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Volksabstimmung über Größe der SchweizHass auf die Stadt

Das antiurbane Ressentiment ist ein ewiges Zentralmotiv rechter Gefühlsbewirtschaftung. Dahinter steckt nichts anderes als Hass auf die Freiheit.

D ie Schweizer stimmen ja immer wieder über die bizarrsten Dinge ab. Und so gab es am vergangenen Wochenende wieder einmal eine Volksabstimmung zu einem eher originellen Thema, nämlich der sogenannten Zehn-Millionen-Initiative. Beantragt war, dass festgeschrieben würde: Die Schweiz darf nicht mehr als zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohner haben.

Raffiniert: Damit kann man gegen „die Ausländer“ mobil machen, ohne „Ausländer“ zu erwähnen. Botschaft: Wir sind einfach zu viele, und wir ziehen eine Grenze ein, ab der darf niemand mehr dazu, egal wer. Die Idee hat natürlich ein paar praktische Schwächen. Etwa: Wenn ein Schweizer einen Job im Ausland annimmt, die Schweiz aber dann die Zehn-Millionen-Marke reißt – darf der dann nicht mehr zurück? Muss er sich anstellen, bis jemand stirbt?

Oder: Was tut man, wenn das Zehn-Millionen-Limit erreicht wird, aber ein Baby geboren wird, das dann der 10.000.001ste Einwohner wird? Muss das Baby dann abgeschoben werden? 54,8 Prozent der Schweizer haben den Unsinn abgelehnt. Was auch heißt: Nicht wenige haben für den weltfremden Plan gestimmt.

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Getrommelt wurde natürlich nicht nur, dass zu viele da sind. Sondern: dass zu viele an bestimmten Orten sind. Diese Orte nennt man gewohnheitsmäßig „Städte“. In den Städten drängen sich immer mehr Menschen, es entsteht, so wurde beklagt, ein „Dichtestress“. In den Straßen: ein Gewühl. An allen Ecken: ein Geremple, was das Aggressionslevel hebt. Wenn Städte wachsen, ist die Infrastruktur überfordert: Die Schulen platzen aus den Nähten, am Wohnungsmarkt steigt die Konkurrenz. Volle Züge. Überall Dreck. Junkies am Bahnhof.

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Knappe Ressourcen als Propaganda

Gewiss ist das alles nicht völlig absurd. Städte, die beliebt sind und daher wachsen, prahlen gerne mit dieser Tatsache. Wien, wo ich lebe, ist in den vergangenen 25 Jahren um fast 500.000 Einwohner gewachsen, worauf wir gelegentlich mit Stolz hinweisen. Wir sind so toll, dass alle zu uns wollen! Ein Freund von mir hat einmal angemerkt, dass das doch für diejenigen, die schon da sind, keine positive Nachricht ist, schließlich gibt es dann mehr Rangelei um knappe Ressourcen. Was hat die Oma davon, wenn die Stadt wächst?

Aber die Debatten über „Dichtestress“ sind meist die oberflächlich rationalisierte Erscheinungsform eines sehr alten Motivs: des Antiurbanismus, des Hasses auf die Großstadt. Dieses Motiv zeichnet seit jeher die Propaganda der Rechten aller Spielarten aus. Die Stadt ist für sie: Sündenpfuhl, in dem sich Ethnien mischen, aber auch die verschiedenen Milieus, in der freche Subkulturen ihr Leben so leben, wie sie das möchten. Es wird kreuz und quer gefickt, allerlei Perversionen gehuldigt. Im Dunkeln der Hinterhöfe gedeihen die Nachtschattengewächse. Kriminalität ballt sich. Dekadenz fällt auf fruchtbaren Boden.

