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Diskussion um Kernenergie„Reaktivierung von AKWs ist betriebswirtschaftlicher Unsinn“

Unionsfraktionschef Jens Spahn will alte Atomkraftwerke wieder laufen lassen. Ottmar Edenhofer, Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, hält nichts von der Idee.

Das bayerische Kernkraftwerk Isar 2 Foto: Peter Kneffel/dpa

AFP | Der Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Ottmar Edenhofer, hat einen Vorstoß von Unionsfraktionschef Jens Spahn zur Reaktivierung der jüngst in Deutschland abgeschalteten Atomkraftwerke für unsinnig erklärt. „Angesichts der hohen Kosten wäre das betriebswirtschaftlicher Unsinn, auch volkswirtschaftlich gibt es dafür keine ausreichenden Gründe“, sagte Edenhofer den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND, Montagsausgaben). „Ich bin nicht ideologisch gegen Kernenergie“, sagte Edenhofer. „Ich sehe aber nicht, wer die alten Meiler reaktivieren oder neue bauen soll.“

Er stimme Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) zu, neue Gaskraftwerke zu bauen, sagte Edenhofer. „In Kombination mit dem weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien ist das der richtige Weg.“ Dabei seien große Solaranlagen hilfreicher als private Solardachanlagen. Der private Klimaschutz in Form von immer mehr privaten Dachanlagen könne sinnvoll sein, aber die gegenwärtige Regulierung erzeuge massive Fehlanreize.

„Die privaten Betreiber speisen den Strom meistens dann ein, wenn sowieso schon viel Strom im Netz ist, und beanspruchen das Netz hingegen dann, wenn der Strom knapp ist“, sagte Edenhofer. „Einen zu jeder Tages- und Nachtzeit einheitlichen und unterm Strich subventionierten Cent-Betrag für erneuerbare Erzeugung zu erstatten, ist kein Ausdruck von kluger Klimapolitik.“ Die Solarstromvergütung müsse sich an den Börsenpreisen orientieren. „Nur so haben die Leute Anreize, beispielsweise ihre Heimbatterien sinnvoll zu betreiben.“

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8 Kommentare

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  • Als wenn PV-Besitzer nicht um Eigenverbrauch bemüht wären. Der heimische Speicher wird immer zu klein sein, nicht die eigene PV. Bidirektionales Laden wird erfolgreich verschleppt und nebenbei brauchts Ökostrom, die Verteilung ist Sache der Netzbetreiber plus Politik. Aber diese Selbstermächtigung des Bürgers muss zuerst abgestellt werden. Balkonkraftwerk und Strom verschenken ist noch drin.

  • Immer und immer wieder die selben dummen Debatten mit den ewig selben Argumenten. Mancher wird eben nur durch Schaden klug. Also macht halt. Setzt für Summen die die eines Neubaus übersteigen die inzwischen zerlegten Primärkreisläufe der ollen 80er-Jahre Reaktoren wieder in Stand oder pflastert die Landschaft mit vielen, vielen SMRs. Nach Fukushima wollten über 70% den schnellstmöglichen Ausstieg und nun halten 2/3 das für einen Fehler. Die Chance dafür, dass es, bis man in 15-20 Jahren wieder über einen Park an lauffähigen Reaktoren verfügt, irgendwo zu einer großflächigen Freisetzung durch einen schweren Unfall, Anschlag oder Kriegsschäden kommt ist durchaus gegeben und dann werden wieder 70% den schnellstmöglichen Ausstieg fordern oder andernfalls die Regierung aus dem Amt demonstrieren. Die weltweit größte Konzentration an Uralt-Reaktoren steht übrigens in typischerweise ungünstiger Windrichtung in Frankreich.

  • Gegen Kernenergie gibt es viele Gründe, auch dass die Menschheit einfach nicht reif dafür ist, angemessen mit Technologien umzugehen, die bei Eskalation von Interessenkonflikten sehr schwere Folgen verursachen. Selbiges wird man wahrscheinlich bald auch über die unkontrolliert wuchernde KI-Entwicklung sagem, die ja jetzt u.a. auch die Kernenergie-Diskussion wieder mit angefacht hat und auch sonst gut dabei ist, für neue Fans von fossilen Brennstoffen zu sorgen.



