Später Respekt für Mexikos Spielerinnen: „Am Ende bekamen wir nichts“
1971 wurden Alicia Vargas und ihr Team Vize-Weltmeisterinnen. Zur WM 2026 gibt es nun endlich wieder Anerkennung. Was macht das mit ihr und dem Sport?
taz: Alicia Vargas, sogar in der Metro würdigen Plakate Sie und Ihr Team als erstes mexikanisches Nationalteam der Frauen und Vize-Weltmeisterinnen von 1971. Was bedeutet Ihnen das?
Alicia Vargas: Es ist für mich eine Genugtuung, eine Anerkennung. Das Foto wurde gemacht, als wir bei Clara Brugada, der Bürgermeisterin von Mexiko City, eingeladen waren. Jetzt hängt es überall.
taz: Fühlen Sie sich heute in Mexiko anerkannt? Ihre Geschichte war lange vergessen.
Vargas: Ja, schon. Es gab Anerkennung während der inoffiziellen Frauen-WMs 1970 und 1971 und dann eine lange Lücke. Ungefähr 40 Jahre lang waren wir in Vergessenheit geraten, bis 2017, als hier in Mexiko die Profiliga angefangen hat. Da begannen die Leute wieder, uns zu kontaktieren – zumindest, um uns nach Einschätzungen zu fragen. Dann kam die aktuelle WM. Seit über einem Monat sind wir unterwegs, es gibt jetzt Ausstellungen über uns, wir haben auch Gianni Infantino getroffen. Er sagte, dass er nicht wusste, dass wir existierten. Er wusste von Frauenligen seit etwa 1992.
taz: Er wusste von nichts vor 1992? Frauenligen gab es seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Und über Sie gibt es zwei aktuelle Filme – den mexikanischen Film „So nah an den Wolken“ und den englischen Film „Copa 71“.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog - manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie kurz zusammengefasst hier in „Alle Spiele“. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Vargas: Nein, er kannte sie nicht. Clara Brugada sagte, dass 2026 nicht die dritte WM in Mexiko sei, sondern die vierte. Sie setzt sich dafür ein, dass die Frauen-WM 1971 offiziell von der Fifa anerkannt wird. Infantino bat uns nach vorn und versprach es. Hoffentlich hält er dieses Versprechen.
taz: Trotzdem sprechen alle Medien von der dritten WM.
Vargas: Da sind wir beim gleichen Problem.
taz: Sie wurden einmal WM-Dritte, einmal Vizeweltmeisterin und 1971 WM-Torschützenkönigin, also wesentlich erfolgreicher als jeder männliche Fußballer in Mexiko. Wie kam es, dass Sie mit Fußball anfingen?
Vargas: Eigentlich mochte ich alle Sportarten, aber meine Brüder spielten Fußball. Und ich ging immer mit ihnen mit. Jedes Mal, wenn der Ball ins Aus ging, lief ich hin und schoss. Meine Brüder und die Jungs aus der Nachbarschaft brachten mir Fußball bei. Durch den Straßenfußball habe ich eine andere Spielweise entwickelt – mehr Übersicht, bessere Kondition und mehr Erfahrung als andere Mädchen. Natürlich ließen die Kommentare nicht lange auf sich warten. Die Leute fragten: Warum spielt dieses Mädchen nur mit Jungen Fußball? Warum lässt ihre Mutter sie nicht im Haushalt helfen? Manche sagten sogar: Schämt sich ihre Mutter nicht? Selbst Verwandte.
taz: War es ungewöhnlich, dass Ihre Eltern Sie trotzdem unterstützen?
