Sport in Mexiko-Stadt: Ein kleines Stück Utopie
Am Rande von Mexiko-Stadt, in einem der prekärsten Stadtbezirke, gibt es die Utopía Libertad. Es ist ein Zentrum, in dem Sport für alle angeboten wird.
Der Ort heißt Utopía Libertad, Utopie Freiheit. Man muss ein ganzes Stück zurücklegen aus dem Zentrum von Mexiko-Stadt, um in diese bessere Welt zu gelangen. Erst mit der Metro, dann mit dem Bus, gut eineinhalb Stunden dauert die Fahrt. Denn die Utopie Freiheit befindet sich in Iztapalapa, einem der prekärsten und am meisten von Gewalt betroffenen Bezirke von Mexiko-Stadt, den viele Bewohner:innen des gentrifizierten Stadtzentrums eher selten aufsuchen.
Man sieht Iztapalapa die Prekarität an, trotzdem wirkt es würdevoll, auch optisch. Die Wände der Häuser sind heute mit bunten Murals dekoriert, Ergebnis eines Projekts, um Iztapalapa lebenswerter zu machen. Es ist mehr als nur ein Übertünchen von Armut.
Die Utopía Libertad befindet sich – man kann das ironisch finden – direkt angrenzend an die Mauer des lokalen Gefängnisses. „Feministischer Antikapitalismus“, verkündet dort ein Mural. Gefängnisse hat dieser Antikapitalismus offenbar nicht abschaffen wollen. Aber doch wurde einiges geschafft. Die Utopie Freiheit ist ein Park, der auf den ersten Blick gar nicht so besonders wirkt. Menschen gehen dort an diesem Samstagnachmittag mit ihren Hunden spazieren, eine Gruppe Jungs spielt Fußball auf einer Multifunktionsfläche.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Direkt daneben sind ältere Erwachsene in eine Partie Tennis vertieft und ein Plakat kündet vom nächsten Golfturnier. So weit, so alltäglich. Doch viele, die in der Utopie Freiheit etwa Tennis oder Golf spielen, würden in einem normalen Klub niemals auftauchen. Die Sportler:innen kommen aus der prekären Nachbarschaft, hatten oft mit den Sportarten der Reichen und Mächtigen nichts zu tun – bis das kostenlose Angebot kam. Die Sportgeräte kann man ebenfalls umsonst nutzen. Wie fast alles in der Utopía.
Kostenlose Gemüsegärten
Ana Melgar, die Koordinatorin der Utopie, braucht eine Weile, um aufzuzählen, was es hier alles ohne Bezahlung gibt. Einen Gemüsegarten, dessen Produkte für gesunde Küche genutzt werden, einen kleinen Hof, damit die Stadtkinder mit Tieren in Berührung kommen. Musikunterricht, Zeichnen, Basteln, Frühförderung, Tanzen und eine indigene Schwitzhütte; auch deren Besuch können sich prekär lebende Menschen sonst oft nicht leisten.
Es gibt ärztliche Versorgung, Zahnärzt:innen, Psycholog:innen, Programme zu kritischer Männlichkeit für Jungs. Dann sind da eigene Räume für Senior:innen und Reha-Angebote für Menschen mit Behinderung, der Wäschereiservice, eine eigene Tortillería mit pestizidfreiem Mais, Unterstützungsprogramme bei der Eröffnung eines Business, ein Planetarium. Und eben der riesige Sportbereich, der auch noch ein Schwimmbad, Trampoline, Beachvolleyball und Kurse im Karate, Capoeira und Tai-Chi umfasst. Alles umsonst.
„Diese Projekte sollen den verletzlichsten Menschen in Mexiko-Stadt Räume und Qualitätsangebote bieten“, sagt Ana Melgar. „Aber alle Utopien sind anders“, schiebt sie nach. „Wie sie gestaltet sind, entscheiden die Versammlungen.“ Denn nein, die Utopía Libertad ist nicht die einzige. Mexiko-Stadt ist ein Ort, von dem derzeit vielleicht eine Revolution des öffentlichen Daseins ausgeht.
