Alltäglicher Rassismus: Warum nicht einfach nur deutsch
Schwarze Menschen begleiten oft Zweifel an ihrer deutschen Identität. Wie die Gesellschaft sie wahrnimmt, prägt die eigene Selbstwahrnehmung.
K önnen Schwarze Deutsche deutsch und afrikanisch sein oder sollten sie sich für die eine oder andere Identität entscheiden? Oder ist man immer nur halb und damit niemals an beiden Orten dazugehörig, also stets fremd? Hier spielt das Umfeld eine wichtige Rolle. Die Art und Weise, wie Schwarze Menschen in den Medien dargestellt werden, ihre geringe Präsenz sowie die allgemeine und politische Rhetorik können das Gefühl des Nichtdazugehörens oder zumindest die zwischen den Zeilen stets mitschwingende Frage, welchem Ort sie sich denn „wirklich“ zugehörig fühlen, verstärken.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von 2024 leben hierzulande etwa 1,27 Millionen Menschen mit afrikanischem Hintergrund. Sie sind privat und familiär eingebunden, studieren, arbeiten oder gehen, wenn sie noch Kinder sind, in den Kindergarten oder zur Schule. Deutschland ist ihr Zuhause, viele besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft. Dennoch blicken etliche auf dieses Land, auf ihre Heimat mit ambivalenten Gefühlen: Dazu zählen sowohl das innere Erleben, also die ganz persönliche Erfahrung damit, Teil dieser deutschen Gesellschaft zu sein, als auch die äußere Sicht, der Blick von außen auf Deutschland und dessen eigene kulturelle Dynamiken.
ist die erste Schwarze Schulamtsdirektorin Deutschlands und Mitautorin von: „Perspektivwechsel: Wie wir gesehen werden und was von uns erwartet wird.“
Seien es die Hautfarbe, der ungewohnte Name, möglicherweise auch kulturelle Bezüge – als Schwarzer Mensch wird man von der weißen Mehrheitsgesellschaft als „anders“ wahrgenommen, wird die Zugehörigkeit zum Gemeinwesen in Zweifel gezogen. Daraus folgt zwangsläufig die Frage: Wie deutsch darf sich ein Schwarzer Mensch fühlen? Kann es ihm überhaupt gelingen, sich so deutsch zu verhalten und zu geben, um nicht mehr als „anders“ angesehen zu werden?
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Wie oft muss sich ein Schwarzer Mensch besonders rechtfertigen, beweisen und erklären, um als gleichwertiges Mitglied der deutschen Gesellschaft akzeptiert zu werden? Damit nicht genug: Schwarze Menschen müssen jeden Tag aufs Neue spürbare strukturelle Barrieren überwinden, sei es die Diskriminierung bei der Wohnungssuche, Vorurteile bei der Jobbewerbung oder Racial Profiling bei Polizeikontrollen. Deutschland, das eigene Zuhause, die Heimat, ein Land, das Lebenschancen bietet, hält für Menschen mit anderen Wurzeln zugleich große soziale Hürden aufrecht.
Kein Grund zur Scham
Vor allem wird die Zugehörigkeit infrage gestellt und stets an weitere Bedingungen geknüpft. Im Alltag schaut das häufig so aus: Vorurteilen und Stereotypen begegnet man schon in der frühen Kindheit. Schwarze Kinder machen bereits im Kindergarten und in der Schule die Erfahrung, als „exotisch“ zu gelten, ihr Haar wird angefasst, ihre Haut berührt und als irgendwie „anders“ bezeichnet und kommentiert. Um es deutlich zu sagen: Ich meine damit nicht die normale kindliche Neugier weißer Spielgefährtinnen und -gefährten, die in diesem jungen Alter noch nichts oder nur höchst selten etwas mit Diskriminierung oder gar mit Rassismus zu tun hat.
Ich beziehe mich hier auf das Verhalten von weißen Erwachsenen, die diese Schwarzen Kinder „besonders niedlich“ oder eben „anders“ finden. Ist die häusliche Alltagssprache von Kindern und Jugendlichen nicht Deutsch, wird sie je nach Herkunftsland oft als defizitär angesehen. Nur sehr, sehr langsam setzt sich im Bildungsbereich durch, andere Alltagssprachen zu respektieren oder in ihnen gar eine Bereicherung zu erkennen. Je fremder die Sprache und je weniger sie der sogenannten First World entstammt, desto länger braucht die Akzeptanz.
Es sollte ein Grundsatz sein: Ob in der frühkindlichen Bildung oder in der Schule, überall müsste nicht weißen Kindern und Jugendlichen vermittelt werden, dass sie sich ihrer nicht weißen Wurzeln nicht schämen müssen. Im Gegenteil, dass sie stolz auf ihre unterschiedlichen Herkünfte sein können. Das ist aber nur zu erzielen, wenn Vielfalt als etwas Positives angesehen wird. Doch dafür braucht es gemeinschaftliche Anstrengungen.
