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Perspektivwechsel in der GlobalisierungVersprechen gebrochen

Gastkommentar von

Theresa Kofler und Ludwig Essig

Handelsabkommen haben Konjunktur, dabei hat genau jene neoliberale Globalisierung die Welt instabiler gemacht. Linke müssen klar benennen, wer profitiert und wer nicht.

Schon der weltweite Transport von Gütern verursacht rund fünf Prozent der globalen Treibhausgasemissionen Foto: Christopher Tamcke/imago

M it atemberaubendem Tempo treibt die EU-Kommission neue Handelsabkommen voran. Fast noch schneller kommt die Kehrtwende jener, die einst zu den schärfsten Kri­ti­ke­r:in­nen der Globalisierung gehörten. Gewerkschafter:innen, grüne Po­li­ti­ke­r:in­nen und progressive NGOs übernehmen heute Argumente der „geopolitischen Notwendigkeit“. So stimmten zuletzt EU-Abgeordnete von Grünen und Sozialdemokraten, die einst das Mercosur-Abkommen ablehnten, gegen eine juristische Prüfung des Vertrags.

Dabei blenden sie aus, welche ungute Rolle die neoliberale Globalisierung in den vergangenen 30 Jahren gespielt hat. Gerade jetzt wäre der Moment, genauer hinzusehen: Wie hat diese Form der Globalisierung Lohnarbeit prekär gemacht? Wie hat sie die Klimakrise verschärft und demokratische Strukturen ausgehöhlt? Denn genau diese Entwicklungen befeuern den globalen Rechtsruck – jenen Rechtsruck, der nun als Begründung für neue Handelsabkommen dient. Die Logik ist zirkulär – und fatal: Mehr „Frei“-Handel soll die Instabilität auflösen, die durch eben diesen mit erzeugt wurde. So vertiefen neue Abkommen genau das Problem, das sie angeblich bekämpfen.

Die neoliberale Globalisierung hat ihr zentrales Versprechen – „Wohlstand für alle“ – nicht eingelöst. Im Gegenteil: Ihre größten Pro­fi­teu­r:in­nen sind laut dem Ökonomen und Globalisierungskritiker Branko Milanović das reichste Prozent der Weltbevölkerung. Niedrig qualifizierte Arbeit wurde zunehmend in Länder mit geringeren Löhnen und oft ausbeuterischen Arbeitsbedingungen verlagert. Ein Ausgleich im globalen Norden blieb aus.

Stattdessen wuchsen dort Niedriglohnsektoren. Parallel zog sich der Staat aus der sozialen Absicherung zurück. Die Folge sind nicht nur materielle Verluste, sondern auch Unsicherheit und Abstiegsängste. Diese Stimmung stärkt rechtsextreme Parteien. Mit nationalistischen und protektionistischen Versprechen erzeugen Rechtspopulisten und –Extremisten von den USA bis nach Deutschland die Illusion, Kontrolle und Wohlstand ließen sich einfach zurückholen.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Dass Globalisierung auch Verlierer hervorbringt, bestreiten selbst ihre größten Für­spre­che­r:in­nen nicht. Widersprüchlich wird es, wenn sie zugleich fordern, diese Verlierer „nicht zu vernachlässigen“. Denn das setzt politische Spielräume voraus: eine aktive Industriepolitik für strukturschwache Regionen, klare Umbaupläne für betroffene Branchen oder eine soziale Grundversorgung, die sich alle leisten können. Doch genau diese Spielräume schrumpfen mit jedem neuen Handelsabkommen ein Stück mehr. Besonders sichtbar wird das in der Debatte um „Made in Europe“. Po­li­ti­ke­r:in­nen von links bis rechts fordern, strategisch wichtige Güter wieder stärker in Europa zu produzieren.

Theresa Kofler

Theresa Kofler koordiniert das österreichische zivilgesellschaftliche Netzwerk „Anders Handeln“ und ist Handelsexpertin bei Attac Österreich.

Aber: Genau diese Bevorzugung europäischer Unternehmen untersagen die Regeln der Welthandelsorganisation sowie zahlreiche Handelsabkommen. Die Folge ist ein politischer Widerspruch: Was öffentlich gefordert wird, ist rechtlich oft gar nicht mehr möglich. Hinzu kommt ein wachsender Druck durch Investitionsschutz-Schiedsgerichte. Sowohl Deutschland als auch die EU werden derzeit von Konzernen verklagt, weil sie mit Übergewinnsteuern auf die Energiekrise reagierten und Energie für Haushalte leistbarer machen wollten. Politik gerät so in ein enges Korsett – geschnürt von Regeln, die sie selbst geschaffen hat.

Ludwig Essig

Ludwig Essig, freiberuflicher Politik- und Kommunikationsberater, ist Koordinator des bundesweiten Netzwerks gerechter Welthandel und Referent für Handelspolitik am Umweltinstitut München.

