Bildungsungerechtigkeit in Deutschland: „Das Bafög ist eine Chancenleistung“
Bleibt eine Erhöhung der BaföG-Fördersätze aus, wird das insbesondere Nichtakademikerkinder hart treffen, warnt Wolf Dermann von Arbeiterkind.de.
taz: Die Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) stellt die eigentlich in der Koalition bereits verabredete Bafög-Reform wieder infrage. Studierende seien eh schon „privilegiert“. Sehen Sie das auch so?
Wolf Dermann: Beim Bafög reden wir nicht über „die Studierenden“, sondern über die bedürftigen unteren 11 Prozent. Wenn man hier Kinder aus Akademikerfamilien, bei denen die Eltern für gewöhnlich unterstützen können, in einen Topf wirft mit Kindern, bei denen die Eltern das nicht können, dann ist das ein sehr schiefer Blick.
taz: 56 Prozent der Akademikerkinder machen laut Statistischem Bundesamt einen Uni-Abschluss – aber nur 12 Prozent der Nichtakademikerkinder. Wird das Studium nun noch mehr zur sozialen Frage?
ist einer der Sprecher: innen und Mitgründer von Arbeiterkind.de, die junge Menschen aus nichtakademischen Familien zu einem Studium ermutigen wollen.
Dermann: Wir kämpfen ohnehin schon seit jeher darum, dass mehr junge Menschen Bafög beantragen.
taz: Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts beantragen 70 Prozent der Bafög-Berechtigten keine Förderung …
Dermann: Genau. Da ist es ein schwieriges Signal, wenn die Botschaft jetzt ist: „Die Förderung reicht sowieso nicht.“ Bisher war es schon in der Regel so, dass man mit Bafög plus einem Nebenjob sich zumindest ein Studierendenleben auf Sparflamme finanzieren konnte. Das ändert sich aber zunehmend, allen voran durch die immer weiter steigenden Mietpreise.
taz: In Berlin, Köln oder Hamburg kostet ein WG-Zimmer im Schnitt 600 Euro, in München 800 Euro. Ministerin Bär sagt: Dann geht doch arbeiten, ein Nebenjob sei „kein Drama“.
Dermann: Wir wissen aus unserer Beratung bei Arbeiterkind.de, wo die Frage nach der Finanzierung die mit Abstand am häufigsten gestellte ist: Ein Nebenjob frisst Zeit, die andere ins Studium stecken können. Wir sehen übrigens auch, dass immer mehr Studierende zwei Nebenjobs haben, die also wirklich an die maximalen 20 Stunden pro Woche gehen, die man jobben kann während des Studiums. Aber dann zieht sich das Studium oft in die Länge – oder die Leute brechen ab.
Wolf Dermann von Arbeiterkind.de
Zudem muss man auch sagen: Für einen Medizinstudenten oder eine Naturwissenschaftlerin ist schon ein Job oft schwierig, weil sie alleine für den Lernstoff eine 40-Stunden-Woche haben. Geistes- und Sozialwissenschaftler wenden im Schnitt 6 Stunden pro Woche weniger für das Studium auf. Da sollten sich die beteiligten Politiker:innen noch mal bewusst machen, dass ihre Erfahrungen nicht die Studienrealität aller abbilden.
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taz: Der Zugang zum Studium würde durch eine ausbleibende Bafög-Reform noch ungerechter.
Dermann: Ja. Und beim Bafög ist wiederum das Problem, dass gerade auch bei Kindern aus Nichtakademikerfamilien die Angst vor einer Überschuldung groß ist. 10.000 Euro Darlehensschulden mögen für manche nicht nach viel klingen. Für andere ist es mehr, als die Eltern jemals besessen haben. 21 Prozent geben das in der Sozialerhebung des Forschungsministeriums als Grund an, warum sie kein Bafög beantragen.
taz: Was müsste also eigentlich passieren: Bafög wieder als Vollzuschuss?
Dermann: Ja, das würde helfen. Ein großes Problem ist auch, dass ohne Automatismus nur ein Mal pro Legislaturperiode die Anpassung der Sätze erfolgt. Unsere Wirtschaft ist in Höhe der Inflation mitgewachsen, wir könnten es uns leisten, das Bafög nun nachträglich an die Preisentwicklung anzupassen.
taz: Insgesamt rund 1 Milliarde Euro kostet die Bafög-Reform, davon 67 Millionen Euro für die Wohnkostenpauschale. Zum Vergleich: Der Tankrabatt infolge der gestiegenen Spritkosten kostet 1,6 Milliarden Euro. Welche Prioritätensetzung erkennen Sie da bei dieser Regierung?
Dermann: Ich verstehe, dass diese Regierung Haushaltslöcher stopfen muss. Aber es muss klar sein: Wir reden hier über Chancen unabhängig vom Elternhaus. Das Bafög ist so gesehen eine Chancenleistung, keine Sozialleistung. Ich sehe hier vor allem einen politischen Poker. Es ist ärgerlich, wenn die Bedürftigsten dafür zahlen müssen. Wir haben heute zum Beispiel in der Beratung über einen Fall gesprochen, wo eine Person selbst für die Immatrikulationsgebühr von 400 Euro gerade einen Fundraiser organisiert. Das sind die Realitäten, über die wir reden.
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