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VolksabstimmungenDie Krux mit dem Kreuz

Matthias Kalle

Essay von

Matthias Kalle

Viele Deutsche sehnen sich nach direkter Demokratie. Doch es fehlt nicht an Mitsprache, sondern an wirksamer Politik.

S tellen wir uns einmal vor, es ist Volksabstimmungstag in Deutschland. Irgendein gut gemeinter Verein – „Demokratie für alle“ oder so ähnlich – hat ein Volksbegehren durchgefochten, das Bundesverfassungsgericht hat es durchgewunken, und nun darf das Volk entscheiden. Worüber genau, spielt für den Moment keine Rolle. Wichtig ist die Stimmung: Die sozialen Netzwerke kochen seit Wochen, Bild hat eine Meinung, in den Talkshows erfinden sie ein paar neue, und dann schleppt sich ein gespaltenes Land an die Urnen. Also das gleiche Land, in dem sich laut Umfragen eine Partei an die 30-Prozent-Marke heranschlawenzt, die den Rechtsstaat für eine Zumutung hält.

Man kann jetzt natürlich darauf hoffen, dass alle Seiten sich durch den wochenlangen Abstimmungswahlkampf besser kennenlernen, die Sachargumente siegen und das Ergebnis, wie immer es ausfällt, als demokratisch legitim akzeptiert wird. Man kann es hoffen. Aber kann man das allen Ernstes glauben?

Die Sehnsucht nach direkter Demokratie auf Bundesebene, die an dieser Stelle vor einer Woche formuliert wurde, ist mehr als verständlich. Und die Diagnose, aus der sich diese Sehnsucht speist, ist ja richtig: Das Vertrauen in die repräsentativen Institutionen schwindet, die Distanz zwischen Regierenden und Regierten wächst, und die AfD, die von dieser Distanz lebt wie Schimmel von Feuchtigkeit, hat für ihren Marsch durch die Institutionen längst die Springerstiefel gegen die Adiletten getauscht. Wenn Menschen das Gefühl hätten, wirklich mitentscheiden zu können, so das Argument, würden sie die etablierten Parteien nicht länger als ferne Elite erleben. Oder anders formuliert: Mehr Mitsprache soll mehr Vertrauen schaffen.

Das klingt zunächst plausibel. Aber es gibt gute Gründe anzunehmen, dass das nicht funktioniert.

Keine Beteiligungskrise

Die politische Krise unserer Zeit ist ja keine Beteiligungskrise. Die Menschen beschäftigen sich intensiver mit Politik als seit Jahrzehnten. Sie diskutieren über Migration, Klimapolitik, Heizungen, Bürgergeld und Schuldenbremsen – in Podcasts, Talkshows und sozialen Netzwerken, rund um die Uhr und ohne erkennbare Ermüdungserscheinungen. Es fehlt also nicht an Mitsprache, sondern an der Überzeugung, dass irgendetwas davon irgendetwas ändert.

Wer sich von AfD-Wählern die Gründe ihrer Entscheidung erklären lässt, bekommt einiges zu hören über die Unfähigkeit des Staates: marode Infrastruktur, Wohnungsmangel, langsame Behörden und das diffuse Gefühl, dass selbst Regierungswechsel die Dinge nicht verbessern. Und diese Enttäuschung entsteht nicht, weil es zu wenige Volksabstimmungen gibt. Die Vorstellung, mehr direkte Demokratie könne das Vertrauen in die Politik wiederherstellen, verwechselt Ursache und Wirkung.