Die Verflechtung von globalem Handel und Klimakrise ist noch gravierender als oft angenommen. Schon der weltweite Transport von Gütern verursacht rund fünf Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Nach Angaben des Weltklimarates hängen sogar etwa 25 Prozent der Emissionen direkt oder indirekt mit internationalem Handel zusammen. Mehr noch: Der Handel treibt Entwicklungen an, die das Klima weiter destabilisieren. So befeuert die steigende Nachfrage nach Rindfleisch und Soja die Abholzung im Amazonasgebiet – jenem Ökosystem, das oft als „Lunge der Welt“ bezeichnet wird. Was fehlt, ist ein Gegengewicht. Die bestehenden Handelsabkommen tragen kaum zum Klimaschutz bei. Sie verschärfen das Problem, welches sie lösen sollten.

Die Handelspolitik braucht einen Perspektivwechsel. In Zeiten multipler Krisen darf sie nicht länger an Wachstumszahlen gemessen werden. Entscheidend ist etwas anderes: Reduziert sie Abhängigkeiten – oder vertieft sie sie? Stärkt sie Versorgungssicherheit – oder macht sie erpressbar? Baut sie gesellschaftliche Widerstandskraft auf – oder untergräbt sie sie? Alternativen gibt es. Abkommen, die soziale, ökologische und demokratische Kooperation ins Zentrum stellen, können internationale Beziehungen tatsächlich verbessern.

Abkommen müssen demokratisch erarbeitet werden

Erstens braucht es dafür echte demokratische Prozesse. Heute werden über Jahre hinweg Verträge hinter verschlossenen Türen ausgehandelt – hunderte Seiten lang. Parlamente und Öffentlichkeit sehen sie oft erst, wenn alles entschieden ist. Das muss sich ändern. Nötig sind klare öffentliche Mandate und echte Mitsprache von Parlamenten und Zivilgesellschaft. Zweitens muss Wertschöpfung wieder stärker vor Ort stattfinden.

Das gilt für Landwirtschaft, Energie und Industrie gleichermaßen. Öffentliche Güter und Infrastrukturen gehören in öffentliche Hand – demokratisch organisiert und politisch steuerbar. Drittens müssen Klimaschutz und Menschenrechte zum Maßstab aller Regeln werden. Bisher tauchen sie oft nur in eigenen Kapiteln auf – folgenlos und ohne Sanktionen. Künftig sollte sich jedes Kapitel daran messen lassen. Handel muss Ernährungssouveränität sichern und kleinbäuerliche Landwirtschaft stärken. Er soll gute Arbeit schaffen.

Die Grundidee globalisierungskritischer Bewegungen ist so einfach wie aktuell: Entscheidungen darüber, was und wie produziert wird, dürfen nicht transnationalen Konzernen überlassen bleiben. Maßstab muss sein, was Menschen vor Ort brauchen. Nur ein solcher Perspektivwechsel kann die sozialen, ökologischen und geopolitischen Krisen unserer Zeit bewältigen.

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9 Kommentare

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  • "Dabei blenden sie aus, welche ungute Rolle die neoliberale Globalisierung in den vergangenen 30 Jahren gespielt hat..." - Als da wären z.B. die massive Absenkung von Armut, Hunger und Kindersterblichkeit weltweit. Furchtbar. Mit "kleinbäuerlicher Landwirtschaft" gelingt das nicht. Wers nicht glaub darf beim Bundesamt für Statistik selbst recherchieren.



    Globalisierung ist bzw. auch Standardisierung, Infrastruktur, Forschung, Bildung etc.



    Aluhut runter, Ärmel hoch!

  • Ludwig Erhard hat sein Versprechen "Wohlstand für Alle!" ebenfalls nicht eingelöst.



    Das Problem mit dem Wohlstand für alle ist, dass die Globalisierung den Wohlstand für uns sehr wohl erhöht. Die gerechte Verteilung dieses Wohlstandes ist jedoch unsere Sache. Wer sich standhaft weigert, die Globalisierungsgewinner zur Finanzierung des Gemeinwesens durch Besteuerung der Gewinne heranzuziehen (Stichworte: "Erbschaftsteuer" und "Vermögensteuer"), begeht einen großen Fehler, denn 90% der Mitbürger sind wahrscheinlich nicht der Meinung, dass die Finanzierung des Staates gerecht auf alle Schultern verteilt sei.

    • @Aurego:

      Ich stimme zu: mit blinder Ideologie, in die eine oder andere Richtung, kommen wir nicht weiter. Globalisierung/Freihandel ist nicht per se böse. JEDE Form von menschlicher Interaktion hat negative Seiten/Folgen. Wichtig ist, dass wir den Mut finden, diese effektiv zu bekämpfen und zwar am besten global abgestimmt. Ein strikte Besteuerung von (sehr hohen) Vermögen, Erbschaften und Kapitalerträgen ist einfach unumgänglich. Leider traut sich da kaum ein Land alleine ran, teilweise aufgrund berechtigter Sorgen um Kapitalabflüsse. Der aktuelle Rechtsruck weltweit, macht internationale Absprachen dazu leider sehr unrealistisch.

