Regionalwahlen in Wales: Labour-Dämmerung unter den schwarzen Hügeln
Wales ist eine historische Hochburg der britischen Labour-Partei – aber das dürfte jetzt zu Ende gehen. Geht der Trend Richtung Eigenständigkeit?
„Du kriegst keinen Termin beim Hausarzt, andere Termine werden verschoben“, klagt Trish Roberts. Die pensionierte Lehrerin beim Hundespaziergang im riesigen Singleton Park von Swansea ist nicht die Einzige, die sich über den Zustand des Gesundheitssystems ärgert. Das walisische Gesundheitswesen steht unter der Verantwortung der Regionalregierung, die seit jeher von Labour geführt wird. Es gibt dafür in Wales mehr Geld als in England, aber die Bilanz ist schlechter. „All die 26 Jahre Labour sind Wales nicht zugutegekommen“, urteilt Roberts. Sie hat immer Labour gewählt. Jetzt weiß sie es nicht mehr.
In Wales ist Labour seit 1922 immer die stärkste Partei gewesen. Seit die Region 1999 eine eigene Regionalregierung und ein eigenes Regionalparlament kam, hat immer Labour die Region regiert. Es war die natürliche Wahl vor allem im alten Kohle- und Stahlrevier des industriellen Südwales. Doch die Gruben und meisten Stahlwerke sind heute Geschichte und wenn am 7. Mai der Senedd, das Regionalparlament neu gewählt wird, könnte eine politische Ära zu Ende gehen.
Klarer Favorit ist Plaid Cymru, die walisische Nationalpartei, geführt vom charismatischen 53-jährigen ehemaligen BBC-Journalisten Rhun ap Iorwerth. Ihr Fernziel der Unabhängigkeit will Plaid nicht sofort ansteuern, dafür gibt es keine Mehrheit in der Bevölkerung. Sie verspricht Investitionen im Gesundheitssystem, Kinderversorgung und Erziehung sowie die walisische Wirtschaft insgesamt. Es soll auch mehr in die walisische Kultur fließen.
Hauptrivale von Plaid Cymru ist die rechte Partei Reform UK. Sie ist stark in ländlichen Gebieten, insbesondere am östlichen Rand an der Grenze zu England. Neben Steuersenkungen und einem Ende von Asyl- und Einwanderungsprogrammen versprechen die Rechten bessere Autobahnen und Landstraßen, ein Ende der von Labour eingeführten 20-Meilen-Zonen im Straßenverkehr (32 km/h) und mehr Fokus auf die walisische Landwirtschaft. Reform UK wird in Wales geführt von Dan Thomas, der einst die Stadtbehörde Barnet in Nordlondon für die Konservativen leitete. Sein Vorgänger Nathan Gill wurde im November wegen der Annahme von 40.000 Pfund Bestechungsgeldern von Russland, als er noch Europaabgeordneter war, zu zehn Jahren Haft verurteilt.
Bäume für Uganda mit walisischem Geld?
Im Wahlkreis Gŵyr Abertawe liegen laut Umfragen Plaid und Reform fast gleichauf, mit Plaid leicht vorn, dann Labour auf dem dritten Platz. Das entspricht dem landesweiten Trend. Der Wahlkreis vereint die zweitgrößte walisische Stadt Swansea und die umliegenden ehemaligen Kohlereviere mit der ländlich-touristischen Halbinsel Gower.
Reform-Wähler trifft man leicht in Mumbles, einem Städtchen auf Gower, wo eher Besserverdienende zu Hause sind. „Labour?“, fragt der 65-jährige pensionierte Zahnarzt Nigel Poole. „Die haben drei Millionen Bäume für Kuba verschwendet!“ Es stimmt zwar nicht ganz – die Labour-Regierung von Wales hat mit staatlicher Entwicklungshilfe nicht in Kuba Bäume pflanzen lassen, sondern in Uganda, und es waren nicht 3, sondern 25 Millionen. Aber das wäre für skeptische Wähler auch nicht überzeugender. Poole erinnert daran, wie erst 2024 der neue Labour-Regierungschef von Wales, Vaughan Gething, nach nur 118 Tagen im Amt wegen fragwürdiger Wahlkampfspenden zurücktrat. Und jetzt gibt es Keir Starmer mit dem Mandelson-Skandal und seine wegen Steuerhinterziehung zurückgetretene Stellvertreterin Angela Rayner.
Wegen all dem wähle er am Donnerstag Reform. „Die haben gesagt, dass der Senedd eine Verschwendung ist, vielleicht schaffen sie ihn sogar ab. Und sie nehmen die Einwanderung ernst.“ Auch der ehemalige Autohändler Philip, 68, sagt, dass er Reform wählen werde, weil die Partei die Bedürfnisse der Geschäftswelt verstehe.
