piwik no script img

Sozialabbau während der WMIm Windschatten der WM

Kersten Augustin

Kommentar von

Kersten Augustin

Große Sportereignisse sind ein günstiger Zeitpunkt, Sozialabbau zu betreiben, weil alle vor den Bildschirmen kleben. Folgt ein Fußballsommer der Sozialkürzungen?

I n den nächsten Wochen entscheidet sich das Schicksal der beiden wichtigsten Amtsträger des Landes. Am 1. Juli trifft sich die Bundesregierung zum Gipfel im Kanzleramt, zehn Tage später beginnt die parlamentarische Sommerpause. Bis dahin will, nein, muss Friedrich Merz zeigen, dass seine Regierung noch handlungsfähig ist und ihre vollmundig angekündigten Reformen beschließen kann. Gelingt ihm das nicht, dürfte er über die Landtagswahlen im Herbst hinaus nicht mehr lange Kanzler bleiben.

Mitte Juli endet auch die Fußballweltmeisterschaft der Männer. Bundestrainer Julian Nagelsmann muss mindestens ins Viertelfinale kommen, um dem Anspruch seines Publikums gerecht zu werden. Gelingt das nicht, wird er wohl seinen Posten verlieren. Merz und Nagelsmann sind nicht zu beneiden. Viel zugetraut wird weder dem einen noch dem anderen. Niemand wird in den kommenden Wochen so im Rampenlicht und so in der Kritik stehen wie Kanzler und Coach.

Auch in ihren Schwächen ähneln sie sich. Beide reden viel und ungeschickt, anders als ihre wortkargen Vorgänger. Sie kündigen mit großen Worten einen Plan an, am liebsten viele Pläne gleichzeitig. Und überfordern ihre Zuhörer und sich selbst. Julian Nagelsmann hat selten mit der gleichen Mannschaft gespielt, er hat öffentlich Stammspieler auserkoren, die am Sonntag auf der Bank sitzen werden. Andere Spieler hat er in Interviews bloßgestellt.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Friedrich Merz hat Reformen angekündigt, und zwar überall gleichzeitig: Er will die Einkommensteuer reformieren und die Rente, die Pflege und die Krankenversicherung. Wobei man aufhören sollte, von Reformen zu sprechen, denn es geht im Wesentlichen um Kürzungen. Ähnlich wie beim Bundestrainer ist auf seine Ankündigungen dabei kein Verlass.

Merz will Methoden vor vorgestern

Erst ließ Merz sich darauf ein, auch Spitzenverdiener zu belasten, dann zog er seine Zusage wieder zurück. Auch die Bafög-Erhöhung hat seine Unionsfraktion zurückgenommen. Und öffentlich vorführen, das macht Friedrich Merz nicht nur mit einzelnen Mitgliedern seiner Mannschaft, sondern mit dem Koalitionspartner oder ganzen Bevölkerungsgruppen.

Bundeskanzler und Bundestrainer geben sich gern auf der Höhe der Zeit. Sie, und auch ihr Publikum, trauern aber einem Deutschland hinterher, das es nicht mehr gibt. Merz will mit Methoden von vorgestern (Neoliberalismus) an die Erfolge von gestern (Exportweltmeister) anknüpfen. Und auch Nagelsmann glaubt, mit den Helden der Vergangenheit (Manuel Neuer) erfolgreich zu sein.

Eine Vermischung von Sport und Politik, wie auch in diesem Text, ist bei Großereignissen heikel. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass im Windschatten einer WM weitgehende Reformen, nein, Umverteilungen durchgesetzt werden. Mitten im Sommermärchen 2006 wurde die Mehrwertsteuer erhöht. Dies traf besonders Menschen mit niedrigen Einkommen. Der Bundesrat stimmte dem Gesetz am 16. Juni zu. Zwei Tage zuvor gewann Deutschland gegen Polen, vier Tage danach gegen Ecuador. Vier Jahre später, während der Weltmeisterschaft in Südafrika, einigte sich die Bundesregierung bei einem Gipfel im Kanzleramt auf die Erhöhung der Krankenkassenbeiträge. Einen Tag später spielte Deutschland im Halbfinale gegen Spanien.

Gut möglich, dass es auch in diesem Fußballsommer zu Sozialkürzungen kommt. Wie Friedrich Merz und seine Bundesregierung damit durchkommen, könnte auch davon abhängen, wie erfolgreich die Nationalmannschaft ist. Bundestrainer und Bundeskanzler haben oft voneinander profitiert. Konrad Adenauer spielte lieber Boccia, statt 1954 nach Bern zu fahren. Aber Helmut Kohl sonnte sich im Triumph der WM 1990, Angela Merkel profitierte 2014 vom Titel. Und hätte Gerhard Schröder länger durchgehalten, hätte er mit dem Sommermärchen im Rücken womöglich noch die Wahl gewonnen.

Merz spricht von Wohlwollen, das es im Land für seine „Reformen“ brauche. Er tut wenig dafür, eine solche Stimmung zu begünstigen. Wenn aber die Nationalmannschaft ein überraschend gutes Turnier spielen sollte, könnte die Bundesregierung zumindest kurzzeitig profitieren. Scheidet Deutschland früh aus, dürfte das die Zustimmung zu Kürzungen nicht erhöhen. Und abgelenkt wären die Deutschen auch nicht mehr, wenn Merz’ Regierung Anfang Juli in ihr Endspiel einzieht.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 290 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Kersten Augustin

Kersten Augustin Ressortleiter Inland

Kersten Augustin leitet das innenpolitische Ressort der taz. Geboren 1988 in Hamburg. Er studierte in Berlin, Jerusalem und Ramallah und wurde an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München ausgebildet. 2015 wurde er Redakteur der taz.am wochenende. 2022 wurde er stellvertretender Ressortleiter der neu gegründeten wochentaz und leitete das Politikteam der Wochenzeitung. In der wochentaz schreibt er die Kolumne „Materie“. Seine Recherchen wurden mit dem Otto-Brenner-Preis, dem Langem Atem und dem Wächterpreis der Tagespresse ausgezeichnet.
Mehr zum Thema

11 Kommentare

 / 
  • Mich erstaunt, wie schnell und konsequent die SPD daran arbeitet endlich unter die 5% zu kommen.