wochentaz

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Mehr Mitsprache, mehr Teilhabe, mehr Transparenz, mehr Möglichkeiten: Das war das Versprechen der letzten dreißig Jahre. Das Internet sollte die Demokratie revolutionieren. Blogs würden den Journalismus demokratisieren, Twitter die Öffentlichkeit, Wikipedia das Wissen, Facebook die sogenannte Zivilgesellschaft. Außerdem flossen Milliarden in Demokratieförderungsprogramme, in Civic-Tech-Projekte, in Bürgerdialoge, in Partizipationsplattformen. Die Zustimmung zu autoritären Führerfiguren wächst aber in genau jenen Gesellschaften, die am meisten in demokratische Beteiligung investiert haben: in den USA, wo die gesamte Civic-Tech-Industrie erfunden wurden; in Deutschland, das mehr Geld in Demokratieförderung steckt als fast jedes andere Land; in Frankreich, das nach den Gelbwesten-Protesten einen nationalen Bürgerdialog inszenierte. Die Skepsis gegenüber Institutionen ist nicht trotz der Beteiligungsrevolution gestiegen. Sie ist mit ihr gestiegen.

Nun kommt – und sie kommt an dieser Stelle immer – die Schweiz ins Spiel. Dort funktioniert direkte Demokratie tatsächlich: Das Vertrauen in die Institutionen ist hoch, die Partizipation ist real, das System hat Legitimität. Kurz gesagt, die Schweiz ist ein Argument, das sich kaum widerlegen lässt. Es hat nur einen Haken.

Die Schweiz hat damit 1848 angefangen.

Das Schweizer System funktioniert in Deutschland nicht

Institutionen kann man importieren. Politische Kulturen nicht. Direkte Demokratie ist kein Instrument, das man mal eben einbaut wie eine neue Spülmaschine, weil die alte nicht mehr richtig saubermacht. Sie ist eine politische Kultur, die über Generationen gewachsen ist, eingebettet in ein System der Konkordanz und des föderalen Ausgleichs, getragen von Institutionen, die ihr Gewicht halten können. In Deutschland würde man sie in eine aufgeheizte, medial fragmentierte Gesellschaft einführen – ohne Fundament, ohne Übung, ohne die kulturellen Dämpfer, die in der Schweiz über anderthalb Jahrhunderte entstanden sind.

Dass in Ländern mit mehr direkter Demokratie auch das Vertrauen in die repräsentativen Institutionen höher ist, belegt vor allem eines: Stabile Demokratien sind stabil – nicht weil sie Volksabstimmungen haben, sondern weil sie die Bedingungen mitbringen, unter denen Volksabstimmungen funktionieren können. Die Kausalität läuft anders, als ihre Befürworter glauben.

Jetzt wird es mal kurz aufzählerisch, was vor allem daran liegt, dass es eben so irre viele Argumente gegen Volksabstimmungen gibt. Also: Volksabstimmungen reduzieren komplexe Fragen auf zwei unterkomplexe Antworten: ja oder nein. Wie viele Menschen soll Deutschland aufnehmen? Wie soll die Energiewende finanziert werden? Welche Kompetenzen soll die EU haben? Solche Fragen lassen sich nicht vernünftig mit einem Kreuz auf einem Stimmzettel beantworten. Parlamente können verhandeln, korrigieren und Kompromisse organisieren. Volksabstimmungen können das nicht. Der Brexit, der dieses Jahr zehnjährigen Geburtstag, nun ja, feiert, ist dafür ein ganz gutes Beispiel: Millionen Menschen trafen eine Entscheidung von historischer Tragweite, aber die eigentliche politische Arbeit begann erst danach. Das Referendum löste die Konflikte nicht, sondern verlagerte sie in eine noch schärfere Form.

Die wesentliche Frage lautet nicht nur: Wer entscheidet? Sie lautet auch: Was kann überhaupt noch entschieden werden?

Direkte Demokratie soll die Distanz zwischen Volk und Politik überwinden. Populistische Parteien aber leben gerade von der Behauptung, sie allein verkörperten den wahren Volkswillen – und alle anderen verrieten ihn. Deshalb ist keineswegs ausgemacht, dass Volksabstimmungen diese Erzählung schwächen. Sie könnten sie sogar noch verstärken. Die Themen, mit denen populistische Bewegungen erfolgreich sind, eignen sich besonders gut für emotionalisierte Abstimmungskämpfe: Migration, nationale Identität und innere Sicherheit lassen sich leichter in Ja-nein-Fragen übersetzen als Rentenreformen oder Haushaltspolitik. Wer also glaubt, direkte Demokratie werde der Demokratie ihre Würde zurückgeben, könnte ihr tatsächlich neue Angriffsflächen schaffen.

