Fußball-Weltmeisterschaft: Es geht um mehr als nur die USA
Der Hyperfokus auf den Hauptgastgeber im Vorfeld dieser WM ist unproduktiv. Wer von links wieder in die Offensive will, sollte Visionen zu bieten haben.
Es wird wieder hässlich werden, so viel ist sicher. Denn was erwartet uns? Eine WM im Herzen des global machtergreifenden Tech-Faschismus. Eine bizarre Shitshow für den Halb-Autokraten Donald Trump und seine Regierung aus faschistoiden Überreichen, bei der an WM-Stadien ICE-Truppen patrouillieren. Ein Fest für die USA, die kurz vorm Turnier den Angriffskrieg auf Iran mitbegannen, derzeit Israels Kriegsverbrechen in Gaza und im Libanon maßgeblich finanzieren und im Rest der Welt kidnappen, außergerichtlich hinrichten oder extrem Rechte unterstützen.
Den deutschen Diskurs hat das eher kalt erwischt. Lange galt die WM in Nordamerika hierzulande als Turnier, das endlich mal wieder in der vorgeblich so freien Welt stattfindet. Nix Politik. Atempause von allerlei Debatten. Aber zumindest an Donald Trump stören sich ja auch die Deutschen.
Wird dieses Turnier die hässlichste WM aller Zeiten? Nach den Desastern von Russland und Katar liegt die Messlatte hoch, aber das inoffizielle Motto der Fifa lautet bekanntlich: Schlimmer geht immer. Und so gibt es gute Argumente dafür, dass die Männer-WM 2026 von vielen schlimmen Turnieren das allerschlimmste werden könnte.
Dieses Turnier wird besonders viele Menschen ausschließen
Das lässt sich nüchtern in Zahlen messen. Laut Berechnungen der britischen Organisation „Scientists for Global Responsibility“ dürfte das Turnier als die klimaschädlichste Fußball-WM aller Zeiten in die Geschichte eingehen. Die Treibhausgasemissionen beim auf 48 Teams aufgeblähten Vielflieger-Kick mit seinen Riesendistanzen werden sich im Vergleich zum Durchschnitt der vorherigen vier Endrunden fast verdoppeln, auf über 9 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Die Fifa gibt sich nicht mal mehr Mühe, das schönzureden.
Sicher ist bereits, dass das Turnier besonders viele Menschen ausschließen wird. Im Symbolland des Profitstrebens muss, wer etwa das DFB-Team bis zu einem hypothetischen Finale verfolgen möchte, mindestens 6.000 Euro allein für Tickets bezahlen – rund sechsmal so viel wie 2022 in Katar. Auf der Resale-Plattform der Fifa wurden Tickets für mehr als eine Million Dollar angeboten. Fans aus zahlreichen Ländern werden allein aufgrund ihrer Nationalität von einer Reise in die USA ausgeschlossen sein, darunter aus den Teilnehmerstaaten Haiti und Iran. Auch das gab es noch nie bei einem Fußball-Weltturnier.
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Und zum ersten Mal überhaupt führt ein Gastgeber einen Angriffskrieg gegen einen Teilnehmerstaat. Trump drohte gegenüber Iran offen mit Völkermord, dem „Untergang einer ganzen Zivilisation“. Tabus rund um den Turniergastgeber fallen gerade reihenweise. Die WM zeigt etwas zutiefst Beunruhigendes: Das Unsagbare wird akzeptiert.
Bis auf wenige Stimmen ist es still in Deutschland. Der Katar-traumatisierte DFB will nichts von Protest wissen, nach der Fifa-Schelle ziehen die Deutschen jetzt erst mal auf Jahre wieder die Köpfe ein. Nationalelf-Fans sind traditionell politisch desinteressiert und eh eher rechts als links der Mitte einzuordnen. Und auch in progressiv-bürgerlichen Kreisen herrscht vielmehr Besorgnis statt Empörung, schließlich bleibt man transatlantisch gesinnt.
Nur nach Trumps Annexionsdrohungen gegenüber Grönland zu Jahresanfang sah es kurz aus, als wollten ausgerechnet deutsche CDU-Hinterbänkler einen WM-Boykott anführen. Doch so schnell sie aufkam, so schnell war die Aufregung wieder abgesagt. Durchaus offenbart die WM den Ansehensverlust der USA auch in Europa. Und zugleich eine Gleichgültigkeit gegenüber globalem Leid, die gruseln lässt.
Inmitten wachsender weltpolitischer Verwerfungen haben sich die Fifa und ihre Nationalverbände in bizarre Sanktionierungswirren verstrickt. Russland bleibt wegen des Angriffs auf die Ukraine ausgeschlossen, DFB-Präsident Bernd Neuendorf sprach explizit vom völkerrechtswidrigen Angriffskrieg als Grund. Warum der DFB gleichzeitig im Angriff auf Iran kein Problem sieht, muss er sich von den meisten Medien nicht einmal fragen lassen. Auf mehrere schriftliche Anfragen der taz antwortete der Verband nicht.
