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Inhaftierte Frauen in Russland„Vollständiger Bruch der Verbindung“

Immer mehr Frauen werden in Russland inhaftiert – für Alltagsdelikte, aber auch aus politischen Gründen. Die Folgen sind oft noch dramatischer als für Männer.

Frauengefängnis in Wladiwostok (Archivbild) Foto: Yuri Maltsev/reuters

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Die Zahl der verurteilten Frauen in Russland steigt. Immer häufiger werden sie wegen Drogenbesitzes, Betrugs und Landesverrats vor Gericht gestellt.

Die Gesamtzahl der Verurteilten in Russland ist niedriger als in den 2000er- und 2010er-Jahren – doch der Anteil der Frauen unter ihnen wächst seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine ab 2022. Und hat bereits einen Rekordwert erreicht. Wie Verstka recherchierte, machten Frauen im Jahr 2025 ein Fünftel aller Verurteilten aus – so etwas gab es im modernen Russland noch nie. In den Strafkolonien sind Frauen zwar seltener Gewalt ausgesetzt als Männer; sie erhalten jedoch weniger Hilfe und Unterstützung von „draußen“.

Die Menschenrechtlerin Olga Romanova nennt mehrere Gründe für den steigenden Frauenanteil unter den Verurteilten. Einer davon sei die Anwerbung von Männern für den Fronteinsatz: Die Zahl der Verurteilungen von Männern gehe zurück, ihre Strafverfahren würden „annulliert oder verschoben“. Frauen hätten eine solche Möglichkeit, um aus ihren Verfahren herauszukommen, nicht, so Romanova.

Parallel veränderten sich außerdem Kriminalitätsstruktur und Strafverfolgung, sagt Romanova. Die Behörden konzentrierten sich zunehmend auf einfache, massenhaft begangene Delikte wie Diebstahl, Betrug oder Alltags- und Abhängigkeitsdelikte, in denen Frauen häufiger vertreten seien. Solche Fälle ließen sich leichter aufdecken und schneller vor Gericht bringen.

Komplexe Wirtschaftsdelikte oder Korruption seien dagegen aufwendig, riskant und politisch sensibel, weshalb Sicherheitsbehörden ihre Quoten eher mit einfacheren Fällen erfüllten. Laut Romanova wird der Anstieg der Zahl der verurteilten Frauen auch durch soziale Faktoren wie die Feminisierung der Armut und die Quote alleierziehender Mütter beeinflusst.

Im Jahr 2025 verurteilten russische Gerichte 87.305 Frauen. Das geht aus Daten des Justizdepartements beim Oberster Gerichtshof der Russischen Föderation hervor. Es ist der höchste Wert seit 2018, als 90.951 Frauen verurteilt wurden. Parallel zur steigenden Zahl strafrechtlich verfolgter Frauen wächst auch ihr Anteil an allen Verurteilten. Laut Gerichtsstatistik lag dieser 2021 bei 14,3 Prozent, 2022 bei 14,7 Prozent, 2023 bei 15,3 Prozent und 2024 bei 16,7 Prozent. Im Jahr 2025 erreichte er mit 19,9 Prozent einen Höchstwert.

Wie Verstka unter Berufung auf das Projekt „Frauenhaft“ berichtet, bitten inhaftierte Frauen häufig um Unterstützung für Mitgefangene – etwa um Hygieneartikel oder Lebensmittel zu erhalten. Das verdeutliche die besondere Situation in Frauenkolonien verdeutliche.

Auch die Zahl weiblicher politischer Gefangener in Russland steigt – und ihre Urteile fallen laut Beobachtern oft strenger aus als die gegen Männer. Nach Angaben des Projekts Memorial zur Unterstützung politischer Gefangener standen im März 2026 insgesamt 1.366 Frauen auf entsprechenden Listen, 503 von ihnen waren inhaftiert.

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation OVD-Info werden derzeit 825 Frauen in Russland aus politisch motivierten Gründen strafrechtlich verfolgt – ein Höchststand seit Beginn der Datenerhebung. 198 von ihnen sind inhaftiert.

Am häufigsten geht es um die Organisation extremistischer Aktivitäten, darunter sind auch viele Anhängerinnen der Zeugen Jehovas. Sowie um die Verbreitung angeblicher „Falschinformationen“ über die Armee sowie die Rechtfertigung von Terrorismus.

Im Jahr 2025 verurteilten Militärgerichte in Russland – Garnisons- und Bezirksgerichte – 209 Frauen zu verschiedenen Haftstrafen. Das ist der höchste Wert seit mindestens 2010, seit Beginn der entsprechenden Statistik des Justizdepartements.Militärgerichte verhandeln dabei nicht nur gegen Soldaten, sondern auch in Fällen von Hochverrat, Spionage, Extremismus und Terrorismus.

Frauen, denen terroristische Straftaten vorgeworfen werden, haben keinen Anspruch auf einen Aufschub der Strafvollstreckung, wenn sie schwanger sind oder Kinder unter 14 Jahren erziehen. Sie müssen dann in Strafanstalten gebären. „Für Frauen bedeutet eine Inhaftierung fast immer den faktischen Verlust des täglichen Kontakts zu ihren Kindern und manchmal sogar einen vollständigen Bruch der Verbindung. Dies erzeugt zusätzlichen psychischen Druck, den es in Männergefängnissen in diesem Ausmaß nicht gibt“, sagt Olga Romanova.

Laut Gerichtsstatistiken haben die Gerichte in der ersten Hälfte des Jahres 2025 Urteile gegen 467 schwangere Frauen gefällt. Und gegen 1.707 Mütter, die zum Zeitpunkt der Verhandlung Kinder unter drei Jahren hatten.

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