Mehr Abstimmungen bedeuten nicht mehr Diskurs

Und wer würde eigentlich die Abstimmungsfragen formulieren? Das ist keine Formalität, sondern Macht. Denn wer den Stimmzettel schreibt, beeinflusst das Ergebnis. Und wer am Ende abstimmt, ist ohnehin nicht zwingend das Volk in seiner Breite: Volksabstimmungen begünstigen, wer am besten mobilisieren kann, wer die größten Kampagnenressourcen hat, wer ein Thema am wirksamsten emotionalisiert. Das muss nicht die Mehrheit sein. Die Forschung ist hier eindeutig: In der Schweiz und in Kalifornien haben Volksabstimmungen empirisch nachweisbar zu Steuersenkungen und Sozialstaatsabbau geführt – weil die Abstimmenden überwiegend aus den Mittelschichten kommen, die auf staatliche Transfers nicht angewiesen sind. Was als Instrument des Volkes gedacht war, entscheidet in der Praxis eine sozial ausgedünnte Schrumpfversion des Volkes.

Auch die Hoffnung, Volksabstimmungen würden den Menschen das Gefühl echter Verantwortung zurückgeben, ist trügerisch. Politische Entfremdung entsteht nicht, weil man nicht abstimmen darf. Sie entsteht, weil Niederlagen in der modernen Öffentlichkeit kaum noch als legitim akzeptiert werden – sie werden als Verrat gedeutet, als Manipulation, als Systemfehler. Warum sollte ein Volksentscheid dieses Muster durchbrechen? Der Soziologe Claus Offe hat beobachtet, dass der Abstimmungsakt das „schlechtere Ich“ der Bürger begünstigt – weil man beim Kreuzchenmachen von diskursiven Anforderungen und dem Zwang zur Rechtfertigung vollständig entlastet ist. Mehr Abstimmungen bedeuten also nicht mehr Diskurs. Manchmal bedeuten sie weniger.

Die Sehnsucht nach Volksabstimmungen suggeriert, das zentrale demokratische Problem unserer Zeit sei ein Mangel an Mitsprache. Doch die meisten politischen Konflikte der Gegenwart haben ihre Ursache nicht darin, dass Bürgerinnen und Bürger zu wenig gefragt werden – sondern darin, dass politische Entscheidungen immer häufiger als wirkungslos erlebt werden. Seit Jahren wächst die Vermögensungleichheit. Wohnungen werden in vielen Städten unbezahlbar. Globale Konzerne verfügen über mehr Ressourcen als manche Staaten. Internationale Kapitalströme und europäische Vorgaben begrenzen den Handlungsspielraum nationaler Politik erheblich. Viele Menschen spüren diese Entwicklung, auch wenn sie sie nicht immer so beschreiben.

Die wesentliche demokratische Frage lautet deshalb nicht nur: Wer entscheidet? Sie lautet auch: Was kann überhaupt noch entschieden werden?

Der banale Vorteil des Parlaments

Eine Volksabstimmung schafft keine bezahlbaren Wohnungen. Sie begrenzt keine Marktmacht. Sie verteilt keinen Reichtum um. Sie sorgt nicht dafür, dass Züge pünktlich fahren. Wer direkte Demokratie als Antwort auf die Vertrauenskrise der Gegenwart präsentiert, verwechselt demokratische Verfahren mit demokratischer Gestaltungsmacht.

