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Nordische Länder und die UkraineVerlässlichkeit darf nicht auf die Probe gestellt werden

Tanja Tricarico

Kommentar von

Tanja Tricarico

Der ukrainische Präsident stößt im Norden und in den baltischen Ländern auf Pragmatismus und Verständnis. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

W er gute Freunde in Krisenzeiten hat, kann sich glücklich schätzen. So muss es auch dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gehen. Den besten Beweis bekam er bei einem Treffen mit den Regierungschefs der nordischen und baltischen Staaten im estnischen Tallinn. Dort muss Selenskyj nicht viel erklären, wie es um sein Land steht und in welch entscheidender Phase die Ukraine derzeit steckt. Der Grund dafür ist so simpel wie komplex: Die Staaten des Gremiums kennen den russischen Aggressor und die Folgen von Repression aus ihrer Geschichte. Viele, wie etwa die baltischen Staaten oder Finnland, grenzen an Russland. Die Folgen des Krieges sind dort unmittelbar zu spüren. Sie wissen, was auf dem Spiel steht.

Zu den gefährlichsten Konsequenzen zählt wohl die Bedrohung durch Drohnen. Bereits zweimal mussten Nato-Kampfjets solche Flugobjekte abschießen, die in den Luftraum Estlands und Lettlands eingedrungen waren. Nahezu täglich gibt es Meldungen zu Drohnensichtungen in den Grenzregionen. Cyberattacken gehören seit langem zur hybriden Kriegsführung. Sowohl Russland als auch die Ukraine stören die Flugbahn der jeweiligen Drohnen und diese kommen dann vom Weg ab. Hätte die russische Vollinvasion in der Ukraine ein Ende, gäbe es auch solche Vorfälle nicht mehr.

Selenskyj ist längst kein Bittsteller mehr. Natürlich braucht sein Land weiterhin Geld für Waffen, für die Luftabwehr, für den Wiederaufbau des Landes, und diplomatische Unterstützung für einen baldigen EU-Beitritt. Aber im Drohnenkrieg sind auch die Staaten im Norden auf die Expertise der Ukraine angewiesen. Und so verwundert es nicht, dass ohne viel Hin und Her Abkommen zur Drohnenabwehr beschlossen werden und Selenskyj seine Spezialisten in die Allianz im Norden und in den baltischen Staaten schicken kann.

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Ebenso wenig verwundert, dass in dieser Runde keiner die Ukrainer in Verhandlungen mit dem Kreml zwingen will, bei denen sie weder dabei sind noch ihre eigenen Forderungen aufstellen dürfen. Und auch als Vermittler will man sich auf keinen Fall aufspielen. Wer parteiisch ist – und das sind die nordischen und baltischen Staaten nun einmal – sollte nicht vermitteln. Diese Haltung klingt pragmatisch und rational, ist aber leider keine Selbstverständlichkeit derzeit in Europa. Es bleibt zu hoffen, dass in dieser kritischen Phase des Krieges, die zu einem Waffenstillstand führen könnte, sich mehr Staaten dieser Haltung anschließen. Und es zu einem gerechten und nicht aufgezwungenen Frieden kommen kann.

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Tanja Tricarico

Tanja Tricarico ausland

Schreibt über Außen- und Sicherheitspolitik, Entwicklungszusammenarbeit, früher auch Digitalisierung. Host der Fernverbindung, dem Auslands-Podcast der taz. Privat im Einsatz für www.geschichte-hat-zukunft.org
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18 Kommentare

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  • Finnland wurde 1939 von der Sowjetunion angegriffen und verlor Teile des Territoriums.

    Estland, Lettland und Litauen wurden 1940 von der Sowjetunion angegriffen und verloren die Eigenstaatlichkeit. Erhebliche Teile der Bevölkerung wurden deportiert.

    Die Menschen in diesen Länder wissen, was es mit dem Nachbarn im Osten auf sich hat.

  • Länder mit einer gemeinsamen Grenze zu Russland beziehen ihre Motivation nicht allein aus der historischen Erfahrung, sondern es reicht bereits ein genauer Blick auf die aktuelle inhumane Kriegsführung Russlands, die auch vor Frauen und Kindern nicht halt macht.

    Das ist ein Grund warum 9 von 10 erwachsenen Norwegern*innen ihr Land mit der Waffe verteidigen würden. Nicht anders sieht es bei Balten, Finnen, Schweden oder Dänen aus.

