Comedian Moritz Neumeier im Gespräch: „Es wird immer merkwürdiger in Deutschland“
Moritz Neumeier ist Comedian und politisch engagiert. Im Gespräch erklärt er den Hype um Impro-Comedy – und wann man nach Gags Polizeischutz braucht.
Den Umgang mit der Presse ist Moritz Neumeier eigentlich gewohnt – so auch beim Interviewtermin im Berliner Säälchen zur neuen Staffel seines Comedy-Formats „falsch, aber anders lustig“. Dass die taz zum Gesprächstermin komme, habe ihn aber „nervös“ gemacht, wie er in seinem Podcast zugibt, denn: „Als ich angefangen hab, Zeitung zu lesen, war das meine Zeitung.“
taz: Herr Neumeier, die neue Staffel ihrer Comedy-Show „falsch, aber anders lustig“ beruht zu einem erheblichen Teil auf Improvisation. Kommt es mir nur so vor oder ist Impro im Comedy-Genre gerade schwer angesagt?
Moritz Neumeier: Früher war klar, Comedy ist ein abgesteckter Rahmen, alle bringen den Text mit, den gehst du dann durch. Du bist eher Schauspieler*in. Der nächste Schritt war Stand-up nach amerikanischem Vorbild, also ein bisschen freier und ein bisschen lockerer. Jetzt gibt es so viele Open Mics, dass viele das Gefühl haben: Wir müssen noch mal irgendwas anderes liefern. Impro-Sachen sind aufregender, besonders wenn du sonst dreimal am Abend fünf Tage die Woche auf der Bühne stehst. Plötzlich merkst du: Krass, ich habe keine Ahnung, was passiert, das könnte alles den Bach runtergehen! Es gab schon mal eine Generation von Comedians im deutschen Fernsehen, die das gemacht hat – bei „Schillerstraße“ beispielsweise oder „Frei Schnauze“. Jetzt fängt das langsam wieder an.
1988 geboren, ist Comedian und Podcaster. Seit 2017 betreibt er zusammen mit Till Reiners den Podcast „Talk ohne Gast“ bei Radio Fritz im RBB. Darüber hinaus engagiert er sich in der Seenotrettung und Geflüchtetenhilfe. Die dritte Staffel „falsch, aber anders lustig“ ist in der ARD Mediathek zu sehen.
taz: „Schillerstraße“ und „Frei Schnauze“ waren Produktionen des Privatfernsehens. Es ist interessant, dass Impro jetzt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk funktioniert. Ich dachte immer, da müsste jede Pointe über fünf Schreibtische wandern, bevor gesendet wird.
Neumeier: Das war früher auch so.
taz: Und jetzt geht das in Ordnung?
Neumeier: Ich glaube, bei uns ist das was anderes, weil wir das Fritz-Format bei Youtube gestartet haben. Dann wurde das größer, jetzt sind wir in der ARD Mediathek. Von unserer Seite aus hieß es dann: Wir können das gerne machen, aber dann muss die Improvisation mitgetragen werden. Alle Beteiligten wissen ja aber auch, dass wir zur Not schneiden können.
taz: Einige Folgen von „falsch, aber anders lustig“ werden ganz schön politisch. Haben Sie das so beabsichtigt?
Neumeier: Es liegt an den Protagonist*innen: Wenn ich eine Frage in Richtung Friedrich Merz stelle, dann weiß ich, was die daraus machen. In erster Linie ist es aber eine Comedy-Sendung. Es geht vor allem darum, neue Talente zu zeigen. Ich weiß, dass es eine Menge Comedians gibt, die keinen Bock haben, politisch zu sein. Gleichzeitig, glaube ich, wird der politische Anteil gerade von selbst größer. Der Druck von rechts wird größer, es wird immer merkwürdiger in Deutschland. Und bei Menschen, die hier in der Öffentlichkeit stehen, gibt es gerade so ein Gefühl: Jetzt muss ich mich aber auch irgendwie positionieren.
taz: An welchem Punkt haben Sie dann gedacht: Jetzt brauchen wir noch Kai Pflaume in der Sendung?
Neumeier: Es war seine Idee. Ich habe Kai Pflaume ein paar Mal getroffen, war einmal bei „Wer weiß denn sowas?“, da kam er an und meinte: Ich finde deine Sendung richtig cool, irgendwann komm’ ich auch mal vorbei. Das hat er noch ein paar Mal gesagt, und irgendwann hatte ich das abgestempelt und dachte, er wird immer einen Termin vorschieben. Aber dann schrieb er mir und fragte: Wann dreht ihr das nächste Mal? Ich dachte, wir finden eine kleine Cameo-Rolle für ihn. Aber er wollte gerne richtig mitmachen.
taz: Er ist doch gar nicht der klassische Comedian.
Neumeier: Er macht Familien-Entertainment. Und es gab vorher keine Staffel, in der wir uns nicht über Kai Pflaume lustig gemacht haben. Es hätte schon heikel werden können für ihn. Aber er ist wirklich selbstironisch.
taz: Das hätte mit Dieter Nuhr so vielleicht nicht funktioniert.
Neumeier: Die Frage stellt sich nicht.
taz: In einer Folge wird der Comedian Khalid Bounouar auf einer fiktiven Pressekonferenz zum Thema „Social-Media-Verbot für Rentner*innen“ gefragt, was er für Strafen vorsieht. Er antwortet: „Abschiebung“. Für einen ähnlich gelagerten Witz haben Sie mal einen schlimmen Shitstorm abbekommen, erhielten sogar Morddrohungen.
Neumeier: Ja, das ist passiert.
taz: Waren Sie nicht ab und zu mal unsicher, ob man einen Gag so machen kann?
