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Vanessa E. Thompson über Antifaschismus„In einem formal liberalen Staat kann es Faschismus geben“

Antifaschistische Strukturen in Deutschland haben strukturelle Defizite, sagt Soziologin Vanessa E. Thompson. Doch es geht auch anders.

Timm Kühn

Interview von

Timm Kühn

taz: Frau Thompson, was ist der große blinde Fleck, den antifaschistische Arbeit in Deutschland heute hat?

Vanessa E. Thompson: Woran es bei vielen Gruppen mangelt, ist eine antirassistische Klassenpolitik. Die heutige Antifa-Szene konzentriert sich zu oft allein auf Neonazi-Strukturen oder rechtsextreme Parteien. Dabei müssen sich antifaschistische Kämpfe auch gegen die staatlichen Motoren der Faschisierung richten, welche weit über die AfD hinausgehen. Teile der migrantischen Linken haben übrigens schon lange erkannt, dass rechtsextremistischer Terror und staatlicher Terror zum Beispiel an den EU-Außengrenzen zusammenhängen. Faschismus beginnt nicht erst, wenn die AfD die Macht übernimmt.

taz: Als der neue Linken-Vorsitzende Luigi Pantisano kürzlich die Politik der CDU „faschistisch“ genannt hat, war der Aufschrei groß.

Thompson: Was Luigi Pantisano gesagt hat, war zwar ungenau ausgedrückt, aber auch nicht falsch. Was wir aktuell sehen, ist, dass die immensen Ungleichheiten in der Welt zunehmend durch Gewalt eingedämmt werden. Arme Menschen werden vor allem von der CDU, aber auch von anderen Parteien der Mitte, als soziale Last oder Gefahr konstruiert. An den EU-Außengrenzen werden Menschen zum Beispiel in Lagern in Libyen systematisch eingesperrt und entrechtet. Es gibt Abschiebungen, Masseninhaftierung, organisierte Vernachlässigung oder sogar physische Vernichtung, um Migrant:innen gewaltsam fernzuhalten. Das ist eine Form des Grenzfaschismus.

Im Interview: Vanessa E. Thompson

ist Soziologin und Associate Professor für Black Studies an der Queen’s University in Kanada. Sie lehrt und forscht zur kritischen Rassismus- und Migrationsforschung, zum Verhältnis von staatlichem Rassismus und Versicher­heitlichung sowie zu aboli­tionisti­schen internationalen Bewegungen.

taz: Ja, die Migrationspolitik vieler bürgerlicher Parteien ist brutal. Aber es gibt doch trotzdem einen Unterschied zwischen bürgerlicher Politik und Faschismus?

Thompson: Natürlich gibt es diesen Unterschied. Der Faschismus will etwa die Aufhebung der Gewaltenteilung, für die Union und die anderen Parteien der Mitte ist dies ein zentrales Merkmal des modernen bürgerlichen Staats. Gleichzeitig sichert der bürgerliche Staat die Rahmenbedingungen für ein System, das Faschismus produziert. Es gibt auch ganz konkrete Gemeinsamkeiten, von der tödlichen Migrationspolitik über den massiven Sozialabbau bis zur Durchsetzung der deutschen Wirtschaftsinteressen auch mit militärischen Mitteln. Der Punkt ist, dass gerade in Zeiten kapitalistischer Krisen die bürgerliche Herrschaft in faschistische Politiken umschlägt, quasi als Krisenregulation. Und das ist auch heute so.

taz: Sie haben sich zuletzt mit Schwarzer Faschismuskritik auseinandergesetzt. Welche antikolonialen Gedanken fehlen im deutschen Diskurs?

Thompson: Für Schwarze Marxist:innen und antikoloniale Denker:innen wie George Padmore, C. L. R. James oder Aimé Césaire war der Faschismus kein Bruch mit der bürgerlichen Gesellschaft, sondern in die Logik des kolonialen und imperialistischen Kapitalismus eingelassen. Die brutale Gewalt der Kolonialregime schon vor dem Faschismus in Deutschland und Italien haben sie als einen „Faschismus vor dem Faschismus“ verstanden, wie mein Kollege Alberto Toscano das genannt hat.