Mehr Abstimmungen bedeuten auch nicht automatisch mehr Zusammenhalt. Sie bedeuten zunächst mehr Niederlagen. Nach jedem Volksentscheid steht eine Seite als Gewinner da – und eine andere als Verlierer, die sich womöglich bestätigt fühlt in dem, was sie schon immer geahnt hat: dass ihre Stimme letztendlich nichts zählt, dass „die da oben“ es ohnehin anders machen, dass das System gegen sie arbeitet.

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Und wenn der Volksentscheid sich im Nachhinein als Fehler erweist? Dann hat man ein Problem. Das Parlament hat nämlich einen Vorteil, der ein bisschen banal klingt, aber es nicht ist: Wer schlechte Entscheidungen trifft, kann abgewählt werden.

Das Volk leider nicht.

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Matthias Kalle

Matthias Kalle Ressortleiter wochentaz

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19 Kommentare

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  • OK. Ich setze den Hebel mal anders an:



    Jeder Bürger kann in eine Jugendorganisation seiner Wunschpartei eintreten, später dann in die Partei, und was noch wichtiger ist, dort mitarbeiten.



    Er kann sich in Personal- und Betriebsräten und, was noch wichtiger ist, in Gewerkschaften organisieren.



    Er kann an Bürgerinitiativen teilnehmen und vielfältigen nationalen und internationalen Organisationen, wie z.B. Greenpeace oder Amnesty International freiwillig mitarbeiten.



    Es gibt also vielfältige Möglichkeiten, sich politisch zu engagieren und damit Einfluss auf die Politik zu nehmen.



    Keineswegs ist der mündige Bürger dazu verdammt, nur alle vier Jahre ein Kreuz setzen zu dürfen - oder im Falle von Volksentscheidungen vielleicht 3-4 mal im Jahr.

  • Wenn ich den Text zusammenfasse lautet die Botschaft meiner Auffassung nach: "Der Weg zu mehr Demokratie ist lang und möglicherweise auch steinig – also sollten wir ihn nicht gehen." Das finde ich als Argument offen gesagt sehr sehr schwach.

    Das Grundgesetz nennt das Volk als Souverän, von dem alle Staatsgewalt ausgeht. Klingt großartig, doch wie sieht das in der Realität aus? Der Souverän darf alle Jubeljahre mal entscheiden, an wen er seine Macht abgibt – also wer "für" ihn diese Macht faktisch ausüben darf. Und das war es auch schon. Mitsprache ist eben mehr als nur die Entscheidungen der machtausübenden Kaste einer Wertung unterziehen zu dürfen. Ansonsten ist das in etwa so, als bestelle ich einen Maler in meine Wohnung mit dem Wunsch, dass er meine Wände in Minzgrün anstreicht, gehe einkaufen und stelle danach fest, dass er meine Wohnung gerade Rot streicht, weil ihm das einfach besser gefällt und er für diese Farbe mehr berechnen kann. Klar habe ich dann die Möglichkeit, einen neuen Maler zu beauftragen, der Schaden ist jedoch doch schon da. Und in der derzeitigen Demokratie muss ich den Maler sein Werk beenden lassen und die Zeche zahlen, bis ich einen neuen rufen "darf".

  • Ich bin nun Mitte 40 und stets Nichtwähler gewesen (außer 1998 endlich den Kohl abzuwählen!). Früher ziemlich links als naiver Jüngling mit 20 gewesen und auf die Linkspartei geschielt, aber zu viel unwählbar negatives gesehen. Seit mehr als 10 Jahren aber die Entfremdung. Heutzutage finde ich Die Linke, BSW, AFD, FDP unwählbar. Nur SPD, CDU, Grüne zähneknirschend. Aber jede der Dreien hat neben großen Pluspunkten zugleich große Negativpunkte.



    Es gleicht sich alles aus, ich kann keine der dreien guten Gewissens wählen ,was mich frustet, fühle mich politisch nirgendwo zugehörig oder vertreten, fühle mich machtlos und gefrustet, habe dem System den Rücken gekehrt, mich in mein privates Schneckenhaus gezogen! Nur Volksabstimmungen würden mich als partizipierenden Bürger fühlen lassen!

