UNICEF-Studie zum Kindeswohl: Deutschland wieder weit abgeschlagen
Die kurze Grundschulzeit ist zentraler Grund für die Diskriminierung im deutschen Bildungsbereich. Diskrepanzen zwischen Arm und Reich sind massiv.
W as muss eigentlich noch passieren, damit Deutschland die systematische Diskriminierung benachteiligter Kinder stoppt? In keiner anderen Industrienation hängt der Bildungserfolg so stark vom Einkommen und Bildungsgrad der Eltern ab. Studien wie Pisa, Timss oder Iglu attestieren dem deutschen Schulsystem seit Jahren Totalversagen in seinem zentralen Versprechen – dass die Herkunft für die Bildungskarriere keine Rolle spiele.
Wie wenig das bis heute mit der Realität zu tun hat, prangert das UN-Kinderhilfswerk Unicef an: Deutschland kommt in der Studie zum Kindeswohl nur auf Platz 25 von insgesamt 37 Ländern. Pikant dabei: Hierzulande schneiden die Rich Kids im Lesen und in Mathe doppelt so gut ab wie die 15-Jährigen aus armen Haushalten. Mit jedem Tausender mehr auf dem Konto steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dein Kind aufs Gymnasium geht.
Mindestens genauso alarmierend ist die Beratungsresistenz der zuständigen Bundesländer. Dass die anhaltende Bildungsungleichheit vor allem an der frühen Aufteilung in Gymnasien und andere Schulformen liegt, ist nämlich lange bekannt. Es ist kein Zufall, dass außer Deutschland (und Österreich) kein anderes wohlhabendes Land Schüler:innen bereits nach der 4. Klasse trennt.
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Wie stark ein längeres gemeinsames Lernen die Bildungschancen für alle stärkt, zeigt bereits eine zwei Jahre längere Grundschule wie in Berlin und Brandenburg. Wie viel mehr noch möglich wäre, kann man der Unicef-Studie entnehmen. Am besten schneiden darin die Niederlande, Dänemark und Frankreich ab: Länder, die auf eine acht- beziehungsweise neunjährige Volksschule setzen.
Protest aus bürgerlichen Reihen
Doch hierzulande traut sich niemand mehr an das Thema ran, seitdem Hamburg 2010 mit seinem Reformeifer den Widerstand des bürgerlichen Lagers provozierte – das im längeren gemeinsamen Lernen offenbar eine Zumutung für das eigene Kind sieht. Stattdessen doktern die Bildungsministerien an vielen verschiedenen Stellen gleichzeitig rum – aktuell sollen verbindliche Sprachtests im Kitaalter, ein verpflichtendes Vorschuljahr und mehr Ressourcen für Brennpunktschulen die Wende bringen.
Dass dies gelingt, muss leider bezweifelt werden. Schließlich hängt auch der Zugang zu Kitas von den familiären Ressourcen ab. Solange es nicht genügend Kitaplätze für alle gibt, werden also vor allem die Kinder das Nachsehen haben, die von der Kita profitieren würden. Die Rückstände, mit denen benachteiligte Kinder in die 1. Klasse starten, können Grundschulen nicht abbauen. Jedenfalls nicht in vier Jahren.
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