Die ersten Konzentrationslager beispielsweise entstanden ab 1900 im Zuge des Burenkriegs durch die britische Armee, in denen die weißen Buren von der Schwarzen Bevölkerung getrennt wurden, und kurz darauf während des Völkermords an den Herero und Nama durch das Deutsche Reich. Aimé Césaire und Frantz Fanon haben darauf hingewiesen, dass für viele Menschen der Sieg der vermeintlich „demokratischen“ Alliierten in Europa auch keine Befreiung vom Faschismus war.

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Die taz, "widersetzen" und der AfD-Parteitag

An diesem Wochenende mobilisiert das antifaschistische Bündnis „widersetzen“ zu Blockaden gegen den Bundesparteitag der extrem rechten AfD in Erfurt. Zehntausende Menschen werden erwartet. Diesem Anlass widmet die wochentaz einen 17-seitigen Schwerpunkt, fragt unter anderem: Macht „widersetzen“ Sinn? Oder nicht? Warum konnten die antifaschistischen Kräfte der Gesellschaft zuletzt realpolitisch so wenig bewirken – aller Mobilisierungspower zum Trotz? Und wie ließe sich das wieder ändern?

Alle Texte des Schwerpunkts lesen Sie ganz ohne Paywall hier: taz.de/antifa. Am Samstag werden wir mit einem Live-Ticker auf taz.de über die „widersetzen“-Proteste und dem AfD-Parteitag berichten.

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taz: Wie meinen Sie das?

Thompson: Unmittelbar nach dem Ende des Nationalsozialismus in Europa wurden in Algerien beim sogenannten Massaker von Sétif durch das französische Militär bis zu 45.000 Menschen massakriert, die ein Ende der rassistischen Kolonialherrschaft gefordert hatten. In den USA hat der Schwarze Marxist W. E. B. Du Bois darüber geschrieben, wie mitten im US-Verfassungsstaat ein legalisiertes rassistisches Lynch- und Ausbeutungsregime existierte. Auch in einem formal liberalen Staat kann es also Formen des Faschismus geben. Deshalb muss jeder Antifaschismus den Kapitalismus und die Kontinuitäten des europäischen Kolonialimperialismus angreifen.

taz: Sehen Sie nicht die Gefahr, dass der Begriff des Faschismus so gefährlich ausgeweitet wird?

Thompson: Es geht darum, anzuerkennen, dass für manche Gruppen bereits heute faschistische Verhältnisse bestehen können und auch vor dem historischen Faschismus bestanden haben. Die Abwesenheit bürgerlicher Freiheiten für einen großen Teil der Bevölkerung, das Regieren über Gewalt und Terror, autoritäre Strukturen auf Grundlage rassistischer Ideologien, die brutale Unterdrückung von Arbeiter:innen und genozidale Kriege – all das ist Ausdruck von Faschisierung.

taz: Es ist eine der Kernüberzeugungen der deutschen Antifa, dass breite Bündnisse geschmiedet werden müssen, um eine erneute Machtergreifung einer faschistischen Partei zu verhindern – notfalls bis zur CDU. Was Sie allerdings sagen, scheint sich davon zu entfernen.

Thompson: Die Brandmauer ist sinnvoll, wenn sie die Spielräume der politischen Rechten einschränkt. Aber das allein reicht bei Weitem nicht aus. Es kann nicht darum gehen, die liberale Demokratie und die bürgerlich-kapitalistische Ordnung zu verteidigen, aus der heraus der Faschismus sich entwickelt. Antifaschismus bedeutet, die gesellschaftlichen Bedingungen anzugreifen, die Faschismus produzieren.

taz: Was bedeutet das konkret – ist etwa die breite Mobilisierung auch mit bürgerlichen Organisationen gegen den AfD-Parteitag in Erfurt ein Fehler?

Thompson: Wenn Leute gemeinsam zivilen Ungehorsam ausüben, ist es immer gut, denn das trägt auch zur Politisierung bei. Zugleich ist es wichtig zu schauen, wie sich die Kooperation verschiedener Kräfte auf die politische Ausrichtung auswirkt. Das war immer eine Frage in der Linken. George Padmore kritisierte 1934 die Komintern dafür, mit den „demokratischen“ imperialistischen Mächten Frankreich, USA und Großbritannien zusammenzuarbeiten; denn die koloniale Frage wurde so hinten angestellt. Auch heute müssen wir deshalb Bündnisse erkämpfen, die klassenpolitisch und anti-rassistisch sind und sich gegen Aufrüstung, imperialistische und genozidale Kriege stellen.

