Rassistische Übergriffe in Nordirland: Was die Gewalt in Belfast erst möglich macht
Wer die Pogrome in Nordirland verstehen will, muss sich die dortige Kolonialgeschichte und Armut anschauen. In der deutschen Presse findet man dazu wenig.
B rennende Häuser, brennende Autos, und migrantische Familien, die von der Polizei in Sicherheit gebracht werden müssen. Nach der Verbreitung eines Videos, das einen brutalen Messerangriff zeigt, ist es in Belfast und Nordirland in den vergangenen Tagen zu einer Welle rassistischer Ausschreitungen gekommen, die in ihrer Intensität viele schockiert haben. Groß ist daher auch der Drang nach Erklärungen: Wie konnte es so weit kommen?
Auch deutsche Medien haben sich die Woche über in Deutungen versucht – mit durchwachsenen Ergebnissen. Um zu verstehen, wie es zu diesen organisierten Brandanschlägen kommen konnte, was die politischen Bedingungen für die Gewalt sind, muss man sich den konfessionell-politischen Charakter der Pogrome und die Gewaltgeschichte Irlands anschauen.
Wer aber die „einordnenden“ Beiträge der deutschen Presse liest, der bekommt davon wenig mit. Stattdessen findet man dort Artikel, die an der Grenze zur Desinformation schrammen.
So etwa in der Zeit. Dort heißt es, „viele Nordiren“ hätten „in Sachen Zuwanderung und den Problemen, die sie verursacht, eine besonders kurze Lunte“. Katholiken und Protestanten sähen „in muslimischen Zuwanderern“ mittlerweile „eine neue, gemeinsame Bedrohung“. Da erscheinen die Pogrome als bedauernswerte, spontane Reaktion einer Bevölkerung, die mit ihrer „kurzen Lunte“ genug hat und ihrem Frust halt durch rassistische Zerstörungswut Ausdruck verleiht.
Eine Folge des Kolonialismus
In Wirklichkeit aber waren es quasi ausschließlich Protestanten, die im Norden der irischen Insel gewütet haben, während die katholische Bevölkerung auf sichere Distanz ging. Die Katholiken in Nordirland erinnern sich noch gut an die Pogrome ab 1969, als protestantische Mobs etwa 60.000 katholische Bewohner aus ihren Häusern vertrieben und so die Viertel religiös homogenisierten.
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Die Protestanten Nordirlands, die sich noch heute mehrheitlich loyal gegenüber dem britischen Königshaus zeigen, sind selbst großteils die Nachfahren jener Siedler, die Großbritannien ab dem 16. und 17. Jahrhundert nach Irland schickte, um die heimische Bevölkerung zu beherrschen und das Land zu kolonisieren. Auch während der „Troubles“ Ende des 20. Jahrhundert ging die Polizei in Nordirland stets härter gegen die Befürworter der irischen Unabhängigkeit vor als gegen die loyalistischen Protestanten und ihre Milizen.
Die organisierte Gewalt von damals ist mit der organisierten Gewalt von heute verwoben. So nutzen die Protestanten ihre Netzwerke, um die Übergriffe zu koordinieren: dunkle Kleidung, Masken, keine Handys, so lauteten die Ansagen in den Telegram-Gruppen.
All das soll nicht heißen, dass die katholische Bevölkerung in ihrer Einstellung weniger rassistisch ist. Aber organisierte Pogrome sind in Nordirland eben ein protestantisches Phänomen. Und das lässt sich sowohl mit der Geschichte der protestantischen Vorherrschaft begründen als auch damit, dass die Parteien wie Sinn Féin auf der katholischen Seite solche Gewalt aktiv zu verhindern suchen.
Der „tiefere Grund“ ist die Wirtschaft
Ebenfalls bemerkenswert ist, wo die Zeit in ihrer Analyse die „tieferen Gründe“ für die Eskalation sieht. Die liegen demnach bei einer Regierung in London, die Einwanderer in Vierteln mit Wohnungsknappheit und hoher Jugendarbeitslosigkeit ansiedelt. „Im Pulverfass Belfast, kurzum, mischt sich das alte Gefühl von Identitätsbedrohung mit neuer Asylmigration und unzureichender politischer Aufrichtigkeit.“ Doch woran liegt es denn eigentlich, dass die wirtschaftliche Lage in den Vierteln so prekär ist?
An dieser Stelle sei ein Statement empfohlen, das die Irish Republican Socialist Party (IRSP) veröffentlichte – eine radikale Partei, die selbst bestreitet, der politische Arm der Irish National Liberation Army zu sein. In ihrem Statement nimmt auch die IRSP die Sorgen der arbeitenden Bevölkerung mit Blick auf die sozialen Folgen von Migration ernst.
Doch sie beharrt richtigerweise darauf, dass die Wohnungsnot und das marode Gesundheitssystem die Konsequenz der kapitalistischen Wirtschaftsordnung sind. „Die Einwanderung nach Irland mag solche sozialen Spannungen verschärfen, ist jedoch nicht deren eigentliche Ursache“, schreibt die Partei – und verwehrt sich ohne Wenn und Aber gegen die Pogrome.
Einem Autor der Welt gelingt es ferner nicht mal, die Anheizer der rechten Stimmung richtig zu benennen. Besonders hervorgetan hat sich hier der britische Neonazi Tommy Robinson, der im September Zehntausende Demonstranten auf den Straßen Londons versammelte. In dem Artikel der Welt, der erklären will, dass das Hauptproblem nicht rechtsradikale Gewalt sei, wird Robinson aber nicht politisch eingeordnet, sondern lediglich als „Aktivist“ beschrieben.
Es ist ein hohes Maß an Augenwischerei, was hier betrieben wird, alles natürlich unter dem Anspruch, „unbequeme Wahrheiten“ auszusprechen. Doch wer nicht von der kolonialen Gewaltgeschichte Irlands und von den Folgen der neoliberalen Wirtschaftspolitik in Belfast sprechen will, der sollte vielleicht lieber auch zu den Ursachen der Riots lieber schweigen.
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