autos wird durch Windparkbeteiligungen überkompensiert.

          • @Perkele:

            Nein, da ja die Verbraucherinnen auch Steuerzahlerinnen sind.

      • @Perkele:

        Nennen Sie mir einen Grund, warum ich ohne Gegenleistung von Ihnen, Ihr kostenloses ÖPNV - Leben finanzieren sollte, sprich, was daran in einer Soldargemeinschaft richtig sein kann!

        • @Demokratischer Segler:

          Schauen Sie doch einmal über den Tellerrand hinaus. Es geht hier nicht um Ihr persönliches Bezahlen im Vergleich zu anderen, sondern um ein Mobilitätskonzept, das sozial ist und niemanden ausschließt.

          Warum sollen ausgerechnet diejenigen stärker belastet werden, deren Einkommen ohnehin begrenzt ist? Sinnvoller wäre es doch, die Finanzierung dort anzusetzen, wo Vermögen wächst – gerade in einem System, das große Ungleichheiten eher begünstigt als ausgleicht.

          Und natürlich: Stadt und Land müssen unterschiedlich gedacht werden. Aber genau das erfordert doch ein durchdachtes, solidarisches Gesamtkonzept statt kleinteiliger Schuldzuweisungen.

          Ein bisschen mehr Perspektivwechsel würde der Debatte gut tun – schließlich lebt Demokratie davon, dass man nicht nur den eigenen Standpunkt verteidigt, sondern das große Ganze im Blick behält.

          • @Stefan Schmitt:

            Dann erklären sie mir mal, wo Menschen mit weniger Geld stärker belastet werden - die zahlen doch wohl nicht mehr fürs Ticket als die "Reichen"?! Mehr als 50% der Gesamteinnahmen des VBB stammen bereits aus Steuergeldern, und damit auch von Menschen, die den ÖPNV garnicht nutzen. Es ist doch wohl eher so, dass die Mobilität von "armen" Menschen bereits jetzt massiv subventioniert ist.

            • @Samvim:

              Es ist im Grunde ein ganz einfaches Modell:



              Wer 100 Euro zur Verfügung hat, den trifft eine Erhöhung um 5 Euro deutlich stärker als jemanden, der 1000 Euro im gleichen Zeitraum zur Verfügung hat.

              Wenn Sie etwas größer denken würden, hätten Sie auch den ökologischen Wandel im Blick – ebenso wie den wirtschaftlichen Nutzen, den der Ausbau und die Pflege des öffentlichen Nahverkehrs mit sich bringen, gerade in Zeiten der Transformation. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass der ÖPNV sowohl attraktiver als auch bezahlbarer wird.

              Zudem finanzieren auch Nutzer des ÖPNV den Straßenbau über ihre Steuern.

              Deshalb sollte es nicht um egoistische Einzelinteressen gehen, sondern um die Frage, wie sich eine Gesellschaft nachhaltig entwickeln kann – auch im Sinne kommender Generationen.

        • @Demokratischer Segler:

          Das hat mit Verantwortung zu tun, mit Weitsicht, mit Solidarität. Ich kann nicht erkennen, was daran NICHT richtig ist.

      • @Perkele:

        Weil ich das nicht mit meinen Steuern finanzieren will. Mir ist mittlerweile die Solidarität abhanden gekommen. Sie dürfen mich dafür gerne kritisieren.

        • @Nachtsonne:

          Mit der Inhaftierung zahlen Sie doch anteilig viel mehr Steuern.

          • @A.W. :

            Es geht nicht um die Höhe der Steuern, sondern wofür sie ausgegeben werden. Für Inhaftierungen zahle ich die Steuern gerne.

          • @A.W. :

            Mein Steuerberater meint, für mich wäre es günstiger, kostenlosen Nahverkehr in Luxemburg mit meinen Steuern zu finanzieren als deutsche Gefängnisse.

            Nicht, weil der kostenlose Nahverkehr per se günstiger wäre, aber weil in Luxemburg so viele Nicht-Einwohner und Nicht-Nutzer (viele sind sogar beides) den ÖPNV bezahlen, dass die in diesem kleinen Land anfallenden Kosten pro Zahler nur ein Nasenwasser sind. 😎

        • @Nachtsonne:

          Mache ich hiermit gerne !

          • @A.W. :

            Geht es auch etwas konkreter?

  • "Rund 95 Prozent der Gerichtsentscheide führen zu einer Geldstrafe, nur 5 Prozent zu einer Freiheitsstrafe."



    Absolute Zahlen könnte ich mir schon besser vorstellen.



    Der Paragraf zum Schwarzfahren ist aus der Nazi-Zeit.



    Notorische Falschparker kommen ohne Haft davon, sind aber eher ein Problem.



    wdr.de



    "Ein Mann steht vor Gitterstäben in einem Gefängnis



    Schwarzfahrer im Knast: Ein Gesetz und seine Folgen



    Stand: 05.09.2025



    Die Initiative "Freiheitsfonds" hat erneut mehr als 100 Menschen aus der Haft freigekauft. Grundlage vieler dieser Fälle ist ein fast 90 Jahre altes Gesetz aus der NS-Zeit. Dieses stuft das Schwarzfahren als Straftat ein. In der neuen Folge des WDR-Podcasts "nah dran – die Geschichte hinter der Nachricht" geht es um Betroffene, die wegen unbezahlter Geldstrafen im Gefängnis landen. Überwiegend sind es Menschen am Rande der Gesellschaft. Sind also vor dem Gesetz also tatsächlich alle gleich?



    Experten-Schätzungen zufolge kommen 8.000 bis 9.000 Schwarzfahrer pro Jahr in Haft, weil sie ihre zuvor festgelegte Geldstrafe nicht bezahlen konnten oder wollten. Fahren ohne Ticket ist in Deutschland keine Ordnungswidrigkeit, sondern eine Straftat."



    2025, noch im Netz abrufbar!

  • Na, dann kann ich mir ja zukünftig mindestens schon mal mein Deutschland Ticket sparen! 63 EUR haben oder nicht haben!

    • @Demokratischer Segler:

      Wenn man nur Geld ausgibt, um Strafverfahren zu entgehen, dann gibt es richtig viel Sparpotential im täglichen Leben. Wussten Sie, dass Ihr Vermieter Sie nicht einsperren kann?

  • Wenn es zu einer Ordnungswidrigkeit herabgestuft wird, dann sollte das Bußgeld schon 150,- Euro betragen wenn man schwarz fährt. Im Jahr wird man im Mittel dreimal erwischt. Ab dem zweiten Erwischen steigert sich das Bußgeld um 70,- Euro.

    • @Der Cleo Patra:

      Wenn es zu einer Ordnungswidrigkeit wird, ist egal, wie hoch das Bußgeld wird. Eine Personalienfeststellung ist dann nicht mehr in jedem Fall realistisch (wozu der Schwarzfahrer aktiv beitragen kann) und andere Anhaltspunkte (wie das Kfz-Kennzeichen beim Falschparker) gibt es nicht. Da werden irgendwann Mickey Mouse und Donald Duck jeden Tag dutzendfach ohne Fahrschein angetroffen...

  • Ein sinnvoller Vorschlag.



    Ich bin mir sicher, Klingbeil und die Union werden das maximal öffentlichkeitswirksam zu verhindern wissen.