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Geschlechterverhältnis im PferdesportCarearbeit statt Cowboyromantik

Auf Reiterhöfen dominieren Frauen. Warum Jungs dem Pferdesport fernbleiben, hat auch mit fehlenden Vorbildern zu tun. Unser Autor wagt den Anfang.

Ganz schön hoch: Andreas Rüttenauer auf dem Pferderücken Foto: privat

Ganz schön hoch, so ein Pferd!, denkt sich der Autor dieser Zeilen, als er vom Pferderücken hinunterschaut auf den Boden. Mithilfe einer kleinen Treppe war es ihm gelungen, sich auf den Sattel zu wuchten. Eine ganz normale Aufstiegshilfe sei das, wie er von der Besitzerin gelernt hat. Nichts, wofür man sich genieren müsste. So ein Ding zu benützen, sei auch für das Pferd besser, für Witch, wie die Mecklenburger Fuchsstute heißt.

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Männer bauen Autokratien auf, Männer bilden Manosphären, Männer üben Gewalt gegen Frauen aus. Aber: Männer leisten auch mehr Care-Arbeit als früher, Männer supporten Frauen, Männer gehen sogar in Therapie (manchmal). Alte Männlichkeitsbilder geraten ins Wanken, zugleich klammern sich manche Männer um so mehr ans Patriarchat und verklären die Vergangenheit. Ein Schwerpunkt über Manfluencer und Maskulinismus, Körperlichkeit und Vater-Sohn-Beziehungen, männliches Altern und diverse Männeridentitäten. Alle Texte der Ausgabe erscheinen unter taz.de/männertaz

Was für den Reiter, der an diesem Tag zum ersten Mal auf einem Pferderücken sitzt, doch recht aufregend ist, scheint für das Tier selbst eher nicht so spannend zu sein. „Nicht einschlafen!“, sagt seine Besitzerin und tätschelt den Kopf des Pferdes, das gemächlich über den Reitplatz eines Hofs südöstlich von Berlin spaziert.

Um Tempo geht es hier erst mal nicht. Ganz im Gegensatz zum Kentucky Derby, jenem Galopprennen in Louisville, zu dem jedes Jahr Anfang Mai mehr als 150.000 Zuschauer an die Bahn kommen, um die schnellsten Dreijährigen des Landes zu bestaunen. Über drei Millionen US-Dollar gibt es für den Sieger des Rennens. Golden Tempo heißt das Siegerpferd der Ausgabe 2026. Es hat Sportgeschichte geschrieben. Denn seine Trainerin ist eine Frau – Cherie DeVaux. Das gab es noch nie in der 152-jährigen Geschichte des Rennens.

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Wie können wir Männlichkeit in ihrer Vielfalt darstellen und unterschiedliche Perspektiven zeigen? 14 Antworten von Fo­to­gra­f:in­nen der taz finden Sie hier in der Bildergalerie zur männertaz.

Der Galopprennsport ist eine Männerdomäne. Kentucky, zu dessen vornehmen Klub Frauen lange keinen Zutritt hatten, lebt von immer männlicher Cowboyromantik. Wer auf Cowboystiefel steht, kennt die Boots von Kentuckys Western.

Suche: Reithose ohne Glitzer

In einem Fachgeschäft für Pferdebedarf in Deutschland wird man solche eher nicht finden. „Gehen Sie mal mit einem 13-jährigen Jungen in ein Reitsportgeschäft und fragen Sie nach einer Reithose ohne Glitzer, ohne Pailletten und ohne Einhornaufdruck. Gut möglich, dass Sie da nicht fündig werden.“ Das sagt Lina Sophie Otto, die bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung Ansprechpartnerin für Ausbildungsfragen ist. Sie weiß, dass Reiten in den von ihr betreuten Sparten alles andere als ein Männersport ist. Etwa 60.000 weibliche Turnierreiterinnen sind im Verband organisiert, keine 7.000 sind männlich.

Reiten ist als Mädchensport regelrecht verschrien. Jungs, die sich im Kindergartenalter ebenso zu Ponys hingezogen fühlen wie Mädchen, ließen sich später nur noch schwer fürs Reiten begeistern, meint Otto. „Reiten ist zu pink“, sagt die Ausbilderin, die froh ist, wenn in ihren Seminaren für Reitlehrende neben 20 Teilnehmerinnen auch mal „ein Quotenmann“ sitzt. „Und wenn dann mal ein Junge eine Prüfung bei einem Turnier gewinnt, dann kann es gut sein, dass er als Preis ein rosarotes Buch mit Ausmalbildern für Pferde kriegt.“

Die Dressur, über die bei den Olympischen Spielen alle vier Jahre aufs Neue die immer gleichen Witze gerissen werden, oder die Vielseitigkeitsreiterei, zu der ja auch ein Dressurteil gehört, werden in Deutschland längst von Frauen dominiert. Nur bei den Springreitern ist die Elite männlich – noch. Schon eine Leistungsklasse tiefer ist das Verhältnis von Reiterinnen zu Reitern ausgeglichen.