Mumbles-Kommunalrätin Francesca O’Brian ist die Reform-Wahlkreiskandidatin in Gŵyr Abertawe. Sie ist, wie viele Reform-Politiker, eine Überläuferin von den Konservativen. Der 32 Jahre alte Chris Orten, der auf der anderen Straßenseite gerade seinen Sohn im Kinderwagen schiebt, wirft ihr vor, Hass zu schüren. Sie habe für einen Elternprotest gegen den Besuch eines muslimischen Glaubensvertreters in einer Schule geworben. Orten verweist auch auf den prominenten Reform-UK-Unterstützer und Geschäftsmann Aaron Banks, der jüngst in sozialen Medien fragte, ob ein Schwarzer Aktivist auf dem Foto eines Plaid-Cymru-Treffens in Cardiff wirklich ein „walisischer Junge“ sei. Dafür wollte sich Reform-Parteichef Dan Thomas bei einer TV-Wahlveranstaltung nicht entschuldigen.
Für Orten ist deshalb klar, dass Reform für ihn nicht infrage kommt. Aber auch Labour will er nicht wählen, die sind ihm nicht links genug. Plaid ginge auch nicht. „Ich komme ursprünglich aus dem englischen Northampton, es wäre also gegen meine Interessen, eine walisische Nationalpartei zu wählen.“ Für ihn blieben deshalb nur die Grünen übrig.
Morgan, die 68-jährige Mitbesitzerin des Strickwarenladens Swansea Bay Yarns in Mumbles, schwört ebenfalls auf Grün. „Ich bin extreme Antizionistin und gegen Israels Völkermord“, sagt sie gleich und behauptet, dass Jeremy Corbyn der am wenigsten antisemitische Parteiführer gewesen sei. Damals sei sie Labour gewesen. Seit September 2025 ist sie Grünenmitglied – wegen Labours Israel-Politik und der enttäuschenden Sozial- und Umweltpolitik.
Kaum 400 Meter weiter an der Strandpromenade bereitet der 55 Jahre alte Chris Price frische Meeresfrüchte für seinen Imbissstand zu. „Die Politik wurde über die Jahre immer brutaler“, findet er. Labour habe ihn enttäuscht, weil die Lebenshaltungskosten steigen. Er hält eine Steuersenkung in der Gastronomie für angemessen. „Ich bin jetzt neugierig, was Plaid für Wales tun kann. Auch wenn ich weiterhin skeptisch bleibe, ob der dezentralisierte walisische Senedd überhaupt viel tun kann.“
„Das ist eine Stimme für Wales“
Um Labour-Wähler zu finden, muss man länger suchen. Inmitten von Hecken und Feldern im Dorf Knelston mitten auf der Gower-Halbinsel preist die 45-jährige Lehrerin Rhiannon, die gerade ihre vierjährige Tochter aus der Grundschule abholt, die Errungenschaften Labours in Wales, wo manches besser sei als jenseits der Grenze in England: „Unsere Medikamente sind umsonst, auch das Parken vor den Krankenhäusern. Wir haben Schulmahlzeiten für die Grundschulkinder. Und die 20-Meilen-Zonen retten viele Leben und senken die Luftverschmutzung.“ Sie misstraut Reform UK, die sie als rassistisch versteht, und sie ist gegen Plaid und die Unabhängigkeit von Wales.
Andere sind weniger besorgt über einen möglichen Sieg der Nationalisten. Etwa Lindon Tucker, der im Dorf Llanrhidian in seiner riesigen Traktorwerkstatt zwischen Motoren und Werkzeugen steht. Der 74-Jährige schafft es bis heute nicht, in Rente zu gehen und arbeitet immer noch voller Elan. Großbritannien habe sich weder unter den Tories noch unter Labour groß verbessert, findet er. „Ich werde diesmal Plaid wählen. Das ist eine Stimme für Wales und ich kenne den Kandidaten John Davies persönlich. Der ist in Ordnung.“
Doch der 83-jährige Glyn, der in der ruhigen Kleinstadt Pontarddulais im Norden des Wahlbezirks, wo es hügliger wird, gerade auf dem Weg zur Kneipe ist, will bei Labour bleiben. „Plaid kann auch nichts richten. Eine walisische Unabhängigkeit wird uns genauso wenig bringen wie der Brexit. Wir haben, als wir in der EU waren, in Wales viele Zuschüsse erhalten, die jetzt fehlen.“
Um die Ecke, wo das längst geschlossene letzte Stahlwerk des kleinen Städtchens nun abgebaut wird, um ein neues Wohngebiet zu schaffen, planen derweil der 73-jährige David Awel Davies und seine Nachbarin für den Tag nach den Wahlen die größte Feier ihres Lebens. Nur Plaid könne wirklich walisische Interessen vertreten, sind sie sich sicher. Und diesmal würden sie es schaffen. „Ich werde mich volllaufen lassen“, prophezeit Davies und verweist auf das lokale Llanelli-Bier. Seinen Enthusiasmus fasst er mit einem alten Sprichwort der Stahlarbeiter zusammen: „New brush sweeps clean“ – eine neue Bürste wischt sauber.
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