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Unicef zu Wohlbefinden von KindernDie armen Kinder

Eine Unicef-Studie zeigt einmal mehr: Das Wohlergehen deutscher Kinder ist abhängig vom Geldbeutel der Eltern. Viele Länder Europas schneiden besser ab.

Da sitzt die Zukunft, wer richtet sie auf? Jugendliche auf einer Bank Foto: Michael Gstettenbauer/imago

Die Zahlen des jüngsten Unicef-Reports zum Wohlbefinden von Kindern sind alarmierend: Nicht einmal die Hälfte der Jugendlichen aus ärmeren Familien in Deutschland, nämlich 46 Prozent, können im Alter von 15 Jahren Grundfertigkeiten in Mathe und Lesen nachweisen. Aus privilegierten Familien sind es hingegen 90 Prozent. Insgesamt belegt Deutschland in der am Sonntag veröffentlichten internationalen Studie des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen nur Platz 25 von 37 bewerteten Industrienationen – und verharrt damit, wie 2025, weiter im unteren Drittel. Die ersten Plätze belegen die Niederlande, Dänemark und Frankreich.

Entsprechend harsch kommentiert der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Christian Schneider, am Sonntag den Report: „Unser Land vergibt Zukunftschancen.“ Wer „heute nicht in Teilhabe“ investiere, zahle „morgen einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Preis“.

Der Sozialverband Deutschland nannte die Zahlen katastrophal: „Nur Bildung kann den Teufelskreis der Armut durchbrechen.“ Es sei zwar gut, dass die Bundesregierung mehr Geld für digitale Ausstattung von Schulen bereitstelle. Aber es brauche eben auch mehr Lehrkräfte, kostenfreie Nachhilfe-Angebote und eine bessere schulärztliche, psychologische und sozialpädagogische Unterstützung.

Einkommen und Chancengerechtigkeit

Die Unicef-Studie zum Wohlbefinden von Kindern erscheint regelmäßig. Sie vergleicht anhand von sechs Indikatoren, darunter schulischen Fähigkeiten, aber auch der Suizidrate bei Teenagern, Kindersterblichkeit und allgemeiner Lebenszufriedenheit, wie sich unterschiedliche Einkommensverhältnisse auf Chancengleichheit sowie die körperliche und mentale Gesundheit von Kindern auswirken. Insgesamt 41 Länder mit vergleichsweise hoher Wirtschaftsleistung, darunter alle 38 Industrienationen der OECD, werden in die Studie einbezogen. Als Datengrundlage dienen Unicef andere internationale Vergleichsstudien wie die Pisa-Studie im Bildungsbereich, OECD-Daten und Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Der Report kann deshalb auch keinen ganz überraschend neuen Trend verkünden – alleine, weil es nicht für alle Bereiche neue umfassende Datengrundlagen gibt. Ein Update gibt es vor allem in den Bereichen zur körperlichen und mentalen Gesundheit, konkret bei Kindersterblichkeit und Suizidrate. Bei Letzterem steht Deutschland mit einer Rate von 4,1 Fällen pro 100.000 Kindern vergleichsweise gut da (bei Spitzenreiter Uruguay sind es 17,9). Allerdings betonen die Stu­di­en­au­to­r*in­nen auch die mangelnde Aussagekraft von diesem Indikator allein mit Blick auf die mentale Gesundheit, zumal sich hier auch nicht deutlich ein Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Stärke und Suizidrate ziehen lässt.

Auffällig allerdings: Auch Länder mit vergleichsweise schlechterer Wirtschaftsleistung wie Rumänien oder Ungarn liegen insgesamt deutlich vor Deutschland – vor allem, weil die befragten Kinder deutlich besser bei der mentalen Gesundheit abschneiden. Ein Unicef-Report aus dem November 2025 zur Lage der Kinder in Deutschland passt da gut ins Bild: Im Durchschnitt schätzten die Jugendlichen ihre psychische Gesundheit nicht gut ein; die schlechtesten Zufriedenheitswerte hatten dabei Mädchen aus ärmeren Familien, die besten Jungen aus privilegierten Familien.

Lebenszufriedenheit steigt mit dem Einkommen

Im jüngsten Bericht wird das nun untermauert: Nur 61 Prozent der 15-Jährigen aus einkommensschwachen Familien berichten von einer hohen Lebenszufriedenheit, bei Jugendlichen aus wohlhabenderen Familien sind es hingegen 73 Prozent. Zudem ist die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland seit 2012 auch noch weiter aufgegangen: Das wohlhabendste Fünftel besitzt fünfmal mehr Einkommen als Menschen im ärmsten Fünftel. 2012 lag der Faktor noch bei 4,3-mal so viel.

Zwar versucht die Politik seit Jahren gegenzusteuern, am prominentesten mit dem Startchancenprogramm im Bildungsbereich, das seit Sommer 2024 läuft. Es sieht unter anderem mehr Schul­so­zi­al­ar­bei­te­r*in­nen und -psycholog*innen an Schulen mit besonders vielen armutsgefährdeten Kindern vor.

Allein, es ändert sich wenig: Der jüngst Ende April vorgestellte Chancenmonitor des Ifo Zentrum für Bildungsökonomik stellte sogar noch einen verschärften Zusammenhang zwischen Einkommen des Elternhauses und Bildungschancen des Kindes seit 2023 fest. Ein Faktor, der immer wieder genannt wird: das in Deutschland sehr früh sortierende Schulsystem. Unicef mahnt deshalb umso dringender einen Zugang zu gut ausgestatteten Schulen auch in prekäreren Wohnvierteln an.

Ein weiter Vorschlag: Das Amt eines Kinderbeauftragten flächendeckend einzuführen. Einige Bundesländer wie Brandenburg haben so eine Ombudsperson bereits. Auf nationaler Ebene gibt es das Amt aber nicht; Schweden, Dänemark und andere Länder haben einen Kinderbeauftragten.

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1 Kommentar

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  • Wahrscheinlich hängen das Ergebnis dieser Studie und das Abschneiden der deutschen KandidatInnen beim ESC irgendwie miteinander zusammen bzw. haben Ursachen, die sich ähneln.