: „Sie wollen der Realität nicht ins Auge sehen“
Francesca Albanese ist UN-Sonderberichterstatterin für Palästina. Hier spricht sie über ihre Arbeit, Folter in Israel und die Kritik an ihrer Person
Interview Daniel Bax und Frederik Eikmanns
taz: Frau Albanese, warum kritisieren Sie ständig Israel?
Francesca Albanese: Ich wurde von den Vereinten Nationen beauftragt, Menschenrechtsverstöße in den besetzten palästinensischen Gebieten zu dokumentieren und darüber zu berichten. Warum kritisiere ich Israel? Weil Israel dort die Besatzungsmacht ist. Es gibt auch andere Länder, die unter besonderer Beobachtung der Vereinten Nationen stehen. Aber mein Mandat ist sehr heikel, gerade für die deutschen Behörden.
taz: Manche sagen, Sie seien eine Aktivistin.
Albanese: Ist das schlimm? Was wäre denn das Gegenteil?
taz: Eine neutrale Beobachterin?
Albanese: Soll ich meine Berichte vorlegen und schweigen, während Menschen, darunter Kinder, abgeschlachtet werden? Ich weiß nicht, ob ich eine Aktivistin bin, aber ich bin sehr aktiv. Ich verteidige die Menschenrechte und verstecke mich nicht hinter irgendwelchen Statuten. Meine Aufgabe ist es, Menschenrechtsverletzungen öffentlich zu machen und dafür zu sorgen, dass etwas dagegen getan wird. Andere Sonderberichterstatter, etwa für den Kampf gegen den Terror und für das Recht auf Nahrung, sagen übrigens das Gleiche über Israel wie ich.
taz: Außenminister Johann Wadepuhl (CDU) hat Ihren Rücktritt gefordert. Deutsche Universitäten haben Sie 2025 auf Druck ausgeladen, Ihr jüngster Besuch wurde von Protesten begleitet. Ist Deutschland ein schwieriges Pflaster für Sie?
Albanese: Anders als in Spanien, Südafrika, Irland, Slowenien oder Belgien werde ich hier nicht mit offiziellen Ehren empfangen, sondern von Privatpersonen eingeladen. Aber es gibt hier viele gute Wissenschaftlerinnen, Aktivisten und ganz normale Bürger, die sich gegen die Schikanen zur Wehr setzen. Deshalb freue ich mich immer, nach Deutschland zu kommen.
taz: Sie legen alle sechs Monate einen Bericht vor. Worauf legen Sie dabei den Schwerpunkt?
Albanese: Seit Amtsantritt im Mai 2022 habe ich acht Berichte verfasst, fünf von ihnen beziehen sich auf den Völkermord in Gaza – was Israel dort getan hat und warum es nicht gestoppt wurde. Das liegt an der Komplizenschaft von über 60 Staaten, darunter Deutschland und Italien, die politische, finanzielle, militärische oder diplomatische Unterstützung geleistet haben. Und an Unternehmen, Universitäten und Pensionsfonds, die davon profitiert haben.
taz: Ihr letzter Bericht beleuchtet die Lage palästinensischer Häftlinge in israelischen Gefängnissen.
Albanese: Es geht nicht nur um die Häftlinge, sondern um alle Palästinenser und was mit ihnen vor dem Hintergrund dieses Völkermords passiert ist. Die ersten dokumentierten Fälle von Folter und Vergewaltigungen palästinensischer Gefangener reichen bis ins Jahr 1967 zurück, dem Beginn der Besatzung. Aber das Ausmaß an Grausamkeit und Entmenschlichung seit dem 7. Oktober 2023 ist unglaublich.
taz: Was meinen Sie damit?