  • Ich habe mir die Volksabstimmungen der Schweiz angesehen.



    de.wikipedia.org/w..._Volksabstimmungen



    Die Beteiligung liegt über den Daumen gepeilt bei ca. 50%, pro Jahr gab es meist 4 Abstimmungen. Die Themen sind schon sehr spezifisch und erfordern ein hohes Fachwissen.



    Um alle Abstimmungen später auch entsprechend umgesetzt wurden und wie die Ergebnisse waren, konnte ich nicht herausfinden.



    Ich selbst habe Zweifel, ob ich in der Lage wäre, die anstehenden Themen zu beurteilen - ob ich überhaupt dazu Lust hätte, steht auf einem anderen Blatt.



    Gewiss haben auch in unserer Regierung nicht alle Abgeordneten Detailwissen zu allen Problemfeldern. Sie haben jedoch einen riesigen Apparat an Fachleuten, die die Themen von allen Seiten beleuchten.

    • @Il_Leopardo:

      Ich fürchte, das ist ein sehr idealistisches Bild zur Kompetenz unserer Abgeordneten.



      Man braucht sich nur einmal die kürzlich beschlossenen Gesetze zur Wehrpflicht, zur dringenden Facharztterminen oder zur Mehrwertsteuersenkung für Gastronomen anzusehen, um da starke Zweifel zu bekommen.

  • Herr Kalle, Sie verwechseln Ursache mit Wirkung.



    Die digitalen Medien fördern nicht die ernsthafte Diskussion mit einem Thema, sondern heizen die Emotionen auf. Das ist das Gegenteil von Diskurs! Dies und Talkshows sind auch keine "Mitsprache", sondern nur Gerede, wenn nicht sogar Stimmungsmache. Mitsprache ist, wenn ich in Entscheidungsgremien teilnehmen kann. Echte Meinungen entstehen, wenn Menschen Auge in Auge miteinander diskutieren, in Kneipen, etc. Elektronische Übertragungsmedien behindern immer den echten Austausch.



    Wieso soll eine Entscheidung irgendeines Politikers demokratischer sein, als wenn das Volk abstimmt?



    Verstehen Sie Mathematik? Je höher die Anzahl der Werte, desto stabiler die Standardabweichung. Eine Einzelmeinung kann daher immer sehr schräg ausfallen.

  • Die demokratische Mitsprache in den sozialen Medien reduziert sich, abgesehen von ein paar erfolgreich kursierenden Online-Petitionen, auf praktizierte Meinungsfreiheit. Bei großer Zustimmung zu einer Petition ist der zuständige Petitionsausschuss verpflichtet, die PetentInnEn, die die Petition formuliert haben, anzuhören. Bei Petitionen muss die Mitsprache aber nicht aufhören. in den Ampeljahren waren sehr erfolgreich unterwegs auch die neuen Mitspracheformate mit zufällig ausgewählten BürgerInneN aus der das Thema betreffenden Gebietskörperschaft, die sich politischen Rat aus ihrer Bevölkerung erhofft. Volksabstimmungen sind auch nicht alltäglich, da sowas auch erstmal ein Bürgerbegehren voraus geht. Die ewige Kampagne Konservativer gegen Volksabstimmungen entbehrt also jeder sachlichen Grundlage. Volksabstimmungen sind legitime Mittel auch unserer Demokratie. Aus einer gut sortierten Palette formal korrekt BürgerInneN-Mitsprache einspannender politischer Mittel. Ach ja, die Anhörungen wären noch zu nennen, und was fällt euch noch ein? Das Lobbyieren? Weia, das ist zu Recht umstritten!

  • Der Brexit war keine Volksabstimmung, sondern eine nicht bindende top-down Volksbefragung.



    Besser erstmal recherchieren, bevor man so einen Artikel schreibt.

