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UNICEF-Studie zum KindeswohlDeutschland wieder weit abgeschlagen

Ralf Pauli

Kommentar von

Ralf Pauli

Die kurze Grundschulzeit ist zentraler Grund für die Diskriminierung im deutschen Bildungsbereich. Diskrepanzen zwischen Arm und Reich sind massiv.

Prüfung nicht bestanden: Im internationalen Vergleich des Kindeswohls bleibt das Ergebnis für die Bundesrepublik ungenügend Foto: Armin Weigel/dpa

W as muss eigentlich noch passieren, damit Deutschland die systematische Diskriminierung benachteiligter Kinder stoppt? In keiner anderen Industrienation hängt der Bildungserfolg so stark vom Einkommen und Bildungsgrad der Eltern ab. Studien wie Pisa, Timss oder Iglu attestieren dem deutschen Schulsystem seit Jahren Totalversagen in seinem zentralen Versprechen – dass die Herkunft für die Bildungskarriere keine Rolle spiele.

Wie wenig das bis heute mit der Realität zu tun hat, prangert das UN-Kinderhilfswerk Unicef an: Deutschland kommt in der Studie zum Kindeswohl nur auf Platz 25 von insgesamt 37 Ländern. Pikant dabei: Hierzulande schneiden die Rich Kids im Lesen und in Mathe doppelt so gut ab wie die 15-Jährigen aus armen Haushalten. Mit jedem Tausender mehr auf dem Konto steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dein Kind aufs Gymnasium geht.

Mindestens genauso alarmierend ist die Beratungsresistenz der zuständigen Bundesländer. Dass die anhaltende Bildungsungleichheit vor allem an der frühen Aufteilung in Gymnasien und andere Schulformen liegt, ist nämlich lange bekannt. Es ist kein Zufall, dass außer Deutschland (und Österreich) kein anderes wohlhabendes Land Schü­le­r:in­nen bereits nach der 4. Klasse trennt.

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Wie stark ein längeres gemeinsames Lernen die Bildungschancen für alle stärkt, zeigt bereits eine zwei Jahre längere Grundschule wie in Berlin und Brandenburg. Wie viel mehr noch möglich wäre, kann man der Unicef-Studie entnehmen. Am besten schneiden darin die Niederlande, Dänemark und Frankreich ab: Länder, die auf eine acht- beziehungsweise neunjährige Volksschule setzen.

Protest aus bürgerlichen Reihen

Doch hierzulande traut sich niemand mehr an das Thema ran, seitdem Hamburg 2010 mit seinem Reformeifer den Widerstand des bürgerlichen Lagers provozierte – das im längeren gemeinsamen Lernen offenbar eine Zumutung für das eigene Kind sieht. Stattdessen doktern die Bildungsministerien an vielen verschiedenen Stellen gleichzeitig rum – aktuell sollen verbindliche Sprachtests im Kitaalter, ein verpflichtendes Vorschuljahr und mehr Ressourcen für Brennpunktschulen die Wende bringen.

Dass dies gelingt, muss leider bezweifelt werden. Schließlich hängt auch der Zugang zu Kitas von den familiären Ressourcen ab. Solange es nicht genügend Kitaplätze für alle gibt, werden also vor allem die Kinder das Nachsehen haben, die von der Kita profitieren würden. Die Rückstände, mit denen benachteiligte Kinder in die 1. Klasse starten, können Grundschulen nicht abbauen. Jedenfalls nicht in vier Jahren.

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Ralf Pauli
Redakteur Bildung/taz1
Seit 2013 für die taz tätig, derzeit als Bildungsredakteur sowie Redakteur im Ressort taz.eins. Andere Themen: Lateinamerika, Integration, Populismus.
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6 Kommentare

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  • Wohlhabende sind oft deshalb wohlhabend, weil sie fleißig sind, Ziele durch Arbeit und Motiviation erreichen. Das muss den Kinder vermittel werden. Von nix kommt nix und dann hängt man sich rein und dann funktioniert es auch. Talent gehört auch dazu, aber wie der Spruch ausm Fußball schon sagt: "Fleiß schlägt Talent". Und wenn mir was an meinen Kinder liegt, dann lern ich mit denen zu hause. Unser Schulsystem ist so durchlässig, dass die Kinder, die später reifen noch alles erreichen können, egal welchen Abschluss sie machen. Man muss es halt wollen

  • 36% der Schüler gehen auf ein Gymnasium, in Baden-Württemberg sind es sogar über 40%. Sind das alles Kinder aus wohlhabenden Familien? Dann geht es Deutschland ja wirklich gut!

    • @FraMa:

      Ja, den Menschen in Baden-Württemberg geht es tatsächlich gut. Den meisten in Bayern auch. Da ist es ähnlich.

  • Ich wundere mich über die Prioritäten des Autors.



    Das Hauptproblem im deutschen Bildungssystem ist, dass viel zu wenig herauskommt: Viel zu viele Schülerinnen und Schüler können einfach viel zu wenig. Und zwar aus allen Elternhäusern.



    Das muss dringend besser werden. Das ist nicht nur eine staatliche, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe: Denn Eltern, Lehrer, wir alle geben uns mit immer weniger Leistung zufrieden. Und das verschlechtert auch die Chancengleichheit: Natürlich halten Bildungsbürger Ansprüche ein bisschen eher aufrecht.



    Wer Chancen für alle will, muss mehr Leistung fordern.



    Daran führt ohnehin kein Weg vorbei - denn wovon sollen die kommenden Generationen leben wenn nicht von ihrer Leistungsfähigkeit?

    • @Frauke Z:

      Ja, wir sollten insbesondere darauf achten, dass die Qualität der Lehrkräfte besser wird und diesen Lehrkräften mehr Freiheiten bei der Unterrichtsgestaltung zugestehen. Das "schwedische Experiment" lässt grüßen (www.sueddeutsche.d...periment-1.581380).



      Hätte ich damals einen so langweiligen und uninspirierten Unterricht erhalten, wie er in vielen Gymnasien dank starker Reglementierung durch Mikromanagement mittels detaillierter Lehrpläne üblich geworden ist, wäre ich sicher nicht motiviert gewesen, mich besonders anzustrengen.

  • Die Niederlande ist positiv vorne. Sozial ist die ähnlich gespalten, aber zumindest kommt jedes Kind problemlos und völlig normal eigenständig mit dem Rad zur Schule oder zu den FreundInnen. Bei uns schiebt das Auto Kinder zu Seite. Um eine einfach anzupackende und auf Menschlichkeit zu drehende Schraube auszusprechen. Die viel für Kinder ausmacht.