piwik no script img

Von Hormus nach SuezEs geht um globale Machtansprüche

Vor 70 Jahren versetzte Ägypten mit der Übernahme des Suezkanals dem britischen Imperialismus den Todesstoß. Wiederholt sich mit Iran die Geschichte?

Der Suezkanal ist als enorm abkürzender Wasserweg für die Wirtschaft von großer Bedeutung Foto: dpa

E ine aufstrebende Regionalmacht fordert die Weltordnung heraus. Sie baut eine antiwestliche Achse quer durch den Nahen Osten und verstaatlicht eine für den Welthandel überlebenswichtige Wasserstraße. Es kommt zum Krieg. Iran und die Straße von Hormus 2026? Nein. Ägypten und der Suezkanal 1956.

Ägyptens Militärherrscher Gamal Abdel Nasser, der sich 1954 an die Macht geputscht hatte, war damals eine Leuchtfigur für den „globalen Süden“, der damals noch nicht so hieß. Er wollte sein Land aus feudaler Rückständigkeit in die Moderne führen. Er wollte die arabische Welt vereinen. Er unterstützte Afrikas Unabhängigkeitskämpfer. Und am 26. Juli 1956 verstaatlichte er den Suezkanal, der auf 193 Kilometern Länge das Rote Meer mit dem Mittelmeer verbindet und die wichtigste Schifffahrtsroute zwischen Europa und Asien darstellt.

Das war eine Kriegserklärung an die damalige Weltordnung. Die „Compagnie Universelle du Canal Maritime de Suez“ war 1858 als französisch-ägyptisches Gemeinschaftsunternehmen entstanden, um den Kanal zu bauen und zu betreiben. Ägypten veräußerte seinen Anteil 1875 an das britische Empire, das Ägypten 1882 auch militärisch besetzte. Fortan stand der Suezkanal als formal neutraler Wasserweg unter faktischer britischer Kontrolle, obwohl er durch ägyptisches Territorium führt.

Nasser handelte erst das Ende der britischen Militärpräsenz aus und unterstellte den Kanal dann dem ägyptischen Staat. In London und Paris schrillten die Alarmglocken. Nassers Auftreten erinnerte an den Italiener Mussolini, sein Handstreich an Hitlers Übernahme des französisch besetzten Rheinlands 1936. Großbritanniens Premierminister 1956, Anthony Eden, war 1936 Außenminister gewesen und wollte diesmal nicht wieder scheitern. Frankreich sah in Nasser einen Feind, denn er unterstützte die Freiheitskämpfer in Algerien. Am entschiedensten wollte Israel einen Präventivkrieg.

Die USA wollten damals keine Konfrontation

Aber so einfach war das nicht. Israel konnte nicht ohne die Franzosen und deren Militärhilfe handeln. Frankreich konnte nicht ohne britische Luftunterstützung handeln. Großbritannien konnte nicht ohne Washingtons Finanzhilfen handeln. Alles hing von den USA ab. Und die wollten so kurz nach dem Koreakrieg von 1950–53 keine neue globale Konfrontation, die die arabische Welt in die Arme Moskaus getrieben hätte.

London und Paris aber wollten Härte zeigen. Es entstand folgender geheimer Plan: Israel marschiert in Ägypten ein und schafft damit eine Bedrohung für die Sicherheit des Kanals. Briten und Franzosen besetzen den Suezkanal, um die Kriegsparteien voneinander zu trennen und nebenbei die Kontrolle über den Kanal wiederherzustellen. Die USA würde man vor vollendete Tatsachen stellen.

Es klang einfach und es ging schnell. Am 29. Oktober 1956 überquerte Israels Armee die Grenze und stieß rasch über die Sinai-Halbinsel vor. Am 30. Dezember forderte der britische Premierminister Israelis und Ägypter beide dazu auf, sich vom Kanal zurückzuziehen. Schon am 31. Oktober begannen britische Luftangriffe auf Ägypten. Am Morgen des 6. November besetzten britische Truppen das ägyptische Port Said am Mittelmeerende des Kanals.