    Die Fehler beim Umgang mit Solarenergie von kleineren und privaten Erzeugern liegen ganz woanders. Wir könnten bei sinnvoll skalierbaren Speichertechniken aller Art viel weiter sein, aber selbst wenn es nur um technische Unterstützung für Rückladung aus Autobatterien geht, wird gemauert. Die Dezentralisierung der Stromversorgung ist aus mehreren verschiedenen Gründen sinnvoll. Es könnte effektivere Speichermöglichkeiten für Privathaushalte geben, Einfache Steuerungen für Kombinationen von Klima, Wärme und Strom würden Privaterzeugern auch helfen, ihren Strom sinnvoll selbst zu verbrauchen - das wäre eine wirksame Komponente der Dezentralisierung, wenn auch ohne Nutzen für EON und RWE.

  • Kein Unternehmen will da in sowas investieren. Bei den Batteriespeichern gibt so hingegen schon viele mögliche Investoren und Ideen. Gleichzeitig wäre das in Krisensituationen bitte sicherer.

    Das mit der Atomenergie ist halt im Moment nur noch rechtspopulistisches Scheinargument gegen vermeintlich links woke Öko Ideologen. Wenn man sonst nix zu sagen hat.

  • Gaskraftwerke waren von Anfang an Bestandteil der Energiewende. Robert Habeck und Patrick Graichen planten mit 25 GW Erzeugerkapazität. Es gibt hier im Winter mehrere Tage in Folge ohne ausreichend Sonne und Wind. Diese Tage mit Batterien zu überbrücken wäre - selbst wenn technisch möglich - umweltschädlich. Gigantische Batteriekapazitäten würden produziert, die nur an wenigen Tagen im Jahr genutzt würden.

    Die jetzt stark angegriffene Frau Reiche plant mit nur 12 GW, deutlich weniger als der grüne Wirtschaftsminister Habeck.

    Das kann funktionieren, wenn Deutschland den Energieverbrauch an die Produktion der Erneuerbaren Energien anpaßt. Am Äquator unterscheidet sich die Sonneneinstrahlung zwischen Sommer und Winter nur unwesentlich. Dort können Solaranlagen ganzjährig gleichmäßig genutzt werden und relativ kleine Batterien die Nächte überbrücken, da sie nahezu täglich nachgeladen werden können. Das in Deutschland z. Zt. von vielen favorisierte System Solaranlage+Batteriespeicher läßt sich ab Spanien südwärts viel stabiler und kostengünstiger umsetzen als hier.

    Auch Skandinavien mit Laufwasser und Kernenergie ist ein geeigneter Ausweichstandort für viele Industrieproduktionen.

  • Ich frage mich ja schon, warum man immer und immer wieder gegen dieselben Nebelkerzen anrgumentieren soll. Der Käs ist gegessen, Punkt. Da kann der Herr Spahn oder wer auch immer sonst noch so oft in die atomare Mottenkiste greifen.

  • Der Ausstieg aus dem Ausstieg mit Fukushima-Ende plus die Schlechterstellung erneuerbarer Energien war ein teures vergiftetes GEschenk von der angeblich so vorausdenkenden Angela Merkel an eine Branche, die mehr die Hand aufgehalten als zur Energiesicherheit beigetragen hat.



    Der Vorschlag von Edenhofer, die Solarstromvergütung an den Börsenpreis zu orientieren, gefällt mir. Das würde schon dazu führen, dass beim Aufbau der Photovoltaic anders geplant würde, möglichst gute Ausnutzung der Zeiten mit schwacher Sonne statt im Hochsommer mittags das Maximum rauszuholen, den Wintermorgen und Winternachmittag möglichst weitgehend auszunutzen.



    Ich habe mich schon vor 15 Jahren gewundert, dass die Chancen von E-Auto-Batterien als Zwischenspeicher nicht angepriesen worden sind.

  • "Er stimme Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) zu, neue Gaskraftwerke zu bauen, sagte Edenhofer. "

    Interessant. Mal ganz andere Töne als die üblichen Anti-Reiche-Tiraden aus grüner Ecke, und das von einem der renommiertesten Wissenschaftler aus dem Potsdamer Institut für Klimaforschung.