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Nach Volksentscheid in HamburgBraucht Deutschland Olympia?

Hamburgs Bevölkerung hat überraschend Nein zu Olympia gesagt. Ist das ein schlechtes Signal über die Stadt hinaus? Ein Pro und Contra.

Die Olympischen Spiele wären etwas, hinter dem sich das ganze Land versammeln könnte Foto: Kirsty Wigglesworth/picture alliance

W ährend bei Volksabstimmungen in der Rhein-Ruhr-Region und in München ein positives Votum herauskam, hat die Mehrheit der HamburgerInnen, die zur Wahl gingen, die rote Karte gezeigt. Ist das doof?

Ja!

Denn eine große internationale Veranstaltung wie die Olympischen Spiele, die von Milliarden Menschen beachtet wird, könnte Deutschland helfen, aus dem Stimmungstief zu kommen. Sie wäre ein Programm gegen die um sich greifende Verzagtheit, das Gemeckere, gegen das von vielen geäußerter Gefühl: Es geht alles den Bach herunter.

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Es lohnt sich kaum, noch einmal aufzuzählen, was alles nicht läuft oder lief: Großprojekte wie Stuttgart 21 oder der Berliner Flughafen BER, die sich ewig verzögern und den Kostenrahmen sprengen; die Bahn, die ihren guten Ruf im Privatisierungswahn gründlich vergeigt hat; das Wirtschaftsmodell mit billigem Gas aus Russland und China als Exportmarkt perdu; bei der IT abgehängt.

Wir sind ein Land, das ziemlich verunsichert auf Wachstumsregionen wie China blickt und sich bei den eigenen Projekten selbst im Weg steht. Firmen wie Privatleute halten es für selbstverständlich, das eigene Interesse gegenüber der Allgemeinheit durchzusetzen – hier stimmt die Balance nicht mehr. Wir pflegen den kritischen Diskurs – was ein Fortschritt ist, aber einen unschönen Nebeneffekt mit sich bringt: Wir denken mehr an Gefahren als an Chancen. Wenn dieses Auf-der-Bremse-Stehen nur am Umwelt- und Naturschutz läge, könnten wir wenigstens darauf stolz sein.

Die Olympischen Spiele wären etwas, hinter dem sich das ganze Land versammeln könnte. Sie würden eine Zielmarke setzen, bis zu der bestimmte, klug gewählte Projekte fertig sein müssten, und könnten die Wohlhabenden in die Pflicht nehmen. Sie schüfen den Zwang zu beweisen, dass Deutschland noch planen und organisieren kann. Die Spiele können Kreativität freisetzen, wie die großartigen Bauten und Otl Aichers Piktogramme für die Münchner Spiele von 1972 beweisen.

Und wie beim sogenannten Sommermärchen, der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, könnte Deutschland zeigen, dass es ein buntes, gastfreundliches, womöglich sogar entspanntes Land sein kann – „Schland“-Rufen zum Trotz. Gernot Knödler

Nein!

Die Bevölkerung in Hamburg hat (mal wieder) richtig entschieden: Olympia wird es dort nicht geben. Man hat sich nicht täuschen lassen von der immer gleichen Trommelei in Politik, Kultur und Spitzensport. Ein vereinendes öffentliches Fest sollen die Spiele sein, dabei sind sie stets vor allem eines: Gentrifizierung leicht gemacht.

Mieten schießen nachweislich in die Höhe, Verdrängung steigt an, und von der Infrastruktur, die angeblich zu keinem anderen Anlass errichtet werden kann, profitieren vor allem wohlhabende Viertel. Steu­er­zah­le­r:in­nen tragen hohe Kosten, während die Profite in die Taschen von Sponsoren, IOC-Funktionär:innen und TV-Bossen fließen. Olympiatickets leisten können sich viele nicht. Derweil sind zig Hallen im deutschen Breitensport marode, und Sportklubs gerade in Großstädten haben wegen Platzmangel Aufnahmestopp. Dort wäre das viele Geld richtig aufgehoben.

Ja, olympisches Flair in einer Stadt ist magisch, große Sportstars inspirieren Generationen. Aber das macht die routinierte Lügerei um Olympia nicht besser. Es wird jedes Mal viel teurer, schmutziger und weniger breitenwirksam als versprochen. Der Preis für zwei Wochen Sport ist zu hoch.

Märchen kollektive Versöhnung

Und sollte Deutschland sich wirklich dort präsentieren dürfen und sein internationales Image polieren? Ein Land, wo die Politik gerade so massiv wie nie zuvor Arbeitnehmerrechte angreift, aber rund um Olympia auf volksnah macht? Ein Land, gegen das derzeit eine Klage wegen Beihilfe zum Völkermord in Gaza vorliegt und das sich weigert, seinen Völkerrechtsverpflichtungen nachzukommen? Ein Land, das massiv gegen EU-Asylrecht verstößt – und wo möglicherweise zum Zeitpunkt der Spiele Rechtsextreme an der Regierung sitzen? Bitte nicht.

Solche Mega-Sportevents neigen übrigens dazu, nationalistische Einstellungen zu steigern; das Märchen von kollektiver Versöhnung ist großer Quatsch. Zum Glück immerhin gibt es im parlamentarischen Kapitalismus zumindest noch eines: die Möglichkeit, „NOlympia“ zu sagen. Alina Schwermer

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Gernot Knödler
Hamburg-Redakteur
Alina Schwermer
freie Autorin
Jahrgang 1991, studierte Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum und Sankt Petersburg. Schreibt für die taz seit 2015 vor allem über politische und gesellschaftliche Sportthemen und übers Reisen. Autorin mehrerer Bücher, zuletzt "Futopia - Ideen für eine bessere Fußballwelt" (2022), das auf der Shortlist zum Fußballbuch des Jahres stand.
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