    Die Koala Halbinsel ist der Hauptstützpunkt der russischen Arktisflotte und 20km Luftlinie von Norwegen entfernt. Wenn von dort eine intensive militärische Aufrüstung ausgeht, dann hinterfragen wir in Norwegen erst als letztes den Sinn und Zweck dahinter sondern ergreifen zuerst Gegenmaßnahmen und zwar im militärischen und zivilen Bereich.

    Wir sind hier halt nicht das Land der Dichter und Denker, indem es genau andersherum verläuft und jede Maßnahme zuerst in Talkshows, Debatten etc breitgetreten und diskutiert wird, ohne danach in konkreten Handlungen zu münden.

    Da kläre ich hier meine jüngsten Töchter lieber über die traurigen Hintergründe auf, warum das Thema Zivilschutz in der Schule behandelt wird, weiß sie im Ernstfall jedoch in sicheren Händen.

    • @Sam Spade:

      "Die Koala Halbinsel ist der Hauptstützpunkt der russischen Arktisflotte und 20km Luftlinie von Norwegen entfernt."

      Der Hauptstützpunkt ist Seweromorsk. Über hundert km von der Grenze entfernt. Natürlich hat die Sowjetunion im kalten Krieg nicht in Artilleriereichweite von Norwegen gebaut...

      • @warum_denkt_keiner_nach?:

        Seweromorsk ist Stützpunkt der Nordflotte weil es ganzjährig der einzige eisfreie Hafen Russlands in der Region ist.

        Die Koala Halbinsel jedoch bildet den Kern des russischen Bastionskonzepts, welches vorsieht den Gegner den Zugriff auf geografische Regionen zu versperren. Ein Konzept aus Zeiten des Kalten Krieges, welches wiederbelebt wurde und auf direkte Konfrontation im Konfliktfall ausgelegt ist.

        Hier sind die russischen Atom U-Boote stationiert die zwei Drittel der russischen Zweitschlagfähigkeit abdecken. Dazu die größte Anzahl in der Arktisregion von russischen RSM 54 und 56 Interkontinentalraketen. Die im übrigen nicht nur auf Norwegen sondern auch auf die Niederlande und Norddeutschland gerichtet sind.

        Hoffe damit für Klarheit gesorgt zu haben.

        Wiederholt mein Tipp bei komplexen Themenbereichen. Hände weg von der Google KI und lieber bei qualifizierteren Quellen als Wikipedia informieren.

        Gibt es auch in Deutschland genügend von, wie in diesem Fall das Bundesministerium für Verteidigung oder das GIDS in Hamburg.

  • Die Ukraine als angegriffener Staat hat jedes Recht sich zu wehren und jede Unterstützung dafür zu bekommen.

    Aber wer glaubt das Russland jemals Frieden geben wird wenn eine NATO Mitgliedschaft um Raum steht oder eine europäische Schutztruppe der verkennt die Realität.

    Die strategische Bedeutung des Zugangs zum Schwarzen Meer und eine Mindestentfernung von NATO-Raketen vom russischen Staatsgebiet ist viel zu hoch.

    • @Conrad:

      Russland hatte schon vor der Invasion der Krim Zugang zum schwarzen Meer



      via Noworossijsk und Taganrog.



      Darüber hinaus gab es einen Vertrag über die russische Nutzung Sewastopols. (Welches dann bei der Invasion eine wichtige Rolle spielte.)

    • @Conrad:

      Entfernungen sind im Zeitaltter moderner Raketen nahezu bedeutungslos.

      Ginge es Russland um die NATO, bzw. wäre diese eine solch existenzielle Bedrohung und müsste unbedingt weit weg von Russlands Grenzen gehalten werden, dann müsste längst Krieg in Finnland herrschen.

      Aus Sichgt des faschistischen, heruntergewirtschafteten Russlands ist die EU viel gefährlicher. Sollte einb Russland kulturell so ähnlicher Staat wie die Ukraine sich erfolgreich nach Westen wenden und die Ukrainer frei und in Wohlstand leben können, dann zeigte dies den Russen, dass es eine Alternative zur kranken Russkij-Mir-Ideologie gibt und man eben auch als Russe ein freier Mensch sein kann. Und dies würde das Ende des Putin-Regimes bedeuten.

