Krise in Russland: Jetzt sollen es die Frauen richten
Die Millionenverluste an der Front sollen nun weibliche Arbeitskräfte in Fabriken ausgleichen. Dabei wächst nun auch in Russland die Kriegsmüdigkeit.
Seit der völkerrechtswidrigen Vollinvasion in der Ukraine hat die russische Armee nach unterschiedlichen Schätzungen 1,2 bis 1,4 Millionen Soldaten verloren. Die meisten sind schwer verletzt worden, 370.000 gefallen, wie Nachlassverfahren in russischen Regionen ergeben.
Die Verluste in dem Krieg, der seit Februar 2022 nun schon länger dauert als der Erste Weltkrieg, und die katastrophale demografische Entwicklung Russlands hat nach Berechnungen der renommierten Moskauer Höheren Schule für Wirtschaft (HSE) den Arbeitskräftemangel auf 2,6 Millionen Menschen anschnellen lassen. Laut Prognose des Arbeitsministeriums werden Russland bis 2030 3,1 Millionen Arbeitskräfte fehlen.
Olga Batalina, Stellvertretende Arbeits- und Sozialministerin
Nun sollen es die Frauen richten: Die Liste der für Frauen verbotenen Berufe wurde gerade um mehr als drei Viertel gekürzt, wie die Erste Stellvertretende Arbeits- und Sozialministerin Olga Batalina mitteilte. „Immer mehr Berufe, die früher als Männerberufe galten, werden nun auch für Frauen zugänglich“, sagte sie laut der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti. Kürzlich habe die erste Frau als Lokführerin für Güterzüge ihre Arbeit aufgenommen.
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
Liste „unweiblicher Berufe“ wird drastisch verkürzt
Die Liste angeblich „unweiblicher“ Berufe solle laut Batalina bis 2027 weiter verkürzt werden. Aktuell stünden auf dieser Liste noch etwa 100 Berufe, während es vor 2021 noch 456 gewesen seien. Die Liste umfasst Berufe, die schwere körperliche Arbeit oder gesundheitsschädliche und gefährliche Bedingungen mit sich brachten, die sich negativ auf ihre Gesundheit und die Gebärfähigkeit auswirken könnten.
Ausgerechnet auf dem Forum „Der Norden vereint: Die Rolle der Frauen bei der Stärkung der Einheit der Völker Russlands“ erklärte Batalina, dass „Frauen nun auch an automatisierten Anlagen im Bergbau arbeiten dürfen.“ Das sei besonders für die nördlichen Gebiete wichtig, betonte sie.
Traditionelle Geschlechterrollen versus Arbeitskräftemangel
Das Arbeitsverbot für Frauen betraf vor allem Untertagearbeit in Kohle-, Erz- und Salzminen, Tätigkeiten mit besonders giftigen Chemikalien und Schwermetallen, Arbeiten in Kokereien und Metallurgie, Schweiß- und Gießereiarbeiten unter hoher Belastung, Arbeiten mit Explosivstoffen. Arbeiten wie das Befreien von Schiffen aus dem Eis im Winter wurden indes neu in die Verbotsliste aufgenommen. Eine endgültige Liste liegt laut der Staatsagentur Tass noch nicht vor; der Katalog werde aber gerade überprüft.
Interessant ist der Widerspruch, dass der Kreml traditionelle Geschlechterrollen offiziell hochhält und die Verbote mit dem Schutz der Mutterschaft begründet. Andererseits zwingt der Arbeitskräftemangel die Regierung dazu, Frauen für immer mehr technische und industrielle Berufe zuzulassen. Viele Arbeitsmarktexperten sehen darin den eigentlichen Motor der „Reform“.
Kriegsdienst, Massenemigration und Tod an der Front
Der Demograf Igor Efremow nennt als Gründe für den Kursschwenk die Mobilisierung und Anwerbung für den Krieg (etwa 1,7 Millionen Menschen allein zwischen 2022 und 2025), Massenemigration (nach Schätzungen zwischen 600.000 und über 1 Million Menschen) sowie den Rückgang der Arbeitsmigration um etwa 1 Million Menschen nach Verschärfung der Migrationsregeln.
Während inzwischen auch in Russland die Kriegsmüdigkeit wächst, versucht die Politik, die hohen Verluste und deren Folgen für Arbeitsmarkt und Gesellschaft einzudämmen: Der Putin-Getreue und Vorstandschef der mehrheitlich staatlichen Sberbank German Gref sagte laut der privaten Moskauer Wirtschaftsagentur RBK am Montag auf der Hauptversammlung des größten russischen Geldhauses: „Ich glaube nicht, dass es im Land einen Menschen gibt, der andere Sorgen hat als die möglichst schnelle Beendigung der Militäroperationen, das ist offensichtlich.“ Nach der Veröffentlichung des Posts mit dem Zitat des Sberbank-Chefs löschte die Redaktion die Nachricht, veröffentlichte sie jedoch eineinhalb Stunden später erneut.
Russlands demografische Katastrophe
Die Präsidentin des Oberhauses, Walentina Matwijenko, rief indes dazu auf, staatlichen Unternehmen nur noch dann zinsvergünstigte Kredite zu geben, wenn die Beschäftigten dort mehr Kinder bekämen. Nur so sei Russlands demografische Katastrophe zu bekämpfen. Im Übrigen sollten sich ihre Landsleute wegen des aktuell grassierenden Benzinmangels „nicht so haben“. Die Moskauer Kinderbeauftragte Olga Jaroslawskaja schlug vor, Kindern ab 12 Jahren zu erlauben, zu jobben.
In der überfallenen Ukraine arbeiten seit vielen Jahren auch Frauen im Bergbau.
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