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Wo es ums Tempo geht, können die Männer also gerade noch mithalten. Alles andere ist Frauensache. Für Carina Warnstädt ist das nicht verwunderlich. Die 27-jährige Psychologin schreibt Romane mit Titeln wie „Hashtag Pferdemädchen“, „Nina – Das Flüstern der Pferde“ oder „Hilfe, meine Freundin ist ein Pferdemädchen“. Auf der Leipziger Buchmesse im März hatte sie sich inmitten der Halle, in der die unabhängigen Verlage ihre Programme präsentiert haben, einen eigenen Stand gemietet, um ihre im Selfpublishing erschienenen Bücher zu promoten.

Carina Warnstädt kennt Studien, die untersuchen, warum Jungs oft kompetitiver an Dinge herangehen als Mädchen. Das hat viel mit Testosteron zu tun, aber eben auch mit der Erziehung. Mädchen würden eben so sozialisiert, dass sie sich für Fürsorgeaufgaben besonders gut geeignet fühlen. Und ein Pferd erfordere eine ganz spezielle Art des Umgangs, viel Zeit und Geduld. Warnstädt möchte nicht, dass die Tiere allzu sehr vermenschlicht werden. Sie taugen nicht für die Rolle der besten Freundin, seien aber auch keine Hunde und schon gar keine Kuscheltiere.

Jungs, wir haben auch Bälle!

Die Besitzerin von Witch fährt beinahe jeden Tag von Berlin zum Pferdehof, um sich um ihre Stute zu kümmern. Das Reiten selbst ist der kleinste Teil ihres Pferdehobbys. Striegeln, Hufpflege, Füttern. Drei Stunden dauert die Pferdepflege oft. Und am Ende muss der Platz, an dem das Pferd gepflegt worden ist, natürlich wieder sauber gemacht werden. Carearbeit statt Westernromantik.

Männer sind rar auf solchen Höfen. Es gibt eng abgesteckte Rollen für die Männer im Pferdewesen. Als Hufschmiede, Sattler oder Futterhändler etwa. Aber als Reiter? Ob Pferdebuchautorin Warnstädt, die schon als junges Mädchen begonnen hat zu reiten, am Pferdehof überhaupt mal einen Jungen gesehen hat? Nein, nicht wirklich. So schnell wird sie wohl keinen Jugendroman für Pferdejungs schreiben. Es gibt schlicht zu wenige.

Dabei versuchen die Reitsportvereine im Land immer mal wieder, Jungs aufs Pferd zu setzen. Bloß wie? „Bälle üben eine große Anziehungskraft auf Jungs aus. Sind die Pferde entsprechend geschult, können Bälle in die Reitstunden einbezogen werden, zum Beispiel in Form von Besenpolo, Pferdefußball oder Korbball.“ So steht es auf der Website der Reiterlichen Vereinigung.

„Der Schlüssel zum Erfolg sind immer andere Jungs“, sagt Ausbilderin Lina Sophie Otto. Sie erzählt von einer Reitschule im Kreis Coesfeld in Nordrhein-Westfalen, die Ferien auf dem Reiterhof nur für Jungs anbietet. Für 125 Euro am Tag können Eltern ihre Buben, etwa über Pfingsten, auf den Hof in Nottuln schicken. Für Mädchen, die kaum um Reiterinnengeschichten wie „Bibi und Tina“ herumkommen, gibt es solche Angebote zuhauf. Männliche Role Models im Reitsport sind dagegen gar nicht so leicht zu finden. Cowboys haben, wie es scheint, als Vorbilder ausgedient.

„Jetzt vielleicht mal nur mit einer Hand am Sattel festhalten“, ruft die Besitzerin von Witch. Sie tut wirklich alles, damit der Reitnovize auf einem Foto halbwegs lässig aussieht – ein bisschen wie ein Cowboy vielleicht. Es gelingt nicht wirklich gut. Dann führt sie das Pferd noch ein paar Runden über den Reitplatz.

Ob es jetzt nicht langsam mal genug ist?, fragt der Reporter irgendwann von oben herab. So richtig wohlfühlt er sich nicht im Sattel. Später wird er gefragt, wie lange sein erster Ausritt wohl war. Fünf Minuten. Höchstens. Immerhin.

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