In der künstlichen Umwelt mit viel Beton und Asphalt und wenig Wäldern und Äckern ist das „Unechte“, das „Gekünstelte“ daheim, während „das Echte“ die Scholle des Landlebens braucht. In den Metropolen, da fühlen sich die wurzellosen Kosmopoliten daheim – so die antisemitische Schlagseite. Wenn Mister Smith nach Washington geht, dann verlässt er die ehrlichen Provinzler und gerät in die üble Welt der Eliten, Betrüger und Falschmünzer.

Das antiurbane Ressentiment und die extreme Anti-Stadt-Agitation haben in den vergangenen dreißig, vierzig Jahren natürlich auch in rechtsextremen Kreisen an Schwung verloren, schon alleine, weil in den vergangenen Jahrzehnten der Anteil der Stadtbewohner in Deutschland von rund 50 auf fast 80 Prozent gestiegen ist. Da kann man sich in der Agitation nicht mehr bloß auf die Landbevölkerung konzentrieren. Eher geht es um eine Ent-Urbanisierung von Städten als Schwundform des alten Metropolenhasses.

Die Stadt ist ein Ort der Befreiung

Aber die früheren Motive kehren immer wieder zurück. In Österreich trommelte die ÖVP unter Sebastian Kurz, dass – wegen der Einwanderung „Kulturfremder“ – immer mehr Wiener ins Umfeld ziehen. Es wurde der Eindruck erweckt, die Stadtbewohner würden quasi fliehen. Dabei ist es völlig üblich, dass sich ein bestimmter Anteil wohlsituierter Familien ein Eigenheim im Grünen zulegt, sobald die ersten Kinder da sind.

Die Wortführer der amerikanischen Rechten, die MAGA-Leute und ihre „Vordenker“ wie Curtis Yarvin verbreiten Schauermärchen. In weiten Teilen der westlichen Welt habe sich „die Barbarei normalisiert“, die Städte würden von unzivilisierten Horden übernommen und wir erleben eine Massenbewegung der „weißen Flucht“ aus den Metropolen.

Rechte leben in einer paranoiden Fantasierealität, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat

Schwer erklärlich, warum dann die Immobilienpreise in den Städten steigen, statt zu sinken, wie zu erwarten wäre. Rechte leben in einer paranoiden Fantasierealität, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Aber das ist nur die überdrehteste Spielart eines verbreiteteren antiurbanen Motivs, nämlich der Verbindung von Stadt mit Gewalt, Unsicherheit und Unordnung.

Die Stadt ist seit jeher Ort der Befreiung. „Stadtluft macht frei“ ist seit dem Mittelalter ein geflügeltes Wort. In der Anonymität der Großstadt sind die Menschen der sozialen Kontrolle des Dorfes ein Stück weit entzogen. Die Architektur der Großstadt etablierte ihre eigene Schönheit, mit Lichterspiel, Beton, Asphalt, später mit der bunten Reklame, dem Flimmern der Neonschriften und Scheinwerfer, etwa im nächtlichen Regen. Krumme Gassen, gerade Linien.

Jenseits der Aufsicht sprießt die Freiheit

Nicht mehr die Blumen und die Bäume, der Mensch selbst und die Menge wird in der Stadt der Gegenstand der Naturbetrachtung. Man lebt in einer „Welt von Fremden“, wie das der Stadtforscher Rolf Lindner nannte, von schnellen Eindrücken, Passantinnen, die vorübergehen, der Nervosität vieler Sinneseindrücke, die selbst eine Schule neuer Sehgewohnheiten und Wahrnehmungsweisen sind.

Gerade die Möglichkeit, der Aufsicht zu entkommen, ließ und lässt bis heute Szenen und Subkulturen sprießen, queere Milieus und Welten bunter Vögel, die das kulturelle Ökosystem der Großstädte prägen, weit über ihre eigenen kleinen Subkulturen hinaus. Antiurbanismus, er war immer, und ist bis heute, ein Hass auf die Freiheit.

