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Greenpeace-Expertin über Küstenschutz„Wir müssen die Küste vom Beton befreien“

80 Prozent der natürlichen Ressourcen an der Küste seien beeinträchtigt, sagt Greenpeace-Küstenexpertin Elvira Jímenez. Straßen und Mauern müssten weg.

Im Januar waren die Strände von Barcelona besonders von Sturm Harry betroffen Foto: Marc Asensio Clupes/Zuma Press/imago
Reiner Wandler

Interview von

Reiner Wandler

taz: Wie steht es um die spanischen Mittelmeerküsten?

Elivra Jimenez: Der Klimawandel bedroht die Küsten immer mehr. In diesem Winter haben wir das ganz klar gesehen. Ein Tiefdruckgebiet mit Stürmen mit sehr hohem Wellengang und starken Niederschlägen jagte das andere. Unsere Küsten sind nicht auf solche Wetterlagen vorbereitet. Wir haben mit den Sünden der Vergangenheit zu kämpfen und auch mit denen, die noch immer begangen werden.

Was heißt das?

Bild: privat
Im Interview: Elvira Jímenez

45, ist Biologin und bei der spanischen Sektion von Greenpeace für Küsten zuständig.

Wir haben in den letzten drei Jahrzehnten täglich eine Küstenfläche zerstört, die 26 Fußballfeldern entspricht. 80 Prozent der natürlichen Ressourcen der Küste sind dadurch beeinträchtigt und nehmen ständig ab. Dennoch entstehen in Regionen wie Andalusien oder Valencia noch immer Neubausiedlungen und Ferienkomplexe in unmittelbarer Küstennähe. Und dort, wo Sandstrände bei Unwettern weggespült werden, dem steigenden Meeresspiegel zum Opfer fallen, oder die ständige Erosion den Sand wegschwemmt, wird vielerorts wie zuvor auf das erneute Aufschütten mit herbeigebrachtem Sand gesetzt.

taz: Was ist daran schlecht?

Jimenez: Das ist nur eine vorübergehende Lösung. Bis zum nächsten Unwetter. Es macht die Strände nicht langfristig resilient gegen Erosion. Außerdem ist es eine Verschwendung öffentlicher Gelder. Unser Bericht zeigt, dass das, was für Aufschüttungen ausgegeben wird, in die Milliarden geht. Und es ist immer schwieriger, den richtigen Sand zu finden.

taz: Sind die Lkw mit Sand für den Sommertourismus das, was die Schneekanonen in den Skigebieten sind?

Jimenez: Ja, das ist kein schlechter Vergleich. Um ab Ostern die besten Strände zu haben, wird den Winter über aufgeschüttet. Es ist eine kurzfristig gedachte Politik, die völlig an den Gründen für die ständig zunehmende Erosion vorbeigeht.

taz: Die da wären?

Jimenez: Die Erosion ist nicht nur die Folge des Klimawandels und des steigenden Meeresspiegels. Sie beginnt im Landesinneren. Die Flüsse werden überall gestaut. Das hat zur Folge, dass immer weniger Sedimente ins Meer gelangen. Die Küste ist überall verbaut. Und sie hat ihr Hinterland verloren. Hinzu kommt die Zerstückelung der Küste durch Buhnen und Häfen, die die Strömungen unterbrechen und umleiten. Was wiederum fehlende Sedimente für die Strände zur Folge hat. Die Strände sind nicht mehr Natur, sondern urbane Elemente. Die Unwetter sind punktuelle Ereignisse, die all das, was schieflief, verdeutlichen.

taz: Wie muss eine langfristige Politik aussehen?

Jimenez: Mit dem steigenden Meeresspiegel – 3 Millimeter pro Jahr seit den 1990er Jahren – müssen wir leben und die Küsten darauf vorbereiten. Zum einen muss die Küste neu strukturiert werden. Sie zieht sich durch Erosion und steigendem Meeresspiegel zurück. Manche Strände haben bis zu 60 Meter verloren. Häuser, die am Strand gebaut wurden, stehen jetzt praktisch am Wasser, und bei Stürmen werden sie überschwemmt. Das heißt, die nicht bebaubaren Zonen müssen neu vermessen werden. Und dort, wo die Küste zubetoniert wurde, muss abgerissen werden. Feuchtgebiete müssen wieder entstehen. Flüsse müssen wieder frei fließen. Wenn wir wirklich wollen, dass die Sandstrände weiter existieren, müssen wir dafür sorgen, dass sie wieder auf natürliche Art und Weise Sand bekommen und dieser Sand dann auch dort bleibt. Dazu dienen Dünen und auch die Wasserpflanzen auf dem Meeresgrund vor der Küste. Die Ökosysteme, die wir in den letzten Jahrzehnten dem Tourismus geopfert haben, müssen wieder entstehen.

taz: Die Natur verlangt nach der Abrissbirne?

Jimenez: Dort, wo es um Wohnungen geht, ist dies juristisch nicht ganz einfach. Aber öffentliche Infrastruktur wie Uferpromenaden, Straßen, Mauern oder Buhnen können wir und müssen wir entfernen. Wir müssen die Küste vom Beton befreien. Nur so haben Küste und die Strände eine Zukunft.

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