  • Von wirklicher Globalisierung kann man seit dem Ende des Eisernen Vorhangs sprechen. Und seitdem ist die Anzahl extrem Armer weltweit von 2 Mrd auf 0,8 Mrd gesunken. Dies ist zu großen Teilen auf die Globalisierung zurückzuführen.



    Logischerweise hat die Globalisierung nicht nur Gutes bewirkt. Aber logischwerweise lässt sich das ändern, allerdings weniger mit den im Artikel aufgeführten Methoden. Das Mercosur-Abkommen wurde bspw von europäischer Seite weitgehend demokratisch verhandelt. Ergbnis: nach 25 (!!) Jahren immer noch kein Ergebnis, erst als das stabile Genie in Washington durchgedreht ist, hat sich was bewegt. Sowas kann doch aber nicht die Lösung sein...

  • Gerade Deutschland braucht sich über die Wohlstandsentwicklung der letzten 30 Jahre überhaupt nicht zu beschweren. Deutschland hat bis zuletzt erheblich davon profitiert.

    Die Tatsache, dass wir ungeachtet dessen ein Problem mit der Armut haben, liegt dann auch nicht an Handelsabkommen, sondern am Zuzug der Armut von außerhalb - verbunden mit den ganz erheblichen Staatskosten.

    Erst jetzt ist ein Kipppunkt erreicht, da in Asien nicht nur günstiger produziert wird, sondern auch in höherer Qualität. Ferner wird durch Temu & Co. der Handel vollkommen ausgeschaltet und das Kapital fließt vom Verbraucher direkt ins Ausland ab.

    • @DiMa:

      Ja, Deutschland als Ganzes hat enorm profitiert. Dummerweise ist davon bei vielen Mitbürgern jedoch nichts angekommen. Vielleicht sollten wir daran intensiver arbeiten. Mit den Rezepten der AfD und der Neoliberalen wird das jedoch nicht funktionieren. Die machen alles nur schlimmer, indem sie die Menschen gedanklich in "Leistungsträger" (ab einem zu versteuernden Jahreseinkommen von ca. 100.000€) und "Minderleister" einteilen.

      • @Aurego:

        Wenn davon "nicht viel bei den Mitbürgern ankommt" dann liegt das Problem ganz sicher nicht bei den Freihandelsabkommen oder der Gobalisierung.

        Wir müssen halt schauen, dass wir wieder wettbewerbsfähige Produkte anbieten. Der im Artikel geforderte Perspektivwechsel ist Quatsch. Im Übrigen ist auch nicht der freie Handel für die derzeitigen geopolitischen Krisen verantwortlich.

        • @DiMa:

          Wenn bei Beziehern niedriger Löhne nichts von den Globalisierungsprofiten ankommt, ist das vor allem ein Verteilungsproblem, denn die Gewinne werden nach unten nicht weitergegeben, obwohl diejenigen, die weniger für ihre Arbeit bekommen, ebenfalls an den "wettbewerbsfähigen Produkten" arbeiten, und ohne diese Mitarbeiter geht i. d. R. auch nichts.



          Ich selbst erhalte z. B. von Jahr zu Jahr mehr und kann meine Mieteinnahmen regelmäßig steigern. Überschüssiges Geld (4-stellige Beträge pro Monat) lege ich in Wertpapieren an, das Meiste in US-Firmen. Viele können nicht und meine Werpapieranlagen bringen der Binnenwirtschaft keine Gewinne. Wir müssen denen, die das Geld ausgeben, ein größeres Stück vom Kuchen gönnen, nicht nur die Krümel.

  • Irgendwie nicht up to date, der Artikel! Im Radio wurde gerade das Totalversagen der Ölfirma TOTAL berichtet - ein saumäßiger Tiefschlag ins Kontor der längst erkannten Energiewende-Notwendigkeiten, d.h. in die Beteiligung der Privatwirtschaft am Wohlergehen aller durch mehr abgasfreie Energieerzeugung. Nicht nur will TOTAL die noch versprochen 6 Milliarden nicht mehr ausgeben, sondern die bereits investierte Miliarde zurück.

    Was beweist: Die Ölindustrie ist am Arsch, wenn sie so weinerlich kommt und nicht mal eine ausgegebene Milliarde als unwiederbringlich ausgegeben anzuerkennen in der Lage ist. Die Steinzeitwirtschaft mit Öl als Befeuerungsgrundlage hat fertig. Und trotzdem stemmt sich nicht nur TOTAL, sondern ganz ähnlich auch BP total dagegen. An der Klimapolitik Habecks hat was wohl gefehlt: Ein Gesetz, das den Ausstieg aus Klimaschonungprojekten bestraft, etwa durch Verbot von TOTAL oder BP, wenn diese geltende Verträge so unverschämt brechen, mit Beschlagnahme von derne Firmenkapital.