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Robert Misik

Robert Misik

Geboren 1966, lebt und arbeitet in Wien. Journalist, Sachbuchautor, Ausstellungskurator, Theatermacher, Universaldilettant. taz-Kolumnist am Wochenende ("Der rote Faden"), als loser Autor der taz schon irgendwie ein Urgestein. Schreibt seit 1992 immer wieder für das Blatt. Buchveröffentlichungen wie "Genial dagegen", "Marx für Eilige" usw. Jüngste Veröffentlichungen: "Liebe in Zeiten des Kapitalismus" (2018) und zuletzt "Herrschaft der Niedertracht" (2019). Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik 2009, Preis der John Maynard Keynes Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik 2019.
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13 Kommentare

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  • Antiurbane Ressentiments sind doof. Da hat Herr Misik Recht. Antirurale Ressentiments sind aber auch doof. Das vergaß er zu erwähnen. Das Klischee vom rückständigen Dorfdepp ist um nichts besser als das Klischee vom dekadenten Städter. Und, by the way, das Bild vom, "Echten" ländlichen wird nirgendwo so hartnäckig gepflegt wie in der Stadt, wo ein Bioladen neben dem anderen steht.

  • Das Witzige ist ja, dass die vom "Dichtestress" scheinbar am meisten gebeutelten Städter:innen in der Schweiz die SVP-Initiative am deutlichsten verworfen haben. Das wiederum bringt die Verlierer auf die Palme, die nun darüber räsonieren, wie sie die bösen Städter bestrafen könnten, die sich einfach weigern, sich "überfremdet" zu fühlen.

  • Das greift für mich viel zu kurz und macht nix weiter, als die andere Seite der Stadt/Land Spaltung aufzuzeigen. Es gibt sowohl in der Großstadt als auch auf dem Dorf/Land Vorteile, Nachteile, Probleme, Vorurteile. Und wenn Menschen auf dem Land, den Dreck, Armut, Verwahrlosung, Anonymität, Entfremdung, etc. kritisieren, dann liegen sie nicht weniger falsch, als die Kritiker der Stadt, die Spießigkeit, mangelnde Weltoffenheit und Ressentimenst auf dem Land kritiseren. Man kann sicher "flimmernde Neonschriften, Beton und Asphalt, Reklame schön finden, muss man aber ganz gewiss nicht. Das kann man auch künstlich, kalt und bedrückend finden. Und man kann das jeder kennt jeden auf dem Dorf als autoritäre Kontrolle empfinden, aber eben auch als Gemeinschaft, während in der Großstadt viele Menschen komplett vereinsaemen.



    Am Ende sind beide Konzepte Teil einer Gesellschaft und jeder kann sein Glück woanders finden. Die Spaltung der Gesellschaft und das Unverständnis füreinander hat nicht wenig damit zu tun, dass übergeordnete Politik heute oft aus einer urbanen Sicht, für ein urbanes Milieu gemacht wird.



    Und eine Geringschätzung für das Leben der Anderen, kann man auch im Artkel finden.

  • In einem Dorf, wo jeder jeden kennt möchte ich als bisexueller Mensch nicht tot über dem Zaun hängen, geschweige denn dort leben. Sicher auch, weil dort nichts los ist, aber vor allem, weil ländliche Gegenden von mangelnder Offenheit der Menschen geprägt sind.

    • @Thomas Schnitzer:

      Kann ich jetzt nicht so bestätigen, bei uns im ländlichen Raum ziehen auch queere Paare zu um in Ruhe ihr Fachwerkhaus zu sanieren und ihr Ding zu machen. Genauso wie in den beiden Nachbarfamilien auf der einen Seite gerade ein schwules Paar das geerbte Haus vom Uropa renoviert und auf der anderen Seite ein lesbisches Paar sich gerade getrennt. Die sind aus alt eingesessenen Familien, von mangelnder Offenheit kann da keine Rede sein. Das ist sicher auch vom jeweiligen Ort abhängig und nicht verallgemeinerbar, hat aber z.b. auch zur Folge, das Kinder die in so einem Umfeld aufwachsen auch vorurteilsfreier aufwachsen und das dann hoffentlich als Erwachsene weiter tragen.