Vargas: Meine Eltern haben uns immer unterstützt, egal was wir gemacht haben. Aber es war einfach eine sehr machistische Zeit hier in Mexiko. Zunächst gab es auch nicht viele Frauen, die Fußball spielten. 1969 wurde die Liga América gegründet, es gab 16 Teams, vielleicht je zwanzig Spielerinnen. Also sagen wir 200 Frauen insgesamt. Ende 1969 ging ich zu einem Ligaspiel von Club Guadalajara und fragte den Trainer, ob ich spontan mitspielen könnte. Er verneinte. Ich erklärte ihm: Aber ich spiele sehr viel Fußball! Ich sagte sogar: Wenn ihr mich jetzt einwechselt, gewinnt ihr das Spiel. Wenn ich heute daran denke, muss ich lachen.
taz: Sie durften dann aber zum Probetraining kommen und wurden genommen. Wer bezahlte den Spielbetrieb denn damals?
Vargas: Die Eltern zahlten alles; Fahrten, Trikots, die Schiris.
taz: Diese Entwicklung in Mexiko ist interessant. Denn in vielen anderen Ländern war Frauenfußball sogar verboten, in der BRD zum Beispiel bis 1970. Warum war Mexiko weiter?
Vargas: Wir empfanden es umgekehrt. Vor der WM 1970 in Italien, wo wir Dritte wurden, sagte man uns, dass der europäische Frauenfußball schon viel länger existiert hätte. Tatsächlich spielten die Frauen dort mit Mühe und Not unter ähnlichen Bedingungen wie wir. Ich denke, die Situation war ziemlich ausgeglichen.
taz: Aber warum öffnete sich in Mexiko dieses Fenster? Hatte es mit den feministischen Bewegungen um 1968 zu tun?
Vargas: Das kann ich nicht sagen. Die Gelegenheit entstand immer durch Einzelne. 1970 übernahm ein italienisches Unternehmen die Kosten für die WM, 1971 in Mexiko bezahlte ein mexikanischer Sportpromoter die Flüge aller Länder und die Stadionmiete.
taz: Machte Sie diese Situation nicht auch sehr abhängig von Männern?
Vargas: Ja, völlig.
taz: Und hatten Sie damals ein Bewusstsein für die Tragweite dessen, was Sie taten?
Vargas: Eher nicht. Wir waren sehr jung und mochten Fußball.
taz: Bei der WM 1971 in Mexiko wurde Fußball der Frauen riesig, das Aztekenstadion war ausverkauft, Ihre Spiele wurden im TV gezeigt. Wie war das plötzlich für Sie?
Vargas: Es war unglaublich. Als ich aus dem Tunnel kam und das volle Stadion sah, dachte ich: Wow. Und gleichzeitig wusste ich: Diese Menschen können dich feiern, aber sie können dich auch vernichten. Deshalb war es für uns sehr wichtig zu zeigen, dass wir Fußball spielen konnten. Und wir waren sehr jung. Die Jüngste war 13, die Älteste vielleicht 23.
taz: Das ist aus heutiger Sicht unglaublich. Warum wurden so junge Mädchen ausgewählt?
Vargas: Es gab nur diese eine Liga, und dort gab es keine Altersbegrenzungen. Also wurden die Spielerinnen ausgewählt, die da waren. Am Anfang der WM kamen viele Zuschauer aus Neugier. Sie dachten: Mal sehen, ob sie schöne Beine haben. Doch von Spiel zu Spiel merkten die Menschen: Das ist echter Fußball. Und sie sahen, dass wir Dinge erreichten, die die Männer nicht erreicht hatten. Zum Finale kamen mehr als 110.000 Zuschauer – ein Weltrekord bei den Frauen, den wir bis heute halten. Etwas, das nicht mal die mexikanischen Männer geschafft haben. Die Menschen erinnern sich bis heute liebevoll an uns. Frauenfußball wuchs damals unglaublich schnell. Und man wollte ihn bremsen. Denn wir machten die Dinge besser als die Männer. Bei der WM in Mexiko gab es dann leider diesen Boykott …
taz: Es hieß, Ihr Team drohe, das Finale zu boykottieren, wenn es nicht zwei Millionen Pesos (rund 99.000 Euro) bekomme. Sie und Ihre Teammitglieder sagen, das war ursprünglich gar nicht Ihre Idee.
