Krieg im Libanon: „Mit voller Härte ohne Unterbrechung“
Israelische Angriffe im Libanon töten in kürzester Zeit über 250 Menschen. Die Angriffe betreffen auch bislang verschont gebliebene Gebiete des Landes.
Nawal Yassine war Deutschlehrerin am Goethe-Institut in Beirut. Nader Khalil hatte 35 Jahre lang für die libanesische Firma Rifai Nüsse geröstet. Said el-Khansa war Sohn eines ehemaligen Bürgermeisters. Ghada Dayekh und Suzan Khalil hatten als Journalistinnen für Al-Manar TV and Al-Nour Radio gearbeitet. Sie sind unter den 254 gemeldeten Toten durch israelischen Beschuss im Libanon.
Israels Militär hatte am Mittwochmittag mit 50 Kampfjets 160 Bomben im Libanon abgeworfen. In nur 10 Minuten wurden 100 Ziele im Libanon getroffen. Betroffen waren auch 10 dicht besiedelte Viertel im Zentrum der Hauptstadt Beirut. Menschen aßen zu Mittag oder fuhren im Bus, als überall in der Stadt bombardiert wurde. Die Angriffe kamen für die Zivilbevölkerung völlig unerwartet. Neben den 254 Toten wurden 1.165 Menschen verletzt, meldet die Generaldirektion für Zivilschutz. Darunter viele Frauen und Kinder.
Berichte über Szenen in der Hauptstadt am Mittwoch: In einem Burgerrestaurant verstecken sich Mitarbeitende schreiend hinter der Theke, während die Sicherheitskamera aufnimmt, wie sich der Laden mit schwarzem Rauch füllt. Menschen suchen mit einem Neugeborenen auf dem Arm nach dessen Eltern. Eine Frau sitzt in ihrem zerstörten Haus fest und fragt nach ihrem Mann, den sie nicht finden kann. Ein Mädchen nimmt gerade am Online-Unterricht teil, als ein Sprengkörper ihr Gebäude trifft und ihre Mutter tötet – ihre Klassenkameraden werden online Zeugen des Unglücks.
Am Donnerstagmorgen suchten Rettungshelfer weiter nach Vermissten unter den Trümmern. Es ist der massivste Angriff im Libanon seit den Pager-Attacken gegen Hisbollah-Mitglieder im Jahr 2024. Viele der Orte, die nun bombardiert wurden, sind Gebiete, in denen die Hisbollah keine nennenswerte Präsenz hat.
Libanon nicht Teil der Waffenruhe, so Netanjahu
„In der Notaufnahme habe ich ein kleines Mädchen mit Verletzung am Auge getroffen. Sie war ängstlich, verwirrt, wusste nicht, wo ihre Eltern sind“, schreibt der libanesische Arzt Yehya Tlaiss online. Es habe ihn an Bilder aus Gaza erinnert, die er aus den sozialen Medien kannte. „Dieser Moment hat mich für immer verändert.“
Einige Stunden zuvor hatten die USA und Iran eine zweiwöchige Waffenruhe ausgerufen. Die Hisbollah-Miliz im Libanon hatte zugesagt, sich daran halten zu wollen. Laut dem pakistanischen Premierminister Shehbaz Sharif, dessen Land den Deal vermittelt hatte, war der Libanon ins Abkommen einbezogen. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu verneinte das jedoch. Er erklärte noch am Morgen, er sehe den Libanon nicht als Teil des Waffenstillstands. US-Präsident Donald Trump sprang ihm bei und erklärte, der Libanon sei eine separate Front.
Der belgische Außenminister Maxime Prévot war gerade in Beirut, um mit libanesischen Politikern über einen Waffenstillstand zu sprechen. Kurz bevor er Präsident Joseph Aoun für sein Angebot loben wollte, Verhandlungen mit Israel über einen Waffenstillstand aufnehmen zu wollen, begann Israel den massiven Angriff ohne Vorwarnung. „Wir befanden uns mit meiner Delegation in der Botschaft, nur wenige hundert Meter von dem Ort entfernt, wo die Raketen einschlugen. Das muss aufhören“, schreibt Prévot online.
