Klimapolitik und Zukunft: Das Meckern über Moral
Der Klimaschutz sei zu moralisch, moralisierend, moralistisch, hört man oft. Aber wer profitiert davon, wenn man sich diesen Vorwurf zu Herzen nimmt?
Z u den vielen Unwuchten im Politikbetrieb gehört es, dass das linke Lager jederzeit bereit ist, sich noch den billigsten Vorwurf des politischen Gegners zu Herzen zu nehmen – „Ui, haben die da doch einen Punkt?“ – und die eigenen Argumente durchzuflöhen. Auf konservativ-wirtschaftsliberaler Seite dagegen ist das selten bis nie zu beobachten. Das Bemühen um halbwegs widerspruchsfreie Begründungszusammenhänge bleibt ein linkes Hobby, und ebenso lange wird die Macht vermutlich auf der anderen Seite wohnen bleiben.
Das derzeit beeindruckendste Beispiel dafür ist die Klimapolitik. Der Durchmarsch der fossilen Lobby auch durchs bundesdeutsche Kabinett macht die Klimaziele zur Fata Morgana – einem Trugbild in der Wüste, als die wir uns große Teile Europas in der Zukunft vorstellen dürfen. Doch hadern KlimaschützerInnen weiterhin damit, ob und inwiefern die Vorhaltung wohl stimmt, dass Klimaschutz stets zu moralisch, moralisierend, moralistisch sei, eben mit einer „überhöhten Moral“ daherkomme, wie es Friedrich Merz als Noch-nicht-Kanzler über die Grünen donnerwortete.
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Wie bei vielem anderen ist Merz als Kanzler auch hierin längst vom Gas gegangen. Grünen-Parteichef Felix Banaszak bestätigte den Vorwurf jedoch indirekt noch einmal, als er im März programmatisch schrieb, das „Kampffeld“ müsse „von der Moralisierung von Lebensstilfragen“ weg verlegt werden, hin zur „Herausforderung schädlicher Machtverhältnisse“.
An genau dieser Stelle habe ich mich schon einmal mit meinem Kolumnenkollegen Peter Unfried verhakt. (Er: Moral raus aus dem Klimaargument! – Ich: Das Klimaargument geht nur mit Moral!) Umso glücklicher war ich deshalb, vorige Woche auf unserem Jahreskongress, dem taz lab, eine Diskussion mit zwei MoralexpertInnen führen zu dürfen. Wir hatten eine Auflösung. Kurz zusammengefasst: Man entkommt der Moral nicht.
Die Idee von einer besseren Zukunft
Die Schriftstellerin Anne Rabe, die jüngst das Buch „Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral“ geschrieben hat, sagte: „Vielleicht ist eine Politik, die sich an einem Ideal oder an einer Idee von einer besseren Zukunft ausrichtet, per se verdächtig.“ Doch genau deshalb sollten sich Progressive – gedacht bis in gemäßigte CDU-Kreise hinein – diese Vorstellung einer besseren Zukunft nicht nehmen lassen, sondern sie nur noch deutlicher formulieren.
Gegen Moral spreche dabei überhaupt nichts, sagte Rabe. Moral sei schließlich „ein Mittel, die Gesellschaft resilienter, intelligenter und besser zu machen, mit den Herausforderungen unserer Zeit umzugehen“.
Über Moral zu meckern, sei ungefähr so schlau, wie sich über Schwerkraft zu beschweren, sagte auch der Philosoph Hanno Sauer. Er hat in „Moral. Die Erfindung von Gut und Böse“ die Entwicklung der Moral durch die Menschheitsgeschichte nachgezeichnet. „Die Behauptung, dass einem mit Moral unangenehm in den Nacken geatmet werde, ist abwegig“, führte Sauer in entzückender Metaphorik aus. Zwar gebe es Bereiche wie Kunst oder Sport, denen der „Import von Moral“ nicht unbedingt guttue. Das gelte aber nicht für die Politik. „Moral ist die Abwägung und Versöhnung von Interessen – auch von Menschen, die noch nicht geboren sind, und Menschen am anderen Ende des Planeten.“
Bleibt die Frage, unter welchen Umständen die WählerInnen es dulden, ihre Interessen etwa am Autofahren mit den Interessen noch nicht geborener Menschen abzugleichen. „Preise sind ein akzeptiertes Mittel“, sagte Sauer, „dann bräuchte man gar keine Moral, weil’s einfach zu teuer ist.“ – „Um das zu rechtfertigen, bräuchte man eine moralische Diskussion“, entgegnete Rabe. Wie erwähnt: Moral ist sowieso überall drin.
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