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taz: Kann ein AfD-Verbot eine sinnvolle Strategie gegen den Faschismus sein?

Thompson: Ich zweifle stark daran, dass sich der Faschismus ausgerechnet mit der Polizei, der autoritären Institution par excellence, und damit selbst ein Treiber der Faschisierung, bekämpfen lässt.

taz: Wie müsste denn antifaschistische Arbeit vor Ort aussehen, die sowohl die AfD bekämpft, als auch die rassistischen Strukturen in Staat und Gesellschaft in den Blick nimmt? Haben Sie Beispiele, wo das praktisch gelingt?

Thompson: Ein historisches Beispiel ist der sogenannte Dritte-Welt-Antifaschismus, der internationale Arbeiter:innen-Solidarität mit Antikolonialismus und Antiimperialismus verknüpft hat. Auch die ursprüngliche Antifaschistische Aktion hat für die Verbesserung der Lebensumstände der arbeitenden Bevölkerung gekämpft. In den USA gab es ab 1969 die „Rainbow Coalition“, ein anti-rassistisches Bündnis Schwarzer, weißer und Latino-Arbeiter.

Heute sehe ich dieses Potenzial vor allem in der sich neu formierenden sozialistischen Antikriegsbewegung, wesentlich angetrieben von der im hiesigen Kontext stark kriminalisierten Palästina-solidarischen Bewegung. Antifaschismus heißt antirassistischer Klassenkampf von unten, nicht allein gegen Sozialabbau und Nazis, sondern international und antiimperialistisch.

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12 Kommentare

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  • "Die Abwesenheit bürgerlicher Freiheiten für einen großen Teil der Bevölkerung, das Regieren über Gewalt und Terror, autoritäre Strukturen auf Grundlage rassistischer Ideologien, die brutale Unterdrückung von Arbeiter:innen und genozidale Kriege – all das ist Ausdruck von Faschisierung."

    In dieser Logik sehe ich ein massives Problem, denn so hätten die meisten Menschen die, jemals existiert haben unter dem Faschismus bzw. Faschisierung gelebt. Europäisches Mittelalter? Faschistisch. Aztekenreich? Faschistisch. Osmanisches Imperium? Faschistisch. Antikes Rom? Faschistisch. Altes Athen? Faschistisch. Shaka's Zulureich? You guessed it, faschistisch. Nach diesem Prinzip ist nahezu jede zentralistisch organisierte menschliche Zivilisation, von den Sumerern an, qua Definition faschistisch. Expansionistische, diskriminierende Gewaltherrschaft war bis vor sehr, sehr kurzer Zeit die absolute Normalform menschlicher Gesellschaften.

    Der Faschismus, wie er in der Regel wissenschaftlich definiert wird, macht nur im Kontext mehr oder weniger moderner Nationalstaaten Sinn, davon losgelöst verliert der Begriff jede Schärfe.

  • Mal abgesehen von der extremen Ausweitung des Faschismusbegriffs (die ja auch der Interviewer zu bemerken scheint), wird mir bei diesem Satz ganz schwindelig:

    "Es kann nicht darum gehen, die liberale Demokratie und die bürgerlich-kapitalistische Ordnung zu verteidigen, aus der heraus der Faschismus sich entwickelt."

    Die Kritische Theorie ist noch davon ausgegangen, dass der Kapitalismus bestimmte psychische Konflikte hervorruft, die viele Individuen durch die Flucht in autoritäre Kollektive zu kompensieren versuchen. Aber dass die bestehende Gesellschaftsform insofern ambivalent ist, als sie trotzdem bestimmte schützenswerte Freiheiten hervorbringt, und man die liberale Demokratie gegen die autoritären Tendenzen verteidigen muss, stand für Theoretiker wie Adorno, Horkheimer & Co. völlig außer Frage.



    Thompson hingegen setzt Kapitalismus und liberale Demokratie kurzerhand in eins, abzuschaffen wäre also ihr zufolge beides. Wer so denkt, ist wohl kaum dazu geeignet, den Leuten Antifaschismus zu erklären.



    Dass die Gegenwartslinke völlig unfähig ist dem Aufstieg der Rechten wirksam etwas entgegenzusetzen, wundert einen nicht, wenn man sieht, was für Theorien aktuell Konjunktur haben.