So müssen sich sowohl Bildungsinstitutionen und die dazugehörigen Behörden als auch Unternehmen darüber im Klaren sein, dass sie Verantwortung dafür tragen, Diskriminierungen frühzeitig zu erkennen und ihnen sofort entgegenzuwirken. Das heißt: Man darf sich nicht mit bloßen Absichtserklärungen in Leitbildern und dem Prinzip der Freiwilligkeit begnügen, sondern muss das Bewusstsein dafür schärfen, die Verantwortung institutionell verankern und Zuwiderhandlungen ahnden.
Diskriminierungserfahrungen verdichten sich
Alle sollten wissen: Die schon frühen gesellschaftlichen Erlebnisse von Diskriminierung und Rassismus verdichten sich im Laufe der Zeit zu einer tief verwurzelten Erfahrung, die sich prägend auf die Identitätsbildung und das eigene Selbstverständnis auswirkt. Die Belastungen nehmen zu, wenn aus Kindern Erwachsene werden, wenn Schwarze junge Menschen eine Ausbildung, ihr Studierenden- oder Arbeitsleben beginnen.
Möchten sie zum Beispiel einen Beruf ausüben, in dem die weiße Mehrheitsgesellschaft Schwarze Menschen nicht erwartet, müssen sie ihre Eignung meist doppelt und dreifach beweisen, um mit weißen Kolleginnen und Kollegen mithalten zu können. Denn entweder gelten sie quasi automatisch als weniger fähig, oder man sieht in ihnen lediglich eine sogenannte Quotenbesetzung, Menschen, die es allein aufgrund ihrer Hautfarbe in diesen Job geschafft haben.
Nicht selten geht diese Geringschätzung und Respektlosigkeit von Leuten aus, die eher selbst einen Mangel an Fach- und Sozialkompetenz aufweisen. Für sie sind Schwarze Menschen eine Art Blitzableiter, an denen sie sich emotional abarbeiten können. Manche Schwarze Menschen erfahren aufgrund weiterer persönlicher Merkmale sogar zusätzliche Diskriminierungen, etwa aufgrund von Sexismus, Ableismus, Klassizismus, der Zugehörigkeit zur LGBTIQ-Community und so weiter.
Diese Dimensionen verkomplizieren ihren Alltag zusätzlich. Es gibt jedoch Möglichkeiten, sich aus diesem verhängnisvollen Dilemma zu befreien. In der Rolle des „Opfers“ zu verharren, ist kein Ausweg, ebenso wenig sich selbst einem Gefühl der „Lebensempörung“ auszuliefern, von dem ich in meinem Buch „Raus aus den Schubladen! – Meine Gespräche mit Schwarzen Deutschen“ spreche.
Nicht länger nur Opfer sein
Um sich daraus zu befreien, entwickeln viele Betroffene ein hohes Maß an Resilienzstrategien. Sie finden zum Beispiel Halt in ihren Familienverbänden, gründen Netzwerke und schaffen sich so einen eigenen „Safe Space“, einen Schutzraum. Nicht selten treffen sie auch innerhalb der weißen Gesellschaft auf Verbündete. Viele Schwarze Deutsche engagieren sich politisch und kulturell, werden dadurch sichtbar, werden zu Quellen der Inspiration und zu Vorbildern, die ihnen selbst in ihrer Jugend oft fehlten.
Diese Bewegungen machen deutlich, dass Schwarze Menschen sich schon lange nicht mehr als bloße Opfer struktureller Diskriminierung sehen. Im Gegenteil, sie begreifen sich als aktive Mitgestalterinnen und -gestalter einer vielfältig gewordenen deutschen Realität. Und Schritt für Schritt haben sie sich auch einen selbstverständlichen Zugang erarbeitet zu Alltagsdingen wie Kosmetika, medizinischen Produkten, Wundpflastern in dunkleren Hauttönen, Malstifte mit verschiedenen Hautfarben, zu weißen Friseurinnen und Friseuren, die sich in der Pflege von afrikanischem Haar weiterbilden.
Wie erläutert, bedeutet Deutschsein für Schwarze Menschen ständige Ambivalenz. Sie bewegen sich von morgens bis abends in einem Spannungsfeld zwischen rechtlicher Zugehörigkeit, gesellschaftlicher Wahrnehmung und gelebter Realität – und zwar völlig ungeachtet der Tatsache, dass Deutschland ihr Geburtsland, Deutsch ihre Muttersprache und ihre Nationalität ist. Deshalb sind zweifelnde Fragen wie: „Woher kommen Sie wirklich?“ oder selbst ein angebliches Lob wie: „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ stets Ausdruck eines sogenannten „Otherings“.
Kurzum, sie bedeuten Ausgrenzung, weil sie die deutsche Identität des Schwarzen Gegenübers in Zweifel ziehen. Weil damit im Grunde insinuiert wird, dass sich Schwarz- und Deutschsein ausschließen. Dieser ständige Spagat ist für Schwarze eine gewaltige Herausforderung, die ihnen viel Resilienz abverlangt und gar zu einer kulturellen Selbstverleugnung führen könnte. Das wäre fatal.
Es ist darum höchste Zeit, dass Deutschland sich als ein Land mit Einwanderungsgeschichte begreift und diese auch gesellschaftlich anerkennt. Es muss ein neues gesellschaftliches Narrativ geben, in dem Menschen wie Schwarze Deutsche nicht mehr Ausnahmen, sondern ein selbstverständlicher Teil der Gemeinschaft sind.
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