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„Mich interessiert bei Bildern das, was verborgen bleibt“

In Spielfilm „Dry Leaf“ des Regisseurs Alexandre Koberidzes spielen verlassene Bolzplätze eine große Rolle. Er spricht über alte Mobiltelefone als Kameras und Georgiens Politik

Interview Thomas Abeltshauser

Alexandre Koberidze zählt zu den eigenwilligsten Stimmen des europäischen Kinos. Spätestens seit seinem internationalen Durchbruch mit „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ verbindet der 1984 in Tbilissi geborene Regisseur, der an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin studierte und bis heute zwischen beiden Städten pendelt, magischen Realismus mit genauer Beobachtung des Alltags und einer großen Liebe zu Zufällen, Tieren und Fußball. Sein neuer Film „Dry Leaf“ führt diesen Weg konsequent fort. Ein Vater reist durch Georgien auf der Suche nach seiner verschwundenen Tochter und folgt den Spuren einer Reportage über verlassene Fußballplätze. Gedreht auf einem ausrangierten Mobiltelefon, verwandeln sich Landschaften in flirrende Farbflächen, Menschen verschwinden buchstäblich aus dem Bild und die Reise wird zu einer Erkundung eines Landes im politischen und gesellschaftlichen Wandel. Im Gespräch erzählt Koberidze von der Schönheit der Unschärfe, vom Vertrauen in den Zufall und davon, warum Kunst für ihn keine Antworten liefern muss.

taz: Herr Koberidze, Ihr Film „Dry Leaf“ handelt weniger vom Verschwinden als vom Suchen, von der Reise selbst. Wie entstand diese Idee?

Alexandre Koberidze: Meine vorherigen Filme waren sehr stark mit Städten verbunden. Ich wollte schon lange durch Georgien fahren, Orte sehen, die ich noch nicht kannte, und andere wieder besuchen. In den vergangenen Jahren beschäftigt uns hier angesichts der politischen Situation immer stärker die Frage, was dieses Land eigentlich ist, was unsere Identität ist. Eine Suche schien mir dafür geeigneter als ein klares Ziel.

taz: Wie entstand die Route?

Koberidze: Ich wollte gemeinsam mit dem Film suchen. Ich hatte vorher recherchiert oder Menschen gefragt, wo es interessante Fußballplätze geben könnte. Alles andere blieb offen. Genau wie die Figuren kamen wir irgendwo an und fragten: Gibt es hier einen Bolzplatz? Abends wussten wir oft noch gar nicht, wohin wir am nächsten Morgen fahren würden. Das war manchmal beunruhigend. Gleichzeitig lernt man Vertrauen. Dinge werden passieren. Und wenn einmal nichts Besonderes geschieht, ist es eben meine Aufgabe als Filmemacher, gerade darin etwas Interessantes zu entdecken.

taz: In „Dry Leaf“ existieren unsichtbare Menschen ganz selbstverständlich. Warum erklären Sie dieses fantastische Element nie?

Koberidze: Mich interessiert, Dinge, die nicht zu unserer Wirklichkeit gehören, in die Welt eines Films einzuführen, ohne sie besonders hervorzuheben. Etwas Unvorstellbares vorstellbar machen. Was diese Figuren letztlich bedeuten, weiß ich selbst nicht genau. Natürlich denke ich darüber nach. Aber ich bin mindestens genauso gespannt darauf, welche Bedeutung das Publikum darin entdeckt.

taz: Ist das für Sie Teil des Filmemachens – den Film irgendwann loszulassen?

Koberidze: Ich hatte viel weniger Antworten als Fragen. Meine Erfahrungen müssen gar nicht dieselben sein wie die des Publikums. Neulich hörte ich einen Wissenschaftler sagen, Leben sei der Versuch des Universums, sich selbst zu verstehen. Dieser Gedanke hat mir sehr gefallen. Ich glaube, Kunst funktioniert ähnlich. Alles, was wir tun, ist ein Versuch zu verstehen – und nicht zu behaupten.

taz: Fußballplätze strukturieren den ganzen Film. Was erzählen diese Orte über Georgien?

Koberidze: Viele Plätze, die es noch vor zehn Jahren gab, existieren heute nicht mehr. Manche Dörfer sind fast leer geworden, viele Familien in die Städte gezogen. Während des Drehs habe ich diese Plätze einfach so gefilmt, wie wir sie vorgefunden haben. Dabei sind sie nicht unbedingt verlassen. Wenn man genau hinsieht, erkennt man oft, dass dort noch gebolzt wird. Bei anderen ist alles überwuchert. Solche Orte spiegeln, was sich in Georgien verändert.

taz: Sie sprechen über Fußball oft so, als würden Sie zugleich über das Filmemachen sprechen.