    • @Taugenichts:

      Es ist doch relativ einfach: da nichts von dem, was Frau Thompson anzubieten hätte, in der Gesellschaft eine Mehrheit fände, ist eine auf Mehrheiten beruhende Gesellschaftsform logischerweise abzulehnen. Sie ist (u.a.?) Marxistin, und wer Marx für die Theorie bemüht und eine Implementierung wünscht, braucht für die Umsetzung einen Lenin - oder ist zumindest davon überzeugt,

  • Fatale und falsche Behauptungen



    "..liberale Demokratie und die bürgerlich-kapitalistische Ordnung zu verteidigen, aus der heraus der Faschismus sich entwickelt."



    1) In jedem Falle ist eine liberale Demokratie besser als jeglicher bisher praktizierte und missglückte Sozialismus. Ich wollte weder in Kuba oder Venezuela leben, noch in einem sonstigen vom "Sozialismus" verkorksten Land leben, trotz aller Nachteilen des Kapitalismus.



    2) Die liberale Demokratie als Nährboden für Faschismus zu bezeichnen schlägt dem Fass den Boden aus.

  • Ich weiß immer häufiger nicht, was ich mit solchen Aussagen, wie hier im Interview anfangen soll.



    Dass es eine Kontinuität zwischen Kolonialverbrechen und Holocaust gegeben hat, halte ich ebenfalls für eindeutig.



    Wenn es dann aber weitergeht, jegliche Polizei als faschistoide Bewegung zu bezeichnen, macht man sich doch selbst unglaubwürdig.



    Wer die liberale Demokratie ablehnt, bloß weil sie von Menschen erfunden wurde, die zufälligerweise auch Rassisten waren, ignoriert die Errungenschaften philosophischer Arbeit über die eingeschränkten Wahrnehmungsfähigkeiten der konkreten Autoren hinaus.



    Und bevor das beste aller je erfundenen Systeme zerschlagen gehört, fehlt noch immer eine konstruktive Idee, was wir denn sonst aufbauen könnten.



    Denn alle Fehler, die mir auffallen, sind nicht Systemimmanent, sondern fehlerhafte Umsetzungen einer in der Theorie guten Idee.



    Und ohne das System der liberalen Demokratie bleibt nur Willkür und Terror. Die sind durchaus auch ohne Faschismus zu haben.

    • @Herma Huhn:

      im interview wird gar nicht "jegliche Polizei als faschistoide Bewegung" bezeichnet. ich lese auch nirgendwo die forderung, die liberale demikratie müsse "zerschlagen" werden, o.ä.

      polizei wird von thompson als "autoritäre Institution par excellence, und damit selbst ein Treiber der Faschisierung" betrachtet. das ist ein unterschied. auch über diese einordnung ließe sich natürlich diskutieren. aber wenn man das tun möchte, so würde ich doch dafür plädieren, den standpunkt ernst zu nehmen, von dem aus eine solche einordnung stattfindet: es ist v.a. die erfahrungsgeschichte eines signifikanten anteils migrantisierter oder Schwarzer menschen, die hier in den mittelpunkt gerückt wird. sie erfahren den kontakt und umgang mit polizei und staatlichen strukturen systematisch anders, als weiße personen. sie erfahren also eine sogenannte liberale demokratie als wesentlich illiberaler, gewalttätiger und autoritärer, als z.B. Du es tust.

      das alles ist jedenfalls keine frage der theorie oder der guten absichten, sondern ein ausdruck konkreter sozialer macht- und ausbeutungsverhältnisse und der praxis ihrer durchsetzung.

    • @Herma Huhn:

      "Denn alle Fehler, die mir auffallen, sind nicht Systemimmanent, sondern fehlerhafte Umsetzungen einer in der Theorie guten Idee."

      Schauen Sie, genau das könnte man auch üner den Sozialismus sagen.

