Kunstprojekt blickt auf NSU-Terror: „Die Aufklärung ist zumindest lückenhaft“
Katharina Kohls Projekt „Gedächtnislücken#revisited“ beleuchtet die NSU-Aufarbeitung. Ganz geklärt sind die zehn rassistischen Morde bis heute nicht.
taz: Frau Kohl, wessen Gedächtnislücken zeigt Ihr Projekt „Gedächtnislücken#revisited“?
Katharina Kohl: Auf den Plakaten sieht man – hervortretend aus dem geschwärzten Text der Protokolle – Erinnerungslücken der Ermittler, die in Untersuchungsausschüssen zu den rassistischen Morden des NSU, des „Nationalsozialistischen Untergrunds“, befragt wurden: Mitarbeitende von Verfassungsschutz, Polizei, Bundeskriminalamt und Militärischem Abschirmdienst.
geb. 1956, lebt als freischaffende Künstlerin in Hamburg. Mit dem NSU befasst sei sich seit 2012. Die „Gedächtnislücken“ entstanden im Zuges ihres 2018 erstmals ausgestellten Projekts „Personalbefragung / Innere Sicherheit“, einer Aquarell-Reihe mit Porträts der in den Untersuchungsausschüssen befragten Ermittler.
taz: Was macht die Zitate interessant?
Kohl: Dass sie oft dann auftraten, wenn ich dachte: Jetzt wird es spannend. Und dass sie teils absurd, aber auch bezeichnend sind. Markant fand ich den Satz „Es ist mir nicht erinnerlich“. Eine eher unübliche Passiv-Konstruktion. Man hätte ja auch sagen können: „Ich erinnere mich nicht.“ Aber durch das Passiv wird das nebulös, das handelnde Subjekt verschwindet. Ein weiterer Satz lautet: „Soweit ich weiß, wussten wir nichts“. Dahinter steht wohl: Als Behörde wussten wir offiziell nichts. Ein anderer sagte: „Das wusste ich aktiv nicht“. Der Kontext: Er weiß es aktiv nicht, weil er es nicht in Dienst erfuhr, sondern am Frühstückstisch von seiner Frau.
Vernissage: 5.6., 16 Uhr, Digitale Litfasssäule, Ecke Ballindamm/Jungfernstieg, Hamburg
Film und Gespräch: 7.6., 15 Uhr, Dokumentarfilm „Dann vergesse ich alles“ und anschließend Podiumsdiskussion „Leben mit den Folgen von rechter Gewalt und Rassismus“ u.a. mit Okan Taşköprü, dem Filmemacher Ibrahim Arslan und dem Künstler Ali Riza Ceylan, Stadtteilzentrum Kölibri, Hein-Köllisch-Platz 12), Hamburg
taz: Ein Beispiel für eine markante Gedächtnislücke?
Kohl: Der Beamte, der 1998 in Jena die Garage des NSU-Trios durchsuchte, in der man Waffen und Sprengstoff fand, und sich an Details nicht erinnerte. Auch nicht daran, warum der Haftbefehl erst zwei Tage später ausgestellt wurde, als die Täter längst untergetaucht waren. Unklar blieb auch, warum die dort gefundene „Garagenliste“ mit Kontaktdaten weiterer Neonazis unbeachtet blieb. Wäre man dem nachgegangen, wäre der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke 2019 vielleicht verhindert worden: Der Täter hatte Kontakt zum NSU.
taz: Und warum Gedächtnislücken#revisited?
Kohl: Weil ich sie seit 2018 systematisch jedes Jahr ausgestellt habe – unter anderem in Berlin, Nürnberg, Köln. Dieses Jahr ist es der 25. Todestag von Süleyman Taşköprü, der 2001 in Hamburg vom NSU ermordet wurde. Und „revisited“ ist eine Versuchsanordnung, um zu prüfen, ob sich die Voraussetzungen verändert haben, die für das Funktionieren des Werks wichtig waren: Wie steht es heute um die NSU-Aufklärung? Was ist gelungen, was nicht?
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taz: Ist sie gelungen?
Kohl: Sie ist zumindest lückenhaft. Und man sieht die Grenzen unseres Rechtsstaats. Dass Ralf Wohlleben, einer der wichtigsten NSU-Unterstützer, gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, ist rechtsstaatlich in Ordnung, weil er seine Strafe abgesessen hat. Aber er hat sich nicht von der rechtsextremen Ideologie verabschiedet. Zur gleichen Zeit haben die Kinder des 2005 vom NSU ermordeten Theodoros Boulgarides jetzt endlich die Kleidung des Vaters zurückbekommen. Das ist eine eigenartige Koinzidenz.
taz: Warum haben Sie eigentlich alles geschwärzt außer den Gedächtnislücken?
Kohl: Weil ich es reizvoll fand, eine Methode nutzen, die in den Dokumenten selbst angewandt wird. Außerdem sind auch die geschwärzten Passagen teilweise leserlich. Das animiert vielleicht Menschen, die Originalprotokolle einzusehen, die ja öffentlich zugänglich sind.
taz: Ist Ihr Werk als Anklage gedacht nach dem Motto: Die Gedächtnislücken der Leute sind vorgetäuscht?
Kohl: Nein. Eine Gedächtnislücke ist zwar eine Möglichkeit, sich aus der Verantwortung zu ziehen. Aber im Umkehrschluss ist sie niemals der Beweis dafür, dass jemand lügt. In meinem Werk geht es vielmehr – neben meiner Sorge um den Rechtsstaat – darum, wie Erinnerung funktioniert – oder auch nicht.
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