„Hormonfleisch“-Importe aus Brasilien: Von wegen Premium-Steak
In Brasilien werden Rinder mit einem Hormon behandelt, das in der EU wegen Krebsgefahr verboten ist. Dennoch gelangte „Hormonfleisch“ nach Europa.
Foto: Raimundo Pacco/reuters
Brasilianisches Rindfleisch wird gern als „Premium“-Ware verkauft – im Steakhaus etwa oder im Internet. Es wurde auch schon zu teurem italienischen Schinken verarbeitet. 2025 aber sind mehrere Dutzend Tonnen aus dem südamerikanischen Land in die Europäische Union gekommen, die gar nicht „premium“ waren. Im Gegenteil: Das Fleisch stammte von Rindern, die mit dem Hormon Östradiol behandelt worden waren. Und das, obwohl solche Behandlungen in der EU schon seit 2009 vollständig verboten sind, weil Östradiol Krebs verursachen kann. Und obwohl EU-Inspektoren bereits 2024 festgestellt hatten, dass Brasilien keine Lieferungen ohne „Hormonfleisch“ garantieren kann.
Im Oktober 2025 entdeckten EU-Inspektoren dann tatsächlich Fleischlieferungen von mit Östradiol behandelten Rindern. Die stellten kein „unmittelbares“ Gesundheitsrisiko dar, sagt eine Sprecherin der EU-Kommission auf taz-Anfrage. Es handele sich um „relativ kleine Mengen“. Doch weitere solche Lieferungen lassen sich nicht ausschließen, und die Kommission hat selbst festgestellt, dass das Krebsrisiko durch das Hormon anhand der verfügbaren Daten nicht zuverlässig zu beziffern ist. Man kann also auch keine sichere Dosis festlegen. Es lägen umfangreiche wissenschaftliche Hinweise vor, „dass Östradiol-17β als vollständiges Karzinogen einzustufen ist“, so die Behörde. Die Substanz kann demnach sowohl Krebs auslösen als auch das Wachstum bestehender Tumoren fördern.
In Brasilien dürfen Landwirte Östradiol einsetzen. Sie machen ihre Kühe damit brünstig und das zeitgleich, um sie zum gewünschten Zeitpunkt künstlich besamen zu können. Der Einsatz zur Wachstumsförderung ist auch in Brasilien verboten. Für die Bauern in der EU sind die laxeren Regeln der Brasilianer ein Wettbewerbsnachteil, weil sie ohne das Hormon tendenziell höhere Kosten haben.
Und dieses Problem könnte sich noch vergrößern. Denn am 1. Mai ist das Handelsabkommen der EU mit Brasilien und drei weiteren Staaten der südamerikanischen Mercosur-Gruppe vorläufig in Kraft getreten. Durch den Vertrag entfallen vor allem Zölle auf Industriegüter, aber auch einige Fleischkontingente kann Brasilien jetzt günstiger nach Europa verkaufen. Schon vor dem Abkommen hatte die EU 2025 brasilianisches Rindfleisch mit einem Schlachtgewicht von rund 92.000 Tonnen importiert. Was sagen die Fachleute der EU zu dem ganzen Vorgang?
Die Vorkehrungen seien „unwirksam“, sagten Inspekteure
Claire Bury steht in einem Konferenzsaal in der Brüsseler Zentrale der Europäischen Kommission, einem kreuzförmigen Bürogebäude mit scheinbar endlosen Gängen. Die Britin ist Vizechefin der Generaldirektion Gesundheit und zuständig für den Lebensmittelbereich. „In der EU haben wir wahrscheinlich die höchsten Sicherheitsstandards der Welt“, sagt die Topbeamtin. Burys Botschaft ist der Generaldirektion so wichtig, dass sie auf EU-Kosten Journalisten aus ganz Europa nach Brüssel geholt hat. „Jegliche Lebensmittel, die hereinkommen, müssen diese Standards erfüllen“, sagt die Juristin.