    • @Herma Huhn:

      Exakt! Nun hat es die AfD zum Parteitag zwar geschafft, die Polizei als Eskorte zu missbrauchen, aber die BlockierdemonstrantInnEn waren zahlreich wie selten, und alle auf zivilen Ungehorsam, nicht auf Gewalt aus. So bekam die Parteitagsinszenierung einen Vorgeschmack des Polizeistaates, den eine AfD-Herrschaft mit sich brächte, und zeigt doch: Es bleibt es zentral wichtig, Widerstand gewaltfrei zu gestalten, und vernünftige statt ideologische Argumente in den Diskurs zu werfen. Die repräsentative Demokratie ist ein gutes System, zwar mit Schwächen wie der Unflexibibilität der 5%-Hürde, aber die können ja korrigiert werden, wie die vorläufige Eindämmung des Ausgleichsmandatswahnsinnes beispielhaft zeigt. Gewaltenteilung und Minderheitenschutz sind essenziell für Demokratie.

      Vor 15 Jahren wurde viel über "Echte Demokratie" diskutiert, aber folgenlos, denn der Nachweis, repräsentative Demokratie wäre kein gültiges Demokratiemodell, der wurde nicht erbracht!

      Zitat "Was wir aktuell sehen, ist, dass die immensen Ungleichheiten in der Welt zunehmend durch Gewalt eingedämmt werden." Au weia!

      Die Gewalt schafft mehr Ungleichheit! Dagegen solidarisch sein macht Sinn, nicht Ideologie.

  • Ich würde die Hamas schon als faschistoide Gruppierung einstufen, alleine von ihrem Programm und Handeln her. Vom Interviewer würde ich mir hier kritische Rückfragen wünschen.

    • @Peter Schütt:

      Sie sprechen hier einen Widerspruch an, der sich durch das ganze Interview und den antikapitalistisch-antikolonialen Ansatz von Frau Thompsons Antifaschismus-Verständnis zieht.



      Ich formuliere es mal mit einer etwas zugespitzten Frage (von der ich nicht weiß, ob sie die Problemlage überhaupt richtig trifft): ist es möglich, sich mit der israelisch-jüdischen Arbeiterklasse zu solidarisieren, OHNE dabei die vom jüdischen Staat Israel (der er ja nach seinem eigenen Verständnis ist, siehe Nationalstaatsgesesetz) ausgehende (rechts)zionistische Gewalt gegenüber den Palästinensern gutzuheißen?



      Es ist im Grunde der selbe Widerspruch, der Palästina-solidarische Antifaschisten dazu treibt, sich ausgerechnet mit der Hamas zu solidarisieren (oder sie fälschlicherweise als eine antikoloniale Bewegung zu bezeichnen).



      Von einem konsequent emanzipatorischen, und humanistischen linken Standpunkt ausgehend halte ich es schlicht nicht für möglich, entweder für den ‚Faschismus‘ in der antisemitisch-islamistischen Ideologie der Hamas oder für die ‚faschistischen‘ Anteile im Zionismus Partei zu ergreifen.



      Solidarität kann es doch nur mit den Opfern dieser menschenverachtenden Ideologien geben.

  • Eine inteligente Analyse, aber ich bezweifle den Sinn einer allzu trockenen Klassenanalyse. Das Auftreten von Papst Leo, der nominell 1,4 Milliarden Katholiken vertritt und in seiner symbolischen Rolle in Lampedusa sowohl Empörung als auch Zustimmung hervorruft, zeigt, dass eine moralische Konfrontation weder die Herrscher der Welt noch die Ausgestoßenen unberührt lässt. Laden Sie ihn noch in diesem Sommer ein, um Fluchtlinge in die bedrohte Zentra zu begegnen und auch Dachau zu besuchen, damit er direkt zu den Menschen sprechen kann.

    • @Gied ten Berge:

      Ich find Papst Leo auch irgendwie cool und nicht bloß deshalb, weil er sich mit dem POTUS angelegt hat.



      Verschwiegen darf dabei aber nicht, dass Leo einem weltumspannenden ideologischen System namens katholische Kirche vorsteht, das (leider) immer noch für neokoloniales Unrecht steht und vielerorts mit den Herrschenden und Mächtigen im Bunde ist.



      Erst eine vollständige Abkehr (Metanoia) davon - wozu auch eine Abkehr von den von der Kirche ausgeübten Gewalt- und Machtstrukturen gehört -, wie sie schon im zweiten vatikanischen Konzil angedeutet und in der Befreiungstheologie (‚Option für die Armen’) in den Kirchen des globalen Südens praktiziert wurden, könnte da mehr Glaubwürdigkeit generieren.