Albanese: Wir haben mit Hunderten Palästinenserinnen und Palästinensern gesprochen und Berichte von Menschenrechtsorganisationen gesammelt – israelischen, palästinensischen und internationalen. Man muss sich ihre Zeugenaussagen durchlesen. Sie schildern, wie sie nackt mit verbundenen Augen ausharren mussten und geschlagen oder angepinkelt wurden. Andere erlitten Knochen- und Schädelbrüche, ihnen wurden Zähne ausgeschlagen. In Militärgefängnissen wurden ihre Wunden nicht behandelt, ihnen wurden ohne Betäubung Gliedmaßen amputiert. Ein Zeuge berichtet, dass Joghurt auf den Boden geworfen wurde und sie gezwungen wurden, ihn aufzulecken. Andere wurden so schwer geschlagen, dass sie einen Herzinfarkt erlitten. Frauen und Männer haben ausgesagt, von Soldaten vergewaltigt worden zu sein, wiederholt und in Gruppen, mit Metallstangen, Flaschen oder Messern, manche durch Hunde. Es ist wirklich monströs.
taz: Und das sind Ihrer Ansicht nach keine Einzelfälle?
Albanese: Nein. Schläge und Demütigungen sind an der Tagesordnung, und Gefangenen wird systematisch Nahrung vorenthalten. Ärzte und Journalisten werden oft besonders schlecht behandelt. Der Holocaust-Überlebende Jean Améry hat gesagt, Folter zerstöre die Welt eines Menschen unwiderruflich, und ich stimme dem voll und ganz zu. Und leider kann ich nicht die Vergangenheitsform verwenden, denn das geht immer noch so weiter. Israel hat über 18.500 Palästinenser verhaftet und inhaftiert, und ich bezweifle, dass es unter ihn einen gibt, der keine Folter erlebt hat. Aber die Welt will es einfach nicht wissen.
taz: Sie selbst können nicht nach Israel und in die besetzten Gebiete reisen. Wie kommen Sie an die Informationen für Ihre Berichte?
Albanese: Wir haben mit Anwälten vor Ort gesprochen, die in Kontakt mit palästinensischen Folteropfern standen, und sie haben von ihnen eidesstattliche Erklärungen eingeholt. Die erste Aussage über Vergewaltigung und Folter in Haft hat uns, den Sonderberichterstatter für Folter und mich, schon im Februar 2024 erreicht. Dann gab es einen UN-Bericht, in dem stand, dass eine Reihe von UN-Mitarbeitern gefoltert und vergewaltigt wurde, und die israelischen Menschenrechtsorganisationen B’Tselem und Physicians for Human Rights haben ebenfalls Berichte über Folter in Haft veröffentlicht. Aber das Problem ist viel größer und geht über die Gefängnisse hinaus.
taz: Inwiefern?
Albanese: Israel hat ein Umfeld geschaffen, das an sich schon Folter ist. Von Lebensmitteln abgeschnitten zu sein, ansehen zu müssen, wie die eigene Familie am Hunger stirbt und die konstante Bedrohung, entweder getötet oder vertrieben zu werden – dieser Terror geht von israelischen Soldaten und Siedlern aus. Das ist psychologische Folter.
Francesca Albanese
1977 in Italien geboren, ist Rechtswissenschaftlerin mit Spezialisierung auf Internationales Recht und Menschenrechte. Seit 2022 ist sie UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten Gebiete Palästinas.
taz: Ein Video aus dem Haftlager Sde Teiman zeigte 2024, wie israelische Soldaten einen Palästinenser vergewaltigen. Warum hatte das kaum juristische Konsequenzen?
Albanese: Abgesehen von ein paar Ausnahmen will die israelische Bevölkerung das einfach nicht wahrhaben und versucht, es zu verdrängen. Das ist ein interessantes Phänomen, eine Art selektive Wahrnehmung – man sieht die einzelnen Indizien, aber weigert sich, das größere Ganze zu erkennen.
taz: Ändern Ihre Berichte überhaupt etwas?
Albanese: Auf jeden Fall. Ansonsten hätten die USA keine Sanktionen gegen mich verhängt. Das wäre nicht nötig, wenn mir niemand zuhören würde. Wir haben das Schweigen durchbrochen, und dadurch entsteht in den westlichen Gesellschaften eine kritische Masse. Nehmen Sie Italien: Meine Arbeit war fundamental wichtig, um das Gewissen der Italiener zu wecken. Es gibt immer mehr Aufmerksamkeit für Palästina.
taz: Und in Deutschland?