Als Beleg führt Bury ausgerechnet das Fleisch von den Hormonrindern aus Brasilien an. Die 15 Lieferungen „wurden sofort abgefangen, sobald uns die Informationen vorlagen“. Aufgedeckt hätten den Fall EU-Inspektoren. Ob die EU-Kontrollen aber wirklich so ideal verlaufen, daran könnte der Vorgang Zweifel wecken.
Der erste Alarm im Schnellwarnsystem für Lebensmittel und Futtermittel, in dem sich Kommission und die Behörden der EU-Länder austauschen, tauchte Mitte November 2025 auf. Das Mindesthaltbarkeitsdatum von 5 Tonnen des Fleisches war aber schon Ende Oktober abgelaufen, deshalb sei davon auszugehen, dass die Ware zum Zeitpunkt des Hinweises „größtenteils bereits verzehrt worden war“, schrieb die niederländische Regierung.
Für Deutschland teilte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) mit: „Ein Verzehr von möglicherweise betroffenen Produkten kann grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden.“
Schon im Juni 2024 hatte die EU-Kommission bemerkt, dass das Hormon in brasilianischen Rindfleischlieferungen enthalten sein könnte. Denn nach einer Inspektion in Brasilien zogen zwei EU-Experten ein vernichtendes Fazit. Die Vorkehrungen des Landes gegen Fleisch von mit Östradiol behandelten Rindern in Lieferungen für die EU seien „unwirksam“. Die Farmen müssten noch nicht einmal dokumentieren, welche Medikamente ihre Tiere erhalten. Kontrollen dazu auf den Betrieben gebe es nicht.
Nur 15 Lieferungen wurden zurückgezogen
Der Bericht der Inspektoren stellte infrage, ob Brasilien weiter Rindfleisch in die EU exportieren dürfen sollte. Dennoch verhängte Brüssel keinen Importstopp. Die Kommission verließ sich auf Versprechen des brasilianischen Agrarministeriums, dass es die Ausfuhr von Fleisch weiblicher Rinder selbst unterbinden werde – zumindest bis ein privates Kontrollsystem eingeführt sei, das solche Exporte verhindere. Das sollte laut den Brasilianern zwölf Monate dauern, schrieb die Kommission im September 2024.
Die Brasilianer hielten ihre Zusicherung aber nicht ein, wie EU-Inspektoren nach einem weiteren Besuch in dem Land im Oktober 2025 feststellten. Beamte des Ministeriums hätten schon in einer vorbereitenden Videokonferenz eingeräumt, dass es das private Kontrollsystem bereits Anfang April 2025 für einsatzbereit erklärt und damit Fleischexporte weiblicher Rinder in die EU wieder erlaubt habe. Also viel früher als angekündigt. „Diese Entscheidung […] war der Europäischen Kommission nicht mitgeteilt worden.“ Brasilien erlaubte also sechs Monate lang fragwürdige Exporte, ohne dass die EU davon wusste. In dieser Zeit stellte das Agrarministerium in Brasília laut Prüfbericht 290 Veterinärzertifikate für Rindfleischlieferungen aus, wonach die Ware den Hormonregeln entsprach.
Zurückgerufen hat die EU allerdings nur 15 Lieferungen. Zudem besuchten die EU-Inspektoren während ihrer Brasilienreise nach eigenen Angaben lediglich 5 von rund 1.200 Rinderfarmen, die für den Export nach Europa zugelassen sind. Es scheint weitgehend Zufall zu sein, dass sie die Farm entdeckten, die für die später zurückgerufenen „Hormonfleisch“-Lieferungen verantwortlich war.
Die Inspektoren dokumentierten, dass 174 mit Östradiol behandelte Rinder „aufgrund eines Verwaltungsfehlers auf der Farm“ für den Export in die EU zugelassen worden seien. Obwohl das brasilianische Ministerium das entdeckt habe, seien die europäischen Importeure nicht informiert worden.
