Vor Fußball-WM in den USA: „Wir erleben einen Menschenrechtsnotstand“
Human Rights Watch und Amnesty International fordern: Die Fifa muss sich für eine „ICE-Waffenruhe“ während der WM einsetzen.
Sechs Wochen sind es noch bis zur Männer-WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada. Doch freuen mag sich angesichts der politischen Lage in den USA kaum jemand. Große Besorgnis äußerten nun NGOs wie Human Rights Watch (HRW), Amnesty International und Reporter ohne Grenzen sowie Fanvertreter bei einer Pressekonferenz anlässlich der Veröffentlichung eines Leitfadens zu Menschenrechten bei der WM von Human Rights Watch. „Wir erleben einen Menschenrechtsnotstand“, so Maja Liebing von Amnesty.
Die US-Einwanderungsbehörde ICE, die auch Teil des Sicherheitsapparates bei der WM sein wird, habe sich in eine paramilitärische Organisation verwandelt. „Fans können auf dem Weg zum Spiel auf ICE treffen, festgenommen und deportiert werden.“ Dieses Risiko sei nicht bloß hypothetisch, wie die Deportation eines Asylbewerbers rund um die Klub-WM zeige.
Auch LGBT- und trans Fans seien zunehmenden Angriffen ausgesetzt. Bei trans Fans bestehe besondere Gefahr, dass ihnen die Einreise verweigert werde. Ausgeschlossen werden bereits die Fans aus den qualifizierten Ländern Iran, Haiti, Elfenbeinküste und Senegal, denen pauschal die Einreise verwehrt werden soll, ein klarer Verstoß gegen Fifa-Richtlinien. Fans aus zahlreichen anderen Ländern sind ebenfalls von Einreiseverboten betroffen. Doch die Fifa schweigt wie üblich.
Martin Endemann, Football Supporters Europe
Human Rights Watch rief nun die Fifa zum Einschreiten auf und forderte zudem eine „ICE-Waffenruhe“, bei der die Behörde an WM-Veranstaltungsorten auf Kontrollen verzichten solle. Allein in den elf gastgebenden Städten seien zwischen Januar 2025 und März 2026 mehr als 167.000 Menschen verhaftet worden. Es herrsche ein „Klima der Angst“ rund ums Turnier.
Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen hob die kritische Lage auch von Journalist:innen in den USA hervor. „Wir machen uns Sorgen über die Einreise von ausländischen Journalist:innen und um ihre Sicherheit bei Protesten.“ Es habe in den USA zahlreiche Festnahmen und Polizeigewalt gegen Journalist:innen gegeben, außerdem Kontrolle etwa von Social-Media-Profilen. „Die Fifa muss eine Zusicherung zur Pressefreiheit einholen.“
„Sollen wir wirklich in die USA reisen?“
Die Sprecher:innen wirkten selbst ein wenig überrascht, wie sehr sich die Veranstaltung um die USA drehte – trotz der Tatsache, dass etwa Mexiko eines der gefährlichsten Länder für Journalist:innen ist. „Die Leute dachten bis vor Kurzem, dass das hier endlich mal keine WM für einen Diktator ist“, fasste Martin Endemann von Football Supporters Europe zusammen. „Jetzt fragen viele Fans: Sollen wir wirklich in die USA? Jeder macht sich Sorgen um die eigene Sicherheit.“
Aus außereuropäischer Sicht klingt das ein wenig naiv, denn für viele Menschen gab es auch vor der Trump-Regierung gute Gründe zur Sorge vor einer US-Einreise. Und bezeichnenderweise spielten sowohl Angriffskriege als auch Imperialismus, Überreichtum, die durch die USA verursachten Klimaschäden oder andere Faktoren, die überproportional den Globalen Süden betreffen, bei der Konferenz fast keine Rolle. Nun wohl ist man auch in Europa besorgt.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass dieses Turnier vorbildhaft sein sollte. Zum ersten Mal waren Menschenrechte Teil des Bewerbungsprozesses und der Konzepte gastgebender Städte. Doch habe faktisch kaum eine der Städte einen Menschenrechtsplan aufgestellt. Minky Worden von HRW kritisierte zudem die „völlig fehlende Rechenschaft“ der Fifa. So habe sich Gianni Infantino zuletzt 2023 öffentlich Pressefragen gestellt.
Besonders in Sorge versetzen wird die Fifa vermutlich auch diese Kritik nicht. „Sie fühlt sich unangreifbar“, so Martin Endemann. „Es wäre Aufgabe der nationalen Verbände, etwas zu unternehmen. Aber es herrscht absolutes Schweigen.“ Football Supporters Europe hat jüngst bei der EU-Kommission eine formelle Beschwerde über die Fifa wegen der irren Eintrittskartenpreise eingelegt. So kosteten die günstigsten Finaltickets im März über 4.000 Dollar, mehr als siebenmal so viel als in Katar. Und Fans mit Behinderung müssten bei Spielen inklusive eines Tickets für die Begleitperson und den Rollstuhl mit 600 bis 700 Dollar rechnen. In Katar seien es 10 Dollar gewesen.
Laut der Fanorganisation sei das Verhalten der USA anders als das von Katar. Die katarischen Gesprächspartner seien zumindest vorab diplomatisch und freundlich gewesen, so Endemann. „Die Haltung aus den USA ist: Entweder ihr seid für uns oder ihr seid gegen uns. Ich habe keine Ahnung, was passiert, wenn wir zum Beispiel die ersten Proteste außerhalb oder innerhalb der Stadien erleben.“ In sechs Wochen wird man es erfahren.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert