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Abschiebungen nach AfghanistanSchmutziger geht's nicht

Frederik Eikmanns

Kommentar von

Frederik Eikmanns

Dobrindt arbeitet bei Abschiebungen mit einer Terrororganisation zusammen, die die Bundeswehr zehn Jahre lang bekämpft. Das ist eine Schande.

Taliban-Soldaten am Grenzübergang zu Pakistan Foto: Wahidullah Kakar/AP/dpa

D ass es einen schmutzigen Deal zwischen der Bundesregierung und den Taliban gibt, war schon länger offensichtlich. Deutschland ließ letztes Jahr Vertreter der Islamisten einreisen und sie inoffiziell die afghanische Botschaft übernehmen. Und parallel starteten wieder Abschiebungen aus Deutschland in das verarmte Land.

Nur wie schmutzig das Geschäft ist, auf das sich die Bundesregierung da eingelassen hat, das wissen wir erst seit den Enthüllungen des ZDF Magazin Royal aus der letzten Woche. Unter höchster Geheimhaltung karren die Bundesländer offensichtlich Afghanen nach Berlin, die abgeschoben werden sollen. Um ihre Identität festzustellen und die nötigen Papiere zu besorgen, werden die Betroffenen dann von den Taliban-Vertretern identifiziert – in den Gebäuden der deutschen Behörden.

Wir erinnern uns: Gegen die Taliban hat die Bundeswehr über zehn Jahre lang Krieg geführt. Und seit der Rückeroberung 2021 haben die Taliban ihr Land in einen abstoßenden Ort verwandelt: Frauen sind so massiv vom öffentlichen Leben, von Bildung und Gleichberechtigung ausgeschlossen, dass viele Be­ob­ach­te­r:in­nen von Geschlechter-Apartheid sprechen. Zuletzt führten die Taliban ein neues Gesetzbuch ein, das je nach sozialer Klasse des Angeklagten unterschiedliche Strafen vorsieht.

Nicht jeder und jede mag Mitleid finden für die Straftäter, um die es bei den Abschiebungen nach Afghanistan bislang geht. Aber das Bundesinnenministerium unter Alexander Dobrindt (CSU) arbeitet schon daran, auch unbescholtene Af­gha­n:in­nen zurückzuzwingen. Und an der diplomatischen Aufwertung der Taliban, die das Zusammenarbeiten mit den Islamisten zwangsläufig bedeutet, kann wirklich niemand ein Interesse haben.

Es hat ja gute Gründe, dass Af­gha­n:in­nen zuletzt die größte Gruppe unter den Asyl­be­wer­be­r:in­nen in Deutschland waren. Die Menschen fliehen vor den unerträglichen Lebensbedingungen in ihrem Heimatland. Diejenigen, die dafür verantwortlich sind, macht die Bundesregierung gerade zu ihren Partnern.

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Frederik Eikmanns
Fachredakteur für Innere Sicherheit und Migration
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10 Kommentare

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  • Natürlich ist das eine Schande. Aber gleichzeitig ist das auch eine eindeutige Nachricht an unsere Soldaten.

  • "Nicht jeder und jede mag Mitleid finden für die Straftäter, um die es bei den Abschiebungen nach Afghanistan bislang geht."

    Tatsächlich besonders anderen Migranten nicht. Es war nie leicht in Deutschland, dies hat sich zum Glück in den letzten Jahren etwas geändert. Aber wenn irgendwelche Knallköpfe meinen hier schlimmste Straftaten zu begehen, dann gibt es kein Mitleid. Nicht nur wird man als Migrant von der Mehrheitsgesellschaft in einen Topf geworfen, es sind sehr häufig selbst Migranten die Opfer dieser Täter werden.

    Wie man aber unbescholtene Menschen dorthin abschieben kann erschließt sich mir auch nicht. Manche haben alles riskiert indem sie mit der BW zusammengearbeitet haben, und jetzt will man sie zurück schicken? Eine Schande ist das!

  • Ich würde davon ausgehen, dass maximale Schmutzigkeit nicht einfach nur ein Kollateralschaden ist den man mehr oder weniger bedauern kann, sondern wesentliches Ziel von Dobrindts Politik, vermutlich sogar mehr noch als die Abschiebungen selbst. Ebenso wie bei den rechtswidrigen Grenzkontrollen geht es darum eine Handlungsfähigkeit zu demonstrieren die sich auch von vorgeblich links-wokem Gedöns wie Grund- und Menschenrechten, Europarecht, Gerichtsentscheidungen, Standards der internationalen Diplomatie oder auch nur basalem Anstand und christlich-sozialen Werten nicht aufhalten lässt und Politik von einem verfassungsrechtlich und diskursiv eingehegten Rahmen in einen Modus entgrenzter Befugnisse und Omnipotenz zu überführen. Eine solche Demonstration funktioniert aber nur öffentlich. Und deshalb sind Berichte darüber eben auch eher nicht als investigativer Coup zu werten, der zu massiver Empörung, politischem Umsteuern oder gar Rücktritten führen wird, sondern einkalkulierter und funktionaler Bestandteil einer solchen Politik.



    Das Dilemma: Wenn sich Stimmen damit gewinnen lassen Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit zu schleifen werden sich auch Politiker finden die genau das tun.

  • Afghanische Frauen und Mädchen werden als Flüchtlinge gemäß Genfer Flüchtlingskonvention angesehen. Für diese Gruppe gilt ein genereller Schutzstatus. Der Status ergibt sich aus dem Unterdrückungsregime der Taliban und ist daher zeitlich unbefristet. Abschiebungen sind daher nicht möglich. Gilt für sämtliche EU Mitgliedsstaaten inkl Norwegen und der Schweiz!

    Grundsatzurteil des EuGH vom Oktober 2024 (Az. C-608/22 und C-609/22).

    Kurze Anmerkung: Journalistisches Engagement in der Sache ist begrüßenswert, sollte in der Sache aber nicht dazu führen, das die betroffenen Gruppen durch eine derartige öffentliche Berichterstattung noch zusätzlich verunsichert werden.

  • Alle Bemühungen meinen Kindern und Enkeln beizubringen, dass man sein Leben ehrlich, rücksichtsvoll und empathisch gestalten sollte, werden von "christlichen" Demokraten (?) wie Dobrindt und Konsorten ad absurdum geführt. Solche Verschlagenheit, Unehrlichkeit und vor allem extreme Rücksichtslosigkeit verwundert nicht bei den Partnern (!) unseres Ministers (!), die in Kabul ihre Herrschaft ausüben und nicht von Regierungen, die sich angeblich "Werten" verschrieben haben. Und das alles um a) den Faschos zu gefallen und b) möglichst auch in einer Koalition mit denen einen netten Posten zu ergattern. Es ekelt nicht nur mich an....

    • @Perkele:

      Wieso Nazis gefallen. Laut Umfragen haben 71-93% der Bürger die Abschiebungen befürwortet. Also nicht um den Nazis, sondern der deutlichen Mehrheit der Bürger zu gefallen.

  • Da macht mal jemand den Kurswechsel von Krieg auf Zusammenarbeit und dann ist das auch wieder nicht richtig…

  • Sind nicht auch die ehemalige Sowjetunion 1979 - 1989 durch ihre Einsätze mit für die jetzigen politischen Verhältnisse in Afghanistan, genauso wie die USA durch ihre Einsätze, zu deren Handlanger sich schließlich die Deutsche Regierung gemacht hat, verantwortlich ?



    Die Afghanistans, die nach Afghanistan zurückkehren werden, doch dort von den Taliban als Verräter betrachtet.



    Verantwortung der Deutschen Regierung würde man als demokratischer Bürger Deutschlands, doch gerne im Allgemeinen anders assoziieren.



    Humanistischer !



    Den Menschenrechten verpflichtender !

  • Gleich und gleich gesellt sich gern, auf beiden Seiten clandestine, kleptokratische Strukturen mit religiöser Verbrämung. Strukturell sind CSU und Taliban sich näher als man denkt und im Namen ihres Vereins können beide lügen, da sie sich nicht mit einem Gewissen belasten.

  • Mit der CDU/CSU geht es 'moralisch und demokratisch' immer mehr bergab in diesem Land.

    ***Abschieben ist Teamsache: Der Islamist, Dein Freund und Helfer | ZDF Magazin Royale*** www.youtube.com/wa...v=UD6rrMJLihM&t=1s