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Campact-Aktivistin über drohende Kürzung„Der Anspruch auf Hautkrebsvorsorge muss bestehen bleiben“

Die Bundesregierung plant, die Hautkrebsvorsorge zu streichen. Deshalb ruft Campact am Mittwoch zum Protest auf. Annika Liebert erläutert die Gründe.

Hautkrebs-Früherkennung kann Leben retten Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Interview von

Sofia Zharinova

taz: Frau Liebert, Campact ruft für Mittwochmorgen zu einem Protest in Berlin auf. Das Motto lautet: „Keine Kürzung bei der Hautkrebsvorsorge“. Was genau haben Sie vor?

Annika Liebert: Wir planen eine Bild-Aktion vor dem Kanzleramt, weil Gesundheitsministerin Nina Warken ihr Reformpaket ins Kabinett einbringt. Unser Ziel ist es, gegen die Schieflage bei den Kürzungen zu protestieren – besonders gegen die Streichung der Hautkrebsvorsorge. Dafür ziehen wir uns symbolisch aus und tragen Schilder mit nackten Körpern, angelehnt an eine Vorsorgeuntersuchung. Darauf stehen Slogans wie „Gesundheit muss bezahlbar bleiben“ oder „Frau Warken, sparen Sie uns nicht krank“.

taz: Die Hautkrebsvorsorge für alle ab 35 könnte gestrichen werden. Ihre Petition dagegen haben 500.000 Menschen unterschrieben. Warum liegt das Thema so vielen so sehr am Herzen

Im Interview: Annika Liebert

ist Campaignerin bei Campact. Die Versammlung „Hautkrebsvorsorge retten“ soll am Mittwoch (29.4.) um 8.30 Uhr nahe des Kanzleramts starten.

Liebert: Krebs betrifft viele Menschen – sei es durch eigene Erfahrungen oder durch Angehörige. Zudem nehmen die Hautkrebsfälle stark zu. In den letzten 20 Jahren hat sich ihre Zahl fast verdoppelt. Die Menschen wollen nicht wegsehen.

taz: Was wollen Sie konkret mit der Aktion erreichen?

Liebert: Erstens soll die Hautkrebsvorsorge für alle Menschen ab 35 alle zwei Jahre erhalten bleiben. Verbesserungen, wie mehr Hinweise für Pa­ti­en­t*in­nen oder häufigere Untersuchungen für Risikogruppen, begrüßen wir. Aber der Anspruch auf Vorsorge muss für alle bestehen bleiben. Zweitens muss Gesundheit bezahlbar bleiben – das betrifft das Krankengeld, das Kinderkrankengeld und die Zuzahlungen bei Medikamenten. Und drittens fordern wir, dass die Pharmaindustrie einen deutlich stärkeren Beitrag leistet. Pharmakonzerne können in Deutschland ihre Preise für neue patentgeschützte Medikamente weitgehend selbst bestimmen. Das treibt die Kosten im Gesundheitssystem in die Höhe. Hier ließe sich viel Geld sparen.

taz: Was würde passieren, wenn das Hautkrebs-Screening für alle ab 35 gestrichen wird?

Liebert: Wenn die Kosten nicht mehr übernommen werden, können sich viele die Untersuchung nicht leisten. Wir befürchten, dass weniger Menschen die Vorsorge ernst nehmen. Der­ma­to­lo­g*in­nen warnen bereits davor, dass Hautkrebsfälle seltener und vor allem später entdeckt werden. Das bedeutet für die Pa­ti­en­t*in­nen belastendere Operationen und mehr Medikamente. Studien zeigen, dass das Screening Tumore in frühen Stadien erkennt. Das hilft den Patienten – und entlastet langfristig das Gesundheitssystem.

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14 Kommentare

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  • Offenbar werden durch das Screening kaum Hautkrebsfälle wirklich neu entdeckt. Da ist es schon besser, wenn jetzt „Verdachtsfälle“, die einem selbst oder dem Hausarzt auffallen, schneller einen Termin beim Hautarzt bekommen. Was nutzt der Anspruch auf einen Termin in 12 Monaten, wenn jetzt mein Hautkrebs wächst?

  • Ich versuche seit Monaten einen Termin beim Hautarzt zu bekommen.



    Überall Aufnahmrstopp .



    Früher bin ich einfach zum Facharzt gegangen



    und bekam einen zeitnahenTermin.