Das Problem: Die USA hatten den Militäraufmarsch natürlich mitbekommen und waren dagegen. Und als es losging, war es zu spät. Nasser hatte seine Armee aus Sinai zum Kanal zurückgeholt und blockierte ihn mit versenkten Frachtern voller Beton. Die britisch-französische Operation hätte den Krieg ausgeweitet, nicht beendet. Schon am Abend des 6. November erfolgte aus Großbritannien der Befehl zum Rückzug. Der Krieg war vorbei. Der Suezkanal blieb in ägyptischer Hand.

Wendepunkt der Weltpolitik

Die „Suezkrise“ des Jahres 1956 erwies sich als Wendepunkt der Weltpolitik. Sie war der Sargnagel für den britischen und französischen Imperialismus, der jetzt offensichtlich nicht mehr aus eigener Kraft durchsetzungsfähig war. In Afrika gingen alle weiteren kolonialen Rückzugsgefechte verloren. In der arabischen Welt triumphierten nationalistische Militärregime.

Die Dynamik des Irankrieges heute, der sich vor allem um die Straße von Hormus dreht, zeigt mit der Suezkrise verblüffende Ähnlichkeiten. Wieder geht es um die Kontrolle eines für die Welt wichtigen Schifffahrtsweges. Wieder stürzt sich eine imperiale Macht dafür in ein militärisches Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wieder besteht Unklarheit über die politischen Ziele des militärischen Handelns: Nur Freiheit der Meere oder doch Regimewechsel?

1956 hießen die Abenteurer Großbritannien und Frankreich. 2026 sind es die USA. In beiden Fällen sind die Kreditgeber der Abenteurer um Mäßigung bedacht: 1956 die USA, 2026 China. Und in einer List der Geschichte stehen heute ausgerechnet Großbritannien und Frankreich an der Spitze der Überlegungen, wie die Straße von Hormus künftig friedlich offenzuhalten ist.

An der Hormus-Krise hängt viel mehr als der globale Ölhandel. Es geht um Fortbestehen oder Ende der globalen Machtansprüche der USA – nicht so sehr wegen der militärischen Konfrontation, sondern wegen der Wahrnehmung. Schon bei der Suezkrise war nicht der Kriegsverlauf entscheidend, sondern die Sichtbarmachung neuer globaler Machtverhältnisse. Nie zuvor hatte das britische Empire einen imperialen Krieg zu den Bedingungen anderer beenden müssen. Das veränderte die Sicht der Welt auf das Land und auch des Landes auf sich selbst.

Die USA haben das zwar schon in Vietnam und Afghanistan erlebt – aber „Make America Great Again“ ist ausdrücklich der Anspruch, diesen Statusverlust rückgängig zu machen. Wenn MAGA nun Schiffbruch erleidet, könnte in den Meeren vor Iran erneut ein Imperium untergehen. So wie vor Ägypten vor siebzig Jahren.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Dominic Johnson
Ressortleiter Ausland
Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.
Mehr zum Thema

10 Kommentare

 / 
  • Kann der Iran das in Hormuz durchsetzen wäre das das Ende der freien Schifffahrt, Dänemark Malaysia, Türkei, Spanien würden dann ähnliches machen und es würden viele ähnliche Sachen folgen. Ein weiterer Sargnagel in die regelbasierte Weltordnung.

  • Kann man so sehen, muss man aber nicht. Damals war das rein imperialistisch, heute geht es auch um ein militantes Mullah Regime, dass demnächst in der Lage sein könnte die Welt mit Atomwaffen zu erpressen. Mal von der eigenen Bevölkerung abgesehen, die massakriert wird.

    • @Kommentierer77:

      Die islamische Republik ist selbst ein imperialistischer Akteur die mit ihren Proxies ein Terrorregime von Yemen bis nach Libanon errichtet hat.

  • Ein interessanter Vergleich, den Dominic Johnson da anstellt.



    Könnte es sein, dass ausgerechnet Donald Trump, der antrat, die USA „great again“ zu machen, an seinem selbstgesteckten Ziel scheitert und sich somit mit diesem Krieg gegen den Iran zum Totengräber hegemonialer US-amerikanischer Macht und Herrlichkeit macht?