Die Idee dazu stammt von Clara Brugada, aktuell Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt und davor Bezirksbürgermeisterin für Iztapalapa. Sie ließ sich bei einem Besuch in Kolumbien von kostenlosen Gesundheits- und Gemeinschaftszentren inspirieren. Die Idee der Utopías ist noch ambitionierter: Orte, die gesellschaftliches Dasein nicht mehr kapitalistisch begreifen. Wo die Prekärsten Zugang zu hochwertigen Angeboten haben. Und soziale Netze knüpfen.
Schafft Hundert Utopías!
Hier am äußersten Rand der Metropole begann Brugadas Team vor einigen Jahren mit dem Projekt. In Iztapalapa allein gibt es derzeit 15 Utopien, eine weitere soll bald öffnen; bis zum Ende von Brugadas Amtszeit als Bürgermeisterin sollen in ganz Mexiko-Stadt 100 Utopías entstehen. Wie die aussehen, werde basisdemokratisch in Versammlungen entschieden, berichtet Ana Melgar. „Und wenn jemand sagt: Ich hätte gern Bogenschießen, dann bauen wir das ein. Denn dann wird das Angebot auch genutzt.“ Vor allem gehe es darum, Sportarten einzubauen, zu denen sonst der Zugang erschwert sei. Die Nachfrage sei so hoch, „dass die Utopía sich schon klein anfühlt“.
Es klingt nach einer eindrucksvollen Idee – aber auch nach einer teuren. 100 Millionen Pesos koste die Errichtung jeder Utopie, geben Melgar und ihr Kollege, Programmleiter Eduardo Tapia, an. Rund fünf Millionen Euro, alles bezahlt aus städtischen Mitteln. Dann seien da noch die laufenden Kosten; 86 Menschen arbeiten derzeit in der Utopía Libertad.
Immer wieder bringt das Brugada den Vorwurf ein, Steuergelder zu verschwenden, für ein Megaprojekt, dessen Effekt sich kaum seriös messen lässt. „Natürlich gibt es Widerstand“, räumt Tapia ein. „Aber die meisten Leute, die über Steuerverschwendung schimpfen, waren nie in einer Utopía. Wir versuchen, ihnen nicht zu widersprechen, sondern ihnen unsere Arbeit zu zeigen.“ Und natürlich ist es auch eine klassistische Kritik – von jenen, die Menschen in Iztapalapa vielleicht gerade noch zugestehen, über die Runden zu kommen, aber nicht, sich dem Tennis oder Golfsport zu widmen.
Und das tun nun sehr viele. An einem normalen Tag werde die Utopie Freiheit von 1.200 bis 1.800 Menschen genutzt, sagt Tapia. 3.000 Menschen pro Woche besuchten das Planetarium, rund 80 Frauen die Frauenberatung, und rund 500 gesunde Essen zum günstigen Preis von rund 50 Cent würden ausgegeben. Die Abhängigkeit von staatlichen Mitteln birgt aber auch ein nicht unwahrscheinliches Risiko: dass eine rechte Regierung womöglich vieles wieder einstampft und verfallen lässt.
Vorerst blüht und gedeiht die Utopie. Die beliebtesten Aktivitäten seien Tennis, Beachvolleyball und Fußball, erzählt Ana Melgar. „Aber jedes Angebot hat seine Zeit. Jetzt am Nachmittag ist der Sozialbereich leer, denn die Mütter und die Senior:innen kommen morgens. Morgens ist dafür der Sportbereich leer.“ Seit Februar 2023 ist die Utopía Libertad offen. Man habe es geschafft, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, sagt Melgar.