Albanese: Ich habe die Deutschen immer dafür bewundert, wie kritisch sie mit ihrer Vergangenheit umgegangen sind. Aber ich wurde enttäuscht, besonders von den deutschen Intellektuellen. Fast alle von ihnen schweigen. Und selbst wenn einem Palästina egal ist, sollte es einem Sorgen machen, wie die Polizei in Deutschland mit Schlagstöcken gegen Protestierende vorgeht. Umso mehr, wenn man weiß, wogegen sie protestieren.
taz: Sie haben vor einigen Jahren einen Post geteilt, der ein Foto von Benjamin Netanjahu neben einem von Adolf Hitler zeigt. Bereuen Sie das?
Albanese: Darauf zu antworten, fühlt sich an, als würde ich mit dem Finger auf den Mond zeigen – und alle gucken nur auf meinen Finger. Im Ernst?!
taz: Finden Sie diesen Vergleich nicht antisemitisch?
Albanese: Ich weiß sehr gut, was Antisemitismus ist – die Diskriminierung von Juden, weil sie Juden sind. Ich lehne das mit jeder Faser meines Körpers ab. Aber anders als für viele in Deutschland gilt die Mahnung „Nie wieder“ für mich für alle Menschen. Für Kongolesen, für Ruanderinnen, für Bosnier und Palästinenserinnen. Ich würde nicht einmal meine eigene Mutter bedingungslos unterstützen und vor dem Gesetz schützen, wenn sie eine Mörderin wäre.
taz: Manchen stößt es auf, wenn Sie den jüdischen Staat mit dem Genozid an Juden in Verbindung bringen.
Albanese: Und mich stößt es ab, dass Deutschland der zweitgrößte Waffenlieferant für ein Land ist, das gerade 22.000 Kinder getötet hat. Sie wollen dieser Realität nicht ins Auge sehen, deshalb beschuldigen Sie mich.
taz: Warum beziehen Sie sich auf den Holocaust?
Albanese: Warum soll ich nicht über den Genozid sprechen, den unsere Väter und Großväter begangen haben?
taz: Weil es zwischen dem Holocaust und Israels Verbrechen große Unterschiede gibt.
Die Lage
Im Herbst 2025 einigten sich Israel und Hamas auf einen brüchigen Waffenstillstand, doch das Leid ist weiterhin groß im Gazastreifen. Im Westjordanland terrorisieren israelische Siedler immer offener die Palästinenser.
Der Völkermord-Vorwurf
Vor dem Internationalen Gerichtshof wird verhandelt, ob Israels Vorgehen in Gaza als Genozid zu werten ist. Eingereicht wurde die Klage von Südafrika, unterstützt von vielen Staaten des Globalen Südens. Auch Organisationen wie Amnesty International sprechen von einem Völkermord. Israel, die USA, Deutschland und andere weisen den Vorwurf zurück.
Albanese: Auch die Juden wurden von ihren Verfolgern nicht als Menschen angesehen. Als Primo Levi sein Buch „Ist das ein Mensch?“ schrieb, warfen die Leute ihm vor zu übertreiben. Niemand wollte glauben, was den Juden angetan worden war. Ich habe viel Mitgefühl für das, was dem jüdischen Volk widerfahren ist. Aber wir dürfen die Erinnerung an den Holocaust nicht dazu benutzten, um zu ignorieren, was mit unserem Geld und unseren Waffen getan wird.
taz: Die USA haben 2025 Sanktionen gegen Sie verhängt.
Albanese: Sie treffen mich sehr hart. Aber das ist egal.
taz: Wie wirken sie sich aus?
Albanese: Jede Bank in Europa weigert sich wegen der US-Sanktionen, mir ein Konto zu eröffnen. Ich muss mir ständig Geld leihen. Auch, was ich mit meinen Büchern verdiene, kann mir nicht überwiesen werden und jeder US-Bürger, der mit mir Geschäfte macht, riskiert 20 Jahre Haft und eine Geldstrafe von einer Million Euro. Mein Mann arbeitet für eine Organisation in den USA, aber wir können dort nicht hinreisen. Wir haben ein Apartment in den USA, das wir nicht nutzen und nicht verkaufen können. Das lastet schwer auf uns. Aber das ist nicht das eigentliche Problem.
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