Koberidze: Vor allem im Profifußball fasziniert mich dieses Verhältnis von Kontrolle und Freiheit. Es gibt Mannschaften, die alles kontrollieren wollen und jeden Zufall ausschließen. Und es gibt Mannschaften voller genialer Spieler, die fast ohne Struktur spielen. Meistens scheitern beide Extreme. Spannend wird es dazwischen. Man braucht eine sehr präzise Vorbereitung, und gleichzeitig muss innerhalb dieser Ordnung etwas entstehen können, das niemand geplant hat. Ich glaube, beim Filmemachen ist das ähnlich.

taz: Inwiefern?

Koberidze: Beim Drehen arbeitet man ebenfalls unter sehr strengen Bedingungen. Vor allem die Zeit ist knapp. Man plant unglaublich präzise und weiß gleichzeitig, dass der Plan niemals vollständig aufgehen wird. Bei „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ begann zum Beispiel plötzlich ein Gewitter. Alles, was wir monatelang vorbereitet hatten, war innerhalb weniger Minuten unmöglich geworden. Gerade daraus sind später einige meiner Lieblingsszenen entstanden.

taz: Sie haben mit einem alten Sony-Ericsson-Handy gedreht. Warum?

Koberidze: Meinen ersten Film habe ich ebenfalls mit diesem Telefon gedreht. Mich interessiert bei Bildern das, was verborgen bleibt. Dieses Telefon nimmt einem einen Teil dieser Arbeit ab. Es zeigt weniger, und gerade dadurch entsteht Raum für Fantasie. Außerdem wollte ich unbedingt wieder selbst hinter der Kamera stehen. Die praktischen Vorteile – dass das Telefon klein ist, den ganzen Tag hält und kaum Equipment braucht – kamen erst danach.

taz: Ihr Vater spielt die Hauptrolle, Ihr Bruder hat die Musik geschrieben. Was verändert diese Nähe?

Alexandre Koberidze wurde 1984 in Tbilissi geboren. Er studierte Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB). Sein Abschlussfilm „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ lief 2021 im Wettbewerb der Berlinale und erhielt dort den Fipresci-Preis.

Koberidze: Es war eigentlich die einzige Möglichkeit. Wir haben über Monate gedreht. Es gab sehr viel Warten, viel Unsicherheit und viele Momente, in denen ich selbst nicht wusste, wie es weitergeht. Mit Menschen zu arbeiten, die einem so nahestehen, bedeutet, dass man sich solche Freiräume erlauben kann. Unser Leben überschneidet sich ohnehin ständig. Deshalb wusste ich immer: Wenn ich Zeit brauche, um nachzudenken oder unsicher zu sein, dann ist das völlig in Ordnung. Dieses Vertrauen war für diesen Film sehr wichtig.

taz: Sie leben seit vielen Jahren in Berlin und Georgien. Was hat Ihnen Berlin gegeben?

Koberidze: Vor allem Distanz. Ich glaube, man versteht einen Ort oft erst, wenn man ihn verlässt. Für mich war das mit Georgien so. Heute passiert mir etwas Ähnliches mit Berlin. Wenn ich in Tbilissi bin, denke ich oft an Berlin. Und wenn ich dort bin, denke ich an Georgien. Die Deutsche Film- und Fernsehakademie war dabei unglaublich wichtig. Dort habe ich nicht nur gelernt, Filme zu machen. Dort habe ich überhaupt erst entschieden, Regisseur zu werden. Mindestens genauso wichtig waren die Gespräche über Filme, das gemeinsame Schauen, die Kinemathek und das Arsenal.

taz: Das georgische Kino erlebt eine Blütezeit, zugleich befindet sich die Filmszene seit einigen Jahren in einer schwierigen Situation.

Koberidze: Politisch hat sich sehr viel verändert. Das Georgische Filmzentrum, unsere wichtigste Förderinstitution, wurde praktisch vom Kulturministerium übernommen. Daraus entstand ein jahrelanger Konflikt. Paradoxerweise hat uns das als Filmschaffende enger zusammengebracht. Viele kannten sich vorher nur flüchtig. Heute sind wir eine wirkliche Gemeinschaft, unterstützen uns gegenseitig. Es geht allerdings längst um mehr als um Filmförderung. Freunde und Kollegen sitzen im Gefängnis. Kulturinstitutionen geraten zunehmend unter staatliche Kontrolle. Förderung gibt es praktisch nur noch für regierungsnahe Projekte. Im Moment geht es vor allem darum, überhaupt weiterarbeiten zu können.

„Dry Leaf“. Regie: Alexandre Koberidze. Mit David Koberidze, Otar Nijaradze u. a. Deutschland/Georgien 2025, 186 Min.

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