Der Fußball ächzt unter seiner eigenen Gigantik
Die Fifa dürfte indes dankbar gewesen sein, dass Israel sich nicht qualifiziert hat. Spanische Politiker:innen hatten in diesem Fall mit Boykott gedroht, die Debatte hätte die gesamte WM geprägt. Der steigende internationale Druck zeigt, dass sich auch im Sport endlich etwas in den Machtverhältnissen verschiebt. Doch in der deutschen WM-Debatte findet die Rolle von Gastgeber USA als dessen Hauptunterstützer nicht einmal statt. Man hat sich isoliert vom internationalen Diskurs. Und nichts Relevantes mehr zu sagen.
Es dürfte auch an diesen nationalen Brillen liegen, dass eine internationale Protestbewegung gegen WM-Turniere kaum zustande kommt. Bei der nun anstehenden WM schaut man in Deutschland vor allem auf die US-Innenpolitik, in der alten Tradition, außenpolitische Verbrechen westlicher Staaten zu ignorieren. Trump als rüpelhafte Ausnahme, nicht Imperialismus als Struktur.
In Lateinamerika, etwa bei mexikanischen Protesten, geht es neben dem global breit anschlussfähigen Thema Palästina viel um Regionales wie die Gentrifizierung durch die WM und die US-Interventionen in Südamerika. In einigen afrikanischen Staaten wiederum wurden vor allem die Einreiseverbote diskutiert, die maßgeblich afrikanische Fans betreffen, aber auch die faktische Zerschlagung der Entwicklungsbehörde USAID und ihre dramatischen Folgen.
So berechtigt die Kritik an den USA und Trump auch ist – durch ihre Dominanz im Diskursraum fallen andere Themen hinten runter. Etwa die angefeuerte Klimakatastrophe, der Überreichtum (beides spielt seltsamerweise bei der Bewertung von Gastgebern überhaupt keine Rolle) oder die massiven Menschenrechtsverletzungen.
Und wenn der Ball rollt, wird eh vieles vergessen sein. Die meisten Fans wollen sich einfach berieseln lassen, und unzweifelhaft gibt es unter ihnen viele, die sogar noch Beifall klatschen würden für deportierte Migrant:innen, völkerrechtswidrige Bombardements oder enthemmte Milliardäre, für die Moral endlich nicht mehr zählt. Der Diskurs wird verstummen und irgendwann von Neuem losgehen, um Marokko 2030, um Saudi-Arabien 2034. Bei Letzterem in Deutschland sicher wieder empörter.
Womöglich ist der Fußball einfach zu groß geworden, er ächzt unter seiner eigenen Gigantik. Der Hyperfokus auf einzelne Gastgeberstaaten war dabei selten produktiv. Denn diskutieren wir nicht zu jeder WM das Gleiche? Wachstum bis zum Abwinken, Klimaschäden, Gentrifizierung, Ausbeutung, Kooperationen mit schaurigen Machthabern und Sponsoren, Korruption – damit lässt sich alle vier Jahre ein WM-Bingo befüllen.
Ohne globale Empathie und neue Bündnisse geht es nicht
Und so fehlt im Diskurs noch etwas: die Konstruktivität, der ernsthafte Widerstand. Wer glaubt wirklich an die Reformierbarkeit der Fifa? Es braucht eine mitreißende Gegenvision mit neuen Strukturen. Wir leben in einer Welt global agierender rechter Eliten, die ihre Herrschaft immer brutaler ausbauen. Die hitzigen Debatten um einzelne Staaten verdecken das, sie sind völlig anachronistisch. Wer von links wieder in die Offensive will, darf sich nicht länger zwischen Boykottdiskussionen und Rückverteidigungsgefechten verausgaben. Er muss eine Vision zu bieten haben.
Am vielversprechendsten wäre ein Gegenverband mit einer endlich funktionierenden Gewaltenteilung. Turniere könnten dabei von einer Stiftung oder Genossenschaft verwaltet werden, die die Einnahmen verteilt, während das Fußballparlament strikt davon getrennt ist – anders als bei der Fifa. Kollektivrechte von lokalen Bevölkerungen, Natur und Klima müssen rund um eine WM niedergeschrieben sein und bei einem unabhängigen Sportgerichtshof eingeklagt werden können. Es braucht eine Charta mit klarer Post-Wachstums-Ausrichtung, wo Erfolg eines Turniers nicht an Profiten gemessen wird, sondern etwa an Inklusivität oder möglichst geringen Schäden.
Und es braucht sportliche Visionen jenseits der immer gleichen, destruktiven Erzählung vom Kampf der Nationen. Die aktuelle Sportwirtschaft kann die absehbaren Krisen des Jahrhunderts nicht managen. Und wer keine Gegenvision schafft, macht die Linke handlungsunfähig, weil viele Engagierte sich an den immer neuen Niederlagen im bestehenden System erschöpfen.
Kleinere, lokalere Turniere ohne große Infrastrukturprojekte hätten zudem den Vorteil, dass man weniger abhängig von verbrecherischen Machthabern ist. Es wäre ein Gegenentwurf in der Tradition des Arbeitersports, mit einem neuen Selbstbewusstsein: Den Sieg des kapitalistischen Sports nicht als selbstverständlich zu nehmen. Ob das je passieren wird? Ohne globale Empathie und neue Bündnisse geht es nicht. Bis dahin werden wir noch eine Menge hässlicher WMs erleben.
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