„Ich hege den starken Verdacht, dass die Israelis diese jüngsten Gräuel im Libanon begangen haben, um die Iraner zum Rückzug aus dem Waffenstillstandsabkommen zu bewegen“, sagt Michael Young, Analyst am US-amerikanischen Carnegie Middle East Center in Beirut.
Bald neue Angriffe seitens Iran?
Israels Regierung und Diplomaten waren offenbar nicht an den Verhandlungen beteiligt, die zur Vereinbarung des Waffenstillstands geführt hatten. Israels Oppositionsführer Jair Lapid bezeichnete den Waffenstillstand sogar als eine der größten „politischen Katastrophen unserer Geschichte“. Womöglich reagierte Netanjahu mit dieser Demonstration der Gewalt im Libanon auf diese Vorwürfe. Die rechtsextremen Minister seiner Regierung sowie Netanjahu selbst hatten erklärt, nicht nur das iranische Regime, sondern auch die mit der Islamischen Republik verbündete Hisbollah „auslöschen“ zu wollen.
Der Iran reagierte und hielt die Straße von Hormus für den Schiffsverkehr geschlossen. Es könnte sogar neue Angriffe geben, als Reaktion auf die „Verletzung der vorübergehenden Waffenruhe im Libanon“, berichtet die iranische Nachrichtenagentur Fars. Am frühen Donnerstagmorgen schoss die Hisbollah erneut Raketen auf Israel.
Israels Militär hat angekündigt, der Krieg im Libanon gehe „mit voller Härte ohne Unterbrechung“ weiter. Ein israelischer Militärsprecher behauptete, die Hisbollah würde quasi umziehen nach Nord-Beirut in religiös „gemischte Wohngebiete“. Der Sprecher drohte der Bevölkerung: „Die Zerstörung, die die Hisbollah in Dahieh [Süd-Beirut] angerichtet hat, wird mit ihnen weiterziehen.“
Lemkin-Institut: „Sabotage des Friedens“
Am Abend und in der Nacht gingen die israelischen Angriffe weiter. In Beirut traf eine Rakete ein neunstöckiges Wohnhaus in Tallet al-Khayyat, einer reichen, sunnitisch geprägten Wohngegend. Ein Teil des Hauses fiel in sich zusammen, einige Bewohner*innen waren in dem Gebäude gefangen. Der Zivilschutz versuchte, sie zu retten.
Im Südlibanon bombardierte Israel die Brücke Al-Qasmiya – eine der letzten befahrbaren Straßen zwischen Nord- und Südlibanon. Damit ist der Süden des Landes von Hilfslieferungen faktisch abgeschnitten. Zuvor hatte Israel bereits sechs andere Brücken entlang des Flusses Litani bombardiert und angekündigt, das Gebiet militärisch zu besetzen.
Nawaf Salam, libanesischer Premierminister
„Israel missachtet völlig die Grundsätze des Völkerrechts, die es nie respektiert hat“, sagte Libanons Premierminister Nawaf Salam, der zuvor Präsident des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag war. Er rief am Mittwoch „alle Freunde des Libanon auf, Israel mit allen verfügbaren Mitteln dabei zu unterstützen, diese Aggressionen zu beenden“. Der libanesische Präsident Aoun bezeichnete die Angriffe als Massaker.
Das Lemkin-Institut für Genozidprävention sprach von „Sabotage des Friedens“ und warnte davor, dass „Israel den gesamten Libanon zerstört, wie es den Gazastreifen zerstört hat“. Die Behauptung, das „Blutbad“ habe der Hisbollah gegolten, verhöhne „nicht nur das humanitäre Völkerrecht, sondern auch Moral, Ethik und Menschlichkeit“. Westliche Staaten, insbesondere die USA, sollten Israel militärisch und diplomatisch isolieren, um das Land zur Vernunft zu bringen, rät das Institut.
Trotz allem sollen die Verhandlungen mit den USA über ein Ende des Krieges in Pakistan weitergehen: Am Donnerstag reisten wohl bereits iranische Diplomaten an.
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