    Außerdem läuft direkte Demkratie auch in Deutschland seit Jahrzehnten auf Landes- und kommunaler Ebene. Und natürlich kann per direkter Demokratie alles angepackt werden, was Parlamente auch entscheiden können. Ein ganzes "Volk" zu korrumpieren ist schon etwas aufwendiger als ein paar Hundert Parlamentarier...

    Andererseits löst die Direkte Demokratie nicht alle Probleme. Es braucht dazu auf jeden Fall ein Grundeinkommen (Diäten für Alle), damit Leute Zeit haben zum Nachdenken und Diskutieren - und sich nicht immer nur die Reichen durchsetzen (ein Problem, das es beim Parlamentarismus allerdings auch gibt).

    Außerdem sollten wir zusätzlich über geloste Kammern nachdenken bzw. diese mindestens versuchsweise einführen.

    Der Witz bei der Direkten Demokratie ist, dass damit Gesetze beschlossen werden. Es ist also gerade Mitsprache, die etwas bewirkt - und nicht nur "schön, dass wir mal drüber gesprochen haben"...

  • Volksabstimmungen nützen der Rechten nicht, selbst wenn sie von Rechten initiiert werden. Beispiel: Hitler's Volksabstimmung gegen den Young-Plan. Es ging um Hochexistenzielles für die Weimarer Republik, um Reparationspflichtenregelung. Das Volk stimmte dagegen. Die NSDAP wäre am Ende gewesen, wäre nicht kurze Zeit später die Börse in New York gecrasht und dann Brüning Reichskanzler geworden, der bekanntlich mit Reichspräsident von Hindenburg zusammen Politik per Notverordnungen machte statt verfassungsgemäß demokratisch per Gesetzen mit dem Parlament. Der greise Mitregent Hindenburg war in seiner verheerenden Wirkung vergleichbar mit heutztage regierenden Greisen wie Donald Trump.



    Die Politikergebnisse aus dem Weißen Hause von heute sind so erratisch wie die vom greisen Pickelhaubenhelden Hindenburg abgesegneten destruktiven Brüning-Notverordnungen. Die Wirtschaftskrise verzieh destruktive Politik gnadenlos NICHT!



    Die Situation hätte konstruktive politische Antworten erfordert.



    Politisches Talent, das der Weltwirtschaftskrise konstruktive Politik entgegenzusetzen vermochte, war z.B. in USA Präsident Roosevelt, und naturgemäß rar! Weil sowas extrem schwierige Situationen sind.

  • „… Es fehlt also nicht an Mitsprache“



    Doch, genau daran fehlt es!

    Die hier beschriebene Mitsprache in Podcasts und Talkshows sind mE wirkungslos.

    Die einzige Mitwirkung, die wir als Volk oberhalb von regionalen Bürgerbeteiligungen (die es ja durchaus gibt!!!) haben, sind die Landtags- und BT Wahlen.

    Und da zeigt sich leider die völlige Unverbindlichkeit der jeweiligen Wahlprogramme.



    dh die WählerInnen wählen die „Katze im Sack“.

    Die Parteien orientieren sich in ihren Entscheidungen idR nur selten am durchaus bekannten Willen des Volkes (es gibt sehr viele repäsentative Umfragen zum Tempolimit, zur deutschen Kriegsbeteiligung in der Ukraine, zur Klimapolitik, uvam).

    Machtpolitische Gründe und (intransparente) Einflüsse dominanter Lobbygruppen und Spender sind für die Entscheidungen im Parlament letztlich maßgeblich, egal was das Volk darüber denkt.

    So gesehen haben wir hier nur eine personelle, aber keine inhaltliche Demokratie.