    Sorry , aber unser Gesundheitssystem ist Scheiße und es wird noch viel schlimmer werden , Dank dieser asozialen Regierung



    aus CDU und SPD .

  • Hautkrebsvorsorge ist ganz wichtig. Fast immer entdeckte meine Hautärztin Vorstufen oder bereits ausgebildete Basaliome. Diese streuen zwar nicht, zählen aber zu den bösartigen Krebsarten.

  • "Studien zeigen, dass das Screening Tumore in frühen Stadien erkennt. Das hilft den Patienten – und entlastet langfristig das Gesundheitssystem."

    Schade, dass das Interview hier aufhört, wo es gerade interessant wird. Die Aussage, dass Screening Tumor früher erkennt, ist wohl richtig. Es fehlen bislang aber Belege, dass sich der Ausgang der Krankheit dadurch beeinflussen lässt, sprich die Sterblichkeit bei Hautkrebs sinkt.

    Und ob das Gesundheitssystem entlastet wird, scheint mir auch fraglich. Derzeit muss man zumindest hier bei uns auf einen Termin beim Hautarzt lange warten. Wenn die ganzen Screening-Termine wegfallen würden, wäre das erstmal eine Entlastung.

    Sinnvoller scheint mir, gerade auch anhand der bislang gewonnenen Daten die Risikogruppen zu identifizieren, denen das Screening gerne weiter bezahlt werden kann. Für weiteres anlassloses Massenscreening fehlt die wissenschaftliche Evidenz.

    • @Anders Heister:

      Was Sie schreiben steht fast wörtlich in den 66 Empfehlungen, Kategorie A.



      Das DKFZ meint aber dazu :



      "Warum teinehmen ? Hautkrebs frühzeitig entdecken . Wirksamere Behandlung und bessere Heilungschancen"



      www.krebsinformati...ebs/frueherkennung



      DIe AOK meint:



      "Warum Prävention wirkt – sich jedoch schwer belegen lässt"



      www.aok.de/pp/gg/p...mkeit-praevention/

      Prof. Drosten hat glaub ich mal zitiert : "There´s no glory in prevention."

      Die Terminliste beim Hautarzt ist ärgerlich Das stimmt und ist außerdem unlogisch weil die Hautärzte die Ersten sein müssten die Wirksamkeit zu beweisen.

      Dass die wiss. Evidenz fehlt stimmt nicht ganz :



      Dass kein anlassloses Screening angeboten werden soll ist ein Sondervotum der DEGAM (begründet über die Sterblichkeit) von daher nicht richtig Konsens.



      Konnte ich kaum glauben als ich gelesen habe, dass gerade die Hausärzte gegen das anlasslose Screening sind.



      register.awmf.org/...tkrebs_2021-09.pdf

    • @Anders Heister:

      Danke für den Kommentar. Sehe ich ganz genauso und ich beteilige mich auch nicht an Protesten nur des Protestes willen. Der Artikel ist leider nur Werbung für campact ohne Sinn und Verstand.

      Ich habe selbst mehrfach ein Screening mitgemacht. Der Grund war jeweils ein akutes Problem. Termin war jeweils frühestens 6-9 Monate später, da war das akute Problem zum Glück in Eigeninitiative längst behoben, so dass nur ein sinnloses Screening blieb.

      Wenn man künftig ohne Screening früher einen Hautarzt bekommen kann, wenigstens bei akuten Problemen, dann ist durch den Wegfall der Screenings vermutlich mehr gewonnen.

    • @Anders Heister:

      Sorry, aber jede, die im Sommer rausgeht, hat ein Risiko. Daher muss man nicht mühsam Risikogruppen identifizieren und sich damit bis vor Gericht rumschlagen, wer da wirklich hinein gehört.

      Früh erkannte Malignome können entfernt werden und erhöhen klar die Lebenserwartung.

      Ein zweijähriges Screening ist auch nicht sehr kostenintensiv.

      Ok, das ohne screening mehr Termine zur Verfügung stehen, könnte stimmen. Aber mehr Termine könnten frei werden, wenn man nicht wegen jedem vermeintlichen Schönheitsmakel zum Hautarzt rennt.

      • @fly:

        Meiner Recherche nach gibt es keine Evidenz für eine Erhöhung der Lebenserwartung durch Hautkrebsscreening. Falls Sie andere Quellen haben, wäre ich sehr an diesen interessiert.