    • @Conrad:

      Da eben niemand in den baltischen Staaten oder in den nordischen Ländern daran glaubt, das es mit diesem Regime in Russland überhaupt Frieden geben wird und wohl die Russen selbst nicht dran glauben, ist Rücksichtnahme auf die strategischen Interessen Russlands mittlerweile fehl am Platz.

      Die Fehler in diesem Punkt wurden vor langer Zeit begangen, auch durch die Arroganz des Westens und jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen.

      Sobald die Umstände es zulassen wird die Ukraine selbstverständlich Nato Mitglied werden. Solange russische Raketen von der Koala Halbinsel auf Norwegen gerichtet sind, wird Norwegen darauf eine Antwort finden.

      Die besteht aktuell daraus, das Norwegen südkoreanische K239-Chunmoo-Raketenwerfer eingekauft hat, mit deren Reichweite die gesamte Koala Halbinsel abgedeckt wird. Die russische Reaktion waren die üblichen Drohungen, die hier aber weder Regierung noch Bevölkerung interessieren.

      Balten und Skandinavier sind freie Völker, deren Länder für niemanden eine Bedrohung darstellen. Sie lassen sich jedoch von Diktaturen auch nicht einschüchtern oder gar erpressen wie manch andere Länder. Selbst wenn der Diktator mit dem Einsatz von Atomwaffen droht.

    • @Conrad:

      ""Die strategische Bedeutung des Zugangs zum Schwarzen Meer und eine Mindestentfernung von NATO-Raketen vom russischen Staatsgebiet ist viel zu hoch.""



      ==



      1..Um eine Nato-Mitgliedschaft geht es nicht - Absage ist bereits 2008 erfolgt - es geht um Waffenstillstand, Beendigung des Krieges und um eine Mitgliedschaft der Ukraine in der EU als auch um eine Schutztruppe für die Ukraine nach Beendigung des Krieges.



      =



      2..Norwegen wird von Russland durch die russische Aufrüstung stationiert auf der Koala Halbinsel bedroht. Berlin wird durch die russische Aufrüstung in Kaliningrad bedroht - Russland hat in der Exklave nuklearfähige Iskander-Raketen stationiert, die deutsche Großstädte wie Berlin in wenigen Minuten erreichen können.



      =



      Nachdem die USA von der ursprünglich geplanten Stationierung von Tomahawk-Mittelstreckenraketen zurück getreten ist hat die Nato derzeit keine Raketen am Start um sich vor Raketen aus Kaliningrad zu schützen.



      =



      Finden sie nicht das es auch eine Mindestentfernung von auf russischen Gebiet stationierten Mittelstreckenraketen geben sollte welche die Bundesrepublik unmittelbar bedrohen?

      • @zartbitter:

        "Um eine Nato-Mitgliedschaft geht es nicht..."

        ...ist aber in der Ukraine Verfassungsziel. Und nicht nur die "nordischen" Länder unterstützen dieses Ziel.

        • @warum_denkt_keiner_nach?:

          Während der Krimannektion 2014 wollte die Ukraine unter Poroschenko sein Land in die NATO führen. Der damalige deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier antwortete auf die Frage, ob er einen Beitritt der Ukraine hilfreich fände: „Man sollte aufpassen, dass man mit bestimmten Entscheidungen nicht noch Öl ins Feuer gießt.”



          =



          Diese Aussage des damaligen Außenministers und heutigen Bundespräsidenten hat seine Gültigkeit bis heute nicht verloren.



          =



          Die Ukraine als starker, demokratischer und souveräner Staat ist von zentraler Bedeutung – auch für die Sicherheit Deutschlands. Die militärische Unterstützung für die Ukraine blieb in den europäischen Staaten auf einem hohen Niveau.

  • "Und auch als Vermittler will man sich auf keinen Fall aufspielen. Wer parteiisch ist – und das sind die nordischen und baltischen Staaten nun einmal – sollte nicht vermitteln.", das ist gut und ehrlich formuliert. Und das trifft auf fast die gesamte EU zu. Andersherum müsste ja Russland dann auch China, Nordkorea, Iran, usw als Vermittler dazu holen dürfen ...

    • @Odysseus L:

      Glauben Sie, irgendjemand hätte was dagegen, wenn China vermitteln würde?

  • Was ich nicht verstehe ist, dass speziell Menschen aus der Ex DDR vergessen haben, wie es war, als die DDR von Moskau via SED regiert wurde. Stasi Terror, Redefreiheit, Reisefreiheit, verrottete Städte, alles vergessen? Ist Russengas wirklich wichtiger als alles andere?