  • Die da oben nutzen die WM, um heimlich Gesetze durchzuschieben? Und der deutsche Michel merkt's nicht, weil er vor der Glotze hängt? Ich höre das alle vier Jahre von irgendwelchen Schlaubergern, aber jetzt kommt auf einmal die taz damit, und die ZEIT übrigens auch? Was ist los? Sollen Regierungen und Parlamente den Betrieb einstellen, bloß weil WM ist? Die Sitzungspause des Bundestags beginnt Mitte Juli, bis dahin wird gearbeitet.

  • Wofür nochmal stand das "S" in der SPD?



    Sozialkürzungen gehen nur mit der SPD. Schuld werden viele Medien dann aber doch nur der CDU geben, obwohl sie es ohne die SPD gar nicht hätte durchsetzen können. Die SPD sollte nur noch PD heißen, das "S" hat sie schon unter Schröder abgegeben.

  • ich denke, die Regierung sollte sich nicht darauf verlassen dass alle Leute von der WM abgelenkt werden. Ich habe noch keine einzige Deutschlandfahne irgendwo gesehen, auch kein einziges Auto mit den schwarz-rot-goldenen Überziehern an den Rückspiegeln. Anders als beim letzten Mal, ganz anders als davor. Meinen Nachbarn und Kollegen ist das alles ebenfalls total egal. Vielleicht ändert sich das ja wenn die Mannnschaft gewinnt. Aber wie gesagt, verlassen darauf würde ich mich nicht. Auf der anderen Seite befindet sich die Regierung ja offensichtlich in einer anderen, parallelen Realität, es könnte also doch passieren...

  • Die Mwst.-Erhöhung kommt so sicher wie die Armen in der Kirche.

  • Schöner Vergleich von Bundeskanzler und Bundestrainer. Eigentlich sollte uns ein erfolgloser Nagelsmann lieber sein als ein erfolgloser März. Wahrscheinlich kommt es umgekehrt.

    Nur gut, dass Spitzenverdiener nicht betroffen sein werden, sonst müsste ich ja den Gürtel enger schnallen. Und gut, dass unser Sprössling kein Bafög bekommt, weil unser Haushaltseinkommen zu hoch ist. Aber war da nicht was mit der Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze für die Krankenversicherung? Oder ist die auch schon wieder vom Tisch?

    Aber wie will Herr Merz mit einem solchen Firlefanz überhaupt zu einem Erfolg kommen? Da würde ich sagen: Zu wenig, zu spät, zu zögerlich, zu mutlos. Wenn man Geld braucht, muss man es dort abgreifen, wo es vorhanden ist und das sind nun einmal die großen privaten Vermögen. Nebenbei könnte man sich noch über Steuerhinterziehung und Steuerschlupflöcher Gedanken machen. Zu beidem scheint jedoch der politische Wille zu fehlen, weil man angstgetriebene Politik betreibt und nur auf diejenigen schaut, die sich nicht wehren können.

    • @Aurego:

      "Wenn man Geld braucht, muss man es dort abgreifen, wo es vorhanden ist und das sind nun einmal die großen privaten Vermögen."

      Na dann mal ran ans Betriebsvermögen. Jeder kleine Landwirt der aufgibt und jeder Schlossermeister mit zwei Angestellten ist Millionär auf dem Papier. Selbst jeder VW-Mitarbeiter der nächstes Jahr gekündigt wird ist mit seinem hart ersparten EFH im Speckgürtel auf ihrer Liste. Jede Kommune mit 5 Hektar Land, die Soligemüsekisten verkauft, muss dann abdrücken.

      Okok, sie relativieren? Nur die Großen? OK. Und die verkaufen dann jedes Jahr 5% ihres Vermögens? Also der Produktionsmittel, der Gebäude, Maschinen? Oder wie sonst?

  • Die aktuellen Staatsausgaben (und da dominieren die Ausgaben für den Sozialstaat) sind nicht nachhaltig, da sie das Wachstum reduzieren und damit für die Zukunft die Ressourcen verkleinert, die für soziale Aufgaben eingesetzt werden können.

  • Man liest und hört viel über die Probleme in Deutschland. Aber dass das Land derart auf den "absteigenden Ast" geraten ist, wird durch diesen Artikel so richtig bekräftigt. Kann schlimmster Sozialabbau wirklich das Rezept sein für ein florierendes Land mit einer florierenden Wirtschaft? Wenn gleichzeitig Reichtums-Exzesse herrschen und eine totale Selbstbedienungsmentalität in der Bundes- und auch in manchen Landesregierungen immer wie mehr Raum einnimmt?

  • Keine Rentenreform ohne Pensionsreform, liebe CDU-Politiker. Hohe Pensionen und mickrige Renten sind ungerecht und auf Dauer nicht mehr finanzierbar. Die ganzen Privilegien der Politiker und Beamten müssen mit der Rentenreform 2026 mit auf den Prüfstand. Seit 40 Jahren wurde das Pensionsniveau rücksichtslos von von Kanzler Kohl, Schröder und Merkel rücksichtslos gesenkt, während das Pensionsparadies unangetastet blieb.

  • Ach, wäre das schön wenn's nur alle paar Jahre bei Erfolg und guter Stimmung Kürzungen gäbe.