Nordische Länder und die Ukraine: Verlässlichkeit darf nicht auf die Probe gestellt werden
Der ukrainische Präsident stößt im Norden und in den baltischen Ländern auf Pragmatismus und Verständnis. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
W er gute Freunde in Krisenzeiten hat, kann sich glücklich schätzen. So muss es auch dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gehen. Den besten Beweis bekam er bei einem Treffen mit den Regierungschefs der nordischen und baltischen Staaten im estnischen Tallinn. Dort muss Selenskyj nicht viel erklären, wie es um sein Land steht und in welch entscheidender Phase die Ukraine derzeit steckt. Der Grund dafür ist so simpel wie komplex: Die Staaten des Gremiums kennen den russischen Aggressor und die Folgen von Repression aus ihrer Geschichte. Viele, wie etwa die baltischen Staaten oder Finnland, grenzen an Russland. Die Folgen des Krieges sind dort unmittelbar zu spüren. Sie wissen, was auf dem Spiel steht.
Zu den gefährlichsten Konsequenzen zählt wohl die Bedrohung durch Drohnen. Bereits zweimal mussten Nato-Kampfjets solche Flugobjekte abschießen, die in den Luftraum Estlands und Lettlands eingedrungen waren. Nahezu täglich gibt es Meldungen zu Drohnensichtungen in den Grenzregionen. Cyberattacken gehören seit langem zur hybriden Kriegsführung. Sowohl Russland als auch die Ukraine stören die Flugbahn der jeweiligen Drohnen und diese kommen dann vom Weg ab. Hätte die russische Vollinvasion in der Ukraine ein Ende, gäbe es auch solche Vorfälle nicht mehr.
Selenskyj ist längst kein Bittsteller mehr. Natürlich braucht sein Land weiterhin Geld für Waffen, für die Luftabwehr, für den Wiederaufbau des Landes, und diplomatische Unterstützung für einen baldigen EU-Beitritt. Aber im Drohnenkrieg sind auch die Staaten im Norden auf die Expertise der Ukraine angewiesen. Und so verwundert es nicht, dass ohne viel Hin und Her Abkommen zur Drohnenabwehr beschlossen werden und Selenskyj seine Spezialisten in die Allianz im Norden und in den baltischen Staaten schicken kann.
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Ebenso wenig verwundert, dass in dieser Runde keiner die Ukrainer in Verhandlungen mit dem Kreml zwingen will, bei denen sie weder dabei sind noch ihre eigenen Forderungen aufstellen dürfen. Und auch als Vermittler will man sich auf keinen Fall aufspielen. Wer parteiisch ist – und das sind die nordischen und baltischen Staaten nun einmal – sollte nicht vermitteln. Diese Haltung klingt pragmatisch und rational, ist aber leider keine Selbstverständlichkeit derzeit in Europa. Es bleibt zu hoffen, dass in dieser kritischen Phase des Krieges, die zu einem Waffenstillstand führen könnte, sich mehr Staaten dieser Haltung anschließen. Und es zu einem gerechten und nicht aufgezwungenen Frieden kommen kann.
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