    • @HerrS:

      Am ekelhaftewsten finde ich persönlich die (typisch deutsche?) Anmaßung vieler Ossis, sie könnten Russland besser beurteilen als z.B. esten, Litauer und Letten, die Jahrzehnte direkt von Moskau aus regiert und zwangsrussifiziert wurden. Auch das Urteil der Polen, Kasachen oder Georgier über Russland interessiert diese Ossis nicht - sie, und nur sie allein, sind die wahren Russlandkenner.

      Davon abgesehen: die ostdeutschen Rechtsextremisten freuen sich doch schon auf einen Angriff Russlands. Wir wissen alle: in so einem Fall stehen AfD und Co bereit, um den Russen die Tore zu öffnen, sich vor ihnen in den Dreck zu werfen und unseren Soldaten in den Rücken zu schießen. Gerne weist man den Invasoren dann noch den Weg zum Haus des Bürgermeisters von der SPD oder den Grünen, nach dem Motto "Genosse, den da müssen Sie auch noch erschießen".

    • @HerrS:

      Es geht nicht um russisches Gas.

      Es ist eher die Illusion, wenn man nett und freundlich ist, werde man in Frieden gelassen .

      Die Russen haben "uns" die vergangenen 80 Jahre ja auch nicht angegriffen.

      Und das jetzt werde nur von kriegslüsternen Kapitalisten hochgespielt.

      So ist eher die Idee.

      • @rero:

        Etliche Umfragen und Studien ergeben da ein anderes Bild. Deutschland ist das Land in Europa indem russische Propaganda und Desinformationskampagnen bei der Bevölkerung am meisten verfangen.

        Bereits 2022 zeichnete die Studie des Center für Monitoring, Analyse und Strategie ein Bild deutscher Mentalitäten in Bezug auf Russland, welches sich bis heute nicht grundsätzlich geändert hat.

        19% hielten den Krieg gegen die Ukraine für alternativlos aufgrund der Provokation der Nato. 21% stimmten der Aussage zum Teil zu.

        Ein Drittel der Befragten stimmten im Osten den Aussagen zu das der Westen Russland provoziert habe und Putin gegen die Eliten vorginge die im Westen die Fäden ziehen.

        Die Zustimmung im Westen betrug zu diesen Fragen immerhin 18%.

        Diese Werte kann kein anderes Land in Nord-West oder Südeuropa vorweisen.

        Neben einem falschen historischen Verständnis spielt auch die Erzählung des Westens als Aggressor, die in unterschiedlichen Facetten wiedergeben wird, eine tragende Rolle, wie auch Kritik oder Ablehnung des demokratischen Systems.

        Mit "nett, freundlich = frieden" hat das alles nichts zu tun sondern eher mit ideologischer Überzeugung.

        • @Sam Spade:

          Ich sehe da keinen Widerspruch, im Gegenteil.

          "19% hielten den Krieg gegen die Ukraine für alternativlos aufgrund der Provokation der Nato. 21% stimmten der Aussage zum Teil zu.



          Ein Drittel der Befragten stimmten im Osten den Aussagen zu das der Westen Russland provoziert habe und Putin gegen die Eliten vorginge die im Westen die Fäden ziehen."

          Genau das meinte ich mit "wenn man nett und freundlich ist, werde man in Frieden gelassen."

          Ich fühle mich durch die Studie, die Sie zitieren voll bestätigt.

          Meinen Eindruck ziehe ich aus persönlichen Gesprächen.

          Da steckt keine ideologische Überzeugung hinter.

          Es gibt in den ostdeutschen Bundesländern keine erfolgreiche Ideologie.

          Was es gibt, ist Frust, Dagegensein, Wut, Unzufriedenheit, Ohnmachtsgefühle, Empörung - und gerade auch Angst.

          Angst vor Krieg.

          Mit der Idee, wenn wir nur nett zu Russland sind, dann tun die uns nichts, kann man sich halt auch sehr gut selbst beruhigen.

          Natürlich gibt es im Internet zu genüge Videos von prorussischen Influencern, die diese Sichtweise bedienen.

          Mein Eindruck: Die sind eher das wärmende Herdfeuer.

          Dass man mit seiner Sichtweise doch nicht allein ist.