Die Mängel hätten Vertrauen gekostet
Allein 6 der 15 Sendungen wogen laut der niederländischen Regierung insgesamt etwa 113 Tonnen. Rund 5 Tonnen gingen dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zufolge nach Deutschland. Da normalerweise Fleisch von männlichen und weiblichen Rindern gemischt wird, war wahrscheinlich nicht alles mit dem Hormon belastet. „Die Menge an Rindfleisch, das Östradiol enthielt und aus Brasilien in die EU eingeführt wurde, belief sich auf etwa 40 Tonnen“, sagte ein Kommissionsmitarbeiter der taz.
Wie viele Tonnen auch immer belastet waren: Die EU-Inspektoren urteilten nach ihrer Brasilienreise, die von ihnen entdeckten Mängel würden das Vertrauen untergraben, dass das Land seine Zusicherungen einhält. Doch selbst dann reagierte die EU-Kommission nicht mit einem Importverbot. Sie forderte Brasilien nach eigenen Angaben nur dazu auf, der erwischten Farm und ihrer Zertifizierungsstelle den Fleischexport von weiblichen Rindern in die EU zu verbieten. Das sicherte das Agrarministerium in Brasília in einem Schreiben zu, das der taz vorliegt.
Erst ab kommenden September – also fast zwei Jahre nach den ersten Hinweisen auf Missstände – will die EU nun doch neben Rindfleischimporten auch alle anderen tierischen Lebensmittel aus Brasilien verbieten. Aber nicht wegen des „Hormonfleisches“, sondern weil Brasilien laut Vizegeneraldirektorin Claire Bury nicht nachgewiesen hat, dass es eine andere EU-Regel einhält. Ab 3. September gilt nämlich auch für Importe, dass Antibiotika „in der Nutztierhaltung weder zur Förderung des Wachstums noch zur Steigerung der Leistung eingesetzt werden“ dürfen, so die Kommission. Außerdem dürften Tiere nicht mit Antibiotika behandelt werden, die ausschließlich zur Behandlung von Menschen vorgesehen sind. Diese Regeln sollen verhindern, dass beim Menschen Resistenzen gegen diese Antibiotika entstehen.
Ob dieses Exportverbot Bestand haben wird, ist unklar. „Brasilien kann immer noch, jederzeit, die notwendigen Garantien vorlegen, dass es die rechtlichen Anforderungen der EU erfüllt“, sagt die Kommissionssprecherin.
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Mercosur-Vertrag habe auch Vorteile
War es ein Fehler, den Rindfleischimport aus Brasilien nicht schon 2024 zu untersagen? Auf diese Frage antwortet die Sprecherin, dass die Europäer im Fall von Regelverstößen in einem Nicht-EU-Land dieses um Abhilfe bitten oder es in „schwerwiegenden Fällen“ mit einem Importverbot belegen würden. Und mehr „physische“ Überprüfungen, also nicht nur der Zolldokumente, von Fleischimporten aus Brasilien an den EU-Grenzen habe die Kommission bereits vorher verfügt.
Brasiliens Agrarministerium und die Vertretung des Landes bei der EU ließen eine Bitte der taz um Stellungnahme unbeantwortet.
Lobbygruppen wie der Bayerische Bauernverband klagten, dass das Importverbot viel zu spät komme. Die Deutsche Umwelthilfe sieht wegen des Falls „gravierende Defizite bei Kontrollen im Fleischmarkt in Deutschland und Europa“. Beide Organisationen haben das EU-Mercosur-Abkommen scharf kritisiert. War der Vertrag also ein Fehler?
„Die Handelsabkommen haben auch Vorteile für die Landwirte“, sagt Kommissionsbeamtin Bury. Die Verträge würden ebenfalls den EU-Bauern Exporte erleichtern. Um die Lebensmittelsicherheit noch besser zu garantieren, will die Kommission 2026 und 2027 mehr Inspektionen ansetzen. 50 Prozent mehr in Nicht-EU-Ländern und 33 Prozent mehr bei Grenzkontrollstellen innerhalb der EU.
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