Zuckerabgabe und soziale Konsequenzen: Gesellschaftspolitischer Sprengstoff
Die Zuckerabgabe ist gesundheitspolitisch sinnvoll. Doch wieder einmal bekommen „die da unten“ das Signal, dass ihre Lebensart falsch ist.
K ein Zweifel, die von der Bundesregierung geplante Abgabe auf besonders zuckerhaltige Getränke ist gesundheitspolitisch sinnvoll. Der tägliche Konsum einer Ein-Liter-Flasche gelber Limo oder Cola ist eher nicht so gesund, nimmt man damit doch gleich mal 100 Gramm Zucker zu sich – das sind 33 Würfel Zucker.
Doch haben die Pläne eine gesellschaftspolitisch bedenkliche Unwucht. Ausdrücklich ausgenommen sind alle anderen Produkte, die viel – versteckten – Zucker enthalten. Feinkostsalate – Fleischsalat, Eiersalat, Heringssalat – enthalten satte fünf bis zehn Prozent Zucker (der Zuckeranteil ist bei ihnen in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter gestiegen, weil es dann ja so schön yummy schmeckt und Zucker für die Industrie ein billiger Zusatzstoff ist). Und die angeblich so gesunden puren Fruchtsäfte haben rund zehn Prozent natürlichen Fruchtzucker, der auf Dauer im Körper genauso große Schäden anrichtet wie weißer Zucker. Sie sind damit genauso süß wie die Limo.
Es wird natürlich nicht so offen gesagt, aber das ist der Subtext: Softdrinks sind das Alltagsgetränk der sogenannten Unterschicht, und durch die Abgabe sollen sie endlich kapieren, was für einen Mist sie da trinken. Wenn die Mittelschichtseltern für Carlotta und Noah aber den hochpreisigen Direktsaft im Biomarkt kaufen, ist das okay, weil die sogenannten gebildeten Schichten sich ja im Griff haben. Wenn die Eltern von Selina und Mohammed jedoch bei Lidl den Sechserpack Eigenmarkenlimo kaufen, muss der Staat eingreifen, denn die Unterschichten haben ihr Leben – so die Lesart – nicht im Griff.
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Die Abgabe nur für Billiggetränke birgt gesellschaftspolitischen Sprengstoff. Wieder einmal bekommen „die da unten“ das Signal mitgegeben, dass ihre Lebensart falsch ist, während die Gebildeten angeblich alles richtig machen. Sollten die Pläne nicht auf alles, was süß ist, ausgeweitet werden, dürften sie der AfD weitere WählerInnen zuführen.
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