  • Direkte Demokratie hat auf Bundeslandebene schon stabilisierende Wirkung gehabt, selbst wenn's Ergebnis bisweilen sehr teuer kam. Die Volksabstimmung des Saarlandes für den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland zum Beispiel. Das Grundgesetz hätte es auch erlaubt, statt Anschluss des Ostens von oben zu diktieren, die Wiedervereinigung durch Volksabstimmung in der DDR zu erreichen! Das wäre die absolut unzweideutig bessere Lösung gewesen. Das zeigt sich im zweiten, dem teuren Beispiel, der Volksabstimmung über Stuttgart 21, obwohl das Ergebnis Deutschland EXTREM teuer kommt angesichts mehrfacher gigantischer Kostensteigerung um weitere Milliarden für das gigantomanische Projekt, ein Milliardengrab, falls der unterirdische Bahnhof am Ende nicht funktioniert. Der Volksentscheid kam per grünroter Regierung zustande: Umstrittenes Projekt - das Volk soll entscheiden! Ein bißchen wie Hände in Unschuld waschen, aber die Idee dahinter hat funktioniert: Es gab keine weiteren Aufstände gegen S21, obwohl die ewige Baustelle SeniorInnEn das Bahnfahren abgewöhnt wegen der Riesenumwege zu alten Bahnsteigen in der Bauzeit! Volksabstimmung, Volk selbst schuld! Kretschmann konnte 15 Jahre regieren!

  • Das gute Umsetzung von politischen Entscheidungen wichtig ist, schreibt der Autor selbst. Der Kreislauf von täglicher Lebenswelt zu politischen Forderungen, zu politischen Entscheidungen, zu deren Umsetzung und der wiederum daraus folgenden Veränderungen der täglichen Lebenswelten, kann sehr kurz sein, ist aber in seiner vollen Entfaltung doch oft länger als die Wahlperioden. Während Politiker oft nur kurz in der Verantwortung stehen, erlebt der Bürger die Konsequenzen ein Leben lang. Damit werden langfristige Folgen bei direkter Demokratie eher eingepreist.

  • Gerd Grözinger , Autor , Prof., Europa-Univ. Flensbu

    Und wieder hat jemand das grundlegende Werk von Gertrude Lübbe-Wolff 'Demophobie. Muss man die direkte Demokratie fürchten?' nicht gelesen. Wie schade! Denn sonst hätten einige der hier vorgebrachten Positionen mangels Grundierung überhaupt nicht vorgebracht werden können. Um nur eine einzige Fehlbehauptung zu widerlegen: Nein, es ist nicht richtig, dass Volksabstimmungen immer nur Ja-Nein-Entscheidungen ermöglichen. Sondern, das hängt ganz vom Entscheidungsverfahren ab. In der Schweiz kann etwa das Parlament zu dem Gesetzentwurf einer Volksinitiative einen Gegenentwurf beschließen. Dann wird über beide abgestimmt, wobei auch angegeben werden kann, ob man beide unterstützt und wenn beide Mehrheiten finden, welchen man bevorzugt. Diese Änderung zum Ja/Nein wurde übrigens 1987 per Volkabstimmung eingeführt. So geht Demokratie! Konnte man übrigens bei Lübbe-Wolff nachlesen, S. 101. Wenn man es denn gelesen hätte.

    • @Gerd Grözinger:

      Na, keinen Titel vergessen?

  • Ich verstehe diesen Artikel mal als Provokation, die versucht konstruktiven Widerspruch hervorzurufen.



    Natürlich ist kein System perfekt und viele der hier aufgebrachten Argumente haben durchaus Gewicht.



    Dennoch: Die Schlussfolgerung hier, daß man das Volk nicht abwählen kann ist ein Scheinargument. man kann einen Volksentscheid durch einen weiteren verändern oder ablösen. Und warum sollte man seinen Mitbürgern nicht genauso trauen, wie seinen Politikern, die man ja nun oft auch nicht in direkter Wahl wählen kann. Und wer hat denn Zeit sich in Parteien zu engagieren? Die Mittelschicht und höher.



    Und was die Kultur, die als Voraussetzung der direkten Demokratie nötig ist, angeht, kann man das durchaus in einigen Bundesländern üben. Nur weil man etwas später anfängt als andere heißt das nicht, das es falsch ist, sondern kann im Gegenteil ein Vorteil sein, wenn man aus den Fehlern der Anderen lernt.