Vargas: Das Training wurde eingestellt. Das sorgte dafür, dass wir nicht Weltmeisterinnen wurden. Bis heute weiß ich nicht, woher diese Boykott-Story kam. Wir haben keinen Streit angefangen.
taz: Aber es war doch eine fortschrittliche Forderung. Das Stadion war voll, jemand machte Geld damit und Sie bekamen keinen Peso.
Vargas: Aber es hat uns geschadet. Wir haben die Konzentration verloren. Das Finale war unser schlechtestes Spiel.
taz: Glauben Sie nicht, dass Sie für dieses Turnier hätten bezahlt werden sollen?
Vargas: Darum geht es nicht. Wir hatten keine erfahrenen Leute an unserer Seite. Sie brachten uns zum Schweigen, indem sie sagten: Ja, der Promoter verdient viel Geld damit, aber er hat auch investiert. Natürlich hätten wir sagen können: Er hat sein Geld längst vielfach reingeholt. Aber was hätte es gebracht? Am Ende bekamen wir nichts.
taz: Frauenfußball ist inzwischen enorm gewachsen, aber hat auch ähnliche Probleme wie Männerfußball: unethische Sponsoren und große Einkommensunterschiede. Wie sehen Sie die Entwicklung?
Vargas: Sie gefällt mir. Wir Pionierinnen hätten gerne erlebt, was heute möglich ist. Allmählich spielen Frauen in Mexiko in den großen Stadien, deshalb wächst die Liga sehr. Allerdings sind die Kosten für Familien in den Nachwuchsabteilungen sehr hoch. Viele Mädchen beenden ihre Laufbahn deshalb. Viele Eltern können sich monatliche Ausgaben von bis zu 40.000 Pesos (rund 2.000 Euro) für ihr Kind nicht leisten.
taz: Bereuen Sie es manchmal, nie Profispielerin gewesen zu sein?
Vargas: Nein. Fußball war etwas, das ich liebte und beherrschte. Ich würde alles wieder genauso machen.
taz: Warum brach nach dem Hype 1971 alles zusammen?
Vargas: Es gab kein dauerhaftes Interesse am Frauenfußball. Man wusste nicht mal, ob wir überhaupt noch spielten. Niemand wusste, was aus uns geworden war.
taz: Und was wurde aus Ihnen?
Vargas: Ich habe gespielt, bis ich 43 war. Ich war 1991 noch für Mexiko bei einer Qualifikation in Port-au-Prince dabei. Aber es war nicht mehr dasselbe. Ich trainierte nicht mehr regelmäßig, mein Job ging vor. Und es war, als würden wir wieder von vorn anfangen. Wir hatten nicht mal genug Bälle. In Haiti gewannen wir kein einziges Spiel. Die USA haben zwölf Tore gegen uns gemacht. Nach zwanzig Jahren immer noch dieselben Probleme zu sehen, das ist traurig.
taz: Eines muss ich noch fragen: Woher kommt Ihr Spitzname „La Pelé“?
Vargas: Er entstand nach einem WM-Spiel gegen Österreich. Ich erzielte vier von neun Toren. Am Ende des Turniers wurde ich mit fünf Toren Torschützenkönigin. Man wollte mich entweder nach dem Italiener Domenghini oder Pelé nennen. Es wurde Pelé.
taz: Hat Ihnen der Spitzname gefallen?
Vargas: Am Anfang nicht.
taz: Warum nicht?
Vargas: Weil er ein außergewöhnlicher Spieler war. Ich dachte: Was habe ich mit dieser Persönlichkeit gemein? Aber mit den Jahren gewöhnt man sich daran. Und am Ende ist es eine Ehre.
taz: Aber zeigt es nicht auch, wie patriarchal der Fußball ist? Viele Frauen bekamen damals Spitznamen von Männern.
Vargas: Na ja, es gab keine Frauen als Referenz. Heute wünschen sich viele Mädchen, ein weiblicher Star zu sein. Aber damals gab es nur Männer, Männer, Männer.
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