  • Gut, die Analyse, dass die Rechte ein Ressentiment gegen die Großstadt und die moderne hegt, lässt sich hören. Ganz davon abgesehen kann man die Forderung nach einem Bevölkerungsdeckel aber auch als Wachstumkritik verstehen: die Schweizerinnen haben durchschnittlich 1,3 Kinder. Ohne Einwanderung würde die Bevölkerung daher demnächst stetig und deutlich schrumpfen, sodass viel Raum für weitere Einwanderung gewesen wäre. Überdies sollte der Deckel ohnehin nur bis 2050 gelten und es wäre noch Raum für eine zehnprozentige Steigerung der Bevölkerung gewesen (von 9,1 auf 10 Millionen), nachdem die Bevölkerung in den letzten Jahren bereits um Millionen gewachsen ist. Die besiedelbaren Flächen in der Schweiz sind aufgrund der Landschaft stark begrenzt und der Aufbau von Infrastruktur wie Schulen, Krankenhäuser und so weiter dauert bekanntlich oft Jahrzehnte. K.I dürfte auch den Bedarf an Arbeitskräften deutlich einschränken. Das ein Land selbst bestimmt, welche und wie viele Einwanderer es aufnimmt, ist jedenfalls nicht grundsätzlich verwerflich, sondern kann eine rationale Entscheidung sein.

  • Anfangs scheint der Autor von der Schweiz zu sprechen.

    Sehr schnell wird aber deutlich, dass es wohl eher um Wien oder so geht.

    "Im Dunkeln der Hinterhöfe gedeihen die Nachtschattengewächse."

    "Nervosität vieler Sinneseindrücke, die selbst eine Schule neuer Sehgewohnheiten und Wahrnehmungsweisen"

    Spätestens da wird klar, hier wird nicht mehr über die Schweiz gesprochen.

  • Interessant ist, dass gerade die ländliche Bevölkerung, die ja unter dem sogenannten "Dichtestress" n i c h t leiden muss, für die 10-Millionen-Grenze gestimmt hat. Auch an diesem Widerspruch wird deutlich, dass es nicht um Dichte, sondern um Zuwanderung von Migranten ging. Diese Heuchler!

  • Bravo, "Anti-Urbanismus" ist nun also was Rechtes oder nur bei Rechten zu findendes.



    Alle gescheite Kritik an Städten kehren wir mal unter den Tisch und singen Lobhymnen auf die Metropole.



    Gerade Wien als Beispiel anführen ist dann doch schon sportlich... Mag total toll gewachsen sein, aber das Warum ist nicht "weil's hier so schön ist", egal was irgendwelche Ranking von >>The Economist

    • @Pete Tee:

      Was gibt es denn so an "gescheite(r) Kritik an den Städten"?

  • Menschen wie Hr. Misik mit seiner Verachtung fürs Leben auf dem Land und in der Kleinstadt haben wir früher als Großstadtar.... bezeichnet.



    Ich kenne beide Seiten, vom Leben auf dem Lande, in der Vorstadt und in der Großstadt. Alles hat seine Vor- und Nachteile. Alleine für mich und meine subjektiven Vorlieben und Notwendigkeiten fand ich das Leben in einer kleinen Großstadt (nicht Offenbach, das zählt für mich zur Metropole Rhein-Main) am schönsten.

    • @Offebacher:

      Ich kenne wen der hat in Offenbach ein EFH direkt am Main, da fühlt man sich aich fast wie auf dem Dorf.

  • Ich lebe gern in Berlin aber als Berliner nervt mich die Begeisterung über die wachsende Stadt in den Lokalmedien. Die Wohnungssuche in Berlin stellt einen Albtraum dar.