    Direkte Demokratie ermöglicht die Trennung von Themen, die sonst in Parteien zusammengefasst werden. Sie ist ehrlicher als Bürgerräte, weil sie die Konsequenzen einer Entscheidung nicht auf die Politiker abwälzt. Gesellschaftliche Prozesse lassen sich nicht mit linearer Kausalität erf.

  • Das rechts direkte Demokratie fordert ist klar, sie sehen Mehrheiten: Heizungskeller, Migration, Gendern, etc



    Das links deswegen dagegen ist und lieber ausgewählte Bürgerräte will, auch klar.



    Das die Schweiz im Artikel nicht gut wegkommt, sowieso klar. Denn die Schweiz zeigt, wohin Politik geht wenn die einheimische Bevölkerung die Richtung vorgibt.



    Die Schweiz ist nationalistisch, protektionistisch, ausländerfeindlich. Schweiz first.



    Trump und Weidel finden das 👍 und Putin lässt dort seine Kinder aufwachsen.



    Jeder ist sich selbst der Nächste. Ist was übrig kann man es gönnerhaft abgeben (natürlich nur die Krumen), aber wenns knapp wird 'ich' zuerst.



    Das ist in Deutschland nicht anders, siehe Flüchtlingskrise seit 2015. Zu Beginn war Deutschland reich, man stand winkend am Bahnhof. Aber es kamen immer mehr und es kam Corona und der Ukrainekrieg und Inflation und zwei unfähige Regierungen und die Gäste wollen plötzlich nicht nur Krumen sondern ein Stück vom Kuchen...



    Da hört der Spaß auf, 'ich' zuerst. Drum will rechts mehr Volksabstimmung und links nicht - denn der Demos ist gerne selbstsüchtig, links will aber eine Kratie der Empathie. Das wird schwer mit endlichen Ressourcen...

    • Gerd Grözinger , Autor , Prof., Europa-Univ. Flensbu

      @Astrid Sehnefeld:

      Nun, die Partei 'Die Linke' hat die Forderung nach Volksabstimmungen im Programm. Wie früher, als diese sich noch weniger mittig verordneten, die Grünen auch. Und dass die Schweiz besonders ausländerfeindlich sein soll, ist genauso schlecht recherchiert. Der Anteil derjeniger mit einem anderen Pass beträgt in Deutschland etwa 17%, in der Schweiz aber 27%.

    • @Astrid Sehnefeld:

      Schön zusammengefasst.



      Experimentierfeld o. nicht?



      Prof. Stojanović:



      "Sie haben sich in Ihrer Forschung mit Bürgerräten beschäftigt. Ist das eine Schweizer Spezialität?



      Eigentlich ließe sich sogar sagen, waren wir mit dem Projekt „Demoscan“ eher spät dran im Vergleich zu Ländern wie Frankreich, Belgien und den USA. Auch in Deutschland gibt es eine ganze Reihe von Bürgerräten. So gesehen haben wir in der Schweiz damit eher das Ausland kopiert. Ganz grundsätzlich betrachtet sind solche Bürgerräte und das Wiederentdecken von Losverfahren eine der Antworten – und ich würde sogar behaupten, die Hauptantwort –, die sich jetzt durchgesetzt hat, auf die Krise der repräsentativen Demokratie zu reagieren. Weil in den repräsentativen Demokratien die Wahlbeteiligung sinkt, die traditionellen politischen Parteien entweder implodiert sind wie in Frankreich oder sich doch in großen Schwierigkeiten befinden wie in Deutschland und in Italien und neue populistische Bewegungen auf den Plan getreten sind, bedarf es Lösungen, wie man der Krise entgehen kann.



      Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die sagen, wir brauchen weniger Demokratie, aber dafür bessere Entscheidungen."



      aktuelles.uni-frankfurt.de

  • Wo der Autor recht hat, hat er recht.