    Man sollte sich nur über die Konsequenzen bewusst sein: hier unterliegt nicht irgendein Schurkenstaat gegen einen anderen, sondern es gerät ein Gesellschaftsmodell geopolitisch ins Wanken (verschuldet durch seinen eigenen POTUS), das bisher (immer noch) allen westlichen liberalen Demokratien unangefochten als Vorbild galt - oder zumindest als solches verkauft wurde. Ins Trudeln gebracht ausgerechnet durch einen islamistischen Gottesstaat, dessen erklärte Feinde eben jene westlich-säkularen demokratischen Gesellschaften sind.



    Alle Linken, die jetzt die Aussicht auf ein mögliches Ende des US-Imperialismus bejubeln, sollten darüber einmal nachdenken.

  • Schön geschrieben!



    Wäre wahrscheinlich auch ein "Thriller-Drehbuch" wert, aber wer will das alles am Ende noch cineastisch in dieser Epoche vermarkten?



    Dennoch:



    Es mangelt wirklich nicht an historischen Parallelen!

  • Was der Autor vergisst: hier handelt es sich um eine gegenseitige Blockade. Iran sperrt die Straße von Hormus, aber die USA lässt keine Schiffe mehr aus dem Golf von Oman, die aus iranischen Häfen ausgelaufen sind. Hier stellen sich dann zwei Fragen:



    a) wer hält die Blockade länger durch?



    b) wird am Ende des Waffenstillstands nächste Woche die USA wieder den Iran angreifen und mit Bomben angriffen überziehen?



    Im Gegensatz zu 1956, als Großbritannien und Frankreich nicht mehr die größten Militärmächte der Welt waren, ist das amerikanische Militär auch heute das stärkste der Welt. Bei einem Luftkrieg bleiben auch die Verluste der USA klein, allerdings kann dann auch der Iran weiterblockieren. Riskieren Trump und Hegseth einen Bodenkrieg, werden die amerikanischen Verluste viel größer ausfallen, und das ein halbesJahr vor den Kongresswahlen. Sind dafür Trump und Hegseth verrückt genug?

    • @Offebacher:

      Momentan sieht es aber nicht danach aus, als wolle der Iran klein beigeben und die Straße von Hormuz freigeben. Wozu auch, so lange der POTUS in sattsam bekannter großsprecherischer Manier dem Kriegsgegner seine Verhandlungsbedingungen öffentlich auf Truth Social diktiert?



      Diplomatie geht anders. Aber das weiß Mr. President natürlich nicht.

      • @Abdurchdiemitte:

        Trump und Diplomatie sind nicht nur unterschiedliche Welten, sondern unterschiedliche Universen. Entweder ist Trump ein einzigartiger Lügner und Großkotz, oder ein Fall für die geriatrische Station in einer Psychiatrie. Vielleicht oder eher wahrscheinlich auch beides.



        Allerdings ist Trump nicht alleine, es gibt noch Hegseth und Vance. Und zumindest Vance halte ich nicht für strohdumm.

  • 1



    Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Suezkanal und der Straße von Hormus. Der Suezkanal muss ständig gewartet werden. Wenn da also Gebühren zu zahlen sind, ist das nur logisch.



    Wenn der Iran jetzt Gebühren für die Durchfahrt der Straße von Hormus verlangt, dann geht es einfach nur um Politik und nicht mehr um Vernunft. Schließlich verlangt in Europa ja auch niemand Geld für die Durchfahrt des Ärmelkanals.



    2



    Aber natürlich verstehe ich auch den Iran. Der Versuch Mossadegh, den wesentlichen Einfluss zurückzudrängen, scheiterte. Die spätere westliche Politik zielte immer darauf ab, den Iran zu erniedrigen und in die Knie zu zwingen. Wenn der Iran also jetzt erkannt hat, dass er mit der Straße von Hormus ein Ass in der Hand hat, dann wundert es mich nicht, wenn er diese Karte auch ausspielt.

  • Die Gegenblockade der USA hat das Zeug, den Iran ökonomisch in kurzer Zeit zu ersticken. Vergleiche mit der Suezkrise wirken weit hergeholt.