Neumeier: Es gibt einige Sachen, die rausgeflogen sind, aber das meiste blieb drin. Wenn es im Graubereich war, habe ich die Protagonist*innen gefragt – denn wenn es einen Shitstorm gibt, wird das deren Shitstorm, nicht meiner. Und es gab Fälle, wo allen klar war: Das finde ich lustig, das finden vielleicht auch die Leute im Saal lustig, aber wenn du das aufs Internet loslässt, dann hast du nur Stress – das nehmen wir raus.
taz: Muss man als Comedian heutzutage damit rechnen, dass man wegen eines Gags mit dem Tod bedroht wird?
Neumeier: Du musst schon immer damit rechnen, dass, wenn etwas im Internet läuft, Leute den Kontext entweder nicht kennen oder er sie einen Scheiß interessiert. Es gibt auch einfach Menschen, die haben Bock, sich aufzuregen, zum Beispiel bei Nius. Und denen ist es egal, ob du das lustig meinst oder nicht.
taz: Sie sind auch nach dem Shitstorm politisch geblieben. Bekommen Sie nach wie vor so heftige Reaktionen auf Ihre Arbeit?
Neumeier: Ich habe das eher umgangen, sodass ich das nicht mehr mitbekomme. Ich habe kein Instagram, ich bin nicht bei Youtube, ich bin nicht bei Facebook, bei Tiktok sowieso nicht. Die Leute kennen meine Mailadresse nicht. Alles, was an Anrufen oder Beschwerdemails kommt, geht an die Agentur. Das geht dann weiter an eine Personenschutzstelle, die sich darum kümmert. Einmal im Monat bekomme ich eine Zusammenfassung: Wir haben alles im Griff, mach mal dein Ding, wir kümmern uns um den Rest. Deswegen kann ich das so machen. Früher, als ich noch alles selbst gelesen und meine Kommentarspalte moderiert hab, gab es Momente, wo ich dachte: Warum mache ich das, ich bin damit ja mehr beschäftigt als mit meinem eigentlichen Job? Wäre das so geblieben, hätte ich irgendwann aufgehört, weil die psychische Belastung zu groß geworden wäre.
taz: Vergangenes Jahr haben Sie einen Podcast veröffentlicht, in dem Sie das Wahlprogramm der AfD durchgehen. Da merkt man, wie ernst es Ihnen ist. Was ist Ihrer Meinung nach ein geeignetes Mittel gegen den Rechtsruck – Aufklärung oder Humor?
Neumeier: Ob Humor da so gut funktioniert, kann ich gar nicht so genau sagen. Ich glaube, allein gegen den Rechtsdruck zu arbeiten, ist auch zu groß. Das ist so ein Riesenwald, dass du denkst: Ich weiß gar nicht, welchen Baum ich hier fällen soll. Der Podcast erreicht ja auch keine Leute, die schon AfD wählen. Die hören sich meinen Kram gar nicht an. Aber ich habe damit anderen Werkzeuge in die Hand gegeben. Die sind damit wiederum zu ihrer Familie gegangen und haben mir danach geschrieben: Jetzt hat meine Mutter zum ersten Mal verstanden, was die AfD da eigentlich wirklich schreibt. Das hilft ein paar Leuten, aber nicht gegen den großen Rechtsruck.
taz: Sie haben seit 2017 einen wöchentlichen Podcast, „Talk ohne Gast“ mit Till Reiners. Der beruht im Wesentlichen, wie so viele Podcasts, auf Alltagsbeobachtungen. Auch Ihre Comedy hat viel mit dem Alltag zu tun. Erlebt man als Vollzeit-Comedian überhaupt noch genug alltägliche Sachen, über die man auch was erzählen kann – und die nicht nur ICE-Fahrten und Hotelübernachtungen sind?
Neumeier: Im Moment bin ich zu 70 Prozent Hausmann und Vater und nur zu 30 Prozent Comedian. Das heißt, ich erlebe viel mehr, als ich erzählen könnte. Ich glaube, zum Problem wird das, wenn du nonstop nur auftrittst. Und man merkt das bei Leuten, die so richtig groß sind – Leute wie Ricky Gervais, Dave Chappelle, all diese ganzen Megastars. Da gibt es einen bestimmten Punkt, an dem merkt man: Deine Alltagsgeschichten sind keine Alltagsgeschichten, die irgendjemand von uns teilt, das sind Anekdoten aus einem Kosmos, der mit unserem Leben nichts zu tun hat. Aber da bin ich zum Glück nicht.
taz: Oder sie reden über: Wisst ihr noch, früher, damals …
Neumeier: Ja, oder: Guck mal, was ich alles nicht sagen darf. Ein kleines Problem wurde es, als ich entschieden habe, nicht mehr über meine Kinder zu reden. Das habe ich früher gemacht, auch, weil das ein Umgang für mich damit war. Dann habe ich gemerkt, dass die Leute nicht immer merken, wann ich eine Rolle einnehme. Also habe ich damit aufgehört.
taz: Sie haben auch ein Kinderbuch geschrieben.
Neumeier: Ich habe zwei Einschlaf-Pappen geschrieben für 3- bis 4-Jährige. Jetzt habe ich noch ein sehr langes Kindergedicht geschrieben, über eine Mücke, die ein Abenteuer erlebt. Das erscheint am 10. Juli.
taz: War’s schwierig?
Neumeier: Sofort danach habe ich vermessen gedacht, ich mache noch eins. Jetzt merke ich: Das war richtig anstrengend, so ein Gedicht zu schreiben, das ist ja die Hölle – vor allem für Kinder.
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