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Rassistische Übergriffe in NordirlandWas die Gewalt in Belfast erst möglich macht

Leon Holly

Kommentar von

Leon Holly

Wer die Pogrome in Nordirland verstehen will, muss sich die dortige Kolonialgeschichte und Armut anschauen. In der deutschen Presse findet man dazu wenig.

B rennende Häuser, brennende Autos, und migrantische Familien, die von der Polizei in Sicherheit gebracht werden müssen. Nach der Verbreitung eines Videos, das einen brutalen Messerangriff zeigt, ist es in Belfast und Nordirland in den vergangenen Tagen zu einer Welle rassistischer Ausschreitungen gekommen, die in ihrer Intensität viele schockiert haben. Groß ist daher auch der Drang nach Erklärungen: Wie konnte es so weit kommen?

Auch deutsche Medien haben sich die Woche über in Deutungen versucht – mit durchwachsenen Ergebnissen. Um zu verstehen, wie es zu diesen organisierten Brandanschlägen kommen konnte, was die politischen Bedingungen für die Gewalt sind, muss man sich den konfessionell-politischen Charakter der Pogrome und die Gewaltgeschichte Irlands anschauen.

Wer aber die „einordnenden“ Beiträge der deutschen Presse liest, der bekommt davon wenig mit. Stattdessen findet man dort Artikel, die an der Grenze zur Desinformation schrammen.

So etwa in der Zeit. Dort heißt es, „viele Nordiren“ hätten „in Sachen Zuwanderung und den Problemen, die sie verursacht, eine besonders kurze Lunte“. Katholiken und Protestanten sähen „in muslimischen Zuwanderern“ mittlerweile „eine neue, gemeinsame Bedrohung“. Da erscheinen die Pogrome als bedauernswerte, spontane Reaktion einer Bevölkerung, die mit ihrer „kurzen Lunte“ genug hat und ihrem Frust halt durch rassistische Zerstörungswut Ausdruck verleiht.

Eine Folge des Kolonialismus

In Wirklichkeit aber waren es quasi ausschließlich Protestanten, die im Norden der irischen Insel gewütet haben, während die katholische Bevölkerung auf sichere Distanz ging. Die Katholiken in Nordirland erinnern sich noch gut an die Pogrome ab 1969, als protestantische Mobs etwa 60.000 katholische Bewohner aus ihren Häusern vertrieben und so die Viertel religiös homogenisierten.

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Die Protestanten Nordirlands, die sich noch heute mehrheitlich loyal gegenüber dem britischen Königshaus zeigen, sind selbst großteils die Nachfahren jener Siedler, die Großbritannien ab dem 16. und 17. Jahrhundert nach Irland schickte, um die heimische Bevölkerung zu beherrschen und das Land zu kolonisieren. Auch während der „Troubles“ Ende des 20. Jahrhundert ging die Polizei in Nordirland stets härter gegen die Befürworter der irischen Unabhängigkeit vor als gegen die loyalistischen Protestanten und ihre Milizen.

Die organisierte Gewalt von damals ist mit der organisierten Gewalt von heute verwoben. So nutzen die Protestanten ihre Netzwerke, um die Übergriffe zu koordinieren: dunkle Kleidung, Masken, keine Handys, so lauteten die Ansagen in den Telegram-Gruppen.

All das soll nicht heißen, dass die katholische Bevölkerung in ihrer Einstellung weniger rassistisch ist. Aber organisierte Pogrome sind in Nordirland eben ein protestantisches Phänomen. Und das lässt sich sowohl mit der Geschichte der protestantischen Vorherrschaft begründen als auch damit, dass die Parteien wie Sinn Féin auf der katholischen Seite solche Gewalt aktiv zu verhindern suchen.

Der „tiefere Grund“ ist die Wirtschaft

Ebenfalls bemerkenswert ist, wo die Zeit in ihrer Analyse die „tieferen Gründe“ für die Eskalation sieht. Die liegen demnach bei einer Regierung in London, die Einwanderer in Vierteln mit Wohnungsknappheit und hoher Jugendarbeitslosigkeit ansiedelt. „Im Pulverfass Belfast, kurzum, mischt sich das alte Gefühl von Identitätsbedrohung mit neuer Asylmigration und unzureichender politischer Aufrichtigkeit.“ Doch woran liegt es denn eigentlich, dass die wirtschaftliche Lage in den Vierteln so prekär ist?

An dieser Stelle sei ein Statement empfohlen, das die Irish Republican Socialist Party (IRSP) veröffentlichte – eine radikale Partei, die selbst bestreitet, der politische Arm der Irish National Liberation Army zu sein. In ihrem Statement nimmt auch die IRSP die Sorgen der arbeitenden Bevölkerung mit Blick auf die sozialen Folgen von Migration ernst.

