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Kanzler beim Deutschen GewerkschaftsbundSpalter Merz

Anna Lehmann

Kommentar von

Anna Lehmann

Der Kanzler hat offenbar kein Interesse an Kompromiss und Integration. Wenn er noch Erfolg haben will, muss er den Neoliberalen in sich bändigen.

Mal wieder besticht Merz im Zwietrachtsähen Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

M ut hat er ja. Man muss Friedrich Merz zugutehalten, dass er sich zum Gewerkschaftskongress traut. Das ist kein Wohlfühltermin für einen, der einst einen „an die Leistungsgrenzen gelangten Sozialstaat“ beklagte, der 2008 prophezeite, „dass unsere Form der Mitbestimmung in 10 bis 15 Jahren keine reale Bedeutung mehr haben wird“ und der bis heute findet, dass die Ar­beit­neh­me­r:in­nen in Deutschland zu wenig arbeiten und zu oft krank machen.

Merz denkt klassisch neoliberal. Aber als Kanzler ist er eben allen Menschen verpflichtet und nicht nur den Aktionären. Deutschland, da hat er recht, braucht Reformen. Es ist nicht gerecht und auf Dauer auch nicht tragbar, dass vor allem die Bei­trags­zah­le­r:in­nen die Kosten einer alternden Gesellschaft tragen. Es ist gut, dass es dieses Netz gibt, es macht den Faktor Arbeit aber eben auch teurer. Aber in einem korporatistisch verfassten Land lässt sich all dies miteinander besprechen. Wenn man will.

Aber will Merz das überhaupt? Er nahm jedenfalls nicht den Ball auf, den ihm die wiedergewählte DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi zuwarf: Man möge miteinander ins Gespräch kommen – ob bei Rente, Arbeitszeit oder über die Zukunft des Industriestandortes. Stattdessen ermahnte der Kanzler die Delegierten, sie mögen nicht auf der Bremse stehen – und war schon wieder ganz im gewohnten Duktus des oberlehrerhaften Besserwissers.

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Erst vergangene Woche fuhr die Regierung spektakulär mit ihrem 1.000-Euro-Krisenbonus gegen die Wand. Nun will man einen erneuten Anlauf nehmen, und zwar wieder, ohne sich mit Ländern und Sozialpartnern abzustimmen. Das Scheitern ist vorprogrammiert. Zudem treibt Merz den Keil in die Gesellschaft, indem er mal eben den Grundsatz seines Amtsvorgängers aufkündigt: You’ll never walk alone. Olaf Scholz versprach eine Zeitenwende, die niemandem wehtun sollte. Vielleicht war das in der Tat zu optimistisch. Merz kündigt nun an, Prioritäten zu setzen, jeder müsse einen Beitrag leisten – erwähnt aber mit keiner Silbe Top­ver­die­ne­r:in­nen oder Vermögende. Denn die sind im Merz’schen Kosmos die eigentlichen Leis­tungs­trä­ge­r:in­nen – ihre Steuern will die CDU auf keinen Fall erhöhen.

Vor dem Hintergrund der schnell wachsenden Verteidigungsausgaben befeuert das Diskurse à la Wohnungsbau oder Raketen. Davon werden aber vor allem jene profitieren, die finden, dass man die Ukraine schleunigst fallen lassen und den Ausgleich mit Russlands Präsident Wladimir Putin suchen sollte. Wenn Merz die Gesellschaft zusammenhalten und das Land stärken will, dann muss er den Neoliberalen in sich ein Stück weit hinter sich lassen. Zur Veränderung sollten wirklich alle bereit sein.

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Anna Lehmann
Leiterin Parlamentsbüro
Schwerpunkte SPD und Kanzleramt sowie Innenpolitik und Bildung. Leitete bis Februar 2022 gemeinschaftlich das Inlandsressort der taz und kümmerte sich um die Linkspartei. "Zur Elite bitte hier entlang: Kaderschmieden und Eliteschulen von heute" erschien 2016.
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8 Kommentare

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  • Eigentlich ist es nicht so schwer. Im Bundeshaushalt fehlen regelmäßig 30-100 Mrd. €, um eine Politik machen zu können, mit der die meisten Menschen in Deutschland zufrieden sind. Aber weil diese 30-100 Mrd. € fehlen und eine Politik gemacht wird, die immer den Großteil der Bevölkerung noch mehr belastet, während die reichsten 1-10% tendentiell eher entlastet werden, waren bereits in der Ampel 70-80% der Menschen unzufrieden mit der Politik und jetzt auch schon wieder. So etwas hält diese Demokratie noch maximal bis 2029 aus.