        • @Es läuft:

          Das anlasslose Hautkrebsscrenning gibt es seit 01.07.2008. Die aktuellste S3 Leitlinie zur Hautkrebsfrüherkennung ist von September 2021, d.h. die dort verarbeiteten Daten sind ca. 10 Jahre nach Einführung des Screeenings. Lebenserwartung kann man über einen so kurzen Zeitraum nicht sicher beurteilen.

          Es gibt eine konsensbasierte Empfehlung Kap. 9.2



          "Verschiedene Maßnahmen der primären Hautkrebsprävention weisen sowohl einen



          ökonomischen Nutzen als auch einen gesundheitsbezogenen Nutzen auf. Daher



          sollte verstärkt in solche Maßnahmen investiert werden."



          Die Konsensstärke war 100%.

          Die DEGAM ist mit einem Sondervotum aus dem Konsens ausgeschert (S. 383, Unterpunkt 8.21). Sie ist gegen das anlasslose Screeening weil die Sterblichkeit seit Einführung des Screenings nicht gesunken ist.

          Dieses Sondervotum hat mutmaßlich zur 66-Expertenempfehlung geführt.

          Wie oben gesagt, kann man über einen Zeitraum von 10 Jahren die Zielvariable Sterblichkeit nicht sicher beurteilen. Nichts machen, statt weiter Daten sammeln ist paradox.

          Weitere wichtige Effekte : Kapitel 9 Tabelle 33

          register.awmf.org/...tkrebs_2021-09.pdf

      • @fly:

        Das ist eine der 66 Empfehlungen der Expertenkommission. Begründung: der Nutzen kann (noch) nicht bewiesen werden (S.126, Kap. 6.3.6)

        Durch die Streichung der anlasslosen Hautkrebsfrüherkennung sollen etwa 240 Mio € Jahr = 4€/Versicherter über alle V. gespart werden.

        Eine statistische Argumentation hilft denjenigen, deren Hautkrebs zu spät erkannt wird nicht. Beide Argumentationen sind richtig.

        Ich habe kürzlich einen Hautarzt gehört, der aus Interesse eine Bildauswertung mit KI macht und gesagt hat, dass die Übereinstimmung des KI Befundes mit seinem persönlichen Befund groß ist, die Patienten aber Wert auf seine persönliche Einschätzung legen





        www.bundesgesundhe...richt_20260330.pdf

    • @Anders Heister:

      Jein. Randomisierte kontrollierte Studien fehlen tatsächlich, deshalb ist die Evidenz zur Mortalitätsreduktion leider recht schwach. Nach Einführung des bundesweiten Screenings 2008 konnte ein Rückgang der Melanom-Sterblichkeit bisher nicht klar nachgewiesen werden. Aber die gesamte Datenlage (global) ist zumindest widersprüchlich. Dennoch gibt es plausible Hinweise auf einen Nutzen (frühere Stadien, weniger aggressive Therapien), und die fehlende Mortalitätsreduktion könnte eher an der Umsetzung des Screenings liegen als am Konzept selbst.

  • Das ist eine der 66 Empfehlungen der Expertenkommission. Begründung: der Nutzen kann (noch) nicht bewiesen werden (S.126, Kap. 6.3.6)

    Durch die Streichung der anlasslosen Hautkrebsfrüherkennung sollen etwa 240 Mio € Jahr = 4€/Versicherter über alle V. gespart werden.

    Der ganze Katalog ist präventionsfeindlich, z.B.



    -



    Streichung der vollen Tarifrefinanzierung in der medizinischen



    Behandlungspflege und Vorsorge/Rehabilitation



    -



    Die Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie soll eingeschränkt werden. Dadurch sollen 5 Mio€ / Jahr = 10 Eurocent / Versicherten gespart werden. "Es sind positive Effekte auf die Qualität der Versorgung zu erwarten, da die Regelung Leistungen betrifft, die klinisch nicht indiziert sind." " Klinisch indiziert" heißt: Ausgaben sind erst sinnvoll, wenn der Mensch auf der Behandlungsliege liegt (gr. kline=Behandlungsliege), also schon krank ist.



    -



    Die Kinderärzte sollen auch weniger bekommen....

    www.bundesgesundhe...richt_20260330.pdf

    www.deutschlandfun...-zu-teuer-100.html

  • Was ist teurer, hautkrebsscreening oder Operation, Krankenhaus, Krankschreibung, nachuntersuchung...?

    • @A.S.:

      Sie haben völlig recht, wenn jeder, der sich nicht screenen lässt, dafür krank geschrieben und operiert wird.