Flutkatastrophen in der Emilia-Romagna: Erst Jahrhundertereignis, jetzt neue Normalität
Italiens Norden erlebt, wie der Klimawandel Landschaft und Leben verändert. Rückhaltebecken sollen Überschwemmungen verhindern, doch die Maßnahmen sind teuer.
Die Bilder, die im Mai 2023 aus der norditalienischen Region Emilia-Romagna kamen, waren apokalyptisch. Ab dem 16. des Monats regnete es zwei Tage lang ununterbrochen in Strömen. Danach standen weite Landstriche unter Wasser. Ganze Städte wie das 60.000 Einwohner zählende Faenza waren bis zum ersten Stock überflutet. Auf den Straßen fuhren keine Autos oder Fahrräder mehr, sondern Schlauchboote. Insgesamt wurden rund 550 Quadratkilometer überschwemmt.
Die Schäden waren enorm. Tausende Wohnungen und Geschäfte wurden verwüstet, ihr komplettes Mobiliar verwandelte sich in Sperrmüll, der in den Folgetagen die Straßenränder säumte. In hunderten Fabrikhallen waren Maschinen unbrauchbar geworden, die Verluste in den für die Region typischen Obstplantagen waren immens. Hinzu kamen schwere Schäden an der Infrastruktur: gebrochene Deiche, weggespülte Brücken und aufgerissene Straßen.
Insgesamt belief sich der Schaden auf 8,5 Milliarden Euro. Zur Tragödie wurde die Katastrophe durch den Tod von 16 Menschen – sie ertranken in Kellern oder Wohnungen oder wurden von den Fluten mitgerissen. Früher hätte man von einem Jahrhundertereignis gesprochen. Doch das trifft längst nicht mehr zu: Bereits am 2. Mai, nur zwei Wochen zuvor, hatten ähnlich heftige Regenfälle Überschwemmungen ausgelöst. 2024 wiederholte sich das Szenario gleich zweimal, im September und im Oktober.
Der Ablauf war stets derselbe: Eine Regenfront brachte enorme Wassermengen, binnen Stunden schwollen kleine Flüsse zu reißenden Strömen an. Sie flossen von den Hängen des Apennin in die nördlich gelegene Poebene und setzte sie unter Wasser.
Die neue Normalität
„Die Ebene war früher Sumpfland, seit dem 19. Jahrhundert ist sie durch Kanäle und die Eindeichung der Flüsse trockengelegt“, sagt Michele de Pascale, seit 2024 Präsident der Region Emilia-Romagna. Heute gelten rund 50 Prozent der Fläche mit etwa 60 Prozent der Bevölkerung als potenzielles Überschwemmungsgebiet, da das Gelände flach ist und nur wenig über dem Meeresspiegel liegt.
Nun stehe die Region vor einer neuen Herausforderung, so de Pascale. Sowohl die Häufigkeit als auch die Regenmenge seien beispiellos. Niemand bestreite ernsthaft, dass hinter dieser Entwicklung der Klimawandel stecke. Entsprechend müsse man sich darauf einstellen.
In der Ebene braucht es dazu große Anlagen, um die Wassermassen aufzufangen, sowohl Hochwasserrückhaltebecken als auch Stauseen, die dabei helfen, Wasser in Regenperioden zu speichern, skizziert de Pascale den Kern der Pläne der Region. Diese könnten in den zunehmend häufigeren Dürrephasen genutzt werden.
Die Präventionsmaßnahmen kosten Milliarden
Bisher floss jedoch ein Großteil der Mittel in die Beseitigung der Schäden aus den Jahren 2023 und 2024: Deiche wurden repariert und verstärkt, Flussbetten verbreitert. Die Regierung in Rom stellte dafür 2,7 Milliarden Euro bereit – sowohl für Infrastrukturmaßnahmen als auch für Entschädigungen von Bürger*innen und Unternehmen.
Inzwischen hat die Regierung Meloni eine weitere Milliarde Euro für Präventionsmaßnahmen zugesagt. Geplant sind rund 100 Rückhaltebecken entlang der Flüsse – allein bei der Flut im Mai 2023 waren 23 von ihnen über die Ufer getreten. In den vergangenen Jahren wurden jedoch erst zwei solcher Anlagen fertiggestellt. De Pascale schätzt die Kosten seines Gesamtplans auf 5 bis 6 Milliarden Euro.
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