    Damit der Bundeshaushalt diese 30-100 Mrd. € mehr hat, müssten nur die, die jedes Jahr reicher werden, ein wenig von diesem Zuwachs abgeben. Beispielsweise sind alleine die reichsten 500 Personen in Deutschland alleine von 2020-2024 um 500 Mrd. € reicher geworden, also pro Jahr um 125 Mrd. €. Wenn die davon auch nur die Hälfte abgeben würden, wären dies alleine 60 Mrd. €. Und ein Großteil dieses Gewinns war nicht das Ergebnis eigener Leistung, sondern einfach die Rettungspakete, die die Aktienkurse nach oben getrieben haben.

  • Wenn das bisschen Hohngelächter, Buhrufe und Pfiffe wirklich alles war, was der Bundeskongress des DGB an Widerstand zu bieten hatte dann sind wir alle aber so dermaßen lost.

  • Warum sollte Merz den Wirtschaftsliberalen bändigen?



    Er ist doch dafür gewählt worden.



    Hätten die Leute was anderes gewollt sähe die Regierung jetzt anders aus. Das sollte auch die SPD kapieren können.

  • Das ist jetzt weder typisch taz:



    "Spalter Merz"



    und direkt darunter:



    "Klassenkämpferisches Schlusswort von Daniela Klette".



    Und dazu die beiden Fotos!



    Man könnte es auch so sehen, OHNE CDU-Anhänger zu sein:



    Der eine tut, was er für die Gesellschaft für richtig hält, auch gegen den Widerstand gewisser Kreise. Die andere war aktives Mitglied einer Verbrecherbande und ist offenbar noch heute von ihrem Tun überzeugt. Ich wäre schon gerne mal Mäuschchen in Ihrer Redaktion.

  • Man hat den Eindruck, das Merz, der mit seiner Regierung in einem Umfrage-Tief hängt, mit Scheuklappen unterwegs ist und immer tiefer in den Schlamassel triftet.



    Merz sieht weder den Busfahrer, noch das Pflegepersonal.



    Seine Sichtweise auf die Zustände, hat mit der Realität nichts zu tun.



    Er träumt von einem funktionierenden Staat, in dem die Wohlhabenden noch Wohlhabender werden und das Volk schweigend gehorcht und in Schweiß ihre unterbezahlte Arbeit verrichten.



    Warum funktioniert das nicht, fragt er sich ständig.

  • Merz ist definitif nicht der Kanzler für alle: er ist ein von-oben-herab-Kanzler, der alle unter sich abkanzelt ohne zu wissen, wie der reale Alltag der arbeitenden Bevölkerung aussieht



    .



    Es würde ihm kein Stein aus der Krone brechen, wenn er in der Sommerpause sich mal 2 Wochen in die Niederungen seines Pöbels herabliesse, um den realen Alltag der Bevölkerung am Arbeitsplatz oder in der engen Mietwohnung hautnah zu erleben. Das könnte ihn eventuell ein wenig erden...

  • Nicht nur ein Stück weit...



    Diese "LeistungsträgerInnen" müssten sich erst einmal einer Umwelt-, Klima- und Sozialverträglichkeitsprüfung unterziehen, bevor man/frau/divers sie so nennt. Ansonsten wäre diese "Leistung" kontraproduktiv, weil ressourcenvernichtend und nicht nachhaltig. Ich weiss deshalb nicht, ob die künftigen Generationen den Merzschen "LeistungsträgerInnen" danken werden.

  • "Wenn er noch Erfolg haben will, muss er den Neoliberalen in sich bändigen."



    Glaube ich nicht. Die Priester des Neoliberalismus haben in den letzten 30 Jahren großen Erfolg damit gehabt, die Bevölkerung so zu verdummen, dass die glaubt, eine massive Umverteilung von unten nach oben sei gut für sie.



    Er wird so weiter machen wie bisher und die Leute werden ihn weitere wählen und zum Teil noch zu der Partei schwenken, die den Menschen das Leben noch schwerer machen werden (AfD). Da sPD und Grüne inzwischen ebenfalls auf die neoliberale Linie eingeschwenkt sind, bleibt nur noch eine Alternative: die Linke. Und die ist von den rechten Medienkonzerne seit Jahrzehnten so verhetzt worden, dass sie keine Mehrheiten mehr bekommen kann. Denn zuviele Menschen glauben ohne nachzudenken, was man dort liest. ÖRR ist keinen Deut besser.



    Also wächst die Unsicherheit um Job, Gesundheit, Miete, Pflege, Rente und der Unmut wächst weiter. Das zahlt auf das Konto der Rechtsextreme ein. Momentaner Stand der Umfragen: 27% AfD.