Doch sie beharrt richtigerweise darauf, dass die Wohnungsnot und das marode Gesundheitssystem die Konsequenz der kapitalistischen Wirtschaftsordnung sind. „Die Einwanderung nach Irland mag solche sozialen Spannungen verschärfen, ist jedoch nicht deren eigentliche Ursache“, schreibt die Partei – und verwehrt sich ohne Wenn und Aber gegen die Pogrome.

Einem Autor der Welt gelingt es ferner nicht mal, die Anheizer der rechten Stimmung richtig zu benennen. Besonders hervorgetan hat sich hier der britische Neonazi Tommy Robinson, der im September Zehntausende Demonstranten auf den Straßen Londons versammelte. In dem Artikel der Welt, der erklären will, dass das Hauptproblem nicht rechtsradikale Gewalt sei, wird Robinson aber nicht politisch eingeordnet, sondern lediglich als „Aktivist“ beschrieben.

Es ist ein hohes Maß an Augenwischerei, was hier betrieben wird, alles natürlich unter dem Anspruch, „unbequeme Wahrheiten“ auszusprechen. Doch wer nicht von der kolonialen Gewaltgeschichte Irlands und von den Folgen der neoliberalen Wirtschaftspolitik in Belfast sprechen will, der sollte vielleicht lieber auch zu den Ursachen der Riots lieber schweigen.

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Leon Holly

Leon Holly

Schreibt über gesellschaftliche Konflikte und internationale Politik, mit besonderem Fokus auf die USA und die Levante. Von 2023 bis 2024 Volontär der taz Panter Stiftung. Davor Studium der Politikwissenschaft und Nordamerikastudien in Berlin und Paris.
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5 Kommentare

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  • „Nachfahren jener Siedler, die Großbritannien ab dem 16. und 17. Jahrhundert …“



    In der Tat fehlt eine historische Einordnung auch in der irischen Presse überraschend häufig. Man hat fast den Eindruck, die Iren interessieren sich mehr für ihre Gegenwart. Auch für Deutschland sollten die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs stärker berücksichtigt werden.



    „marode Gesundheitssystem die Konsequenz der kapitalistischen Wirtschaftsordnung …“



    Der NHS wird durch eine kapitalistische Wirtschaftsordnung finanziert, aber er war nicht immer marode. Was sagt die IRSP dazu, was wann schiefgelaufen ist?



    „Protestanten Nordirlands, die sich noch heute mehrheitlich loyal gegenüber dem britischen Königshaus zeigen …“



    Die Bedrohung durch eine repräsentative Monarchie ist unerklärliche Anomalie, insb., wo wir Deutschen doch seit mehr als 100 Jahren zeigen, wie gut es ohne geht.



    „dass die Parteien wie Sinn Féin auf der katholischen Seite solche Gewalt aktiv zu verhindern suchen …“



    Das wird belegt durch deren KI Beschreibung, die authentisch die Selbstwahrnehmung der Partei (natürlich auch in ihrer historischen Einordnung) wiedergibt.

  • Robinson wurden seit 2005 mehrmals Straftaten, unter anderem Körperverletzung, Betrug, Einwanderungsbetrug, Landfriedensbruch und Drogenbesitz, vorgeworfen. Er wurde deshalb bisher zu mehr als zehn Haftstrafen rechtskräftig verurteilt: unter anderem 2005 für Körperverletzung, 2013 für die illegale Einreise in die USA, 2014 für Darlehensbetrug sowie 2017 und 2019 für Missachtung des Gerichtes (contempt of court). (Wikipedia)



    Und so ein Mann sorgt sich, dass zu wenig gegen kriminelle Migranten getan werde und zettelt Aufstände an.

  • Ich finde Kommentarw ja immer schwierig, die konkrete Artikel anderer Zeitungen runtermachen, indem behauptet wird, sie ständen an der Stelle zur Desinformation, und nur der Autor lebst habe den Durchblick.

    Da sollte dann schon ein Tick mehr Begründung kommen, warum 1969 mit heute verwoben ist und der Kolonialismus ab dem 16. Jahrhundert schuld ist.

    Wo sind dies mehr als Identitätsnarrative?

    Das bleibt leider offen.

    • @rero:

      Was macht die TAZ denn "runter" wenn sie berichtet, dass die Springerpresse (wer auch sonst?) es unterlässt, die Einordnung eines Rechtsextremisten zu benennen? Viele in diesem Forum lesen diese fragwürdigen Blättchen nicht und können es somit nicht wissen.

    • @rero:

      ich finde der kommentar macht relativ gut deutlich, inwiefern die pogrome von heute mit den troubles der 1960er jahre verwoben sind. und ich finde auch, dass es durchaus legitim ist, andere zeitungen für ihre berichterstattung und ihre dünnen analysen zu kritisieren – es ist schlicht zutreffend, dass nicht die migration an der wirtschaftlichen misere der protestantischen subalternen klassen schuld ist, sondern deren systematische ausbeutung und prekarisierung in neoliberal kapitalistischen herrschaftsverhältnissen.