Selbst auf schwierigen Feldern wie kritischer Männlichkeit. „Die Jungs kommen nicht von allein, wir müssen sie ansprechen und einbinden. Aber wenn ein Kumpel eine gute Erfahrung gemacht hat und seine Freunde zu einem Workshop einlädt, dann kommt man weiter.“ Tapia ergänzt, man versuche auch, Leute, die regelmäßig herkommen, ins Team zu integrieren und ihnen eine Jobchance zu geben. Das erklärt die vielleicht etwas überdimensioniert wirkende Zahl von 86 Mitarbeiter:innen.
Brachland vor Gefängnismauern
Bevor die Fläche sich in die Utopie Freiheit verwandelte, war sie Brachland vor den Gefängnismauern. Ein schmutziges Areal, wo Menschen achtlos Müll entsorgten und wo es in der Trockenzeit regelmäßig brannte, erzählt Eduardo Tapia. Nun ist die Gefahr gebannt – und in einen Ort verwandelt, der den Anwohner:innen einen fast geldfreien Ort der Freude und auch des Luxus bietet. Was ist Utopia, wenn nicht das?
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Tatsächlich kommen viele Menschen, die an diesem Samstagnachmittag hier Sport treiben, regelmäßig. Und es mag Ausweis eines gelungenen linken Projekts sein, dass sie nicht aus ideologischen Gründen hier sind, sondern ganz pragmatisch. „Ich mag, dass hier alles so sauber und ordentlich ist“, sagt etwa Tennisspieler Juan, dessen Gruppe das Areal dreimal pro Woche nutzt. „Ich komme her, weil es für uns der nächstgelegene Park ist“, sagt Familienvater Javier, der ein- oder zweimal pro Woche mit seinem kleinen Sohn zum Fußball- oder Basketballspielen hier ist.
Teenagerin Sofia ist vor einem Jahr aus den USA nach Mexiko zurückgekehrt. Sie sei anfangs jeden Tag hergekommen, jetzt immer noch fünf Tage die Woche. Die Utopía scheint ein wichtiger Ort der Ankunft für sie zu sein. Sofia spielt Tennis und füttert die Tiere auf der Ranch. Mit Tennis habe sie in ihrem High-School-Team in den USA angefangen. „Wir lebten dort legal, aber die Situation wurde immer schlimmer. Und wir wussten, dass wir in unserem Heimatland willkommen sein würden.“ An der Utopía Libertad gefällt ihr, dass fast alles umsonst ist. „Man kann so viele Aktivitäten machen. Viele meiner Freund:innen kommen her. Und ich habe so viele tolle Leute hier kennengelernt.“
Wer will solche Effekte in Zahlen messen? Programmleiter Eduardo Tapia sagt, die Kriminalität in Iztapalapa sei in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Ausschließlich auf die Utopías will er das aber nicht zurückführen, es habe noch andere Projekte gegeben. „Wir versuchen, Menschen auch soziale Rehabilitation zu bieten. Diese Orte sollen das gesellschaftliche Netz stärken.“ Und im Golf, Tennis und vor allem im Schwimmen gebe es jetzt einige Besucher:innen, die mittlerweile auf gutem Niveau an Wettkämpfen teilnähmen. Der Park bietet etwas sehr Seltenes: gleichen Zugang zu Sport, Kultur und ärztlicher Versorgung. Er schafft nicht den Kapitalismus ab. Aber er nivelliert Folgen.
Und im besseren Fall entsteht eine tatsächliche Utopie des Sporttreibens. Während der Olympischen Spiele, erzählt Tapia, habe man hier die Utopiolympiaden abgehalten. „Alle Utopías nahmen in verschiedenen Disziplinen teil. Der beliebteste Sport war Schwimmen. Dann gab es Karate, Bogenschießen und so weiter. Und am Ende eine Medaillenzeremonie. Das sportliche Niveau ist mittlerweile so, dass wir auch außerhalb konkurrenzfähig sind.“ Die Utopie Freiheit mag weit weg vom Stadtzentrum liegen. Aber manchmal wandert Revolution ja auch von den Vororten ins Zentrum.
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